Wiederaufnahme

I am back. Mit wenig neuen, aber vielen alten Erkenntnissen. Das Lohnarbeit tatsächlich nicht taugt. Das auch angenehmen Arbeitsbedingungen es nur bedingt besser machen und wir den Ganzen schmonz endlich mal hinter uns lassen sollten. Viel verändern wird sich hier auch in Zukunft nicht. Vielleicht wird mittelfristig die durchschnittliche Zahl der Postings etwas sinken, aber auch das steht noch in den Sternen. Danke jedenfalls noch mal für die zumeist anregende und solidarische Kritik :-)

Zwei Wochen in einem Reha-Zentrum für körperlich behinderte Kinder sind immer auch zwei Wochen Studienzeit für gesellschaftliche Realitäten. Die dann, weil großteils banal, auch recht schnell abgehandelt werden können. Alle Kinder der Gruppe wurden von ihren Müttern begleitet. Die Männer haben maximal bei der Anreise geholfen, die schweren Koffer ausgeladen und dergleichen mehr. Danach haben sie sich zurückgezogen und ihre Frauen dem überlassen, was gemäß Eva Herman noch immer ihr Job ist: Kinder hüten. Im Zweifelsfall ist also auch hier klar, wer sich um die Kinder zu kümmern hat.

Das Personal ließ sich in vier Gruppen aufteilen. Ein ärztliches Team, ein psychotherapeutisches Team und ein (kleines) Team für die Rahmenorganisation, das Rundum-Wohlfühlen der Reha-Kids und ihrer Begleitmenschen sowie die Raumpflegecrew. Das ärztliche Team bestand, bis auf eine rühmliche Ausnahme, nur aus Männern. Der Chef war selbstverständlich auch ein Kerl, dem ebenso selbstverständlich das größte Zimmer im Haus zustand. Aufgabe hier war die ärztliche, vor allem aber die wissenschaftliche Begleitung der Reha-Maßnahme. Das psychotherapeutische Team mit der Aufgabe, die konkrete Genesung der Kids zu gewährleisten, die Übungen am Menschen zu absolvieren und dergleichen mehr bestand – wie sollte es auch anders sein – zu 100% aus Frauen. Das Koordinations- und Kommunikationsteam bestand ebenfalls aus (zwei) Frauen und die Raumpflegecrew setzte sich ebenfalls ausschließlich aus Frauen zusammen. Die im letzten Fall zudem noch ausschießlich einen Migrationshintergrund hatten.

Die Größe der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten korresponierte mit der Gruppenzusammensetzung – und aller Wahrscheinlichkeit wohl auch mit dem Verdienst. Der Chefarzt hatte das mit Abstand größte Zimmer, die Psychotherapeutinnen schon wesentlich kleinere, das Orga-Team teilte sich zu zweit ein Zimmer und der Raumpflegecrew stand nur ein mickriger Aufenthaltsraum zur Verfügung.

Neben dem sich einschleifenden tagtäglichen Alltagstrott gab es nur eine handvoll berichtenswerte Vorfälle, die über das quantitativ-statistisch eindeutige hinausgingen. Da war etwa die Gruppe von etwa 15 Menschen, die plötzlich die Sporthalle (in der grade eine Reha-Übung stattfand) betritt, um seine Nutzung für die geplante Eröffnungsfeier des Zentrums zu überprüfen. Das Geschlechterverhältnis der weitestgehend mit akademischem Habitus agierenden Gruppe war relativ ausgeglichen, trotzdem redeten zunächst nur die Männer.

Die erste Frau die sich ins Gespräch einbrachte, fragte vor ihrem Redebeitrag nach, ob es wohl okay sei, wenn sie auch einmal etwas sagen würde. Die zweite Frau die etwas sagen wollte hat auf diese Versicherung verzichtet – und wurde auch prompt unterbrochen. Von einem Mann selbstverständlich. Im Fortgang des Gespräches hat sich dies Bild stabilisiert. Die Frauen wurden fast in jedem Redebeitrag unterbrochen, Männer fast nie. Die Unterbrechung ging aber in jedem Fall von einem Mann aus, Frauen haben niemanden das Wort abgeschnitten. Auch inhaltlich gab es Unterschiede zu bemerken. So waren die Redebeiträge der Männer – zumindest in Teilen – mit Selbstverständlichkeiten wie dem Hinweis, das es ja noch genug Zeit gäbe das alles zu regeln, beladen. Während die Anmerkungen der Frauen sich auf spezifische Verbesserungsvorschläge zum Ablauf der geplanten Veranstaltung bezogen.

Als die Gruppe dann nach etwa 10 Minuten den Raum verlies, waren es aus der gesamten Gruppe nur (drei) Frauen, die sich für die Störung entschuldigt haben. Der Rest hat den Raum mit wortloser Selbstverständlichkeit verlassen.

Die Essensorganisation war ein wunderbares Beispiel für gesellschaftliche Widersprüche: Das Essen wurde zentral organisiert und in einer zentralen Küche zentral gekocht. Die Einzelnen durften aber anhand eines Essensplanes individuell auswählen, was sie den gerne „serviert“ bekommen würden. Am Ende hat dann weder das Essen geschmeckt noch konnte auch nur einigermaßen sinnvoll auf die Bedürfnisse der je Einzelnen eingegangen werden. Individuum und Allgemeinheit gehören eben versöhnt – und nicht oberflächlich miteinander verknüpft.

Ein positiver Ausblick war dann allerdings der Umgang mit diesem mäßigen Krankenhaus-Essen, das dreimal täglich angeliefert wurde. Obwohl vorher Wünsche angegeben werden konnten, kam es natürlich wie es kommen musste: dem einen schmeckt dies nicht, der anderen fehlt jenes. Und so etablierte sich eine recht umfangreicher Nahrungsmittel-Distribution, bei der vor allem derdirekt neben dem Essenstrackt gelegene Küchenbereich als Umschlags- und Aufbewahrungsort diente. Dadurch, das alle ihre überschüssigen Lebensmittel allen anderen zur Verfügung gestellt haben, gab es stets ein für alle sowohl quantitativ als auch qualitativ möglichst umfassendes Angebot an Lebensmitteln. NutziGem auf Mini-Ebene, sozusagen.