Zur Frage von Bildung und Diskussionskultur

Das Gescheitsein zur Dummheit wird, liegt in der historischen Tendenz.
[Theodor W. Adorno]

Es gibt eine Kritik an der Linken, insbesondere an der studentischen, der sowohl in öffentlichen als auch in szene-internen Debatten immer wieder auftaucht: die Linke sei elitär und ausschließend in Wortwahl und Formulierung. Sie müsse es schaffen „die Leute da abzuholen wo sie stehen“, die eigene Analyse runterbrechen und vereinfachen und überhaupt endlich mal aufhören, sich dauernd zu streiten, sondern die Kräfte lieber darauf verwenden, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen.

Dieser Auffassung soll im Folgenden widersprochen werden. Wie sich das gehört natürlich mit ausschließender Sprache, kompliziertem Satzbau, übermäßig vielen Fremdwörtern dergleichen und mehr. Trotz alledem lohnt es sich natürlich für alle, den Text zu lesen. Die Ansicht, das Lesen eines Textes wäre vergebens, wenn sich der Inhalt nicht umgehend erschließt, ist ohnehin schlicht falsch: was bleibt, ist doch zumindest die Erkenntnis, sich nun wohl selbst mit dem Thema auseinandersetzen zu müssen.

Der Text ist die (wirklich nur sehr) leicht überarbeitete Fassung, deren Orginal vor längerer Zeit in der Göttinger Drucksache erschienen ist.

Das Wesen der Halbbildung

Zunächst einige Worte zur Ausgangslage: Wer eine fremdwortgespickte Abhandlung über die Bösartigkeit des Kapitalismus verfasst, muss nicht unbedingt damit rechnen, dass die Massen ihm an den Lippen kleben. Und das liegt nicht nur an der randständigen Bedeutung der Linken. Es gibt eine umfassende Theoriefeindlichkeit in der Gesellschaft, die aus dem entsteht, was Adorno einst als „Halbbildung“ bezeichnet hat.

Bildung, so Adorno, funktioniert im Kapitalismus in aller Regel nicht in einem umfassenden Sinn, sondern immer nur fragmentarisch. In der Schule sowie über die Bildungsmedien (Fernsehen, Radio, Internet, Zeitungen und Zeitschriften) – bei Adorno als „Kulturindustrie“ bezeichnet – werden im Grunde zusammengehörige Dinge auseinandergerissen und zusammenhanglos dargestellt. Bildung als eine besondere Ausformung von Kultur wird zur Ware und als solche den Gesetzen der Warenproduktion unterworfen: was zählt ist nicht der Gebrauchswert, also die Tiefe der theoretischen Reflektion, sondern die Marktfähigkeit. Gut ist, was Nachfrage hat.

Bildung findet oft als praxisferne Tätigkeit im Elfenbeinturm statt – also ohne Rückbindung an die gesellschaftliche Realität. Oder aber als reine Praxis zum Selbstzweck, die sich selbst genug ist und nur zum Funktionieren des Ganzen beitragen will – ohne den Anspruch zu erheben, dieses Ganze auch zu verstehen.

Dass etwa steigende Produktivkräfte auf der einen und massive Verelendung auf der anderen Seite nicht als Widerspruch wahrgenommen werden, liegt nicht zuletzt auch daran, dass die Dinge nicht zusammen gedacht werden und von vielen wohl auch nicht mehr zusammen gedacht werden können. Die einmal antrainierten Denk- und Verhaltensweisen werden stumpfsinnig reproduziert, auch wenn es offensichtlich ist, dass da nur zusammen passen soll was eigentlich gar nicht zusammen passt.

So schaffen es die kapitalistischen Subjekte, die Widersprüche erst gar nicht wahrzunehmen, von denen sie umgeben sind. Der Funktionsmechanismus ist im Grunde ganz einfach: ich bekomme (über Medien oder Schule) eine vorgefertigte Meinung über einen beliebigen Gegenstand. Diese ist zwar verkürzt und falsch, sie wird aber trotzdem (mangels Alternative?) zum von mir als „richtig“ anerkannten Wissen. Auf der anderen Seite ist dieses Wissen derartig diffus und halbgar, das ich es nicht ernsthaft diskutieren kann.

