Vom Beißen: Abgrenzung als Linker Pawlow

In der Jungle World zitierte Buko-Altrecke Werner Rätz den Karl Marx des kommunistischen Manifestes um der Antwort auf die Frage näherzukommen, was die radikale Linke eigentich auf Protestevents wie dem G8-Gipfel zu suchen habe. Ich fand das Zitat und den ausformulierten Kontext zwar ein wenig problematisch, würde da auch nicht allzu blau-äugig rangehen wollen, aber die politische Schlussfolgerung würde ich durchaus teilen wollen:

Ich erzähle das nicht, um mich auf die »Klas­siker« als unanfechtbare Autorität zu berufen, sondern weil es nur wenige Stellen gibt, in denen derart präzise die Aufgabe beschrieben wird, um die es tatsächlich geht: Linke Intervention in gesellschaftliche Prozesse bedeutet nämlich nicht, diejenigen näher an dich heranzuziehen, die dir ohnehin am nächsten stehen. Stattdessen zielt jede linke Intervention – neben der Sammlung linker Strömungen – darauf, das gesamte gesellschaftliche Spektrum nach links zu rücken, sozusagen die Mitte zu verschieben. ( … )
Nicht die Revolution kann das Ziel einma­liger Protestaktionen sein. So wie der G 8-Gipfel selbst Inszenierung und Spektakel ist, sind es auch die Gegenaktionen. Es geht dabei nicht um konkrete politische Forderungen, nicht um Sieg und Niederlage, es geht um die symbolische Deutung der Wirklichkeit, um die Frage, ob das neoliberale Schema der Interpretation der Welt glaubwürdig bleibt oder neue Risse erhält.

Das scheint mir doch eine ganz wesentliche Erkenntnis emanzipatorischer Protest-Intervention zu sein, die nur allzuhäufig in den Hintergrund gerät. Sobald nicht gesichert ist, das linksradikale Analysen bzw. Aktionsformen Hegemonial sind, ist gleich die ganze Veranstaltung böse und gehört boykottiert. Das verkennt allerdings den Charakter sozialer Bewegungen im Allgemeinen bzw. sozialer Proteste im Besonderen. Die sind nämlich niemals eindimensional, sondern stets eien Art Melting-Pot, in dem Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft und politischer „Laufbahn“ zusammenkommen und miteinander interagieren. Die Frage ist also weniger die nach dem „richtigen“ Bewusstsein dieser Menschen, sondern die nach einem Weg, sie aus den Ideologien, denen sie in Teilen noch verfangen sein mögen, herauszureflektieren.

Und dass das inmerhalb sozialer Proteste passieren kann, liegt daran, das die Protestierenden in einem bestimmten Maße aufeiander angewiesen sind, nicht ohne einander auskommen. Linksradikale Interventionen allerdings machen es den Kritisierten in aller Regel ziemlich leicht, sich nicht mit der Kritik auseinandersetzen zu müssen. Linke Kritik verläuft nur allzuhäufig über eine Abgrenzung. Nicht nur von Staat und Kapital, sondern auch von Teilen der Protestbewegung. Die KritikerInnen definieren sich selber als ein „außen“ und treten als solches an die (reformistische) Restlinke heran. Und der fällt es vergleichsweise Leicht, der Intervention von Außen kein besonderes Gehör schenken zu müssen. Wer das Kollektiv attackiert muss sich nicht wundern, wenn es sich wie ein Kollektiv verhält und das, was nie als Gesprächsangebot gedacht war, auch nicht als Grund zum Nachdenken annimmt.

Ein schönes Beispiel dafür ist ein Flugblatt des Göttinger [a:ka], das dieses auf einer Attac-Konferenz vor einigen Jahren in Göttingen verteilt hat. Das Flugi begann mit dem Satz: „Die Organisation ‚attac‘ muss seit den Protesten in Genua als die dominante Struktur der sogenannten globalisierungskritischen Bewegung in Europa bezeichnet werden.“ Solche Sätze kann ich vielleicht in der Zeitung schreiben wenn ich für Leute schreibe, die mit Attac nichts zu tun haben. Aber wenn ich auf einem Kongress dieser Organisation ein Flugblatt verteile, dann doch wohl mit dem Ziel, das die Leute es (1) lesen und (2) mal drüber nachdenken. Dazu braucht es dann aber ein Mindestmaß an Solidarität und Anerkennung. Die dann im ersten Satz ebenso wie im restlichen Flugblatt leider fehlt. Entsprechend endet dann das Flugblatt auch: „Als neue deutsche Sozialdemokratie ist attac in ganz Europa treffend bezeichnet, ihr emanzipatorisches Potential entspricht dem der SPD und ihr politisches Projekt gehört von jedem noch zu kritischem Denken fähigen Wesen bekämnpft.“

