Feminismus – Schalalala

Am 8. März war der Internationale Frauentag, was die tageszeitung zu einer Sonderausgabe animierte, die im wesentlichen daraus bestand, das in der ersten Hälfte der Zeitung eine neuer Feminismus beschworen wurde – oder zumindest das, was die taz dafür hält. Nachdem wir in der taz schon andernorts lesen durften, das Frauen ohnehin die Macht übernommen haben, war da schon nicht mehr viel zu erwarten.

Einleuten durfte die Show Heide Oestreich. Die erklärt zunächst, das Feminismus in anderen Staaten etwas völlig natürliches sei und das die Antworten des Feminismus der 70er, mit seinen „Frauenkneipen, Freuenreisen, FreuenLesbengruppen“, diesem „ganzen Exklusionsprogramm, mit dem engagierte Frauen sich aus dem Mainstream verabschiedeten.“ Was ja ganz nett gewesen sein mag. Aber heute schlicht und ergreifend nicht mehr nötig ist, denn

„heute kann man alle Bücher bei Amazon bestellen und in normale Kneipen gehen. In den Seventies war es eben nicht so. Da gab es in normalen Buchläden keine Frauenliteratur. Da wurden Frauen, die allein in Kneipen gingen, permanent dumm angebaggert. Da brauchte man andere Frauen, um sich klar zu werden, dass man nicht allein ist mit einem Macker. zu Haus, der meint, er habe ein gottgegebenes Recht auf dreiminütigen Beischlaf ohne Vorspiel.“

Zugegeben, seit den 70ern hat sich einiges verändert. Frauenliteratur gibt es tatsächlich auch in anderen Buchläden und das es beim Sex nicht nur um sie geht, haben zumindest einige Männer durchaus schon mitgeschnitten. Ob allerdings der „neue Mann“, der nun auch die sexuelle Befriedigung der Frau zu seiner männlichen Pflicht erklärt und wohlwissend-patriarchal alle Sorgen von ihr fernhält tatsächlich so ein furchtbar antisexistisches Wesen ist, bliebe noch zu klären. Und auch wenn es einen Unterschied zwischen Kneipen in den 70ern und Kneipen zum Beginn des 21. Jahrhunderts geben mag – das sexistische Übergriffe hier völlig von der Tagesordnung gestrichen worden wären, kann nun wahrlich niemand ernsthaft behaupten.

Für Heide Oestreich ist das alles jedenfalls kein Problem. Heute ist nämlich alles anders und so haben „Frauen kaum mehr Rückzugsgebiete nötig“. Selbst bei Karstadt auf dem Grabeltisch liegen „feminstische Untersuchungen über den Umgang mit Frauenkörpern“. Frauenförderung ist allgemein üblich und „Feminismus ist Mainstream geworden“. Nur das die Frauen das unglücklicherweise noch nicht gemerkt haben. Die Frauen von heute, so die Erkenntnis, sind „Feministinnen ohne Feminismus“(„Femistinnen aprè la lettre“), wie Oestreich es in Anlehnung an Susanne Weingarten formuliert. Das Patriarchat gilt nicht mehr als ein großangelegtes Unterdrückungsprojekt, was angeblich der Realität sehr nah kommen soll:

„Anders als den Kapitalismus kann man das Patriarchat nicht mehr als „stahlhartes Gehäuse“ begreifen. Frauen werden nicht mehr in starre Rollen gezwängt, Männer habren sich als der Verhandlungsmoral zugänglich erwiesen – jedenfalls einige. Verbesserungen wurden erreicht.“

Als theoretische Gewährsfrau lässt sie dafür Judith Butler bei Fuß stehen. Deren Dekonstruktion von Geschlecht eigne sich eben weniger gut zu Massenmobilisierung als der gute alte Geschlechterkrieg. Als Folge ergibt sich der logische Schluss, das der Feminismus sich heute wesentlich pragmatischer präsentieren müsse.

„Das Ziel ist nicht mehr, die Frau emphatisch von ihren Fesseln zu befreien, sondern Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern zu leben. Es it ein konkretes Ziel, das sich schnell mit Inhalten füllen lässt. Dazu gehört die gemeinsame Verantwortung für Kindern genauso wie der Abbau von Diskriminierungen im Berufsleben. ( … ) Es gilt, das private wieder politisch produktiv zu machen.“

Dass das private politisch sei, war auch schon eine Forderung der letzten Frauenbewegung. Heute scheint es mir demgegenüber allerdings eher darum zu gehen, dass das politische privat ist. Den Eindruck kriegt zumindest, wer nach dem Machwerk der Frau Oestreich noch nicht genug hat und sich auch noch das taz-Streitgespräch gibt: „Wie sieht sexy Feminismus aus… und braucht man dafür Quoten?“ Damit ist alles wesentliche gesagt: der neue Feminismus muss sexy sein, sich also problemlos in die gesellschaftlich vorherrschenden Praktiken einfügen, darf den Frauen nicht ihre Rolle als sich bewusst zu Schönheitsidealen bekennende (und damit bewusst dem patriarchalen Gestus unterwerfenden) Subjekten aberkennen. Wir machen das schließlich alle freiwillig und werden zu nichts gezwungen. Wer das Gegenteil behauptet ist Sexist!

