Zapatistische Entwicklungshilfe

Im Juni des Jahres 2005 veröffentlichte die EZLN, die Zapatistische Armee der nationalen Befreiung ihre „6. Erklärung aus der Selva Lancdona“. In einem Teil, dem nämlich der dieser Erklärung zu einiger Berühmtheit zumindest innerhalb der globalen Linken verholfen hat, haben sie Angekündigt in unterschiedliche mexikanische Provinzen „eine Delegation ihrer Führung (zu) entsenden, um diese Arbeit in ganz Mexiko auf unbestimmte Zeit durchzuführen. Diese zapatistische Delegation wird, gemeinsam mit den Organisationen und Personen der Linken, die sich dieser Sechsten Erklärung aus dem Lakandonischen Urwald anschließen, an die Orte gehen, an die wir ausdrücklich eingeladen werden.“ Was sie getan hat und was hier eigentlich gar nicht Thema sein soll.

Denn häufig wird Bewegungen den Zapatistas ja vorgeworfen, dieser nationale Bezugsrahmen sei ein Problem, die Forderung nach „Demokratie und Freiheit für das maxikanische Volk“ sei letztlich eine bornierte Forderung und der Bezug auf den indigenen Zusammenhang sei letztlich eine romantische Verteidigung vorbürgerlicher Verhältnisse. Allen, die derartiges Denken sei (nicht zuletzt um meine neugewonnene antideutsche Identität anzukratzen) dieser Passage aus eben jener Erklärung empfohlen, in welcher die EZLN sehr detailliert diskutiert, welche Chancen ihr so zur Unterstützung internationaler Kämpfe gegen das voranschreitende Projekt von Herrschaft, Kapitalismus und Globalisierung (die zapatistische Kurzform hierfür lautet: Neoliberalismus) zur Verfügung stehen:

Im Rahmen unserer Möglichkeiten werden wir Güter wie Nahrungsmittel und Kunsthandwerk an die Brüder und Schwestern schicken, die auf der ganzen Welt kämpfen.

Für den Anfang werden wir uns vom Rat der Guten Regierung in La Realidad den Lastwagen ausleihen, der „Chompiraz“ heißt und angeblich eine Ladekapazität von 8 Tonnen hat, und ihn mit Mais und vielleicht 200-LIter-Containern Benzin oder Petroleum beladen, je nachdem, was gewünscht wird, und das alles bei der Kubanischen Botschaft in Mexiko abliefern, damit sie es dem kubanischen Volk als Unterstützung der Zapatistas in seinem Widerstand gegen die nordamerikanische Blockade schickt. Oder vielleicht können wir das auch an einem näher gelegenen Ort abliefern, weil Mexiko Stadt immer so weit weg ist und „Chompiraz“ bis dorthin auseinanderfallen könnte, und dann könntten wir unser Versprechen nicht einhalten. Aber das geht sowieso erst nach der Ernte, jetzt sind die Felder noch grün, und falls wir nicht angegriffen werden, denn jetzt könnten wir nur unreife Maiskolben verschicken und die kämen nicht gut an, nicht mals als Tamales, also warten wir besser damit bis November oder Dezember, je nachdem.

Das ist mir mal ein lobenswerter Fall von internationaler Solidarität! Eine kleine Bauern-Community in Mexiko macht sich auf, ihren einzigen und zu allem Überfluss auch noch altersschwachen Lkw als Hilfstransporter für die antiimperialistischen Truppen des Fidel Castro einzusetzen. „Waffen für Niceragua“ war gestern, „Mais für Kuba“ ist heute. Und nicht nur das:

Und wir möchten auch eine Übereinkunft mit den Kunsthandwerkskooperationen der Frauen erzielen, um eine gute Anzahl Stickereien nach den Europas zu schicken, die vielleicht schon mehr Union sind, und vielleicht schicken wir auch organischen Kaffee der zapatistsichen Kooperativen , damit ihr ihn verkaufen könnte und so ein wenig Geld für euren Kampf gewinnt. Und wenn er nicht nicht verkauft wird, könnt ihr immer noch bei einer Tasse Kaffee über den antineoliberalen Kampf plaudern, und wenn es etwas kälter wird, könnt ihr euch mit den zapatistischen Stickereien zudecken, die sehr gut halten, sogar wenn sie mit der Hand und einem Stein gewaschen werden, und außerdem nicht abfärben

Das ist doch mal eine Ansage! Antikapitalistische Entwicklungshilfe aus Mexiko in die Schweiz. Das nenne ich Einsatz. Da könnte mensch fast darüber hinwegsehen, das die Frauen allem Anschein nach in der Führungsclique nicht mitmachen und ohnehin nur für die Stickereien zuständig sind. Vorallem, weil dieser Punkt innerhalb des Aufrufes noch vor dem mit ausdrücklichem Mexikobezug aufgelistet ist. In diesem Sinne: Hoch die internationale Solidarität.


1 Antwort auf “Zapatistische Entwicklungshilfe”


  1. 1 apo-spinner 07. April 2007 um 15:40 Uhr

    Hallo,

    finde ich sehr gut dass du mal hierüber geschrieben hast! Ich denke schon länger darüber nach, dass ein gewisses Thema in Europa und der BRD breit diskutiert werden sollte…

    Vor nicht allzu langer Zeit stolperte ich über einen Bericht einiger „Zapatouristen“ (MenschenrechtsbeobachterInnen) auf Indymedia.

    Sinngemäß hieß es darin, dass Leute in Europa manchmal feuchte Augen kriegen würden und anfangen zu schwärmen, wenn sie von den Zapatistas sprechen… ernüchternd viel dann die Bilanz der „Zapatouristen“ aus: Sie wären hier irgendwo im Nirgendwo, nach mehreren Stunden mit dem LKW über schlaglochübersäte Wege, würden auf einem Stein im Matsch sitzen, wo die Schweine herumsprinegen würden…

    Was ich meine ist, die Menschen in Chiapas haben mit allen möglichen Problemen wie z.B. medizinische Versorgung und Angriffe von Paramilitärs zu kämpfen, die so in der industrialisierten, westlichen Welt keine Rolle spielen. Trotzdem schaffen sie es, weltweit Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Zeichen zu setzen…

    Warum ist das in der BRD und in Europa unter viel einfacheren Lebensbedingungen (sorry, aber selbst Hartz 4 hört sich im Vergleich zum Schweinehüten im Dschungel nach Luxus an – natürlich sind diese Gesetze trotzdem höchst asozial und gehören abgeschafft) nicht möglich?

    Was heißt das für „progressive Kräfte“ in Europa? Ein paar Unterstützungsbasen für die Zapatistas aufzubauen sollte doch nicht so schwierig sein…

    Einmal im Jahr gegen den G8-Gipfel kämpfen, und sonst sich mit ein paar Faschos hauen; das sendet keine Signale nach irgendwo aus, wie irgendetwas vorangehen könnte – meiner Meinung nach werden noch nicht mal die richtigen Fragen gestellt…

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