Warum, so frage ich mich, verteilt das [a:ka] keine Flugblätter vor dem SPD-Parteitag in der Göttinger Stadthalle? Das sind schließlich auch Sozialdemokraten und gehören genauso bekämpft. Oder vielleicht vor der Eingangshalle der nächsten NPD-Versammlung, vielleicht denken die KameradInnen ja noch mal drüber nach. Warum wird überhaupt auf Veranstaltungen von bekämpfenswerten Reaktionären ein Flugblatt verteilt? Warum – kurz gesagt – richtet sie die Ansprache an genau die Leute, mit denen mensch doch angeblich nichts zu tun haben will?

Ich glaube, die Antwort kann recht schlicht ausfallen: weil es doch einen Unterschied gibt zwischen der SPD auf der einen und Attac auf der anderen Seite. Weil da Menschen mit einem partiell ähnlichen Interesse Politik machen. Und weil es deshalb die Hoffnung gibt, sie mögen doch erkennen, das sie dies gemeinsame Interesse (sagen wir: die Emanzipation des Menschen, so abstrakt das auch sein mag) innerhalb dieser Struktur nicht erreichen können. Was ja durchaus richtig ist.

Davor schreckt die KritikerIn aber zurück. Weil an „denen“ nicht alles Richtig ist, müsste ja auch an mir was falsch sein, wenn ich mich mit „denen“ einlasse. „Uns“ geht es schließlich „Ums Ganze“, womit wir auch schon beim Thema wären – der linksradikalen Intervention zum Thema Opernball nämlich. Die erklärt sich wie folgt:

Dennoch rufen – ebenfalls wie in den letzten Jahren – linke Gruppen und Studierendeninitia­tiven zu
Protesten auf. Dieses Mal soll im Rah­men der Mobilisierung gegen den G8-Gipfel und unter dem Motto „Her mit dem schönen Leben!“ ein Gegenpunkt gegen die Selbstinszenierung der gesellschaftlichen Eliten
gesetzt werden. Forder­ungen des linken Bündnisses werden voraussi­chtlich die Erhöhung der Hartz
IV-Bezüge, die Abschaffung von Studiengebühren und gleiche Rechte für alle sein.

Wir werden unseren Teil zu diesem Event wie auch zum G8-Gipfel in Heiligendamm beitragen, können jedoch solch konstruktivem Rebellentum wenig abgewinnen. Anstatt also nur an der Insze­nierung des Protests von Demokraten und ande-ren zivilcouragierten StaatsbürgerInnen gegen die Politik und das Verhalten der Eliten teilzunehmen rufen wir die radikale Linke zum antikapitalist­ischen Block auf; einem Block dem es selbstver­ständlich und maßloserweise ums Ganze geht.

Gegen die unzufriedenen Bürger vor und die zufriedenen Bürger in der Oper setzen wir am 24. Februar zusammen mit dem „…ums Ganze!-Bünd­nis“ darauf, Marketing für das so unrealistisch wie notwendige Vorhaben zu machen, die kapi­talistische Gesellschaft endlich zu überwinden. Gegen die Sinnstiftung für Rechtsstaat und Na­tion, Demokratie und Kapital setzen wir auf Aus­drucksformen die nicht vereinnahmbar sind und denen die FreundInnen des schlechten Bestehen­den nichts Positives abgewinnen können.

