Postone (2): Die Krise des traditionellen Marxismus

[Der zweite Teil der Moishe Postone – Zusammenfassung. Viel verständliche inhaltliche Wiedergabe, wenig bis keine Interpretation]

[Seite 27]Moishe Postone charakterisiert den traditionellen Marxismus (wie wir bereits im ersten Teil dieser Lektüre gelesen haben) durch drei Dinge: (1) den Standpunkt der Arbeit, (2) den Fokus auf Privateigentum und Klassenbeziehunen und (3) den Fokus auf den Markt. [Seite 28] Die marx’sche Formulierung von Widerspruch zwischen gesellschaftlichen Verhältnissen und Produktivkräften erscheint in der Interpretation des traditionellen Marxismus als Widerspruch zwischen Privateigentum und Markt auf der einen und der industriellen Produktionsweise auf der anderen Seite.

Privateigentum und Markt gelten als kapitalistisch, die industrielle Produktionsweise als die Basis der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft. Sozialismus zeichnet sich in diesem Verständnis also aus durch: (1) kollektive Verfügungsmacht über die Produktionsmittel, (2) Wirtschaftsplanung sowie (3) industrielle Rahmenbedingungen.

Unter diesem Begriff des „traditionellen Marxismus“ fällt ein breites Spektrum an Theorien, die unter anderen Gesichtspunkten durchaus unterschiedlich sind. Aber alle bauen auf einen Begriff der „Arbeit“ auf , der diese als überhistorischen Urgrund allen gesellschaftlichen Lebens fasst. Der marxschen Werttheorie wird als Theorie über den wertschaffenden Charakter der Arbeit im Allgemeinen aufgefasst. [Seite 29]Der Kapitalismus hat hier lediglich die Besonderheit, dass sich die KapitalistInnen-Klasse den (transhistorischen) Mehrwert mit Hilfe von Marktprozessen und dem Privateigentum an Produktionsmitteln aneignen kann. Als Kritik gilt dabei der Nachweis, dass (1) auch im Kapitalismus Arbeit die Quelle allen Reichtums sei und das dieser (2) auf Ausbeutung beruht.

Geschichtliche Entwicklung hin zur freien Gesellschaft geht für den traditionellen Marxismus etwa wie folgt: Markt und Privateigentum schaffen durch die Konkurrenz die Industrieproduktion. Diese vermehrt die Menge des gesellschaftlichen Reichtums enorm. Irgendwann passt die Veteilung von Waren und Geld über den Markt ebenso wie die private Verfügungsmacht über die Produktionsmittel nicht mehr zur Industrieproduktion. Gleichzeitig werden die technischen, gesellschaftlichen und organisatorischen Voraussetzungen für die Abschaffung des Privateigentums (Zentralisierung der Produktionsmittel, Trennung von Eigentum und Management, Entstehung und Anwachsen des Proletariats) geschaffen.

[Seite 30] All dies gilt Postone als „Kritik der Distributionsweise“ (also der Verteilung) im traditionellen Marxismus. Die Produktivkräfte geraten in Widerspruch zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und werden so zur Basis der freien Gesellschaft. Die Produktivkräfte sind dabei mit der industriellen Produktion gleichgesetzt und werden entsprechend als rein technischer, vom Kapitalismus unabhängiger Prozess gesehen. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden vom Kapitalismus verkörpert und gelten entsprechend als Ansammlung von Faktoren, die auf den Produktionsprozess einwirken, als eine ihm äußerliche Klassenherrschaft. Der Übergang zum Sozialismus wird so zu einer reinen Veränderung der Verteilungsverhältnisse bzw. der Distributionsweise. Die auf der proletarischen Arbeit beruhende Produktionsweise soll dabei in den Sozialismus übernommen werden.

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Der Kapitalismus wird nicht zuletzt auch dafür kritisiert, das er der Industrieproduktion nicht angemessen ist. Im Sozialismus soll die gesellschaftliche „Verwirklichung“ der Arbeit ermöglicht werden. Vor diesem Hintergrund gilt das Proletariat als „universelle Klasse“, da sie mit der „Arbeit identifiziert wird. [Seite 32] Ihr Interesse ist Universalinteresse, das den partikularen Aneignungsinteressen der KapitalistInnen entgegengesetzt wird. Das wahrhaft universalistische Interesse wird allein durch Arbeit konstituiert und das soll um jeden Preis umgesetzt werden. Postone kritisiert diese Sichtweise als totalisierend.