Exkurs: Karl Marx im Massenbewusstsein

Nehmen wir ein Beispiel, das vielleicht einigen schon mal begegnet ist: Karl Marx. Häufig ist die Meinung zu hören, Marx wäre out, weil „die Leute fühlen sich nun mal gar nicht als Proletarier“. Die Theorie von Marx „mag im 19. Jahrhundert mal gestimmt haben, heute ist sie aber definitiv falsch.“ Es gebe “keine Ausbeutung“ mehr und „die Verelendung der Massen ist ohnehin nicht eingetreten“.

Diese Phrasen beziehen sich auf ein sehr oberflächliches – und damit sehr falsches – Bild von der Marx’schen Theorie. Letztlich treffen sie nicht wirklich auf ihren Kern. Bei Einigen war es gar das dezidierte Anliegen dieser Theorie, sie zu widerlegen. Wenn Marx sich aufmacht zu zeigen, das Ausbeutung auch dann existiert, wenn sie nicht auf den ersten Blick für alle Erkennbar ist, dann kann das Argument, Ausbeutung gebe es nicht, weil mensch sie nicht auf den ersten Blick erkennen könne, nicht wirklich gegen Marx in Anschlag gebracht werden.

An dieser Stelle wird dann auch deutlich, dass die Linke selber nicht frei ist von Momenten der Halbbildung – kein Wunder, ist sie doch Teil der Gesellschaft. Eine oberflächliche Marx-Rezeption, wie sie lange Jahre in der deutschen Linken vorherrschend war, hat sicherlich ihren Teil dazu beigetragen, diese Sichtweisen zu erhärten. Wenn in einigen Kreisen die Kämpfe der Proletarier als gesellschaftsdeterminierendes a priori verhandelt und die zugehörigen Proleten als revolutionäres Subjekt gehypt werden, dann bleibt wieder nur der Verweis auf Adorno, der dies in den Minima Moralia auf den Punkt bringt: „Die Glorifizierung der prächtigen Underdogs läuft auf die des prächtigen Systems heraus, das sie dazu macht.“

Halbbildung und Theoriefeindlichkeit

Das zusammenhanglose Rumassoziieren funktioniert aber trotz allem ganz prima. Weil wir es eben nicht mit Bildung, sondern mit Halbbildung zu tun haben. Es ist die jämmerliche Bescheidwisserei der Leute, im Duktus des Allwissenden vorgetragen, die letztlich jede ernsthafte Erkenntnis zu verhindern scheint. Da die Halbgebildeten das zumindest ahnen, lassen sie sich auch nicht auf eine ernsthafte Diskussion ein, sondern versuchen lediglich ihre vorgefassten Ansichten zu bestätigen. Entweder biegen sie alles was ihnen widerfährt so zurecht, das es zu dem bislang gemeinten passt. Oder sie blocken komplett ab und weigern sich, Argumente ernsthaft zu prüfen. In linken Kreisen – aber nicht nur da – besonders beliebt ist der Hinweis auf die unheimliche Komplexität des Themas, die eine abschließende Klärung leider nicht erlaube.

Die Auseinandersetzung mit einem beliebigen Gegenstand kann dann wahlweise als „Hirnwichserei“ oder „intellektuelle Selbstbeweihräucherung“ abgekanzelt werden. Das theoretische Bemühungen Erkenntnisse mit sich bringen könnten, kommt in diesem Weltbild gar nicht erst vor.

Die Lage ist bitter bis aussichtslos

Das ist also die Situation, mit der wir es zu tun haben: ein Großteil der Menschen ist weder Willens noch in der Lage, sich mit sich selbst oder der eigenen Umwelt ernsthaft auseinander zusetzen. Theorie, Nachdenklichkeit, Intellektualität und Reflektion sind „out“. Praktikabilität, unmittelbarer Nutzen, handlungsleitende Gefühle und Emotionen sind „in“. Dabei kann sowohl kritische Theorie als auch linke Bewegung erst mal nur verlieren. Gefühle und Emotionen sind eben keine neutralen Dinge, sondern durch die herrschenden Umstände geprägt. Das kann das Nationalgefühl ebenso sein wie der dumpfe emotionale Reflex gegen „die Anderen“. Wer die Leute dort abholen möchte wo sie stehen, muss damit rechnen, sich in einen Sumpf aus Chauvinismus, Vorurteil und Autoritätsgläubigkeit zu begeben.

Hinter all dem steht eine spezifische Form des autoritären Charakters: nicht ich bin gefragt, mich kritisch mit der Welt um mich herum auseinander zusetzen. Das können genauso gut auch andere machen, und die können mir dann eine verständliche Erklärung liefern. Unterordnung und Reflexionsverweigerung sind letztlich nur zwei Seiten der selben Medaille. In einer emanzipierten Gesellschaft dürfte weder für das eine noch für das andere Platz sein.