Und so durfte dann die arme Ilse Lenz, eine alte feministische Kämpferin, mit der FDP-Europa-Abgeordneten Silvana Koch-Mehrin und der Journalistin Susanne Klingner diskutieren. Die beiden verstehen sich durchaus als Feministinnen, wollen da aber niemanden mit belästigen: „Naja“, sagt Susanne Klingner, „wenn ich jemanden auf einer Party kennenlerne, erhzähle ich bestimmt nicht als Erstes, dass ich Feministin bin.“ Das erinnert nämlich immer so sehr an Opferhaltung und Lustverzicht: „Man muss schlecht aussehen, darf sich die Beine nicht rasieren. Das ist schon schwierig: Wir wollen Feministinnen sein, müssen aber dem Feminismus ein neues Image geben.“ Ein Image, das sich – wir hatten das schon mal – mit den herrschenden Vorstellungen von Frauen deckt. Wir wollen uns doch nicht selbst in Frage stellen, gell?! Oder, um es mit Frau Koch-Mehrin zu formulieren: „Die jüngere Generation empfindet ihn (den Feminismus, EoB) als lustfeindlich, körperfeindlichl verbissen, ohne Ästhetik. Als uninteressant für jemanden, der Freude im Leben haben will.“

Was ja das wichtigste ist: Freude haben am Leben. Kritik an diesem Leben kommt da natürlich nicht in die Tüte. Dann würde es ja auch keinen Spaß mehr machen. Einem Feminismus dieser Prägung geht jede politische Position vollständig ab. Was bleibt ist der Wunsch, wenigstens im privaten Spaß zu haben – und das jetzt als neue Politik zu verkaufen. „Girls just wanna have fun“ wird dann – in der neuen Intonation von Bad Candy zum Kulthit für den neuen Feminismus. Das Musikvideo kann glatt als Mottofilm Ein Haufen ebenso gutgelaunter wie gutaussehender junger Frauen belächeln alte Patriarchen und führen doch in Wirklichkeit selbst das Zepter. „Wir lassen uns nix vormachen!“ schalt es unisono aus den Mündern der neuen Feministinnen, die gleichzeitig an der alten, patriarchalen Gesellschaft nichteinmal mehr erkennen, wo sie vielleicht problematisch sein könnte. Im Video zur Neuauflage des 70er-Hits lässt sich dann auch erkennen, was dem Neuen Feminismus als erstrebenswert gilt: shoppen gehen, am Strand abhängen, Party feiern und Kohle machen.

Um das persönliche Konsumlevel auch vernünftig steigern zu können, braucht es dann natürlich auch den individuellen Erfolg im Rennen um Arbeit und Geld. Dazu passt die FDP-Mitgliedschaft ebensogut wie die Quote, die ein abstraktes Zugangsrecht ohne gesellschaftlich relevante Reflexion garantiert. „Männer fördern Männer“ heißt es sicherlich zu recht in der Überschrift auf Seite 9, aber wenn Seite 11 dann „Es ist die Wirtschaft. Ladies!“ verkündet, dann ist diese Anlehnung an das alte „It’s the economy, stupid“ weniger kritisch denn affirmativ gemeint: „Geld, und zwar eigenes, privates Geld der Frauen entscheidet in einer alternden Gesellschaft über Lebensstile.“ Frauen sollten, so die Botschaft, mehr darauf achten, das der Lohn in der Tüte auch stimmt. Es gilt ein neues Leitbild zu entwerfen: „Wo aber steckt das Leitbild der fröhlichen, schuldgefühlfreien Gutverdienerin, die nichts dagegen hat, auch männliche Konkurrenten auszustechen.“

Auch Frauen können ihren Mann stehen. Tschacka! Und dann wird alles gut. Bestimmt. Dafür braucht es keine Gesellschaftskritik, die sowieso nur das unmögliche will und das sofort. Weshalb sie ja auch lustfeindlich ist. Wir müssen es nur oft genug wiederholen, dann wird es wahr. Very sure.

Ich geh mich derweil mal übergeben…