Fassen wir zusammen: es gibt ein linkes Bündnis mit reformistischen, daher bürgerlichen, Forderungen. Denen kann mensch nichts abgewinnen und ruft deshalb zur Teilnahme auf – diesmal aber an einem „antikapitalistischen“ Block auf, um dem „konstruktivem Rebellentum“ etwas entgegenzusetzen – ganz so, als sei dies das eigentliche Problem. Dazu sollen ganz bestimmte Formen gewählt werden, nämlich „Aus­drucksformen die nicht vereinnahmbar sind und denen die FreundInnen des schlechten Bestehen­den nichts Positives abgewinnen können“ Zu diesen FreundInnen des schlechten Bestehenden gehören nun aber – so die Analyse – auch die Reste der Demo. Diejenigen, die nicht mitdemonstrieren ohnehin. Wer also bleibt als Zielgruppe für dies „Marketing“?

Richtig, die ist ziemlich klein. Das dafür der ganze Aufwand lohnen soll, kann ich kaum glauben. Aber wir haben ja alle so unsere Hobbies, um vor der Realität zu fliehen. Die einen schreiben seitenlange Blog-Einträge mit hunderten von Rechtschreibfehlern, die anderen organisieren Feel-It-Like-Meinhof-Demos. Sicher hilft es um sich besser zu fühlen, dem Hass auf das „Falsche Ganze“ mal freien Lauf lassen zu können. „Die Wut muss raus, das ist doch nur legitim!“ schallt es aus allen Ecken. Es mag ja sein, das es so mehr Spaß macht und auch besser zum Selbstbild als aktive, schaffende Jugendbewegung passt. Aber ob der patriarchale Gestus einer durchschnittlichen Antifa-Demo tatsächlich dazu beiträgt, Werbung für eine emanzipapiertere Welt zu machen, möchte ich doch mal dahingestellt sein lassen. Da ist es fast schon wieder zu hoffen, dass der Rest der Welt dies Intermezzo ignorieren möge…

Dieser Text ist bis zu einem gewissen Grad übrigens auch überflüssig. Wer das „Ums-Ganze“-Bündnis so anspricht – öffentlich im Netz, mit miesen Pöbeleien und fiesen Sticheleien, als unsolidarische KritikerInnen von außen – braucht gar nicht erst auf Reflexionsbereitschaft zu hoffen. Ungefähr so, liebe Bündnismitglieder, fühlt sich das auch für die „anderen“ an, und ungefähr genau deshalb wird es die berechtigte Kritik an Kapitalismus und Co nicht besonders voranbringen. Bewusstsein ändert sich nicht über reine Denkabstraktionen, Bewusstsein ändert sich in der konkreten sozialen Praxis, im Umgang und in der Auseinandersetzung nicht nur mit den Widersprüchen der bürgerlichen Gesellschaft, sondern auch mit ihren KritikerInnen. Darum halte ich die gewählte Interventionsform – bei aller Sympathie für die Inhalte und die Beteiligten – für nicht besonders glücklich gewählt. Sie mögen es mir verzeihen…


13 Antworten auf “Vom Beißen: Abgrenzung als Linker Pawlow”


  1. 1 dorfi 13. Februar 2007 um 12:04 Uhr

    Hippie!
    Mal im ernst: Ich denke auch, dass man die Sachen ein bisschen „netter“ schreiben könnte um die Chance auf einen größere „Resonanzboden“ (siehe top-text in der jungle world) nicht zu verspielen. Trotzdem ist es wichtig genau die Unterschiede heraus zu arbeiten sonst steht man irgendwann genau so wie die A.L.B. oder A.L.I. da. Denen glaube ich zwar noch, dass sie den Anspruch haben eine grundlegende gesamtgesellschaftliche Veränderung erreichen zu wollen, vor lauter freundlichem Intervenieren und der panischen Angst jemanden mit der eigenen Position auf den Schlips zu treten unterscheiden sich ihre Positionen eigentlich (fast) nur noch durch ihre Form, schon länger aber nicht mehr durch den Inhalt von Attac und co (siehe Block G8!, Aktivitäten gegen die Naziaufmärsche,etc.)Außnahme stellt evtl. das „Klassenbuch“ der A.L.I. dar, dass ist aber ne andere Diskussion.

  2. 2 emanzipationoderbarbarei 13. Februar 2007 um 12:22 Uhr

    joa, hippie triffts schon – auch wenn’s kein argument is *g*

    wobei ich weniger ein problem mit radikalen positionen denn mit altbacken linksradikalen aktionsformen habe….

    das klassenbuch der ali finde ich übrigens ganz furchtbar, weil das nun theoretisch echt mies gemacht is… die kennen ja nicht mal den unterschied zwischen wert und tauschwert….