Ganz im Gegenteil: ohne eine umfassende Reflexion der gesellschaftlichen Gegebenheiten und der menschlichen Umwelt wird es auch keine umfassende gesellschaftliche Veränderung – keine Revolution und erst recht keine Transformation – geben. Die Diskussion um die bessere, weiterführendere Analyse von Gegenwart und Vergangenheit, der Streit um den nächsten Schritt zur Emanzipation hin oder auch nur von der Regression weg ist eben kein Selbstzweck und auch keine Hirnwichserei. Der intensive Austausch über das was ist und das was getan werden sollte, müsste als Selbstreflexion vielmehr selber Teil linker Praxis sein. „Falsche Praxis ist keine“ schreibt Theodor Adorno und ergänzt: „Praxis, auf unabsehbare Zeit vertagt, ist nicht mehr die Einspruchsinstanz gegen selbstzufriedene Spekulation, sondern meist der Vorwand, unter dem Exekutiven den kritischen Gedanken als eitel abzuwürgen, dessen verändernde Praxis (es) bedürfte“ Dem ist nichts hinzuzufügen.

Wo soll’s denn bitte hingehen?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Linke positiv aus dem Dilemma herauszukommen vermag. Auf der einen Seite stehen die kapitalistisch geprägten Subjekte, die sich hartnäckig jeder Reflexion verweigern, die sie um so bitterer nötig hätten. Eine knallharte Konfrontation mit der Theorie vom falschen Ganzen löst nur allzuschnell Abwehrreflexe aus. Ein „runterbrechen“ kann allerdings ebenso schnell in die eigenen Denkschemen eingepasst und um seinen kritischen Gehalt gebracht werden – wenn es nicht gar die oben beschriebenen autoritären Verhaltensweisen stärkt. Was es braucht sind also Kommunikationsstrategien, die mit diesem Widerspruch umzugehen in der Lage sind.

Ziel muss dabei immer bleiben, die Menschen in die Situation zu versetzen, dass sie zur umfassenden Reflexion auf sich und ihre Umwelt in der Lage sind. Vereinfachungen machen nur Sinn, wenn sie die Komplexität nicht verdecken. Anspruchsvolle Formulierungen sind nur dann angebracht, wenn sie dazu anregen, der Sache weiter nachzugehen.

Die Zeigefinger-Taktik

Die Zeigefinger-Taktik ist eine in der Linken überaus beliebte Methode, die eigene „Wahrheit“ an andere weiter zu vermitteln. Da sitzen zuhauf allwissende Scharlatane in Uniseminaren, Lesekreisen oder auf Gruppentreffen, heben den Zeigefinger und beginnen umgehend, ihrer Umgebung umfangreiche Referate zu halten. Sie wissen immer genau, was das „eigentliche Problem“ ist und verkünden das dann auch mit der entsprechenden Vehemenz.

Neben diesem Zeigefinger-Redeverhalten gibt es natürlich auch Zeigefinger-Flugblätter, in denen dann mit größter Begeisterung der Schreiberlinge anhand harter (eigener) Maßstäbe der Teil der Leserinnenschaft, der die eigene Analyse nicht teilt, an den verbalen Pranger gestellt wird. Das dies Vorgehen tatsächlich dazu beitragen kann, Menschen zum Nachdenken anzuregen, scheint doch eher unwahrscheinlich. Warum sollte ich ein solches oder ähnliches Vorgehen nicht eher als Schlag ins Gesicht denn als Diskussionsangebot wahrnehmen?

Preguntando caminamos

Eine Alternative dazu könnte das Aufwerfen von Fragen sein. Den Menschen nicht die Widersprüche erklären wollen, denen sie ausgesetzt sind. Sondern sie auf deren Existenz hinweisen und sie fragen, wie denn damit wohl umzugehen sei. Sie dazu treiben, dem Argument nicht ausweichen zu können, weil es plötzlich von ihnen selbst zu kommen scheint. Und wer weiß – so manche Linke kann dabei bestimmt noch etwas lernen.

