Studierendenschaft in Münster für Studiengebühren

In Münster versucht die Studierendenschaft gerade, die Brillianz Göttinger StudierendenvertreterInnen zu überbieten. Dort sind Studiengebühren nicht zwangsweise vorgeschrieben, wie das etwa in Niedersachsen der Fall ist. Es gibt lediglich die Option, sie einzuführen. Und so stimmte der Senat ab. 23 Mitglieder, 12 dafür, 11 dagegen. Und die eine Stimme, die letztlich das Zünglein an der Waage war, kam nicht etwa aus der ProfessorInnenschaft, sondern von den Studis. Da hat scheinbar jemand zu viel Geld. Der Spiegel erklärt das so:

„Ein Professor hat im Vorfeld verlauten lassen, dass er gegen die Gebühren stimmen will“, erzählt Politikstudentin Caterina Metje, die von der Philosophischen Fakultät in den Senat gewählt wurde. „Alle wissenschaftlichen Mitarbeiter lehnen Gebühren ab, die über 200 Euro liegen. Und von einem studentischen Senatsmitglied ist bekannt, dass er Gebührenbefürworter ist.“

Sie nennt den Namen nicht, aber sie meint: Max Brüggemann. Der BWL-Student ist Mitglied im Cartellverband der katholischen deutschen Studentenverbindungen und der Studentenverbindung Winfridia-Breslau. Vom Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) und der Liberalen Studierendeninitiative wurde er für den Senat aufgestellt – und erzielte sogar das beste Wahlergebnis. Im Senat vertritt er die Fächer Jura, Wirtschaftswissenschaften und Theologie.

Auf der Homepage des Münsteraner RCDS steht da nichts drüber, allerdings findet sich dort die folgenden Formulierung:

Die Höhe soll 275 Euro pro Semester betragen. Vorher wurde ein Antrag über 300 Euro mit klarer Mehrheit abgelehnt. Damit werden an der WWU deutlich geringe Beiträge erhoben, als an den meisten anderen Universitäten des Landes NRW.
Dieses Ergebnis ist der guten inhaltlichen Auseinandersetzung in Münster und vor allem der sachorientierten Arbeit der Senatskommission zum Thema Studienbeiträge zu verdanken. Hier hat sich der RCDS durch seinen Vertreter Gero Lueg von Anfang an dafür eingesetzt, eine adäquate Bedarfsanalyse zu erstellen.

Im Klartext heißt das dann wohl: 300 Euro waren dem RCDS zu viel, denn der Bedarf lag nur bei 275 Euro pro StudentIn. Und so hat er dann am Ende zugestimmt. Gero Lueg jedenfalls ist ganz außer sich vor Freude und lässt den RCDS über sich berichten: „Im Gegensatz zu anderen Listen, die durch Frontalopposition nachweislich nichts erreichen konnten, setzte der RCDS auf Gesprächsbereitschaft und freut sich, für die Studierenden eine inhaltlich unbegründete Erhebung von 500 Euro pro Semester verhindert zu haben.“

Nun ist es aber nicht Gero Lueg, der nun im allgemeinen Interesse steht, der saß ja nur im Ausschuß und nicht im Senat. Im Senat saß dafür Maxl Brüggemann. Wenn ich oben über ihn schreibe: „Da hat wohl einer zu viel Geld.“, dann ist das nicht ganz richtig. Besser wäre wohl: „Da kann es sich wohl einer leisten“ oder „Da möchte wohl einer mal das große Geld machen“. Das zumindest legt die Analyse der Juso-HSG in Münster nahe:

Während der Diskussion war BWL-Student Max Heinrich Brüggemann zwar still geblieben, aber in der Vergangenheit hatte der Vorsitzende der Jungen Union Versmold keinen Hehl aus seiner Pro-Gebühren-Haltung gemacht. Der Burschenschaftler argumentierte noch vor zwei Monaten: Wie stünde er denn künftig vor Arbeitgebern da, wenn er von der einzigen gebührenfreien Hochschule kommen würde. Nach dem Abstimmungsergebnis, dass die Demonstrierenden mit einem Pfeifkonzert und „Schämt euch“-Rufen quittierten, wählte Brüggemann im Gegensatz zu den anderen drei studentischen Mitgliedern den Hinterausgang.

