Auf Emanzipation noch 500 Jahre warten?

Auf meine Auseinandersetzung mit einem Bewegungsverriss in der Jungle World hat sich Olifanti hingesetzt und eine Antwort darauf geschrieben. Zum Abschluss findet sich da diese lustige Passage:

Irgendwann, kommt sie schon, die wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt (Marx). Ich habe jedenfalls Zeit und kann gerne noch 10 oder 500 Jahre warten.

Nun kenne ich Olifanti nicht, würde ihn oder sie aber ganz pauschal erstmal der Spezies Mensch zurechnen. Und deren Lebenserwartung liegt meines Wissens doch noch deutlich unter 500 Jahren. Als die neoklassische Theorie die Behauptung aufstellte, auf lange Sicht („in the long run“) würde sich das mit dem freien Markt schon alles einpendeln, entgegnete John Maynard Keynes: „In the long run we are all dead“. Ohne Keynesianerin werden zu wollen, möchte ich hier doch eine Gemeinsamkeit der liberalen Theorie mit einer spezifischen Form des Linksradikalismus feststellen: beide stellen (verbal) das Individuum in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen und können ihm aber, um so mehr sie es betonen, nicht mal ansatzweise gerecht werden.

Marx hingegen ging es um etwas anderes, wie schon Moishe Postone zurecht herausgearbeitet hat:

„So wenig Marx den Kapitalismus vom Standpunkt der industriellen Produktion aus kritisiert, so wenig hält er eine Kollektivität, in der alle Menschen zu bloßen Elementen werden, für einen positiven Standpunkt von dem aus das atomatisierte Individuum zu kritisieren wäre. ( … ) Der Gegensatz zwischen dem atomisierten Individuum und der Kollektivität ( … ) repräsentiert somit nicht den Gegensatz zwischen der gesellschaftlichen Lebensweise im Kapitalismus und der in einer postkapitalistischen Gesellschaft. Vielmehr handelt es sich hier um den Gegensatz zweier einseitiger Bestimmungen der Beziehung von Individuum und Gesellschaft, die zusammengenommen nur eine weitere Antinomie der kapitalistischen Gesellschaftsformation darstellen. Für Marx repräsentiert das gesellschaftliche Individuum die Aufhebung dieses Gegensatzes.“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und Gesellschaftliche Herrschaft. Freibung 2003, 65)

Mal ganz abgesehen von der Frage, wo denn in 500 Jahren plötzlich diese Bewegung herkommen soll. Von der Aufklärung, also letztlich aus der Idee? Was mit materialistischer Kritik nicht mehr viel zu tun hätte. Oder steckt dahinter nur eine Art frustrierter Histomat, für den die gesellschaftlichen Widersprüche einfach noch nicht weit genug zugespitzt sind? Und der letztlich von einem Automatismus ausgeht, der den Kapitalismus quasi von alleine beseitigt?

Überzeugen mag das nicht. Da scheint mir schon sinniger, was die Gruppe 180 Grad in ihrer Einladung zu einer Veranstaltung am Dienstag im Göttinger Theaterkeller geschrieben hat:

Jeder Art von Praxis kann nachgewiesen werden, dass ihre Forderungen oder Kampfformen ‚immanent‘ bleiben, mithin nicht für sich über die bestehende Gesellschaft hinausweisen. Andererseits kann die ausschließlich strukturalistisch gefasste radikale Kritik in ihren Kategorien keinen praktischen Wandel mehr begründen. Eine antagonistische Praxis zum Bestehenden kann es nicht geben. Das Kriterium der an die Wurzel gehenden Negation, das für die Kritik eine Notwendigkeit darstellt, die das Denken von Befreiung überhaupt erst ermöglicht, zielt, angewendet auf die Praxis, auf deren Selbstabschaffung. Gleichermaßen steuert eine Bewegungs-Praxis, die sich selbst als Zweck genügt, im besten Falle ins Leere. Im schlimmsten demonstriert sie, dass Bewegung nicht nur in emanzipatorische Richtung möglich ist.

