Klimawandel: Alles halb so wild!

Nachdem Nicholas Stern, der ehemalige Chefökonom der Weltbank, schon vor einiger Zeit eine Studie zu den globalen Kosten der Umweltzerstörung veröffentlicht hat, hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) jetzt noch mal nachgerechnet, ob das Ganze auch für Deutschland relevant ist:

„Insgesamt könnten die Folgen des Klimawandels hierzulande Kosten in dreistelliger Milliardenhöhe verursachen, sagte Claudia Kemfert, Expertin für Energie, Verkehr und Umwelt am DIW. Nach heute vorgestellten Daten müssen die Deutschen bis zum 2050 zusätzliche 800 Milliarden Euro ausgeben, um den Folgen der globalen Erwärmung zu begegnen. Bis zum Jahr 2100 könnten sich die Kosten nach DIW-Berechnungen gar auf fast drei Billionen Euro belaufen. ( … )

In den kommenden 50 Jahren kann der Klimawandel nach DIW-Berechnungen zu realen gesamtwirtschaftlichen Wachstumseinbußen von bis zu 0,5 Prozentpunkten pro Jahr führen. Die ökonomischen Auswirkungen beträfen fast alle Wirtschaftsbereiche.“ (SpiegelOnline: Experten erwarten Kosten von 800 Milliarden Euro)

Etwas detaillierte führt das die Zeit aus:

Mit einer Temperaturerhöhung um mehr als 2 Grad bis 2100 „werden extreme Klima-Ereignisse wie Hurrikane, Stürme, extreme Niederschläge und Überflutungen sowie sehr heiße Sommer mit Dürren häufiger und intensiver eintreten“, heißt es im Bericht. „Auch in Deutschland wird es zu Klimaveränderungen kommen.“ Auf Grund von Wasserknappheit und Trockenheit seien Ernteeinbußen vor allem in Bayern, Baden-Württemberg und Niedersachsen zu erwarten. „An Nord- und Ostsee ist vermehrt mit Sturmfluten zu rechnen.“ Sehr wahrscheinlich sei, „dass durch eine globale Temperaturveränderung um 1 Grad etwa 60 Prozent der heutigen Wintersportgebiete in Deutschland keinen Schnee mehr aufweisen“. Bei 4,5 Grad wären sogar sämtliche deutschen Skigebiete „schneefrei“. Dagegen könne Norddeutschland auf Grund des milderen und wärmeren Klimas mit mehr Tourismus rechnen.

„Sollte keine nennenswerte Intensivierung des Klimaschutzes erreicht werden, können sich die durch den Klimawandel insgesamt verursachten Kosten bis 2100 (in der Summe) auf fast 3000 Milliarden Euro belaufen“, heißt es in der Studie. Auch bei Verringerung der schädlichen Treibhausgase wie Kohlendioxid (CO2) seien als Folge von Dürren, Überschwemmungen und Stürmen Wachstumsverluste in Deutschland von durchschnittlich 0,5 Prozent zu erwarten, sagte Kemfert. Dies werde die Wirtschaft bis 2050 in unterschiedlichem Maße mit Schäden treffen: Bauern und Forstwirte mit etwa 3 Milliarden Euro, die Tourismusindustrie mit 30 Milliarden, die Versicherungen mit 100 Milliarden, den Gesundheitssektor auch infolge von Krankheiten wie Malaria mit 61 Milliarden und die Energiewirtschaft bei 20-Prozent-Preiserhöhungen durch Energie-Verknappung mit 130 Milliarden Euro. Zeit: Wirtschaftsschäden: Klimawandel könnte 800 Milliarden kosten

Nun beginnt in der deutschen (Online-)Presselandschaft eine Debatte, die ich schon ein wenig vermisst hatte: Is alles gar nich so schlimm. Während, analog zur Zeit, die taz anmerkt, die Untersuchung ginge „davon aus, dass die Temperatur bis zum Jahr 2100 weltweit um 2 bis 4,5 Grad steigen wird.“, bastelt sich SpiegelOnline in dem oben zitierten Artikel einen Pappkameraden zusammen, um dann hinterher beschwichtigend auf die LeserInnen einzuwirken:

„Das DIW nimmt in seiner Studie allerdings an, dass die globale Durchschnittslufttemperatur um 4,5 Grad Celsius steigen wird. Das ist der obere Erwartungswert, von dem der Uno-Klimarat ausgeht. Im Februar hatte er zahllose Studien und Modellrechnungen zum Thema ausgewertet – und eine Erwärmung zwischen durchschnittlich 2 und 4,5 Grad Celsius bis Ende des Jahrhunderts als wahrscheinlich bezeichnet.“

Und „außerdem sind die DIW-Zahlen das Ergebnis einer Projektion“, weil sie nämlich auf Klimamodell-Rechnungen beruhen und deshalb nur Überschlagsergebnisse zur Verfügung stellten.
Nun berichten andere Quellen, das die Ausgangsbasis tatsächlich 2 bis 4,5 Grad waren. Und auch andere Studien kommen zu ähnlichen zahlen, etwa eine vom Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW):

