Wachstum und Klimawandel

Wenn wir mal von der Familienpolitik absehen, gibt es in den Medien derzeit zwei heiß diskutierte Themen: auf der einen Seite stehen die Sorgen wegen dem Klimawandel und die Erkenntnis, dringend etwas ändern zu müssen. Auf der anderen Seite die Freude über den Wachstum der Wirtschaft. Auch wenn bei letzterem die Prognosen zuletzt etwas nach unten korrigiert wurden (1|2.)

Nun verweist die Freude auf der einen allerdings auch auf die Probleme auf der anderen Seite. Wenn die Frankfurter Rundschau etwa freudig berichtet, die Wende in der Baubranche sei geschaft, das Baugewerbe verzeichne „preisbereinigt um 2,5 Prozent höhere Auftragseingänge als im Jahr 2005″ und erstmals seit 1998 sei die Baunachfrage „wieder über dem Niveau des jeweiligen Vorjahres“, dann sehe ich vor meinem geistigen Auge bereits das stets größer werdende Ozonloch ob der fleißig umherfahrenden Baufahrzeuge. Mehr Produktion ist eben auch immer mit einem mehr an Umweltverschmutzung verbunden. Allem qualitativen Wachstum zum Trotz. Ich kann ein Auto vielleicht mit weniger Rohstoffen bauen – aber niemals ganz ohne.

Das gilt nicht nur auf Deutschland bezogen, sondern selbstverständlich auch global. Etwa für das Wirtschaftswachstum in Indien und China:

Eine Verkehrsstudie der Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) in Manila kommt zu dramatischen Ergebnissen. Das Wirtschaftswachstum in den bevölkerungsreichen Boomländern wird die Motorisierung in ungekannte Höhen schrauben. Das Beispiel China ist am drastischsten: Der wachsende Reichtum ermöglicht es immer mehr Menschen, vom Fahrrad aufs Moped und vom Moped aufs Auto und Geländewagen umzusteigen.

Um 2035 werden in dem Land laut der Studie im Maximalfall 15 Mal so viele Autos fahren wie heute, nämlich statt rund 13 Millionen dann 190 Millionen. Das wären mehr Pkw als heute im Automobilland Nummer eins, den USA, unterwegs sind.

Aber auch in Indien kommt einiges in Bewegung. Hier wird eine Erhöhung der Zahl der Personenwagen auf das Dreizehnfache erwartet – auf dann 80 Millionen.

Zum Vergleich: Derzeit sind weltweit rund 550 Millionen Autos zugelassen, davon in den USA alleine rund 150 Millionen. Auch in den stark wachsenden asiatischen Ländern liegt die Motorisierung noch niedrig. „Die Autodichte in China bewegt sich noch auf dem Niveau der USA von 1912″, bemerkte das Worldwatch-Institut in Washington in einer Analyse. In Indien kommen heute sieben Fahrzeuge auf 1000 Menschen, in Deutschland sind es rund 550.

Die ADB glaubt sogar den Punkt angeben zu können, an dem ein Land beschleunigt von zwei Rädern auf vier umsteigt: wenn das Bruttosozialprodukt pro Kopf rund 2300 Euro erreicht: „Dann beginnen die Verkaufszahlen der Motorräder zu sinken, und die der Autos steigen an.“ In China sei diese Schwelle in Sicht, Indien und Indonesien lägen noch deutlich darunter.

Die wachsende Motorisierung hat Folgen für den Treibstoffverbrauch und den Ausstoß der Treibhausgase im gesamten Verkehrssektor. Beides werden sich nach den Prognosen in Asien bis 2030 mindestens verdreifachen, warnt die Bank. Gleichzeitig werde die Luftverschmutzung in den Städten wegen immer häufigerer und längerer Staus stark zunehmen. Der Neubau von Straßen könne mit der schnell wachsenden Autodichte nicht Schritt halten, sagen die Studien-Autoren voraus. Außerdem werde der Anfall von Altautos, die deponiert oder recycled werden müssen, kräftig zunehmen

Nun wäre es vermessen, den Menschen in Indien und China einen Lebensstandart abzusprechen, der für die Menschen in den etablierten westlichen „Industrieländern“ völlig selbstverständlich ist. Auf der anderen Seite ist aber auch klar, das hier langfristig menschliche Lebensgrundlage ausgehöhlt werden. Das die Menschen in Europa weniger Autos fahren respektive kaufen werden, ist ohnehin fraglich. Es wäre auch schlecht für die Wirtschaft. Womit sich der Kreis dann geschlossen hätte.

Es gibt also keine Ausweg aus diesem Dilemma. Außer vielleicht – warum haben wir eigentlich eine Ökonomie, die auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist, in der anonyme und abstrakte gesellschaftliche Zwänge fast naturgleich den Menschen die Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Umwelt aus der Hand nehmen? Warum also machen wir nicht Schluss mit Warenproduktion und setzen auf ein zukunftsträchtigeres Modell – die freie Vereinbarung freier Individuen etwa?


1 Antwort auf “Wachstum und Klimawandel”


  1. 1 horizzon 24. Februar 2007 um 14:37 Uhr

    Hab letztens ein sehr interessantes und spannendes Buch gelesen, in dem es grob um das Thema Wachstum auf Kosten der Umwelt(-resourcen) geht:
    „Eine Billion Dollar“ von Andreas Eschbach.
    Spannende Story mit aber echt kritischem Grundtenor…

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