Postone (4): Grundrisse – Der Wesenskern des Kapitalismus

[Noch immer Postone. Diesmal rezipiert er die Grundrisse – oder Teile davon.]

[Seite 49] Postone steigt in die „Kritik der politischen Ökonomie“ über die Grundrisse ein.Diese seien zwar weniger konsequent und logisch strukturiert, ließen aber „die allgemeine strategische Absicht“ besser hervortreten. Er thematisiert zunächst Marx‘ Überlegungen zum Widerspruch von ‚Produktionsverhältnissen‘ und ‚Produktivkräften‘ und weist nach, dass es Marx um eine Veränderung der Produktionssphäre (und nicht lediglich der Distributionssphäre, also der Verteilungsstrukturen) geht. [Seite 50] Er zeigt dabei, dass Marx sowohl den Markt als auch die Eigentumsverhältnisse dem Bereich „Distribution“ zuordnet. [MEW 42, 723] Daraus folgert er, das Marx unter „Produktionsverhältnissen“ scheinbar mehr versteht als reine Klassenbeziehungen – und deshalb scheinbar auch mehr überwinden möchte als diese. Produktionsverhältnisse ‚abzuschaffendes‘ bezeichnen dabei nämlich die „Art und Weise des Produzierens“ selbst.

[Seite 53] Im Kapitel über den „Wesenskern des Kapitalismus“ steigt Postone damit ein, das der Wert in seiner Auffassung die grundlegende Basiskategorie darstellt – der Kapitalismus also als Produktion von Wert treffend charakterisiert ist. Wer ist dabei sowohl eine bestimmte Form gesellschaftlicher Verhältnisse als auch eine besondere Form des Reichtums.

[Seite 55] Wert als Reichtum bezieht sich auf Arbeitszeit als Wertmaß. Das verweist für Postone auf die zeitliche Komponente der marx’schen Theorie. [MEW 42, 600] Dabei bewirkt technologischer Fortschritt, dass Arbeit immer mehr aus dem Produktionsprozess verdrängt wird, gleichzeitig aber anerkanntes Reichtumsma bleibt, so dass ein Widerspruch zwischen „Wert“ und „wirklichem Reichumg“ entsteht. Mit der Formulierung ist auch gesagt, das der Wert nur ein historisch spezifisches Reichtumsmaß darstellt und die Theorie vom Arbeitswert nur für den Kapitlismus gilt. [Seite 56] Argumentationen gegen die Arbeitswerttheorie als geschichtsübergreifend wertschaffend sind daher für die Position von Postone irrelevant.

[Seite 58] Entsprechend ist die Aufhebung des Kapitalismus für Marx gleichbedeutend mit einer ganz grundsätzlichen Veränderung der materiellen Produktionsform, also der Art der menschlichen Arbeit. Statt wie der traditionelle Marxismus einen Widerspruch zwischen kapitalistischer Produktionsweise und Industrieproduktion zu behaupten, bestimmt Postone die industrielle Produktionsweise als spezifisch kapitalistisches Phänomen. Die Produktivikräfte sind somit vom Wert geformt und müssen umgewandelt werden. Dabei verkörpern die Produktivkräfte für Postone selbst einen Widerspruch: [Seite 59] die aktuelle Ausformung der kapitalistisch geformten Produktion und ihr in einer neuen Produktionsform zufallendes Potential fallen nicht in eins. Es ginge also um einen Transformationsprozess, in dem nicht nur die materiellen, sondern auch die formellen Aspekte der Lohnarbeit umgewälzt werden. Technische Möglichkeiten könnten genutzt werden, ohne die konkrete Anordnung in anonymen Fabrikhallen mit hierarchischen Befehlsstrukturen beibehalten zu müssen.

[Seite 60] Für Marx und Postone bedeutet dieser Prozess auch die Aufhebung der Vorgeschichte der Trennung von geistiger und körperlicher Arbeit.