Das Ding mit der Vermittlung

In einem älteren Beitrag zur Frage von sinnvoller, linker Intervention hatte ich das Vorhaben des „Ums-Ganze“-Bündnisses, auf dem Frankfurter Opernball ordentlich einen draufzumachen, wie folgt zusammengefasst und zu kritisieren versucht.

Es gibt ein linkes Bündnis mit reformistischen, daher bürgerlichen, Forderungen. Denen kann mensch nichts abgewinnen und ruft deshalb zur Teilnahme auf – diesmal aber an einem “antikapitalistischen” Block auf, um dem “konstruktivem Rebellentum” etwas entgegenzusetzen – ganz so, als sei dies das eigentliche Problem. Dazu sollen ganz bestimmte Formen gewählt werden, nämlich “Aus­drucksformen die nicht vereinnahmbar sind und denen die FreundInnen des schlechten Bestehen­den nichts Positives abgewinnen können” Zu diesen FreundInnen des schlechten Bestehenden gehören nun aber – so die Analyse – auch die Reste der Demo. Diejenigen, die nicht mitdemonstrieren ohnehin. Wer also bleibt als Zielgruppe für dies “Marketing”?

Richtig, die ist ziemlich klein. Das dafür der ganze Aufwand lohnen soll, kann ich kaum glauben. Aber wir haben ja alle so unsere Hobbies, um vor der Realität zu fliehen. Die einen schreiben seitenlange Blog-Einträge mit hunderten von Rechtschreibfehlern, die anderen organisieren Feel-It-Like-Meinhof-Demos. Sicher hilft es um sich besser zu fühlen, dem Hass auf das “Falsche Ganze” mal freien Lauf lassen zu können. “Die Wut muss raus, das ist doch nur legitim!” schallt es aus allen Ecken. Es mag ja sein, das es so mehr Spaß macht und auch besser zum Selbstbild als aktive, schaffende Jugendbewegung passt. Aber ob der patriarchale Gestus einer durchschnittlichen Antifa-Demo tatsächlich dazu beiträgt, Werbung für eine emanzipapiertere Welt zu machen, möchte ich doch mal dahingestellt sein lassen. Da ist es fast schon wieder zu hoffen, dass der Rest der Welt dies Intermezzo ignorieren möge…

Nachdem die Demo nun vorbei ist wird es Zeit zu überprüfen, ob ich mit meiner Einschätzung recht behalten habe (Recht behalten ist bürgerlichen Subjekten wie mir schließlich immer eine wichtige Angelegenheit…). Dazu möchte ich sowohl die Resonanz bei Indymedia als auch in der bürgerlichen Presse auswerten. Auf Fernseh- und Radioberichte gehe ich ebenfalls nicht ein. Was sicherlich eine Schwäche dieses Textes ist – aber irgendwannn muss er ja auch mal fertig werden.

Für die bürgerliche Presse kann festgehalten, das es zumindest quantitativ eine überdurchschnittlich breite Wahrnehmung der Proteste gegeben hat. Der Protestzug hat es sogar bis in die Tagesschau des Schweizer Fernsehens geschafft:

Krawalle vor Frankfurter Opernball
Feier für Protest gegen Sozialabbau missbraucht

Bei Ausschreitungen in Frankfurt am Main sind zahlreiche Polizisten und Passanten verletzt worden. Zu den Auseinandersetzungen kam es während einer Demonstration gegen den Frankfurter Opernball.

Rund 600 Demonstranten, die die Feierlichkeiten für Proteste gegen Sozialabbau nutzten, waren am Nachmittag zunächst friedlich vom Frankfurter Hauptbahnhof in die Innenstadt gezogen.

Dem Motto des Balls «Das Leben ist schön – es lebe das Leben» stellten sie ihren Spruch «Her mit dem schönen Leben» entgegen.

Randalierer zogen durch Innenstadt

Als es um 18 Uhr zu Auseinandersetzungen kam, wurde die Demonstration für beendet erklärt. Laut Polizei zogen daraufhin etwa 200 Teilnehmer randalierend durch die Innenstadt.

