Was ist Heimatfront? – Andi Döring gibt alles

[Zu diesem Bericht gab es einst Fotos. Die sind jetzt weg, denn sie waren nicht von mir und Goest.de hat mich augefordert, das „geklaute Bild“ zu entfernen, falls ich keine „Lizenzgebühren“ zahlen möchte. Komische Sache das, schließlich ist das Bild von der Goest-Seite nie verschwunden. Mehr dazu hier]

Die derzeitige Spielzeit des Jungen Theater läuft unter dem Motto „Heimatfront“ – was das [a:ka] schon vor nicht allzu langer Zeit dazu veranlasst hatte, ein Pamphlet sowie einen offenen Brief an den Intendanten zu schreiben. Das [a:ka] zeigte sich in diesen Stellungnahmen ungewohnt versöhnlich und differenziert, kritisierte gekonnt, aber solidarisch und rundete alles mit einer Podiumsdiskussion ab, die gestern im Apex stattfand.

Auf dem Podium saß neben einem Referenten des [a:ka] auch Andreas Döring, der Indendant des besagten Theaters. In dem Input-Referat ging es hauptsächlich um den der Nazi-Propaganda entrissenen Titel der Spielzeit sowie das begleitende Vorwort von Döring, in dem zu lesen stand:

Für unseren Spielplan 2006/2007 haben wir nach brachliegenden Stoffen in unserer Heimat gesucht. Familie, Religion, Beruf, Freunde – kurz – unsere Heimat verliert an Raum, Wert und Bedeutung.

Konkurrenz und Gewinn als Handlungsmaxime treiben stattdessen die Gesellschaft in Egoismus, Vereinsamung, Verantwortungslosigkeit und Angst. Doch zugegeben, diese Erkenntnis ist selbst zur Fassade, ist müde geworden. Dürrenmatt lehnte die Darstellung einer überschaubaren Welt, die zu bewältigen ist, konsequent ab.

Der vermeintliche Überblick lässt keine Handlungsspielräume erkennen. Die Wirklichkeit in und um uns gehört unter die Lupe unserer Kunst. In dieser Wirklichkeit hat das Heldische keine Bedeutung. Sein Glanzbild blendet nur, entmündigt. Entscheidend ist, dass es Menschen gibt, die sich existentiellen Konflikten auszusetzen wagen. Statt Welt-Bewältigung forderte Dürrenmatt, die Wirklichkeit zu bestehen. Da klingt Standhaftigkeit an.

Deutschland wurde zum Sanierungsfall erklärt. Gut so! Denn es gilt Wirkliches zu wagen – mit zu wirken. Dafür sind wir eigentlich bestens gerüstet, denn unser Potential an Wissen, Werten und Kultur ist gewaltig. Deshalb verhandeln unsere Produktionen unter dem Motto „Heimatfront“ die Notwendigkeit eines kreativen Schulterschlusses unserer Gesellschaft in Zeiten schwindender Handlungs- und Gestaltungsräume. Die Zeit der vereinzelten Burgverteidigungen ist vorbei. Nur gemeinsam kann unser Lebensraum vor den Angriffen eines propagandistisch geführten Feldzuges der so genannten Globalisierung bewahrt werden. Auf elf Grund-Stücken wollen wir einer „Heimatfront“ Raum für freies Handeln schaffen. Wir wollen ein waches Theater sein; ein Theater, das inhaltliche Diskussion und emotionales Erleben mit Neugier in Verbindung bringt, um befreit von Ideologien der Gemeinsamkeit und Klarsicht wegen zu polarisieren und zu unterhalten.

Die Wirklichkeit erkennen. In diesem Punkt haben Politik und Theater ihren gemeinsamen kulturellen Ursprung. Doch gemeinsam die Gemeinsamkeit im Unterschied zu erkennen, schafft nur das Theater über alle Grenzen hinweg. Mitzuerleben, was andere erleben, ist tröstend, aufregend, ermutigend, schafft befreiende Distanz und Humor und kann Fassaden durchleuchten und Blockaden abbauen. Diese Heimat möchten wir Ihnen bieten.

