Von Urheberrechtsverletzungen Oder: Die haben doch alle ne Ma…

Da der Kapitalismus eine Gesellschaft ist, in der der Reichtum „als eine ungeheure Warensammlung“ (Marx, MEW 13, 15) erscheint, braucht es auch ein passendes Rechtsinstitut, um die Dinge in die Warenform zu bringen. Das gilt auch für geistige oder künstlerische Werke – oder solche, die dafür gehalten werden. Wer ein solches Werk (sei es nun ein Text, ein Foto, ein Film oder ein Lied) erschaffen hat, der genießt den Schutz durch das Urheberrecht.

Das all dies nur dem Ziel dient, die Warenform auch auf dieser Ebene durchzusetzen, hindert Linke aller Coleur nicht daran, sich in die wahnwitzigsten Urheberrechtsstreitigkeiten zu verstricken. Sebastian Lütgert etwa wurde einst von der Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur, deren Vorsitzender Jan-Philipp Reemtsma ist, verklagt. Weil er nämlich auf seiner Homepage den „Jargon der Eigentlichkeit“ und „Anti-Semitism and Fascist Propaganda“ von Theodor W. Adorno veröffentlicht hatte und die Stiftung die Rechte an den Adorno-Werken besitzt (siehe auch hier). Gefragt, warum er das tue, sagte er damals der taz:

„Ich bin der Vorsitzende der Stiftung, sie ist nicht mein Privateigentum und unterliegt der staatlichen Kontrolle. Ich habe dafür zu sorgen, dass die Rechte dieser Stiftung gewahrt bleiben. ( … ) Die Stiftung ist übrigens auch dem Verlag gegenüber verpflichtet, dem sie die Publikationsrechte ja übertragen hat. Das ist das Einmaleins des Urheberrechts. Jetzt kann man darüber streiten, ob es gut ist, dass es ein solches Recht gibt. Ich würde mich weiterhin dafür stark machen. ( … ) Nicht zuletzt, um die Rechte der Autoren zu schützen. Jemand kann sich natürlich auf den Standpunkt stellen, er wolle gewissermaßen als Freibeuter – nicht der Meere, sondern des ungesetzlichen Nachdrucks – dagegen verstoßen. Dann legt er sich mit den Rechtsnormen und mit dem Rechteinhaber an. Und dann muss er sich nicht wundern, wenn er Scherereien bekommt, und dann muss er einen Streit mit Anwälten und Kosten hinnehmen.“

Mit derlei Freibeuterei hat Reemtsma als treuer Staatsbürger nichts zu tun. Ganz ähnlich argumentiert letztlich auch Robert Kurz, der vor einiger Zeit nach seiner Trennung von der Krisis und der Gründung des wertabspaltungskritischen Projekts Exit seine ehemaligen Weggefährten (es waren tatsächlicher nur Männer, wenn mich nicht alles täuscht!) verklagte, weil diese seine Texte (die in einer gemeinsame Zeitschrift erschienen waren) nicht von der Homepage nehmen wollten. Wortgewaltig wie eh und je erklärte er damals:

Die Kampagnen gegen Copyright und Lizenzierung, ursprünglich im Kampf gegen die Ausbeutung von Wissenschaftlern und Erfindern durch die Konzerne und gegen die Enteignung der peripheren Länder von ihren eigenen Wissens-Ressourcen entstanden, werden von den kleinen linken Arschlöchern in ihr Gegenteil verkehrt und dafür instrumentalisiert, im Raum der Gesellschaftskritik die intellektuelle und publizistische Enteignung der TheorieproduzentInnen durch grundlos selbstgefällige Möchtegerns als „Kommunismusfähigkeit“ zu feiern. Texte sollen beliebig in Zusammenhänge gestellt werden, die den Intentionen ihrer Urheber völlig zuwider laufen; ausformulierte Ideen und theoretische Ansätze gelten als freie Objekte des Wilderns, wobei der Wille der ProduzentInnen genussvoll mit Füßen getreten werden darf. Was nichts weiter ist als eine besonders ordinäre Weise bürgerlicher Konkurrenzsubjekte, ihrer Selbstbehauptung und Selbstdarstellung auf Kosten anderer zu frönen, wird als „Keimform“ einer Produktionsweise jenseits des Kapitalismus zurechtgelogen.