Innerhalb der geschilderte Grundstruktur gibt es unterschiedliche Ausprägungen mit teilweise durchaus treffenden Analysen. An ihre Grenzen stoßen die Analysen aber schon beim Übergang vom marktzentrierten, libveralen Kapitalismus hin zum staatsinterventionistischen Modell im 20. Jahrhundert. [Seite 33] Da der Markt als zentrale Regulationsinstanz angesehen wurde, konnte die zunehmende staatliche Verregelung nur schwer erklärt werden. Entweder musste so die Erklärungskraft auf Teile der Theorie oder auf das 19. Jahrhundert beschränkt werden. Ebenso taten sich diese Theorierichtungen schwer mit einer Kritik des Realsozialismus, der als nicht-kapitalistisch angesehen wurde, da Markt und Privateigentum hier abgeschafft waren. Schuld an real-sozialistischen Misständen wurde dann einer der Ökonomie äußerlichen Bürokratie zugeschrieben.

[Seite 34] Dieser ökonomische Schwerpunkt der Theorie zerstört den Zusammenhang von Sozialismus und Freiheit. Dasselbe gilt auch für eine Kritik geschlechtsspezifischer Herrschaft, die sich innerhalb des alten Theoriegerüsts nicht formulieren lässt. Auch die in den Unzufriedenheiten und sozialen Protesten gelegenen Kritikpunkte können so kaum gefasst werden. Das gilt etwa für die Kritik an Fortschritt und Wachstum, an ökologischen Problemen, die Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen oder die Kritik an [Seite 35] nicht-klassengebundener sozialer Diskriminierung.

Diese Krise des traditionellen Marxismus sorgt – nicht zuletzt angesichts der aktuellen Transformationen der Gesellschaft – jedoch nicht dafür, das Kapitalismuskritik übeflüssig wäre. Diese Transformation geht ähnlich tief wie der Wandel zum staatsinterventionistischen Kapitalismus und zeichnet sich vor allem durch eine Erosion all der Kategorien aus, die im staatsinterventionistischen Kapitalismus im Mittelpunkt standen (zentralisierte Produktion, große Industriegewerkschaften, ständige Eingriffe der Regierungen; stattdessen jetzt: Teilweise Dezentralisierung von Politik und Produktion, viele neue gesellschaftliche Gruppierungen, Globalisierung…)

[Seite 36] Die gegenwärtige Phase des Kapitalismus zeichnet sich einerseits durch neue Entwicklungen (wie etwa die Neuen Sozialen Bewegungen), andererseits aber auch durch gewisse Kontinuitäten (zunehmende Konkurrenz am Weltmarkt) aus. Kapitalismuskritik muss in der Lage sein, beide Dimensionen zu erfassen. Weder dürfen die Veränderungen außer acht gelassen werden, noch dürfen sie alleiniger Bezugspunkt sein. [Seite 37] Ebenfalls unzulässig ist eine Addition ökonomistisch-traditioneller Theorien mit neue kulturalistischen Ansätzen, solange diese die bisherigen theoretischen Voraussetzungen des Marxismus teilen.

Die Wirtschaftskrisen der 20er und 30er Jahre des letzten Jahrhunderts zeigten die Grenze der marktvermittelten ökonomischen Selbststeuerung des Kapitalismus auf – und damit die Grenzen der Theorien, die den Kapitalism mit seiner liberalen Phase gleichsetzten. Nach dem Ende der Wachstumsphasen nach dem 2. Weltkrieg wurden die Grenzen staatlicher Ökonomiesteuerung deutlich – und damit die Grenzen der Theorien, die den Übergang vom liberalen zum staatszentrierten Kapitalismus für einen evolutionären Prozess gehalten haben. Entsprechend sind sowohl der keynesianische Sozialstaat als auch der Realsozialismus am Ende. Dieser historische Zusammenhang verweist bereits auf die Enge der Verwandtschaft dieser beiden ‚Systeme‘.

[Seite 38] In der aktuellen Krisenphase kam es kaum zu kritisch-theoretischen Interventionen. Ihr Ausbleiben verweist auf eine theoretische Unsicherheit, die mit der Krise des traditionellen Marxismus korrespondiert. Sowohl der Dogmatismus der K-Gruppen in den 70ern als auch die rein politischen Kritikvarianten der diversen „postmodernen“ Theorien [Seite 39] sind Ausdruck dieser Unsicherheit.

Die neue Kritische Theorie soll auch ein Beitrag zur Demokratietheorie sein und die politische Freiheit ins Zentrum stellen. Dies setzt allerdings eine Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen von Freiheit voraus.