Goest vs. EmanzipationOderBarbarei

Einige werden es mitbekommen haben: ich hatte hier im Blog ein Bild von Andreas Döring (Intendant des Jungen Theater in Göttingen) veröffentlicht, das ursprünglich von Goest stammte. Und da ich (1) die Quelle nicht angegeben habe (Asche auf mein Haupt, is ja wirklich nicht nett…) und (2) die Goest-Redaktion in den Inhalt des dazugehörenden Veranstaltungsberichtes nicht mochte, hat sie mich unter dem Vorwurf der Urheberrechtsverletzung aufgefordert, das „geklaute Bild“ umgehend zurückzugeben. Mittlerweile wurde das Bild hinter dem alten Link verändert und dort steht der folgende Text zu lesen:

Die Fotos wurden am 19.2.07 entfernt, da ohne Quellenangabe und vorher zu fragen ein etwas ungünstiges Foto herauskopiert wurde um einen Schmähartikel zu illustrieren.

Damit wurde der Eindruck erweckt, dass goest als Bild-Lieferant für Schmähartikel von AutorInnen dient, die als Belege für ihre Kritik am Jungen Theater Zitate aus NPD-Seiten benutzt und damit auch noch als „linke“ Inquisition daherkommen will. Für nicht-kommerzielle linke Projekte gibt es bei Nachfrage nach Fotos meist eine Möglichkeit der Unterstützung durch Goest.

Das mit der fehlenden Quellenangabe ist ein schlechter Stil, das gebe ich ja zu. Das der Text allerdings das Bild nötig hätte um ihn zu „illustrieren“ möchte ich doch weit von mir weisen. Ebenfalls ist wohl noch fraglich, ob es sich dabei überhaupt um eine „Schmähschrift“ handelt. Bei Wikipedia findet sich dazu der folgende Eintrag:

Ein Pamphlet oder „Schmähschrift“ ist eine Schrift, in der sich jemand engagiert, oft polemisch, zu einem wissenschaftlichen, religiösen oder politischen Thema äußert. Die sachliche Argumentation tritt dabei in den Hintergrund. Die leidenschaftliche Parteinahme für eine Sache überwiegt bei der Argumentation. Die Herabsetzung einer anderen Person wird dabei billigend in Kauf genommen oder ist sogar das eigentliche Ziel des Pamphlets.

Im modernen Sprachgebrauch werden Artikel als Pamphlet bezeichnet, die nach eigenem Empfinden als niveaulos und unsachlich eingestuft werden.

Es scheint also so zu sein, das die Goest-Redaktion den Artikel als „niveaulos und unsachlich“ einstuft. Nun wäre es nett gewesen, Gründe dafür zu erfahren, wie sie zu dieser Einschätzung kommt. Der Hinweis etwa darauf, worauf genau sich der Vorwurf der Unsachlichkeit bezieht oder was vielleicht falsch dargestellt wurde. Oder wie es so hätte dargestellt werden können das der Intendant besser wegkommt, ohne das der Text eine Geschichtsklitterung gleichkommt.

Stattdessen lesen wir eine das großartige Argument, in dem Veranstaltungsbericht würden „als Belege für ihre Kritik am Jungen Theater Zitate aus NPD-Seiten benutzt“ und wolle damit „auch noch“ als ‚linke‘ Inquisition durchkommen. Das der Verweis auf den linken Selbstanspruch in Anführungszeichen steht, die Inquisition aber nicht, verweist auf die Schlagrichtung des Arguments: eine Inquisition war es auf jeden Fall, „links“ ist es aber objektiv betrachtet nicht. Darüber, was eine Inquisition ist, hilft uns (mal wieder) Wikipedia weiter:

Die Inquisition (z. D. „gerichtliche Untersuchung“) bezeichnet eine Form mittelalterlichen Gerichts, die heute vor allem im Zusammenhang mit der Geschichte der christlichen Kirche in Erinnerung ist.

Im Unterschied zu anderen Gerichtsformen stand bei einem unter der Inquisition stattfindenden Prozess die inquisitio (lat.: Befragung, Untersuchung) im Vordergrund, und nicht die Anklage.( … ) Vor dem Inquisitionsgericht hatten Sachbeweise keine Gültigkeit.

Es ist also unterstellt, die formulierte Kritik wäre nicht wirklich an rationalen Argumenten interessiert und letztlich – das legt der kirchliche Hintergrund der Inqusition nahe – Reaktionär. Darum eben auch „links“ in Anführungszeichen. Was habe ich nun aber wirklich geschrieben?