  3. 3 dorfi 13. Februar 2007 um 13:18 Uhr

    „joa, hippie triffts schon – auch wenn’s kein argument is *g*“

    Es besteht aber noch Hoffnung. Diesen Link habe ich gerade bei emanzipationoderbarberei unter der Rubrik „coole Politblogs“ gefunden: http://www.riotporn.blogspot.com/

  4. 4 emanzipationoderbarbarei 15. Februar 2007 um 11:17 Uhr

    Kennste „Full Metal Jacket“?

    „Marine, was haben Sie da für ein Abzeichen an Ihrer Kugelweste?“
    „Ein Friedenssymbol, Sir!“
    „Wo haben Sie das her?“
    „Ich weiß nicht mehr, Sir!“
    „Und was haben Sie da oben auf Ihren Helm geschrieben?“
    „‚Born to Kill‘, Sir!“
    „Sie schreiben ‚Born to Kill‘ auf Ihren Helm und tragen ein Friedensabzeichen!? Was soll das bedeuten? Halten Sie das etwa für witzig?“
    „Nein, Sir!“
    „Also, was soll es dann bedeuten?“
    „Ich weiß nicht, Sir!“
    „Sie wissen nicht gerade viel, oder?“
    „Nein, Sir!“
    „Nehmen Sie mal schleunigst den Kopf aus dem Arsch, sonst werd ich Ihnen ganz gewaltig vor den Koffer scheißen!“
    „Jawohl, Sir!“
    „Sie antworten auf meine Frage, oder es gibt ein Militär-Gerichtsverfahren!“
    „Ich glaube, ich wollte damit etwas über die Dualität des Menschen sagen, Sir!“
    „Die was?“
    „Die Dualität des Menschen. Das Ding von Jung, Sir!“

  5. 5 emanzipationoderbarbarei 15. Februar 2007 um 11:25 Uhr

    Touché.

    Wobei sich die Debatte letztlich auch anhand der Seite führen ließe. Denn die Krawall-Bilder (die ich natürlich nur verlinkt habe, damit mich alle Leute aus Antifa-Zusammenhängen ohne sich die Texte anzuschaun verlinken – es klappt! *g*) transportieren ja tatsächlich keiner Inhalt, sondern sind auf reine Militanz beschränkt. Egal ob da Cops, Hooligans, Autonome oder GewerkschafterInnen losprügeln – für ein Foto ist es immer gut. Und ungefähr derart entpolitisiert ist wohl auch die Wahrnahme des Black Block im Allgemeinen…

    Muss ich den Link jetzt rausnehmen? ,-)

  6. 6 ullili 15. Februar 2007 um 18:29 Uhr

    mir scheint, die kommentare gehen teilweise aneinander und auch am text vorbei. ich habe den text so verstanden, dass vornehmlich nicht der inhalt und die forderungen des bündnisses, sondern 1. das öffentliche auftreten des bündnisses, 2. die vermittlung der inhalte und 3. die innerlinke abgrenzung/ die frage des umgangs mit kritik und den kritikerInnen des bündnisses kritisiert werden.

    da du kritik- und kommunikationsfähigkeit als etwas so positives hervorhebst (und bei dem bündnis zu vermisst), wundert es mich doch ein wenig, dass du auf den ersten, sachlichen kommentar von „dorfi“ nicht weiter eingehst. die filmzitate sind zwar witzig, zugegeben, aber nur durch sie zu „sprechen“, erscheint mir gerade in diesem fall unangebracht.

    nach dieser längeren vorrede nun aber etwas zu dem von dir kreierten begriff „feel-it-like-meinhof“-demo:
    1. halte ich ulrike meinhof nicht für den schlechtesten bezugspunkt, den sich die radikale linke heute auswählen kann – im gegenteil.
    2. vor allem ist es jedoch absurd, der heutigen radikalen linken den vorwurf der „nachinszenierung“ von längst vergangenen kämpfen (und damit auch den vorwurf der „antiquiertheit“) zu machen (denn so verstehe ich diesen, von dir kreierten begriff.) heute ist es genau wie damals sinnvoll, geradezu nötig und verpflichtend, für seine anliegen (abschaffung des kapitalismus etc.) auf die straße zu gehen, zu kämpfen. wie sangen „tod und mordschlag“ so schön: „wir werden nicht friedlich sein, denn die verhältnisse sind es nicht.“