Die Kritik des [a:ka] lief darauf hinaus, das Döring hier klassische Moment einer romantischen und reaktionären Kapitalismuskritik referiert und die zu allem Überfluss auch noch mit nazistischen Stichwörten wie dem der Heimatfront oder dem des Lebensraumes und allerlei anrufen an die Gemeinschaft, die doch „die Gemeinsamkeit im Unterschied“ erkennen solle. Hier würden, so der Schluss, ungewollte neonazistische Ressintements gestärkt. Wohlgemerkt ungewollt, aufgrund mangelnder Reflexion. Was dann auch die Ursache für die positiven Stellungnahmen etwa auf den Leserbrief-Seiten der NPD-Göttingen wäre:

„bislang dachte ich immer, dass das Junge Theater in Göttingen ein linkes Projekt sei. Doch seit einiger Zeit werben sie für sich unter dem Motto „Heimatfront“. Mir scheint, sie haben die Zeichen der Zeit auch erkannt, auch wenn sie bestimmt noch viel Nachholbedarf haben und sich bestimmt immer noch links und gegen Nazis verorten. Aber auf ihrer Weltnetzseite ist unter dem Motto Heimatfront ein Text zu finden, der am Beispiel des Kulturbetriebes kurz erläutert, warum wir uns gegen die Globalisierung wehren müssen: Und sie beschwören die deutschen Werte, die deutsche Kultur und fordern einen „kreativen Schulterschluss unserer Gesellschaft“. Auch wenn der Text sich natürlich noch an linke Theatergänger richten soll, kann er nicht verhehlen, dass Erkenntnisse, die die NPD schon vor 10 Jahren öffentlich vertreten hat, nun auch beim Jungen Theater in Göttingen angekommen sind. Man wünscht sich mehr, aber immerhin ist das ein Schritt in die richtige Richtung, oder was meint ihr ?“

Intendant Andreas Döring sah das allerdings alles anders: Man habe das mit der „Heimatfront“ dialektisch gemeint und versucht, mit dem Begriff zu spielen. Da schon die gehobene akademische Intelligenz kaum mit der Dialektik klarkommt wundert es kaum, das niemand so genau begriffen hat, was da wie dialektisch aufeinander bezogen wird bzw. was da Spielerisch verdreht wurde. Überhaupt aber sei das Vorwort völlig überbewertet, das wirklich wichtige seien doch die Stücke die gespiel würden – und nicht die Worte des Indendanten am Anfang eines Programmheftes. Das diese Worte in der öffentlichen Wahrnehmung ein gemeinsames Band für die Spielzeit bilden (und ja auch als solche formuliert sind) schien ihm nicht in den Kopf zu gehen.

Dörings Auftritt war zu einem nicht unwesentlichen Teil schlicht peinlich: die Argumentation des [a:ka], aus den beiden bisherigen Publikationen leidlich bekannt, schien ihm nicht im Ansatz geläufig zu sein, sein Vortrag war eine assoziative Ansammlung von halbgaren Gedankenfetzen, die für keine noch so schräge, aber wenigstens konsistente Position reichen würden. Mit jedem Satz redete Döring sich tiefer in sein Unglück hinein, obwohl er langezeit nur mit Samthandschuhen angefasst wurde. Irgendwann platzte es dann aber aus den Anwesenden heraus, was das Diskussionsklima und das bekannte altlinke rumgemackere ergänzte. Warum – so dachte sichzumindest eine der Anwesenden – brechen die das nicht einfach ab?

Neben allerlei Phrasendrescherei konnte Andreas Döring dann aber auch noch zwei besondere Schmankerl anbieten: erst das [a:ka] mit seinem Pamphlet habe die Nazis dazu gebracht, sich positiv auf das Heimatfront-Motto zu beziehen. Ganz so, als würde denen von alleine das nicht einfallen. Und überhaupt sei der Text des Pamphletes ja „faschistisch“. Der Grund: am Ende wird den SchauspielerInnen nahegelegt doch lieber die Arbeit niederzulegen und den Laden so lange zu bestreiken, bis die Sache mit dem Spielzeit-Motto weg ist. Das wäre eine Einschränkung seiner (Dörings) Meinungsfreiheit und damit eben anti-demokratisch und faschistisch. Auch hier war er dann aber nicht in der Lage genauer zu erläutern, was denn daran faschistisch sein sollte, Menschen Argumente zu präsentieren und sie aufzufordern, nach eingängiger Prüfung daraus konsequenzen zu ziehen. Stattdessen berief er sich auf Arbeitsrecht und Arbeitsverträge, die die SchauspielerInnen ja zur Arbeit verpflichten würden und wegen denen so ein Streik ja ganz unmöglich wäre. Fast, als würde da der Präsident des ArbeitgeberInnenverbandes aus ihm sprechen…