Das Stellen von Fragen ist dabei keine rhetorische oder psychologisierende Technik, die das eigene Lernen zum reinen Nebenprodukt degradiert. Sie ist vielmehr ein notwendig unorthodoxes Herangehen, wie es etwa von den Zapatistas in Chiapas mit dem Schlagwort „fragend schreiten wir voran“ belegt wurde. Der marxistische Sozialphilosoph John Holloway bezeichnet das als „Einladung zur Diskussion, im Wissen darum, dass wir keine Antworten haben, dass die Antworten nur durch gemeinsame Diskussion und gemeinsames Tun gefunden werden können.“

Wer nichts fragt, also nichts wissen will, vielmehr alles schon weiß, der muss auch nicht nachdenken, sich nicht anstrengen – und erst recht nicht kämpfen. Und wer durch das Fragen erst einmal auf die Widersprüche gestoßen wird, denen auszuweichen einen nicht unerheblichen Teil seiner Lebenszeit ausmacht, warum sollte der sich nicht näher damit auseinandersetzen wollen? „Der Widerspruch geistert durch die Erfahrungen der Einzelnen als Leerstelle, als Verschweigen, als Unsinnigkeit, als Leugnung, wie etwas, das aus der Verdrängung befreit werden will“ schreibt Frigga Haug. Fragen zu stellen kann ein Weg sein, ihm dabei zu helfen. Immer in der Hoffnung dass im Anschluss an die Frage die Auseinandersetzung mit dem aufgeworfenen Problem steht. Und im Anschluss des gelungenen Erkenntnisprozesses die nächste Frage.

Sprachpurismus: Alles deutsch oder was?

Von der oben beschriebenen besserwisserischen Zeigefinger-Agitation ist die Frage nach dem Gebrauch von Fremdwörtern zu trennen. Die Forderung, eine Argumentation habe stets einfach und für jede und jeden sofort und ohne Umstände verständlich zu sein, wurde in der Linken schon des häufigeren erhoben. Denn sonst würden sich die Leute eben abwenden und sich für die jeweilige Position nicht mehr interessieren. Da mag sicherlich etwas dran sein – nur bleibt die Frage offen, warum die Undurchdringlichkeit eines Textes nicht die Erkenntnis hinterlassen könnte, das es nun wohl Zeit werde, sich selbst mit der Sache auseinander zusetzen.

Das Dumme an Fremdwörtern ist nun, dass sie in vielen Fällen die Dinge doch etwas genauer beschreiben als entsprechend ähnliche deutsche Begriffe. Sie beschreiben eine Nuance – die ja selber auch mehr ist als ein einfacher „feiner Unterschied“. Hier gilt es vielleicht, sich noch mal an Adorno zu erinnern (von dem wir ohnehin noch einiges lernen könnten), der „Über den Gebrauch von Fremdwörtern“ einst schrieb: „Die Fremdwörter werden Träger subjektiver Gehalte: der Nuancen. Wohl entsprechen den Bedeutungen der fremden Wörter jeweils die eigener; aber sie lassen nicht beliebig durch diese sich ersetzen, weil der Ausdruck der Subjektivität in Bedeutung nicht rein aufgelöst werden kann“.

Am Ende wird durch das Herausstreichen von Fremdwörtern, Einfügungen, Ergänzungen und Einschränkungen die theoretische Analyse weder richtiger noch nachvollziehbarer. Sie erscheint oft eher als plattes Gefasel aus längst vergessenen Zeiten. Ein Teil der verbreiteten Ablehnung linker Praxis entstammt sicherlich dem Eindruck, sie würde sich auf theoretische Modelle und gesellschaftliche Bedingungen aus dem vorletzten Jahrhundert beziehen. Jede Vereinfachung leistet dem Vorschub.

Über die Frage nach der Exaktheit und Überzeugungskraft von Erkenntnis hinaus gibt es noch einen ganz praktischen Grund, der die Forderung nach Sprachpurismus – also nach der ausschließlichen Verwendung deutschen Wortgutes – problematisch erscheinen lässt. Beim „Verein Deutsche Sprache“, der sich über die „Vermanschung des Deutschen mit dem Englischen zum Denglisch“ echauffiert, bekommt die sich als „volksnah“ ausgebende Argumentation nach einfacher Sprache dann tatsächlich ein völkisches Moment.

Wenn mit Äußerungen wie „Kolonialstaaten pflegen im Lauf der Zeit die Sprache ihres Mutterlandes anzunehmen“ die angebliche Unterdrückung des deutschen Vaterlandes durch das böse Angelsachsen beklagt und ein Sprachpatriotismus eingefordert wird, ohne den „kein Gemeinwesen leben oder überleben“ kann – dann wird die Nutzung von Fremdwörtern fast schon zu einer gesellschaftskritischen Grundnotwendigkeit.