Unter scheinheiligem Verweis darauf, dass schließlich alle Kulturleistungen letztlich kollektiv seien und alle TheoretikerInnen stets irgendwie auf dem Gedankengut anderer aufbauen würden, propagieren die kleinen linken Arschlöcher das hemmungslose Ausschlachten von Theoriebildungsprozessen ohne jede ausgewiesene Referenz. Konkurrenter Ideenklau als Regression noch unter das Niveau akademischer intellektueller Gemeinheit und selbst schamloses Abschreiben halten sie für normal und geradezu für egalitäre Akte der Emanzipation. Alle Standards des Zitierens, der Quellenangabe, überhaupt der Anerkennung von Autorschaft werden flugs dem kapitalistischen Eigentums- und Verwertungsprinzip zugeschlagen. Kaum hat das kleine linke Arschloch einen Text aus dem Bauch heraus andiskutiert, glaubt es auch schon, dass es ihn im Grunde selber geschrieben hat, wenn es nicht gar schon längst wieder darüber hinaus zu sein wähnt. Robert Kurz: Das kleine linke Arschloch

Aber nicht nur seine ehemaligen Mitstreiterinnen betreiben derartige Formen der „intellektuelle(n) Plünderungsökonomie“, ähnliches gilt auch für die Blogger-Szene. Ich beispielsweise habe in einem Text über die blamablen Auslassungen vom JT-Intendanten Andreas Döring während einer Diskussionsveranstaltung dies Bild verlinkt – was mir einen unfreundlichen Rüffel des Betreibers eben dieser Seite, einem vom Selbstverständnis linken Projekt, einbrachte. Das Foto sei „nicht lizenzfrei“, und ich verletzte daher „das Urheberrecht durch die Verwendung des Fotos.“ Im Anschluss forderte er mich auch das Foto zu löschen – andernfalls „muß (ich) Ihnen eine Rechnung für die Lizenzgebühren sowie den Aufwand der Adressermittlung durch den Anwalt schicken“. Na dann Prost Mahlzeit!

Nun mag es ja sein, dass es nicht gerade nett ist, das ich die Seite Goest.de nicht als Quelle genannt habe. Und es mag ja auch sein, das mein verhalten nicht rechtskonform war. Aber wenn innerhalb von Zusammenhängen, die sich als „links“ oder im weiteren Sinne emanzipiert verstehen, derartige Verhaltensweisen zur Norm werden, dann scheint mir doch irgendwas faul zu sein. Wem das Recht an seinem Foto, das ohnehin problemlos und für jedermensch im Netz einsehbar ist so dermaßen am Herzen liegt, das er oder sie dafür sogar bereit ist einen Anwalt einzuschalten und unbedingt „Lizenzgebühren“ – in welcher Höhe wäre ja mal spannend – eintreiben möchte, beweißt damit zumindest nicht unbedingt ein besonders weitgehendes Maß an innerlinker Solidarität. Wer sogar argumentiert, geradewegs dazu gezwungen zu sein („oder ich muß ihnen eine Rechnung…“), macht sich damit schon fast lächerlich.

Lächerlich ist dann auch der Hinweis, am Leichtesten für alle sei es ja diese Variante des weiteren Verfahrens: „Sie sorgen dafür, dass das geklaute Bild verschwindet“ Verschwunden ist das Bild. Trotz allem bringt die Aufforderung dafür zu sorgen, „dass das geklaute Bild verschwindet“ schon einiges an Verwunderung hervor: Denn Diebstahl besteht ja in erster Linie darin, dass ich jemanden etwas wegnehme, was dieser anschließend nicht mehr nutzen kann. Wenn ich etwa ein Brötchen klaue und aufesse, dann kann die bisherige Besitzerin das nicht mehr tun. Oder wenn ich ein Auto klaue, dann kann nur noch ich damit herumfahren und auch hier schaut die bisherige Nutzerin des KfZ dumm aus der Wäsche. Letztlich ist die Argumentation ebenso verschroben wie die der Filmindustrie in Bezug auf illegales Downloaden:

Entsprechend nervös reagieren auch Platten- und Filmindustrie auf die drohenden Einnahmerückgänge durch Filesharing. So gab es vor geraumer Zeit unter dem Motto “Hart aber gerecht – Raubkopierer sind Verbrecher” in den Kinosäälen eine Kampagne gegen illegales Filesharing. Die Kurzclips allerdings regten eher zum Lachen an als das sie dazu hätten beitragen können, dem downloaden ernsthaft die Legitimität abzusprechen. Der Gauner, der dem Großmütterchen die Handtasche klaut ist eben nicht dasselbe wie der Kumpel, der einem den neuen Fluch-der-Karibik runterlädt. Die bezweckte Dämonisierung ist eher lächerlich denn nachhaltig. (EmanzipationOderBarbarei: Filesharing, Wissen, Warenform – Erste Nährungsversuche

Nun mag es einen rationalen Kern haben, wenn linke TheoretikerInnen die vom verfassen bzw. veröffentlichen von Büchern und Artikeln leben, ein gewisses Augenmerk auf Fragen des Copyrights haben. Was aber der Inhaber eines scheinbar linken und nichtkommerziellen Stadtmagazin im Internet daran findet, das nur er die von ihm getätigten Fotos verwenden darf, leuchtet mir nicht wirklich ein. Letztlich bleibt eine solche Argumentation in genau der Logik verhaftet, die es doch gerade zu überwinden gälte. Aber wenn selbst angebliche Linke sich derartig mit Warenlogik und Rechtsform identifizieren, dann fällt mir dazu nicht mehr viel ein. Weil’s aber so schön ist, zum Abschluss noch mal einen Marx. Eigentlich hätte es besser an den Anfang gepasst, aber dann hättet ihr wohl nicht so weit gelesen. Was gibt es schöneres, als Warenbesitzerin zu sein?