Das [a:ka] schrieb einst über das Junge Theater, „sein Intendant redet daher wie Karl Moik auf Depressionen“. Gestern wäre ich froh gewesen, wenn wenigstens Karl Moik dagewesen wäre.


8 Antworten auf “Was ist Heimatfront? – Andi Döring gibt alles”


  1. 1 Rakete 15. Februar 2007 um 12:43 Uhr

    du hättest jetzt ja ruhig mal ein bisschen über die stücke sprechen können und dich nicht nur an semantischen kleinigkeiten abarbeiten sollen.

    :-)

  2. 2 phex 15. Februar 2007 um 14:05 Uhr

    danke für den guten Bericht!

  3. 3 ullili 15. Februar 2007 um 18:05 Uhr

    danke für den guten bericht.

    schade jedoch, dass du döring nicht mit seinem ausspruch „heimatfront ist so etwas wie ein bündnis gegen rechts“ zitiert hast… denn das war für mich absolut der knaller des abends!!! an dieser aussage kann man wunderbar sehen bzw. demonstrieren, wie unreflektiert döring mit begrifflichkeiten umgeht – und wie sehr sein weltbild verdreht ist.

  4. 4 streifenstyle 15. Februar 2007 um 23:50 Uhr

    @ ullili: ob döring ein „verdrehtes weltbild“ hat, wage ich zu bezweifeln. er ist wohl eher ein sozialdemokrat, der es aufrichtig gut meint mit dem kampf gegen nazis. Und in seinen ressentiments gegen „die globalisierung“, seinem implizit antiamerikanischen lob auf die deutsche kultur etc gleicht er damit den tausenden zivilgesellschaftlern, die im letzten jahr als „göttingen gegen rechts“ auf die straße gingen.
    Abgesehen von der verwendung des nazibegriffes „heimatfront“ beschreibt er damit schon ganz richtig, wenn auch affirmativ, eine regressive gemeinschaftsbildung, die eben auch die offensive, ernstgemeinte abgrenzung zu nazis beeinhalten kann.

  5. 5 emanzipationoderbarbarei 16. Februar 2007 um 11:47 Uhr

    @streifenstyle

    naja, er hat schon nicht wirklich konsistent argumentiert, ist viel gesprungen und hat bei vielen dingen einfach die politischen koordinaten nicht klar gehabt. vielleicht ist er ein verwirrter gutmeinender sozialdemokrat, aber ein bissel seltsam war das ja schon wie er da argumentiert hat…

  6. 6 streifenstyle 16. Februar 2007 um 12:29 Uhr

    klar, das war schon wirr. keine frage. mir ging es in meinen ausführungen darum, dass eine „heimatfront gegen rechts“ eben nicht so absurd ist und auf ein „verdrehtes weltbild“ (was auch immer das sein mag, in punkto ideologiekritik gibt son begrifff nicht viel her) schließen lässt.
    noch was anekdotisches: mein highlight war, dass döring als erstes stichwort zu anne frank „menschenrechtsverletzung“ einfiel.

  7. 7 egal 16. Februar 2007 um 18:07 Uhr

    Ich brauche mehr Details von der Veranstaltung, konnte leider nicht hingehen. Hat das jemand mitgeschnitten etc. Scheint ja wirklich sehr gruselig amüsant gewesen zu sein.

  8. 8 BeitragzurStimmung 16. Februar 2007 um 18:33 Uhr

    Im Prinzip eine klasse Zusammenfassung des Abends. Nur war es in Wirklichkeit noch viel schlimmer….je nach persönlicher Verfassung wand sich ein Großteil der Anwesenden entweder in dauernder Fremdbeschämung ob Dörings Ausführungen oder bekämpfte austeigende Heiterkeitsausbrüche. Der alles in allem höfliche Verlauf spiegelte dies nicht unbedingt wider.

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