Auch hier finden sich im erwähnten Adorno-Aufsatz schon entsprechende Hinweise zum Umgang mit dem Problem: „Um dies Ideal der immanent-geschlossenen, organischen Sprache geht schließlich die Diskussion. Nicht ist vor dem Purismus zurückzuweichen, indem man ihm den organischen Charakter der Sprache zugesteht und bloß die Fremdwörter in lebendige Zellen magisch umdeutet, weil sie auch ihre Schicksale haben und lyrisch klingen können. Man muß sie verteidigen, wo sie im Sinne des Purismus am schlimmsten sind: wo sie als Fremdkörper den Sprachleib bedrängen.“

Fragen stellen – Anstatt einer Zusammenfassung

Was bleibt also für die Linke? Vielleicht ja, dass sie wieder anfangen muss, sich mit theoretischen Konzepten auseinander zusetzen. Warum sind wir uns so sicher, das wir im Recht und die anderen im Unrecht sind? Liegt es an unserer moralischen Überlegenheit? Und worin sollte die dann eigentlich bestehen? Und was ist aus dem Versuch Marxens geworden, sowohl Möglich- als auch Notwendigkeit einer postkapitalistischen Vergesellschaftung jenseits von utopischer Tagträumerei aus den inneren Widersprüchen des Kapitalismus zu erklären? Egal? Schnee von gestern? Seit dem Ende des Real-Sozialismus ohnehin unrealistisch?

Brauchen wir da nicht vielleicht tatsächlich die theoretische Auseinandersetzung? Als Voraussetzung, um uns überhaupt miteinander verständigen zu können? Und hat es nicht auch etwas Vorteilhaftes in einer Zeit, in der alle von der „Wissensgesellschaft“ reden, selber mit Wissen souverän umgehen zu können? Sollten wir nicht vielmehr möglichst viele Menschen in die Lage versetzen, auch schwierigeren Debatten folgen zu können, anstatt selbige ständig zu vereinfachen und der Banalisierung preis zu geben? Können wir darauf verzichten? Ich glaube nein.

Auf, auf zum Kampf…

Literaturempfehlungen:

Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt 2001 (1951)
Adorno, Theodor W.: Über den Gebrauch von Fremdwörtern. In: ders., Noten zur Literatur. Frankfurt 2003(1974), S. 640 – 646
Adorno, Theodor W.: Theorie der Halbbildung. In: Ders: Soziologische Schriften I. Gesammelte Schriften, Bd. 8, Darmstadt 1998, S. 93-121
Behrens, Roger: Adorno-ABC. Leipzig 2003
Gruschka, Andreas: Pädagogische Aufklärung nach Adorno. In: Zeitschrift für Kritische Theorie 18/19 2004, S. 188 – 200
Haug, Frigga: Lernverhältnisse. Selbstbewegungen und Selbstblockierungen. Hamburg 2003
Holloway, John: Kehrt dem Staat den Rücken.
Verein Deutsche Sprache : Prominente Mitglieder des Vereins Deutsche Sprache


7 Antworten auf “Zur Frage von Bildung und Diskussionskultur”


  1. 1 Corto 21. März 2007 um 21:18 Uhr

    Ich stimme deinem Text im großen und ganzen zu. Mir scheint aber noch ein weiterer Aspekt wesentlich:
    Wenn „wir“ eine Kritik an den herrschenden Verhältnissen entwickeln wollen, dann können wir es nicht in der Sprache der Verhältnisse tun, weil es eben die Sprache der Verhältnisse ist. Eine Kapitalkritik ist durch das Kapital nicht vorgesehen. Ich denke nicht, dass die Entwicklung einer Sprache der Kritik ausschließend sein muss. Im Gegenteil ist doch das Sprechen „von den Leuten“ die „es abzuholen“ gilt ein Ausdruck davon, dass nicht wahrgenommen wird das „wir“ Teil dieser Verhältnisse sind.
    Dies wäre nach meiner Überzeugung etwas anderes als der Akademikersport, der nach meinem Eindruck in der Linken durchaus grassiert.
    So komplex wie nötig, so einfach wie möglich!