  7. 7 emanzipationoderbarbarei 16. Februar 2007 um 12:29 Uhr

    @ulili

    zu deinen zwei punkten, ich fang mal hinten an:

    2. die frage, ob es grund zum kämpfen bzw. zum widerstand gibt, ist ja das eine. das andere ist aber die frage danach, wie dieser soziale kampf so geführt werden kann, dass am ende auch ein emanzipatorischer mehrwert bei rausspringt. und genau darum kreiste ja meine kritik…

    1. ich kenne mich nun bei ulrike meinhof nicht besonders gut aus. ich weiß nicht wie ihr weltbild war, welchen theoretischen standpunkt sie vertreten hat oder wie sie sich politisch legitimiert hat. aber ich weiß, das sie sätze geschrieben hat wie diese:

    „In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt. Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis.“

    In dem Text (Dresden) zitiert sich sogar den Holocaustleugner David Irving – und zwar zustimmend. Was ja erstmal (denken wir an die Demos in Dresden noch vor einigen Tagen) eher eine schwierige position ist. den kompletten text gibts hier

    In dem Text „Die Freunde Israels“ schreibt sie dann über den für Israel erfolgreichen 6-Tage-Krieg das Folgende:

    „Erfolg und Härte des israelischen Vormarsches lösten einen Blutrausch aus, Blitzkriegtheorien schossen ins Kraut, BILD gewann in Sinai endlich, nach 25 Jahren, doch noch die Schlacht von Stalingrad. […] [D]er Einmarsch in Jerusalem wurde als Vorwegnahme einer Parade durchs Brandenburger Tor begrüßt. Hätte man die Juden, statt sie zu vergasen, mit an den Ural genommen, der zweite Weltkrieg wäre anders ausgegangen, die Fehler der Vergangenheit wurden als solche erkannt, der Antisemitismus bereut, die Läuterung fand statt, der neue deutsche Faschismus hat aus dem alten gelernt, nicht gegen – mit den Juden führt der Antikommunismus zum Sieg.“

    Das der böse kriegstreiberische Kapitalist mit Hilfe des Juden den Kommunismus besiegt ist ja nun ebenfalls eher ein schwieriges Theorem. Und das die Juden grade nicht mit „an den Ural genommen“ werden konnten, wiel sie von den Deutschen als Gegenrasse imaginiert wurden, fällt ebenfalls unter den Tisch.

    Nun mag es aus einem anti-imperialistischen Impuls entstanden, der Feindschaft zur Bild geschuldet sein und sollte vielleicht auch im konkreten historischen Kontext gelesen werden, okay. Und sicherlich wird es auch relativiert durch Aussagen wie „Es gibt für die europäische Linke keinen Grund, ihre Solidarität mit den Verfolgten aufzugeben, sie reicht in die Gegenwart und schließt den Staat Israel ein“. (Wobei noch mal zu Fragen wäre, wie genau sich die beiden Zitate zueinander verhalten. Aber das würde hier wohl zu weit führen….) Aber trotz allem ist das Spielen mit derartigen Zusammenhängen heutzutage doch berechtigter Weise der einen oder anderen Kritik ausgesetzt.

    Schwierig finde ich es auch, wenn ich mir ankucke, wie sie theoretisch ihre Praxis begründet. Im Anschluss an die Befreiung von Andreas Baader, in deren Folge jemand angeschossen und schwer verletzt wurde, kommentierte sie die Vorfälle wie folgt:

    „Wir sagen natürlich, die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, kein Mensch. Und so haben wir uns mit ihnen auseinander zu setzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann geschossen werden.“

    Das finde ich vor dem Hintergrund, das wir es immer auch mit „Charaktermasken“ (Marx) zu tun haben, schon eine schwierige Aussage. Das Menschen sicherlich nicht immer unschuldig sind, Handlungsspielräume haben und ihr Tun reflektieren können, ist sicherlich richtig. Aber dafür müsste mensch ja grade mit ihnen reden. Die Dämonisierung des absolut Bösen das im Zweifelsfall auch exekutiert werden darf finde ich doch zumindest noch mal diskussionswürdig…