Demonstrierende hätten Steine und Flaschen geworfen, sagte ein Polizeisprecher. Zahlreiche Polizisten und Passanten seien verletzt worden. (SF Tagesschau)

Der Tenor ist deutlich: Ein paar wildgewordene Neidhammel missbrauchen eine friedliche Feier, um wahllos Menschen anzugreifen und die Innenstadt zu verwüsten. Das ist – keine Frage – naturliche ein Versuch der bürgerlichen Presse, berechtigte Proteste zu pathologisieren und damit zu entkräften (oder: ihnen die Legitimität abzusprechen, wie das anderswo heißen würde). Ähnlich, wenn auch nicht so drastisch, der Bericht bei Focus Online:

Am Samstagabend kam es zu Ausschreitungen. Rund 200 gewaltbereite Demonstranten attackierten rund um die Hauptwache Polizeibeamte mit Steinen und Flaschen, wie ein Polizeisprecher sagte. Dabei wurden den Angaben nach mehrere Polizisten sowie unbeteiligte Passanten verletzt. Die Einsatzkräfte nahmen zahlreiche Demonstranten fest. Genaue Zahlen konnte der Sprecher zunächst nicht nennen.

Zum Inhalt der Proteste wird weiter unten dann nur lapidar auf das Motto des Aufrufs verwiesen, unter dem „verschiedene so genannte Antifa-Gruppen im Internet“ mobilisiert hätten.

Auch in den vergangenen Jahren war es am Rande des Opernballs wiederholt zu Ausschreitungen von Anhängern der linksradikalen Szene gekommen. Auch massive Polizeipräsenz konnte nicht verhindern, dass in der Gegend um die Alte Oper zahlreiche Scheiben zu Bruch und Mülltonnen in Flammen aufgingen. Autos wurden beschädigt und Ballgäste beschimpft.

Die Gegendemonstration, zu der verschiedene so genannte Antifa-Gruppen im Internet aufgerufen hatten, stand in diesem Jahr unter dem Motto „Her mit dem schönen Leben!“. Damit spielen die Demonstranten auf das Motto des Opernballs an, das in diesem Jahr „Das Leben ist schön – es lebe das Leben!“ lautet.

Beim MDR heißt es kurz und bündig:

m Rande des Opernballs in Frankfurt am Main ist es am Abend zu gewalttätigen Demonstrationen gekommen. Wie die Polizei mitteilte, warfen Demonstranten mit Steinen, zerstörten Fensterscheiben und zündeten Container an. Es habe einige Festnahmen gegeben. Bereits in den beiden vergangenen Jahren war es am Abend des Frankfurter Opernballs zu Auseinandersetzungen zwischen linken Demonstranten und Polizisten gekommen.

Auf News-Search wird vermeldet, der Opernball hätte „betrübt“ begonnen:

Bei einer Demonstration gegen den Frankfurter Opernball ist es zu Ausschreitungen gekommen. Zahlreiche Polizisten und Passanten wurden dabei verletzt, teilte die Polizei mit.
Rund 600 Demonstranten nutzten die Feierlichkeiten für Proteste gegen den Sozialabbau. Um etwa 18 Uhr kam es zu Auseinandersetzungen, so dass die Demonstration für beendet erklärt wurde. Laut Polizei zogen daraufhin ca. 200 Teilnehmer randalierend durch die Innenstadt und warfen u.a. mit Flaschen.

Vor dieser Vergleichsfolie muss mensch sich schon fast über den Bericht des hessischen Rundfunks freuen. Aber auch hier steht im Mittelpunkt, das es „wieder einmal“ zu Ausschreitungen kam:

Am Abend eskalierte die Situation. Nach dem Ende der Demonstration gegen Sozialkürzungen warfen laut einem Polizei-Sprecher zahlreiche Protestanten mit Steinen, zerstörten Fernsterscheiben und zündeten Container an. Dabei wurden nach Polizeiangaben zwei Beamte und vermutlich auch Passanten leicht verletzt, Polizeifahrzeuge wurde beschädigt. Etwa 100 Randalierer kamen in Gewahrsam, drei von ihnen wurden festgenommen. ( … )