Die Kritik des [a:ka] lief darauf hinaus, das Döring hier klassische Moment einer romantischen und reaktionären Kapitalismuskritik referiert und die zu allem Überfluss auch noch mit nazistischen Stichwörten wie dem der Heimatfront oder dem des Lebensraumes und allerlei anrufen an die Gemeinschaft, die doch “die Gemeinsamkeit im Unterschied” erkennen solle. Hier würden, so der Schluss, ungewollte neonazistische Ressintements gestärkt. Wohlgemerkt ungewollt, aufgrund mangelnder Reflexion. Was dann auch die Ursache für die positiven Stellungnahmen etwa auf den Leserbrief-Seiten der NPD-Göttingen wäre

Das Ganze läuft darauf hinaus, dass das JT (unbewusst) rechte Argumentationsmuster aufgreift und diese dadurch (ebenfalls unbewusst) dazu beiträgt, diese wieder salonfähig zu machen. Wenn eine strukturelle Nähe mit rechtsextremen Positionen gefunden wird, gibt es zwei Möglichkeiten damit umzugehen: die erste Variante stellt schlicht fest, dass das der KritikerInnen wohl nur aufgefallen sein kann, weil sie selber so denkt. Normale Menschen würden doch nie auf die Idee kommen. Damit ist nicht nur die Kritik erledigt, sondern die Kritikerin auch als wahrhaft Reaktionäre geoutet. Die zweite Variante würde darin eine (wenn auch unbewusste, ich wiederhole mich) Nähe des kritisierten Verhaltens zu rechtsextremer Ideologie sehen. Begründet würde das (und wurde es ja auch bereits) mit der historischen Verwendung der Begriffe „Heimatfront“ und „Lebensraum“ bei den Nazis. Ergänzen ließe es sich noch durch den teilweise affirmativen Bezug auf den Begriff der Heimatfront, etwa mit dem Argument, es könne ja gar kein positiver Bezug auf das Wort sein, denn das eigentliche Problem sei doch, das es keine Heimatfront gäbe und es ginge gerade darum, eine solche herzustellen.

Wenn wir das Argument von Goest ernstnehmen, könnten Menschen reaktionäre Äußerungen nur dann wahrnehmen, wenn sie selber reaktionär sind. Ernsthafte Kritik an Neonazismus oder Kapitalismus wäre dann nicht mehr möglich. Wer in der Feststellung von Andreas Döring, die Aufforderung an das JT-Ensemble, die Spielzeit zu betreiken sei faschistisch ein bürgerlich-antigewerkschaftliches Argument entdeckt, muss nach dieser Logik ebenfalls antigewerkschaftlich unterwegs sein. Mit einer solchen Haltung lässt sich allerdings schlecht Gesellschaftskritik betreiben. Egal ob die Äußerungen von RegierungsvertreterInnen, Pressemitteilungen des BDI oder die Beschwörungsformeln der Atomindustrie kritisiert werden – es würde immer eine geistige Nähe zu diesen Positionen voraussetzen.

Auffällig bei diesem Vorgehen ist, das es völlig ohne Argumente auskommt. Die Kritik am JT findet entsprechend auch auf Goest keinen Platz, gerademal zur Veröffentlichung des Veranstaltungstermins hat es gereicht. Es darf nicht sein, was nicht sein soll. Am Ende wären noch Männerfreundschaften gefährdet. Wenn es hier also eine Seite gibt, bei der Sachargumente scheinbar nicht ziehen und die nur ein bereits vorher festgelegtes Urteil aufrechterhalten möchte, dann ist sie wohl unter www.goest.de zu erreichen. Das ist Schade, denn Göttingen könnte ein alternatives, gewerkschafts- und bewegungsnahes Internetportal durchaus gebrauchen. Aber solange sich bei Goest nichts tut, bleibe ich wohl lieber bei den Monsters.


4 Antworten auf “Goest vs. EmanzipationOderBarbarei”


  1. 1 Rakete 31. März 2007 um 18:52 Uhr

    Die Monsters of Göttingen haben bezüglich dieses Vorfalls einen offenen Brief an goest geschrieben.

  2. 2 peter, paul & mary 02. April 2007 um 20:08 Uhr

    Herzlichen Glückwunsch, nun biste auch ein Hardcore-Antideutscher. So schnell kanns gehen…

    http://goest.de/antideutsche.htm#aprilscherz

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 02. April 2007 um 20:53 Uhr

    so schnell kann’s gehn… und das mir…

  4. 4 Hihi 02. April 2007 um 20:57 Uhr

    Emanzipation oder Barbarei ein Antideutscher? Die sind ja echt witzig. Wie kommen die immer auf sowas? Ich glaube du benutzt denen zu viele Fremdwörter (Wert, Ware, Reproduktion etc.). Das macht verdächtig.

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