Die Waren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den Warenbesitzern. Die Waren sind Dinge und daher widerstandslos gegen den Menschen. Wenn sie nicht willig, kann er Gewalt brauchen, in andren Worten, sie nehmen. Um diese Dinge als Waren aufeinander zu beziehn, müssen die Warenhüter sich zueinander als Personen verhalten, deren Willen in jenen Dingen haust, so daß der eine nur mit dem Willen des andren, also jeder nur vermittelst eines, beiden gemeinsamen Willensakts sich die fremde Ware aneignet, indem er die eigne veräußert. Sie müssen sich daher wechselseitig als Privateigentümer anerkennen. Dies Rechtsverhältnis, dessen Form der Vertrag ist, ob nun legal entwickelt oder nicht, ist ein Willensverhältnis, worin sich das ökonomische Verhältnis widerspiegelt. Der Inhalt dieses Rechts- oder Willensverhältnisses ist durch das ökonomische Verhältnis selbst gegeben. Die Personen existieren hier nur füreinander als Repräsentanten von Ware und daher als Warenbesitzer. Wir werden überhaupt im Fortgang der Entwicklung finden, daß die ökonomischen Charaktermasken der Personen nur die Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse sind, als deren Träger sie sich gegenübertreten. (MEW 23, 99f)


14 Antworten auf “Von Urheberrechtsverletzungen Oder: Die haben doch alle ne Ma…”


  1. 1 classless 19. Februar 2007 um 11:23 Uhr

    Die Debatte wird uns wohl noch eine Weile erhalten bleiben – einerseits wäre es nicht nur nett sondern oft auch hilfreich, wenn der Urheber ausgewiesen wäre, andererseits ist es eben keine Einbildung, daß kollektive Wissensproduktion ein Vorschein einer anderen Vergesellschaftung darstellt. Ich finde es erstaunlich, wie Kurz an der Stelle abgeht.

  2. 2 juergen 19. Februar 2007 um 12:52 Uhr

    schön – also dürfen alle inhalte von monster und bilder in beliebigen zusammenhängen, beliebig ausgewählt, beliebig verwendet werden – oder hab ich da jetzt etwas mißverstanden.
    das wäre nett wenn das klar gestellt wird – nicht dass nachher rumgemeckert wird, wenn aus mog was kopiert wird.
    j.

  3. 3 unkultur 19. Februar 2007 um 15:03 Uhr

    Übersehen wird doch, dass wir uns nicht im Kommunismus befinden sondern im schlechten jetzt – warum sollten dann in der sogenannten „linken“ Szene (was soll das produktionstechnisch gesehen sein?) andere Gesetze gelten als im Rest der Gesellschaft? Das würde ja bedeuten, dass Ökonomie nur idealistisch ist, dass es letztenendes eine Frage der Einstellung ist, ob jemand kapitalistisch wirtschaftet oder nicht.
    Der Kurz-Fall ist eher narzistisch denn ökonomisch motiviert, Kurz ist gekränkt und will mit dem Recht auf seiner Seite den Ex-Genossen die vermeintlich Verletzung heimzahlen. Dabei geht es ihm ja mehr um korrektes zitieren etc. „Ideendiebstahl“ bei Texten ist klar geregelt: ein Zitat ist ein Zitat, wenn es als solches gekennzeichnet ist, das sieht bei Musik etwa anders aus.
    Gerade im Musikbereich findet derzeit ein Umschichtungsprozeß statt. „Freie MP3s“ sind eben nicht umsonst, nur bekommen die Produzenten – die Künstler – einfach kein Geld mehr für ihre Produkte, stattdessen machen Telefon- und Computerfirmen (DSL-Flaterate und Abspielgeräte braucht es nach wie vor) den Reibach damit. Oder eben Rupert Murdoch mit myspace, wo es auf scheinbar geisterhafte Weise Musik für ganz umsonst gibt.
    Insofern finde ich generell viel Anti-Copyright-Argumente stark verkürzt und anti-materialistisch. Die Produktion geht weiter, es ändert sich aber das Konsumverhalten und die Funktion von Musik – diese wird zur Reklame für das passende Handy, zur Repräsentation des Habitus oder ganz oldschool zur Werbung für das Konzert des jeweiligen Künstlers. Weniger warenförmig jedenfalls nicht, anders eben.
    Diesen Wandel gilt es zu erfassen. Es gilt die Kritik an der Warenform und den herumspukenden Vorstellungen in den Subjekten voranzubringen. Lustig ist es, wenn in Musikstilen, die zum großen Teil aus (nicht-lizensierten) Samples bestehen, die Künstler -wenn jemand ihre Musik „illegal“ weiterverwendet – auf einmal „Haltet den Dieb!“ rufen und von „rip-off“ reden. Das gibt es alles, wie ich aus Erfahrung berichten kann. Genau hier müßte Ideologiekritik ansetzen und aufzeigen, dass Ware und Copyright zwangsläufig falsches Bewußtsein hervorbringt.