Das lebenslustige Motto der Feiernden konterten die Protestierenden mit der Forderung „Her mit dem schönen Leben!“. Knapp 600 Demonstranten versammelten sich nach Polizeiangaben am Mittag am Frankfurter Mainufer. Über das Bahnhofsviertel zogen sie mit Motivwagen und lauter Musik zur Hauptwache. Die Demo endete mit einer Kundgebung vor dem Veranstaltungsort des Opernballs, der Alten Oper. Die Aktion der Demonstranten richtete sich gegen Kürzungen im Sozial- und Bildungssystem und die Einführung von Studiengebühren. Auf Plakaten forderten sie „Alles für Alle – Kapitalismus abschaffen“.

In den vergangenen beiden Jahren war es anlässlich des Opernballs zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen den Demonstranten und den Ordnungshütern gekommen, in deren Verlauf zahlreiche Autos beschädigt und Mülltonnen in Flammen aufgingen. Wenn die Polizei ähnlich massiv vorgehe wie im vergangenen Jahr, sei es „kein Wunder“, wenn Schaufenster zu Bruch gingen, hatte am Freitag ein Sprecher der Protestveranstalter gesagt.

Zwar wird auch hier „lebenslustige Motto der Feiernden“ als positiver Gegenbezug zur zersterischen Gewalt der DemonstrantInnen konstruiert, aber immerhin wird zumindest in einem Satz auf die Forderungen der je unterschiedlichen Demo-Fraktionen eingegangen: keine Kürzungen im Sozial- und Bildungssystem und keine Einführung von Studiengebühren auf der einen, „Alles für Alle – Kapitalismus abschaffen“ auf der anderen Seite. Was genau das nun aber heißen soll, wie sich die Intention des Protestes vom unpolitischen Sozialneid unterscheidet, wird nicht deutlich.

Schön ist da auch die Ausarbeitung der Schwäbischen Zeitung:

Fliegende Pflastersteine und Flaschen, verletzte Passanten und Polizisten, gefasste Randalierer und ein Beinahe-Verkehrskollaps in der Frankfurter Innenstadt. Doch von der Randale linksgerichteter Demonstranten gegen den Deutschen Opernball bekamen die meisten der 2200 meist prominenten Gäste am Samstagabend nur wenig mit. «Ich habe mich nur gewundert, dass so viel Polizei hier ist», sagte die Schauspielerin Marie-Luise Marjan («Lindenstraße»). «Wir sind mit dem Taxi hierher gekommen und haben gar nichts gemerkt», schilderte Ex-Verteidigungsminister Rudolf Scharping. «Überflüssig und doof», war der Kommentar von Schauspieler Wolfgang Fierek («Ein Bayer auf Rügen») zu den Demonstrationen: «Wenn sie etwas mitzuteilen haben, sollen sie es auf eine intelligentere Weise tun.»

Nun übersieht Frierek geflissentlich, das er gar nicht zur Kentnnis nehmen würde das da Leute mit was auch immer unzufrieden sind, würden sie es nicht an so prominenter Stelle derartig intensiv artikulieren. Unglücklicherweise haben er und der Rest der Öffentlichkeit es so aber auch nicht wahrgenommen. Auch hier wird wieder ein Konstrastmodell geliefert, indem aus der Eröffnungsrede des Opernball-Veranstalters Manfred Pasenau zitiert wird: «Mein Demokratieverständnis gerät angesichts von dem, was draußen passiert, ganz schön ins Wanken». Innen die ebenso legitime wie demokratische Party, draußen die undemokratischen Gewalttäter. Das ist die Botschaft, die von diesem Opernball und den Protesten dagegen ausgeht. Im besten Falle bleibt hängen, das es Leute gibt, die einfach die Schnauze voll haben und „dagegen“ sind. Und das „dagegen“ irgendwas mit der immer weiter aufgehenden Schere von Arum und Reich zu tun hat. Wenn nun allerdings dies vermeintliche Interesse (es geht hier um die öffentliche Wahrnehmung, nicht um das Selbstverständnis des Bündnisses!) der „breiten Masse“ von weniger Leute artikuliert werden als auf der elitären Luxus-Veranstaltung abhängen, dann hat das nicht unbedingt große aufklärerische Wirkung und kommt eher als dumpfe Propaganda an.