    Warum also grade Ulrike Meinhof ein so Toller Bezugspunkt sein soll, ist mir nicht wirklich klar. Aber du kannst es mir sicherlich erklären. ,-)

  8. 8 emanzipationoderbarbarei 16. Februar 2007 um 12:44 Uhr

    @dorfi

    nochmal zu deinem ersten einwand:

    ich finde es läuft alles auf den punkt hinaus, der auch gestern auf der mobilisierungsveranstaltung in göttingen diskutiert wurde: wird die forderung etwa nach bedingungslosem grundeinkommen (dem ja übrigens auch im klassenbuch das wort geredet wird) oder gleichen rechten als politisches entziel oder als strategische forderung gestellt? ich würde meinen, das sie etwa von vielen leuten aus dem buko-spektrum tatsächlich nur als strategische forderung gestellt wird. eben mit dem ziel, über die sich daran entzündenden proteste eine politisierung der beteiligten zu erreichen, durch die dann später mehr möglich wird.

    diese frage, also die frage nach subjektbildung innerhalb soziale proteste, klammert umsganze m.e. komplett aus, obwohl das doch ein gerade für die radikale linke ziemlich relevanter punkt ist…

  9. 9 egal 25. März 2007 um 16:43 Uhr

    Ist zwar kein guter Stil auf Blogdiskussionen einzugehen, die über einen Monat alt sind aber trotzdem: Du bist doch ein Fan der Wertkritik. *g*
    Daher interessiert dich sicherlich ein link zu einer bereits etwas älteren Kritik am Grundeinkommen und dem angeblich strategischen Charakter von ernst Lohoff:
    http://www.krisis.org/krisis-buecher_feierabend.html

  10. 10 emanzipationoderbarbarei 25. März 2007 um 17:44 Uhr

    och, ich hab nix gegen Diskussionen in alten Beiträgen. Aber du solltest vielleicht noch etwas deutlicher machen wie genau du das meinst. Was genau meinst du müsste ich (im Angesicht der hier geführten Diskussion) anders sehen?

  11. 11 egal 26. März 2007 um 12:54 Uhr

    Ich meine die Tatsache, dass durch so etwas wie die Forderung nach Grundeinkommen, falsche Hoffnungen auf einen nichtkapitalistischen Kapitalismus (Kapitalismus ohne Arbeitszwang, aber mit Geld, Ware und Wert usw.) weckt. Denn die ganzen Diskussionen über das Grundeinkommen drehen sich ja nur um die Verteilung, nicht aber um die Produktion. Wenn man den Kapitalismus– kritisch marxistisch verstande– überwinden will, dann sollte man das auch so sagen und nicht scheinrealistische (in der Logik des Kapitalismus verbleibende) Forderungen aufstellen, so sympathisch diese auch immer anmuten. (Hey wer würde nicht gerne 1000€ im Monat oder mehr für lau kriegen?)

  12. 12 emanzipationoderbarbarei 26. März 2007 um 13:11 Uhr

    @egal

    dazu gibts hier ne auseinandersetzung von mir:
    http://emanzipationoderbarbarei.blogsport.de/2007/03/26/die-matrix-brackelt/

    ansonsten finde ich es tatsächlich falsch, den grundeinkommens-befürworterInnen dezidiert zu unterstellen, ihr ziel wäre ein kapitalismus ohne arbeit. ihr ziel ist. m.E. eher eine ablösung von arbeit und zugriff auf reichtum. und das eröffnet ein feld für ne debatte.

    einen dezidiert positiven bezug auf den kapitalismus würde ich so pauschal in der debatte zumindest nicht sehen. in den meisten fällen gibt’s sicher eine indifferenz, was aber wohl etwas anderes ist. in anderen fällen gibt’s ne zustimmung, aber daran kann mensch sich ja abarbeiten…

  13. 13 egal 26. März 2007 um 16:55 Uhr

    Ich höre hier einfach mal auf un poste in dem neuesten Beitrag zum Grundeinkommen.

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