Eine Politik die ein emphatisch verstandenes Individuum mit seinen Bedürfnissen und Interessen zum Ausgangspunkt von Befreiung nehmen will, muss auch ein Verständnis davon entwickeln, wie durch den Kampf um diese Bedürfnisse und Interessen hindurch radikaler sozialer Wandel möglich wird. Eine solche Politik muss sich damit dem Widerspruch stellen, dass der Kapitalismus sich einerseits gerade durch die Integration und Transformation von Bedürfnissen reproduziert, diese jedoch andererseits der einzige Ansatzpunkt für nicht-identitäre Politik sein können. Dieses Paradox wird in der bestehenden Frontstellung nicht bearbeitet sondern quasi identitär verwaltet. Fasst man das Problem jedoch so herum, ändert sich die Fragestellung. Die Frage, ob eine Forderung oder Praxis antikapitalistisch ist oder nicht, ist falsch gestellt. Entscheidend ist, durch welche gesellschaftlichen Widersprüche hindurch das menschliche Handeln auf radikalen sozialen Wandel zielen kann und welche Rolle dabei soziale Bewegungen und ‚immanente‘ Interessenkonflikte spielen.

Mal sehen ob sie den Anspruch, der hier formuliert ist, auch halten können. Ich jedenfalls werde mir das mal ansehen, trotz des missratenen Pseudo-Interviews auf Monsters.


6 Antworten auf “Auf Emanzipation noch 500 Jahre warten?”


  1. 1 waiting 19. März 2007 um 0:28 Uhr

    die antwort ist nicht von einem „olifanti“ (zuviel otto gesehen! ;) ), sondern von unkultur (aka lfo demon), dessen blog bei olifani gehostet ist. und der link auf 180grad geht nicht.
    gruß:
    ein korinthenkackendes w

  2. 2 elser 19. März 2007 um 11:51 Uhr

    Da zeigt sich doch deutlich, das sich unkultur und all die anderen neuliberalen ex-antideutschen prima mit der bürgerlichen Gesellschaft arrangiert haben. Ich nicht! Denn irgendwann is auch mal genug mit diesem Quatsch…

  3. 3 mischka 20. März 2007 um 18:59 Uhr

    Danke, ich wollte eigentlich bei unkultur einen Kommentar zu dieser „historischen Logik“ posten, leider ist dabei meine Internetverbindung abgekackt, so ist es doch schön, hier so eine ähnliche Meinung wiederzufinden. Denn: ich habe keine Zeit 500 Jahre zu warten. Ausserdem gehe ich davon aus, dass es keinen emanzipatorischen Automatismus gibt – oder wie meine Mutter immer sagt: von nüscht kommt nüscht.

  4. 4 unkultur 21. März 2007 um 14:39 Uhr

    Mir ist dafür der Computer abgestürzt, als ich eine Antwort auf diesen Beitrag verfasste. Kurzversion: Wenn Kommunismus zu einem bloßen Bekenntnis verkommt, er müße jetzt und sofort da sein und die damit sympathisierenden Individueen müßten dies auch jederzeit betonen, kann ich darauf verzichten. Betrachtet man den Zustand der Welt, dann sieht es derzeit nicht nach einer Verwirklichung desselben aus. Betrachtet man dazu real existierende (Massen-)Bewegungen, dann sieht die Lage noch schlechter aus. Um diese Bewegungen ging der Artikel abseits von all den Projektionen von MPunkt und EoB – um das konkrete Beispiel der Anti-G8-Proteste. Statt sich einzelne Sätze herauszupicken und dann einen eigenen Sinn zu phantasieren, wäre es auch möglich gewesen auf den Kontext der Aussage zu betrachten. Die Unterstellung eines Histomat ist bloße Projektion – der Vorwurf lautet, ich hätte das revolutionäre Subjekt aufgegeben?!
    Umgekehrt darf ich meine KritikerInnen auf ihren völligen Realitätsverlust aufmerksam machen, wenn so getan wird, als wäre die Weltrevolution eine derzeit greifbare Option und als wäre materialistische Theorie und Praxis nicht nur eine Freizeitbeschäftigung für ein paar marginalisierte Randgruppen.
    Im übrigen waren die „500 Jahre“ eine ironische Anspielung auf Georg Fülberth, dessen Lieblingsjahreszahl diese zu sein scheinen.

  5. 5 Schatten.kontrastieren 25. März 2007 um 17:03 Uhr

    Seit wann kann man den auf den Kommunismus warten? Revolutionärer Attentismus als politische Strategie, naja, ich weiss ja nicht… :)

  6. 6 classless 26. März 2007 um 0:59 Uhr

    Herrje, hat da jemand die revolutionären Gewißheiten erschüttert? Muß er sich vor einem Ausschuß verantworten, der jetzt die Stoppuhr drückt und in 500 Jahren den Bericht bei der politischen Polizei einreicht?

    Es ist immer besser nichts zu tun als jeden Quatsch zum großen Umsturz zu erklären. Wenn Kommunismus heißt, daß immer alle mitmachen – you can count me out.

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