Und weil’s so schön ist, hier noch mal ein Zitat vom Onlineportal des Stern:

Während in der in der Alten Oper zu Frankfurt rund 2200 Gäste den Opernball feierten, flogen draußen Steine und Flaschen. Rund 600 Demonstranten nutzten die Feierlichkeiten für Proteste gegen den Sozialabbau. Bei Protesten gegen den Frankfurter Opernball ist es zu Ausschreitungen von Demonstranten gekommen. ( … )

In den vergangenen beiden Jahren war es nach dem Protestzug zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen linksgerichteten Demonstranten und der Polizei gekommen. Die Besucher des Opernballs haben pro Karte zwischen 130 und 655 Euro bezahlt. Rund 180 Künstler unterhalten die Gäste

Auch hier wiederholt sich das altbekannte Schema: die einen möchten feiern, die andern Krawalle machen. Dabei dienen aber – in anderen Texten ist das ähnlich, da habe ich nur vor der entsprechenden Stelle das Zitat abgeschnitten – die Krawalle letztlich nur als kulturelles Spektakel. Wie von der Nachrichtenagentur vorgegeben folgen am Ende jedes Berichtes die Hinweise auf die Krawalle auch in den letzten Jahren, direkt und ohne Übergang gefolgt von Eintrittspreisen und Unterhaltungsprogramm. Es könnte fast schon wieder subversiv sein, wäre der Verweis auf das gesellschaftlichen Nebeneinander von Reichtum (der einen medialen Ausdruck im Opernball findet) und Armut (der sich im Sozialabbau niederschlägt) deutlicher herausgearbeitet worden. Diesen Schritt allerdings macht die Presse nicht freiwillig. Dafür wäre vermutlich etwas mehr Subversion nötig.

In den Medien ist also, das halte ich vorläufig fest, nicht viel vom Anliegen des Ums-Ganze-Bündnisses angekommen. Am Montag kann mensch die Auflistung sicherlich noch mal ergänzen, ich fürchte aber, das sich da nicht viel substantielles ändern wird. Es bleibt aber nach wie vor die Frage offen, wie die Wirkung innerhalb der Demo bzw. innerhalb einer interessierten, sich links verortenden Öffentlichkeit gewesen ist. Da es dafür keine wirkliche Referenzgröße gibt, halte ich mich hier an die Kommentare bei Indymedia. Dabei ist klar das es sich hier nicht um repräsentative Daten handelt, aber zum Zwecke der illustration müssen sie uns reichen.

In dem ersten Bericht auf Indymedia wird vergleichsweise positiv über die Demo berichtet. Die Eskalation wird einseitig der Polizei zugeschrieben und auch in den Ergänzungen wird dieser Tenor mehrheitlich geteilt:

Die Damen und Herren Polizisten schienen die Demo mit allen Teilnehmern irgendwohin weiterführen zu wollen, auch wenn kein erkennbarer roter Faden darin war. Anders kann ich mir die Absperrung am Ende des Demo-Zugs, die auch immer weiter nach hinten ausgegriffen hat, jedenfalls nicht erklären.
„Communicator“en waren auch nicht mehr erkennbar, sobald sie gebraucht worden wären, um eben diese Auskünfte zu geben. Zwei grün-weiße Lautsprecherwagen fuhren am Ende des Demo-Zuges mit und brachten keine Information. Direkte Fragen wurden auch nicht beantwortet.
Irgendwie also – aus Sicht eines friedlichen Demonstranten – ziemlich verfehlte Polizeitaktik. Möglicherweise vereinzelt auch eine gewisse Freude daran, auf Menschen einzuschlagen?
Schließlich sollte eigentlich jeder Mensch in einer Demokratie das Recht haben, nach einer Demo auf dem Weg seiner Wahl (Bürgersteig, U-Bahn…) frei nach Hause zu gehen. Einige grünvermummte Damen und Herren sahen dies jedoch tatkräftig anders, wie mein Magen bezeugen kann. Mündliche Information oder Warnung fehlte wieder…