    Das Argument mit dem Brötchen bzw. Auto halte ich für nicht so gelungen, denn in erster Linie wird dem Künstler die Existenzgrundlage entzogen. Es ist wahnhaft von Produzenten einzufordern, so mögen doch bitteschön für die Konsumenten ihre Waren für ohne Geld produzieren. Ok, kann man ja einfordern nur finde ich es zu komisch, dass niemand dies laut im Supermarkt forder: „ich möchte für die Waren aber nicht bezahlen.“ Diese Bigottrie ist Ideologie pur – nur Kunst soll nicht-warenförmig sein und kollektives Gut sein, während alles schön beim alten bleibt. Vermutlich wäre es da eher emanzipativ, für Kunst die doppelten Preise zu verlangen, um damit ganz praktisch Fetischkritik zu betreiben.

  4. 4 trabbi 19. Februar 2007 um 16:23 Uhr

    die haben doch echt ne vollmeise.

    na ja….

    @juergen: ich habe deine frage nicht verstanden

    @autorin: der link zum MEW -zitat ist falsch

  5. 5 trabbi 19. Februar 2007 um 16:25 Uhr

    @juergen: ich meinte damit: was hat das jetzt mit mog zu tun?

  6. 6 raus aus der scheiße 19. Februar 2007 um 18:20 Uhr

    was war denn auf dem foto drauf? wenn die goest-spinner so reagieren muss es ja ganz köstlich gewesen sein. und ich glaube verlinkung von homepages ist noch keine urheberrechts-verletzung, wenn du also bitte darauf hinweisen könntest, wo das bild..

  7. 7 bla 19. Februar 2007 um 20:39 Uhr

    nichts besonderes, normales bild… wie son passbild.

  8. 8 gegen vollidioten 20. Februar 2007 um 2:29 Uhr

    meinung sagen oder kreatives an:
    redaktion@goest.de

    die vollidioten!

  9. 9 jürgen 20. Februar 2007 um 21:53 Uhr

    @rausaus das bild ist doch im artikel verlinkt unter http://www.goest.de/bilder04/kulturausschuss02_3.JPG

    @trabbi also oben in der adresszeile steht momentan http://www.monsters.net.tf/

  10. 10 subwave 20. Februar 2007 um 22:13 Uhr

    gfbv und döring, goest unterstützt halt immer die guten deutschen, die sozialdemokratische volksgemeinschaft. und nestbeschmutzern die dem „tollen kollektiv“ den spiegel vorhalten wird mit anwalt gedroht. und das „ersatzbild“, das jürgen da verlinkt hat ist mehr als peinlich und zeigt, dass goest, wie immer eigentlich, nichts verstanden hat.

  11. 11 Rakete 21. Februar 2007 um 13:03 Uhr

    wo unterstützt goest denn den döring?

  12. 12 emanzipationoderbarbarei 21. Februar 2007 um 13:33 Uhr

    @classless & juergen

    joa, quellen angeben finde ich prinzipiell sinnvoll. bei texten ohnehin, das ist das eine. und bei bildern ist es sicherlich auch nicht schädlich. nur: davon dann so einen aufstand zu machen und mit rechtsanwälten zu drohen, ist ja schon ein wenig schräg…

    ansonsten finde ich, dass das querbenutzen von bildern durchaus auch was künstlerisches hat – vielleicht fällt es ja unter die kunstfreiheit?

  13. 13 subwave 22. Februar 2007 um 17:16 Uhr

    @rakete: siehe das neue bild auf goest, wo vorher döring war…

  14. 14 Sabrina Meier 14. Dezember 2009 um 12:08 Uhr

    Interessantes Thema haben Sie gewählt! Mein Kompliment! Der Artikel ist sehr gut geschrieben und informativ! Besten Dank! Herzliche Grüße! Sabrina Meier

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