Postone (1): Einleitung

Ich habe vor kurzem noch einmal angefangen, Moishe Postones „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx“ zu lesen. Und weil ich es nach wie vor für ein wegweisendes Werk halte, habe ich angefangen, die wesentlichen Inhalte zusammenzufassen. Und diese Zusammenfassung möchte ich hier kapitelweise einstellen.Das tue ich auch deshalb, weil ich so meine Zusammenfassung schon mal digitalisiert vorliegen habe. Viel neues wird da also nicht unbedingt drinstehen. Wen es nicht interessiert, der möge dies wieder wegklicken. Aber nicht das sich jemand beschwert, der Text wäre ja furchtbar langweilig…

Anfangen werde ich mit der Einleitung zum Teil 1: „Überlegungen zur marx’schen Kapitalismuskritik“. In diesem Kapitel stellt Postone sein grundsätzliches Forschungsprogramm vor.

[Seite 21]Er stellt sein Werk ganz bewusst in den Kontext von zwei bzw. drei anderen Studien, nämlich „Marx‘ Theory of Scientific Knowledge“ von John Patrick Murray und „Marx‘ Method“ und „The Violence of Abstraction“ von Derek Sayer. Auschnitte aus letzterem gibt es hier und hier. Kennt die Werke zufällig jemand? Für Einschätzungen wäre ich dankbar…

Postone möchte in dem Buch das Wesen und die geschichtliche Entwicklung des Kapitalismus bestimmen, das in den Sozialwissenschaften oft diskutierte Verhältnis von (gesellschaftlicher) Struktur und (individueller) Handlung klären und eine Kritik sowohl des Marxismus als auch der realsozialistischen Staaten formulieren.

[Seite 22] Er versteht unter Kapitalismus eine ganz bestimmte Form gesellschaftlicher Abhängigkeit, die unabhängig vom persönlichen Willen und Wollen der Beteiligten existiert und eine Art objektiver Struktur darstellt. Diese Struktur wird zwar von den Subjekten geschaffen, verselbständigt sich aber ihnen gegenüber. Untersucht und kritisiert werden sollen nicht Ausbeutungs- und Herrschaftsverhältnisse innerhalb der Moderne, sondern die Moderne selbst soll als Herrschaftsstruktur analysiert werden. Modernität ist für ihn dabei eine in Westeuropa entstandene Gesellschaftsform, die sich mittlerweile weltweit ausgebreitet hat. Er hält ausdrücklich fest, dass es keinen geschichtlichen Zwangsmechanismus gibt, der alle Gesellschaften zwangsläufig dazu bringt, irgenwann das Stadium der „Moderne“ zu erreichen. Aber einmal in einem Teil der Welt institutionalisiert, hat ihre besondere Dynamik sie sich auch auf andere Regionen ausdehnen lassen. Er grenzt sich also ganz bewusst von der traditionellen Interpretation des historischen Materialismus (Histo-Mat) ab, wie er im traditionellen Marxismus verwendet wurde. Und im Gegensatz zu Autoren wie Shmuel Noah Eisenstadt möchte er dabei weniger die Unterschiede zu anderen Gesellschaften als vielmehr die Besonderheiten der Moderne selbst untersuchen.

[Seite 23]Ebensowenig bezweifelt Postone Unterschiede zwischen verschiedenen kapitalistischen Regionen, möchte aber die Gemeinsamkeiten aller dieser Gesellschaften herausarbeiten. Durch die Betonung der systemisch-logischen Basiskategorien erhofft sich Postone vorallem jene Züge der modernen Gesellschaften erklären zu können, die gemeinhin als Anomalien gelten, das Nebeneinander von Armut inmitten von Überfluss oder die fortdauernde Abhngigkeit von Prozessen, auf die die Einzelnen keinen Einfluss haben – trotz stetig steigenden Potentialen in Wissenschaft und Technik, die ja doch gerade die Möglichkeit bieten müssten, dass die Menschen das Leben bewusst ihrem Willen unterordnen.

[Seite 24] Dabei kreist seine Theorie um die Rolle der Arbeit im Kapitalismus. Gegenstand des marxschen Spätwerks ist nicht Arbeit im Allgemeinen, sondern die spezifische Rolle von Arbeit im Kapitalismus. Arbeit nämlich stellt im Kapitalismus eine besondere Form der Vermittlung dar, die ihr in anderen Gesellschaften nicht zukommt. Diese Vermittlungsform bildet die „Ausgangsbasis“, aus der sich die Grundmuster der Moderne erschließen. Aus ihr ergeben sich „Handlungen, Weltanschauungen und Verhaltensdispostionen“ der Menschen. Neben der besonderen Beziehung zwischen kulturellem und materiellem Leben wird auch die Zweiteilung von Subjekt und Objekt auf diesem Weg erst hergestellt. Die marxsche Theorie ist in dieser Lesart entsprechend nur auf den Kapitalismus anwendbar.

[Seite 25] Die Theorie soll auf diese Weise ihre Beziehung zur Gesellschaft auch erkenntnistheoretisch plausibel zu machen können. Postone versucht auf den folgenden Seiten die groben Unterschiede zwischen der alten Marx-Interpretation und der neuen Marx-Interpretation deutlich zu machen. Schematisiert sähe das etwa so aus:

Alte Interpretation Neue Interpretation
Kritik vom Standpunkt der Arbeit Kritik der Arbeit
traditionelle Kritik Wertkritik
Kritik an Eigentum und Mark Kritik an unpersönlichen, abstrakten Formen
Kritik an Ausbeutung, gesellschaftlicher Ungleichheit und Klassenherrschaft Kritik am Wesen von Produktion, Arbeit und Wachstum als gesellschaftliche Phänomene sowie Kritik der Realsozialismus.