Lustig auch die an dieser Stelle bei Indy gepostete Pressemitteilung der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz:

Drei Mitglieder des Landesvorstandes der GRÜNE JUGEND Rheinland-Pfalz wurden auf der Demonstration festgenommen. Sie hatten an der Demo teilgenommen um friedlich zu protestieren und ihre Solidarität mit den Anliegen der Demonstration zu bekunden.
„Die Teilnahme der Mitglieder des Landesvorstandes der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz ist rein friedlich abgelaufen, wir sehen daher keine Rechtfertigung für eine Festnahme und verurteilen deshalb das Verhalten der Polizei aufs Schärfste.“, so Laura-Luise Hammel, Sprecherin der Grünen Jugend Rheinland-Pfalz.

Über die Teilnahme an Demonstrationen mit Auseinandersetzungen zwischen Polizei und DemonstrantInnen kann sicher immer auch eine Erkenntnis in die Realität von Polizei und Rechtsstaat erfolgen. Die beiden Statements würde ich als Bespiel für Ansätze genau dieser Wirkung ansehen. Allerdings bleiben diese Einschätzungen nicht ungebrochen. So formuliert eine Demo-Teilnehmerin ihre Kritik wie folgt:

Klar ist, dass sich die B u l l e n in der Fressgasse ziemlich provokativ verhalten und sich uns in den Weg gestellt haben. Über die Knüppelwut der grünen brauche ich nichts zu sagen. Aber ich behaupte jetzt einfach mal: Wären die Damen und Herren in den ersten Reihen nicht so ausgetickt, wäre die Lage nicht (oder jedenfalls nicht so früh) eskaliert, die D e m o hätte nicht aufgelöst werden müssen und wir wären auch noch bis zur O p e r gekommen! ( … )
Und an der Tatsache, dass wieder mal zu viele Gewaltfetischisten da waren (auf beiden Seiten), die sich nicht zusammenreißen können, wenn es darum geht eine D e m o wenigstens bis zum Bestimmungsort zu bringen. Es ist bedauerlich und ein Phänomen, dass die O p e r n b a l l d e m o s immer so ablaufen müssen…. (Hervorhebungen im Original)

Bei aller Kritik an der Polizei, so wird hier argumentiert, seien doch Teile der Demonstrierenden auch nicht viel besser. Die „Aus­drucksformen die nicht vereinnahmbar sind und denen die FreundInnen des schlechten Bestehen­den nichts Positives abgewinnen können“ (Zitat aus dem Aufruf des Ums-Ganze-Bündnis) sorgen hier genau für den Effekt, der ihnen zugeschrieben wird: sie schrecken ab. Wer nicht ohnehin überzeugt ist, kann dem tatsächlich „nichts Positives abgewinnen“ Auftrag ausgeführt.

Nun will ich damit nicht in die spalterische Trennung in gute (friedliche) und böse (gewaltbereite) DemonstrantInnen verfallen. Der Hinweis auch bei Indymedia, der Schwarze Block sei „nicht Lösung, sondern Teil des Problems. Wenn die Linke je ernst genommen werden will, muss sie sich zwingend von diesem Gesindel distanzieren“ ist nicht meiner. Weniger als Distanzierung wäre allerdings eine Auseinandersetzung über Sinn und Unsinn solcher Praxisformen angebracht, ohne dabei in stumpfsinnige bürgerliche Ressintements über Gewaltfreiheit zu verfallen.

In dem zweiten Indymedia-Bericht und der dazugehörigen Diskussion scheint sich die oben gemachte Einschätzung der Wahrnehmungsstrukturen der Demo-Reste zu bestätigen. Dabei geht es mir weniger um den schwachen Bericht selber, als mehr um die Diskussionsbeiträge. Es mag sein, das die fehlenden Basisdaten in dem Artikel (worum ging es eigentliich? etc) dazu beigetragen haben, aber raus kamen Statements wie dieses:

Demos die anscheinend keine politischen Ziele haben, sondern nur einigen Spinnern zum Ausleben ihrer Gewaltphantasien dienen sind ziemlich sinnlos. Sie diskreditieren das Bild der Antifa in der Öffentlichkeit, das sich durch so etwas wohl nur auf „linke gewaltätige Idioten“ beschränkt. Wodurch der „normale“ Bürger bei Anti Nazi Aktionen bestimmt nicht in die Nähe der Antifa gerückt werden will.
Also an alle geqwaltgeilen Menschen einfach Hooligan werden und nicht unter dem Deckmantel Antifa die Gewalt ausleben.