Wegen der steigenden Temperaturen könne die Bundesrepublik in den letzten drei Dekaden jährlich 0,1 bis 0,5 Prozent des Sozialprodukts verlieren, lautet das Ergebnis der am Donnerstag in Hamburg veröffentlichten Studie des IfW, die gemeinsam mit dem Umweltverband World Wildlife Fund (WWF) entstand. Zudem sei mit einer starken Zunahme von Hitzetoten zu rechnen. Die Forscher untersuchten die Wirkung steigender Temperaturen auf die Gesundheit und die Leistungsfähigkeit der Bürger in den Jahren 2071 bis 2100.

Demnach nimmt die Zahl der Hitzetage in Deutschland mit mehr als 32 Grad gefühlter Temperatur deutlich zu, was die Leistung der Menschen senke. Die Forscher gehen davon aus, dass die Arbeitsproduktivität jährlich um bis zu zwölf Prozent abnehmen wird und der Volkswirtschaft so einen Verlust von bis zu zehn Milliarden Euro im Jahr zufügt.

Aber was nicht sein darf bekanntlich nicht sein kann, wird nun publizistisch zurückgeschossen. Besonders seriös scheint mir das nicht, zumal keine Anhaltspunkt für alternative Betrachtuangen gegeben werden. Was allerdings im auch nicht durchgängige Position in der SpiegelOnline-Redaktion zu sein scheint, denn andernorts wird auf derartige Polemik durchaus verzichtet.

Etwa wenn über die fast schon lustig anmutenden Versuche der EU, in der Klimapolitik gleichzeitig als Vorreiterin durchzugehen und die eigenen Pfründe zu retten, berichet wird:

Ob die von Kanzlerin Angela Merkel forcierte Treibhausgas-Einigung der EU diesen Teufelskreis nun durchbrechen kann, erscheint fraglich. Zwar ist Europa auf den ersten Blick vom Prinzip des do ut des abgewichen und hat eine Zusage ohne Bedingungen abgegeben. Nur: Das Versprechen ist so klein, dass es dem Rest der Welt womöglich nicht reicht.

20 Prozent weniger Treibhausgase als 1990 will die EU im Jahr 2020 ausstoßen. Angesichts des vorherigen Gezerres sollte man meinen, dass hier ein ehrgeiziges Ziel erreicht wurde. Doch der Glaube daran beweist insbesondere in Deutschland allenfalls, wie kurz das Gedächtnis mancher Zeitgenossen ist. Denn dass Deutschland in seiner aktuellen Klimagas-Bilanz im Vergleich zu 1990 relativ gut dasteht, ist zu einem beachtlichen Teil nichts anderem zu verdanken als der Wiedervereinigung. ( … )

In den neuen wirtschaftsschwachen Bundesländern sank der CO2-Ausstoß zwischen 1990 und 1995 um über 40 Prozent, während er in den alten Ländern stagnierte. Das Resultat: Der gesamtdeutsche Kohlendioxid-Ausstoß ging in der ersten Hälfte der neunziger Jahre um satte 13 Prozent zurück, in der zweiten Hälfte nur noch um etwas mehr als zwei Prozent. So hatte Deutschland auf bequeme Art schon 1995 etwa die Hälfte dessen geschafft, wozu es sich im Kyoto-Protokoll verpflichtet hatte: seine Treibhausgas-Emissionen von 1990 bis 2010 um 21 Prozent zu senken.

Das strukturell Gleiche passiert nun auf europäischer Ebene. Die EU hatte beschlossen, ihren Klimagas-Ausstoß im selben Zeitraum um acht Prozent zu drücken. Sollte die Gemeinschaft das schaffen, wäre das Erreichen der jetzt beschlossenen 20-Prozent-Reduktion auch kein großes Problem mehr, wie es in einer aktuellen Studie des Wuppertal-Instituts heißt. Denn dank der osteuropäischen Neulinge müsste die 27-Mitglieder-EU bis 2020 nur noch weitere fünf Prozentpunkte ihrer Emissionen einsparen, um die 20-Prozent-Marke zu erreichen. „Ein nicht überambitioniertes Ziel“, kommentieren die Autoren der Studie trocken.

Letztlich also ein alter Hut. Trotzdem steht wohl zu befürchten, das Merkel & Co damit durchkommen werden. Was dann sinnvoll politisch eingesetzt werden kann, etwa um im noch zu schaffenden neo-europäischen Klimapatriotismus wahlweise gegen Indien und China oder die USA punkten zu können. Es ist jedenfalls schon wirklich faszinierend, mit welcher Kreativität in politischen Kreisen mit der schlichten Erkenntnis umgegangen wird, das Kapitalismus und Ökologie halt nicht zusammengehen.