Und auch gegenüber der machte Brüggemann keine Hehl aus seiner Zustimmung, allerdings ohne sie zuzugeben:

Wie er abgestimmt hat, verrät Brüggemann nicht, „die Abstimmung ist schließlich geheim“. Kein Geheimnis macht er allerdings aus seiner Haltung zum Bezahlstudium: „Ich halte Studiengebühren für sinnvoll“, sagte er SPIEGEL ONLINE freimütig, „die Unis haben kein Geld, deswegen müssen sie andere Quellen erschließen.“

Viele andere Studierende, vermutlich vor allem solche die nicht BWL, Jura oder Theologie studieren und Brüggemann so ins Amt gehievt haben, finden das derweil gar nicht lustig und belagern die Burschi nun derart im Studi-VZ, das der bereits um sein Leben fürchtet:

Dieser Student beliebt zu scherzen oder hat sich die Einträge noch nicht genau zu Gemüte geführt. Denn neben sachlichen Pro- und Contra-Argumenten nutzen Studenten das Forum auch, um Max zu bedrohen: „Wir wissen, wie du aussiehst (Hahaha), denk immer dran, wenn du über die Straße gehst…“ Oder: „Schließ dich am besten ein, da du bestimmt nicht mehr viele Freunde in Münster haben wirst! Dank dir wird meine Freundin arm! Wixer!“ Andere Studenten wiederum fordern Max dazu auf, die protestierenden Studenten anzuzeigen. So käme „die Zwangsexmatrikulation noch früher als erwartet“.

Es blieb nicht bei der Bedrohung auf Brüggemanns Pinnwand. Die Mitglieder der Community bilden Gruppen, um ihre Abneigung oder Sympathie für den BWL-Studenten auszudrücken. Eine ist für, zwei gegen Max Brüggemann.

Die Gruppe mit dem Titel „PRO – Max Brüggemann“ ist mit 15 Mitgliedern eher mager aufgestellt. Im internen Forum gibt es mickrige zwei Beiträge. „275 Euro Studiengebühren in Münster – Danke an Max Brüggemann“ umfasst dagegen 74 Mitglieder und „DANKE Max Brüggemann – endlich ‚darf‘ ich zahlen!“ über hundert. Die Diskussion in der letzteren Gruppe ist lebhaft und äußerst kontrovers: Einige Mitglieder rufen beispielsweise dazu auf, Fahndungsplakate zu drucken mit dem Ziel „diesen Unmenschen zu kriminalisieren“.

Aber machen wir uns nichts vor: auch Brüggemann ist nicht das Böse in Person. Sicherlich ist es schön jemanden zu haben, an dem sich der politische Frust endladen kann. Die Kritik könnte allerdings noch wesentlich weiter gehen. Sein Engagement für Studiengebühren macht etwa ein weiteres mal deutlich, wo die Grenzen von demokratischer Vertretung und studentischem Protest liegen. Soziale Bewegungen können sich eben nie auf herrschende Institutionen verlassen. Tun sie das doch, landen sie am Ende da, wo heute die Grünen angekommen sind.

Das Brüggemann selber Studiengebühren toll findet, weil sie ihm eine Karriere versprechen, ist das eine. Das sagt aber noch nicht viel über die Gründe, warum BildungspolitikerInnen nahezu aller Coleur sich für sowas einsetzen. Dafür müsste tiefer geschürft werden. Aber dazu vielleicht später mehr…


2 Antworten auf “Studierendenschaft in Münster für Studiengebühren”


  1. 1 Corto 18. März 2007 um 16:40 Uhr

    tja, die Studenten in Deutschland.
    An meiner Ex-Fachhochschule hat sich das so gelesen…

  2. 2 semtix 18. März 2007 um 21:20 Uhr

    Brüggemann ist vielleicht nicht „das Böse in Person“, aber völlig zurecht unsere „Pflaume des Monats März“!

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