In der Wahrnehmung dieses Menschen ging es lediglich um das Ausleben von Gewaltphantasien. Besse als ein Amoklauf allemal, aber eigentlich im Fußballstadion besser aufgehoben. Diese Einschätzung steht der sehr bewussten Wahl der Aktionsform und den langwierigen Debatten über die zu vermittelnden Inhalte diametral entgegen. Natürlich ging es den Gruppen um mehr als nur um reine Gewalttätigkeit. Nur dass das leider niemand mitbekommen hat.

Ich will dabei gar nicht abstreiten, das die vorgebrachten Argumente meist eher dürftig sind und vor Ideologie nur so strotzen. Trotz allem zeigen sie, wie bestimmte Aktionen wahrgenommen werden. Nehmen wir etwa den Kommentar hier:

Ich kapier´ euer Ziel einfach nicht. Was bewirkt man, wenn man einem Gastwirt die Möbel auf der Fressgass zerstört? Wem will man schaden? Dem Gastwirt?
Was bewirkt man durch Zerstörung? Was bringt es dem Metzger, dem Italiener, dem Bäcker, dem Spanier die Scheibe einzuwerfen?
Mensch Kinder, das sind Leute wie Ihr. Oder dachtet Ihr den Stromkasten einer Baustelle bezahlt die Stadt, wenn Ihr ihn kaputt macht? Den zahlt der Bauunternehmer, der per mühsamer Ausschreibung den Auftrag bekommen hat und sich über Wasser hält.
Der kann jetzt den Montag damit verbringen seinem Geld hinterherzulaufen. Tolle Leistung, echt!
Es will mer net in de Kopp hinei.

Das, was als radikale Kritik am Kapitalismus als einer Form „abstrakter Herrschaft“ gedacht war, wird so als vermeintlich konkreter Angriff auf Bäcker, Metzger und italienischen Gastwirt gelesen. Das der Kapitalismus als ganzer Falsch ist, heißt halt nicht, das deshalb alles was in ihm kreucht und fleucht persönlich angegriffen werden kann, ohne das die Kritik nach hinten losgeht. Gemeint war etwas anderes, aber das hat niemand mitbekommen.

Ganz ähnlich der letzten auch diese Einschätzung:

Das mit den Randalen seh ich genauso. Die Krawalle in der Fressgass hätten nicht sein müssen. Die Schirme, Stühle und Tische gehörten kleinen Cafes/Restaurants und nicht irgendwelche Großkapitalisten. Auch scheisse ist es, am Rand geparkte Autos (ich meine nicht Bullenautos, sondern Mercedese) zu smashen. Wenn ihr was gegen Mercedes habt, müsstet ihr auch die Lautsprecherwägen der autonomen.antifa [f] smashen, die sonst immer eingesetzt werden.
Ich hab nix gegen Krawall, aber was gegen sinnlose, nicht zielgerichtete Zerstörung.

Hier kommen wir dem oben diskutierten Problem näher: kleine Restaurants gelten als gar nicht so schlimm, der Kapitalismus wird mit Großkapitalisten assoziiert. Das ist natürlich Ideologie: dem Bündnis ist rechtzugeben, das der Kapitalismus eine abstrakte Struktur ist, die durch unser aller Handeln täglich hergestellt wird. Das kleine Restaurant ist genauso Teil des Ganzen wie die Bank oder die Fabrik. Auch wenn es sicherlich war ist, das die Läden wohl versichert sein werden: Daraus nun aber umgekehrt zu folgern, deshalb müssten sie ebenfalls militant angegriffen werden, erscheint mir aber nicht wirklich schlüssig. Und schon gar nicht vermittelbar. Und: selbst das Argument, am Ende würde doch die Versicherung zahlen und die könne sich das ja wohl mal leisten, ich auch nicht besonders weit von der Kritik am Großkapital entfernt.