  2. 2 Claudius 22. März 2007 um 1:43 Uhr

    Erstaunlich ist ja, daß sich die Tendenzen zur ‚Halbbildung‘ bis in vermeintlich kritische Zusammenhänge auswirken. So müssen die HerausgeberInnen von „Das Kapital neu lesen“ feststellen:

    „Ein immer wieder auftauchendes Problem auch der Rezeption des Kapital liegt in den Erfordernissen der Reproduktion von Intellektuellen als PrivateigentümerInnen ihrer eigenen Arbeitskraft begründet: Die Kathegorie des ‚geistigen Eigentums‘ wird so veredelt zum Postulat der Originalität – so daß der elementare Umstand, daß einerseits ‚Gedanken in der Luft liegen‘, und andererseits jedeR viele Gedanken immer wieder neu denken muss, schon gar, wenn er/sie in anderen Zeiten oder Räumen denkt, in sinnlosen Streitereien über ‚Prioritäten‘ verdunkelt wird. Oder es werden neue Gesichtspunkte und Fragestellungen als Bedrohungen eines ‚wohlerworbenen Besitzstandes‘ ‚erlebt‘ und erstmal reflexhaft abgewehrt, anstatt sich der Mühe zu unterziehen, wirklich zu prüfen, was sie leisten können.“ (S. 358)

    Kommt uns da nicht etwas bekannt vor? ;-)

    Liebe Grüße Claudius

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 22. März 2007 um 16:10 Uhr

    Ein Beispiel vielleicht noch für die Zeigefingertaktik, mittels derer meit männliche Theoriemacker auf die Wichtigkeit oder wahlweise Natürlichkeit dessen verweisen, was sie gerade von sich geben:

    „Wir alle wissen deshalb, daß die RAF sich ( … ) mit der palestinensischen ‘Befreiungsbewegung’ solidarisiert hat“ schrieb Claudius in diesem Kommentar

    „Wir alle wissen…“ deutet darauf hin, das der Beitrag eigentlich überflüssig ist, weil das eigentlich wichtige Thema das im Folgenden ausgeführte sein soll.

    Nur um die trockene Theorie auch mal ein wenig mit Empirie anzureichern…

  4. 4 Claudius 22. März 2007 um 20:16 Uhr

    Fieser Typ! Mich hier öffentlich als beispielhaften Theoriemacker darzustellen! Und das wo ich hier unter meinem ‚real life‘ Name unterwegs bin! Dabei hat Du mir eben noch versprochen lieb zu sein in Deiner Antwort.

    Dabei gibt es an sich wohl kein ethisches Problem mit Wissensunterschieden. Wohl gibt es aber abhängig von der Form und vom Gegenüber ein Problem diese anzubringen. Und hier halte ich den Autor dieser Seite auch gegenüber Polemik grundsätzlich nicht für schützenswertes Opfer.

    Immernoch Dein Claudius

  5. 5 streifenstyle 22. März 2007 um 21:07 Uhr

    Kritik ist wichtig, aber Orthographie ist auch nicht zu verachten. auch wenn sich mit adorno sicher die steile these aufstellen ließe, dass das penible beharren auf korrekter rechtschreibung kennzeichen des autoritären charakters sei- bitte ergänzen Sie das fehlende „s“.

  6. 6 Benni 09. Juli 2007 um 22:35 Uhr

    Späte Reaktion, das lungerte bei mir lange ungelesen im Feadreader rum:

    Im Großen und Ganzen ist das alles sicher richtig, aber (Achtung Distinktionsgewinn ;-)

    das mit den Emotionen nehme ich oft auch andersrum wahr. Viele angeblich achso theoretisch untermauerte Positionen lassen sich zurückführen auf Emotionen und allgemeine Lebenseinstellungen etc… Ziel müsste es also auch sein, diese Bedingungen des eigenen Theoretisierens mit zu bedenken. Wirklich fruchtbare Theorie entsteht oft dadurch, dass eine Theorie mit einer unterschiedlichen Emotionalen Grundhaltung neu interpretiert wird.

    Ich finde es also mindestens so bedenklich, wenn es so scheint als seien theoretische Erkenntnisse irgendwie besser als emotionale auch wenn die Kritik des umgekehrten Falls hier im Vordergrund stand und das sicher seine Berechtigung hat.

  7. 7 systemcrash 20. August 2009 um 23:16 Uhr

    hallo,

    ich habe einen blog eingerichtet für marxistisch-philosophische diskussion.

    würde mich freuen, wenn wir uns verlinken würden.

    viele grüße,

    systemcrash http://systemcrash.wordpress.com

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