Die Kehrseite des allgemeinen Focus auf die Gewalt ist dabei die nicht zur Kenntnis genommene politische Ausrichtung. So schreibt eine Demo-Besucherin: „Jetzt wär ich dankbar, wenn mir mal jemand die Botschaft erklären könnte, die da an die Öffentlichkeit transportiert werden sollte. Die Party bei den Beschallungswagen hab ich gesehen, politische Äusserung konnte ich da aber keine feststellen.“

Wenn dann von Seiten der AktivistInnen darauf verwiesen wird, das es trotz allem aber um eine radikale Kritik der Gesellschaft ginge, ist dann zwar richtig, aber verweist gleichzeit auf die Unzulänglichkeit der Schlussfolgerung:

Dieser Wahnsinn, dass der gesellschaftliche Fortschritt nicht allen gleichermaßen zu gute kommt (es MUSS nicht jeder arbeiten bei so einer Produktivität) verdient es, mit allen Mitteln bekämpft zu werden.
ein kleiner Riot auf ner Demo kann ein Anfang sein, zumindest stellt er die Unzufriedenheit dar.

Nun glaubt vermutlich niemand, das „ein kleiner Riot“ den Wahnsinn ernsthaft in Gefahr bringen wird. Das Argument scheidet also aus, bei direkten Aktionen gegen Abschiebungen würde es vielleicht noch Sinn machen, aber hier wohl kaum. Das dieser Riot eine Unzufriedenheit darstellt mag dabei sicherlich sein, nur passt diese befindlichkeitsfixierte Anmerkung kaum zur theoretischen durchdachten Kritik, deren Ausdrucksform sie darstellen soll.Ich jedenfalls wäre für mehr Direct Action.


6 Antworten auf “Das Ding mit der Vermittlung”


  1. 1 papabär 26. Februar 2007 um 3:14 Uhr

    ho ho ho,
    monsieur hat gesprochen …

    hat er eventuell schon mit augenzeug_innen geredet?
    nee, hat er nicht, war ja mit bloggen beschäftigt …

    ist ihm klar, dass seine medienzitate aus einundderseelben presseagentur stammen?
    schweiz, focus etc. scheissegal, eigenständige berichte gibt’s leider mal wieder nur auf indymedia und, da es hessen ist, beim hr. den rest kann er vermutlich getrost einer einzigen person im dienste von dpa o.ä. zuordnen.

    dass indy nicht repräsentativ ist, weiß er selbst.
    warum zitiert er es dann?

    zur kritik an ansatz und umsetzung wird er bei zeiten eine (oder mehrere) antwort(en) erhalten.
    wahrscheinlich nicht konstruktiv.

    trotzdem rg

  2. 2 Benni Bärmann 26. Februar 2007 um 11:56 Uhr

    Viel Arbeit hast Du Dir da gemacht. Ich fands lesenswert. Papabär hat wohl nicht verstanden worums ging: nicht um eine Untersuchung, wie es objektiv war, sondern wie es wahrgenommen wurde, und dafür sind die (Indy-)Medienberichte genau der richtige Ansatzpunkt und dafür ist es auch unerheblich ob es da „die eine Person“ von DPA gibt oder nicht, an der alles hängt.

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 26. Februar 2007 um 12:24 Uhr

    „getroffene hund bellen“ – oder wie heißt das immer?!

    natürlich stammen die texte aus der selben presse-agentur, darum schreibe ich ja auch: „Wie von der Nachrichtenagentur vorgegeben folgen am Ende jedes Berichtes …“ Die Tatsache aber, das es von allen übernommen wird, spricht da jedenfalls für erstmal gar nichts.

    „zur kritik an ansatz und umsetzung wird er bei zeiten eine (oder mehrere) antwort(en) erhalten.
    wahrscheinlich nicht konstruktiv.“

    konstruktivität wäre ja auch schon fast zu viel linke debattenkultur, was?! was mich aber tatsächlich interessieren würde: welche psychologische funktion erfüllt die ansprache in der dritten person?

    gerade jetzt: bunte grüße ,-)

  4. 4 blubb 26. Februar 2007 um 17:13 Uhr

    mir scheint du vergisst ein wichtiges argument, vielleicht hab ich es auch überlesen… aufzuzeigen, dass es überhaupt widerstand gibt, fernab vom reformismus, scheint mir in diesen zeiten kein unwichtiges ding zu sein…

    http://www.hr-online.de/website/fernsehen/sendungen/video_archiv5300.jsp?rubrik=5300&r=1&y=2007&t=20070224&key=standard_document_29600074&mediakey=fs/hessenschau/20070224_opernball&type=v&jm=1&jmpage=1

  5. 5 glückskeks 26. Februar 2007 um 18:43 Uhr

    Naja und dann wir din teilen in der Argumentation noch eins übersehen und zwar ein allgemein anerkanntes: Jede Berichterstattung ist gute Berichterstattung. Nun kann mensch das natürlich nicht als eine allgemeine Maxime so stehen lassen und danach leben. Das wäre ja Quatsch und würde dazu führen, dass mensch sich keine Gedanken mehr über Vermittlung gemacht werden müsse, aber es geht bei einer Demo im wesentlichen nicht um Theorievermittlung und Überzeugungsarbeit. Das sollte definitiv an anderer Stelle gemacht werden und auch ein Aufruf dient nur bedingt diesem Zweck. Vielmehr geht es darum praktische Ziele zu verwirklichen die kurzfristig auch punkten können. Und bei dieser Demo kann mensch schon fest stellen, dass sie erheblich mehr Presse und Aufmerksamkeit erreicht hat als die Gewerkschaftsdemo in Hannover. Hier lässt sich erfolg nicht quantifizieren, aber immerhin kann mensch feststellen, dass mehr leute mit dieser doch recht „kleinen“ Demo erreicht wurden als mit diesem Gewerkschaftsding was ja nun an Bürger_innen nähe kaum zu überbieten war. Was den konkreten Kontext betrifft: Die Demo war, so würde ich das zumindest verstehen, nicht eingebettet in tatsächlicher Theorievermittlung (wohl auch, aber nichtsdestotrotz lässt es sich als event-hopping bechreiben (Opernball-G8), mehr als Polarisierungsversuch im Vorfeld des G8, was vielleicht zu einem radikaleren Potenzial führen könnte. Ablehnen würde ich den Ansatz aus den obengenannten Gründen also nicht. Als unproblematisch würde ich den Ansatz jedoch auch nciht bezeichnen…

  6. 6 emanzipationoderbarbarei 27. Februar 2007 um 10:24 Uhr

    @blubb

    naja, aber lässt sich „überhaupt widerstand“ positiv besetzen solange nicht klar ist, das er emanzipatorisch ist? und die wahrnehmung scheint mir doch bestenfalls indifferent zu sein.

    @glückskeks

    „Jede Berichterstattung ist gute Berichterstattung“

    Das halte ich für eine der größten Gerüchte seit Erfindung der Medienwissenschaft. Ernstgenommen würde das Argument darauf hinauslaufen, möglichst oft über sich berichtet zu bekommen. Was dann aber auch wieder niemand versucht.

    Vielmehr geht es darum praktische Ziele zu verwirklichen die kurzfristig auch punkten können

    Praktische Ziele? Was gab es denn für emanzipatorische Errungenschaften? Oder: Was sollte es für welche geben?

    Und bei dieser Demo kann mensch schon fest stellen, dass sie erheblich mehr Presse und Aufmerksamkeit erreicht hat als die Gewerkschaftsdemo in Hannover.

    Das bestreite ich nicht. Aber ich bezweifle, das sie mehr kritisches Gedankengut vermittelt hat als die Gewerkschaftsdemo, egal ob in Hannover oder Frankfurt. Und das ohne der Gewerkschaft überschnittlich kritische Inhalte zuschreiben zu wollen…

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