Zwei Monate auf Hartz IV

Mit „Working Poor“ von Barbara Ehrenreich gibt es immer mal wieder diese Versuche, das Menschen einfach mal so, für einen Monat oder auch zwei, versuchen mit weniger auszukommen als bislang. Sich freiwillig in die Prekarität begeben, sozusagen. Der jüngste Fall ist der der Familie Schawohl, über den die taz im Artikel „Die Schawohls als Bittsteller“ berichtet.

Anlass ist eine Fastenwoche der Landeskirche Hannover, die Fallbearbeitung erfolgt ersatzweise durch das Diakonische Werk in Celle. Ziel soll es sein, Menschen für Lage derer zu sensibilisieren, die „am Rande der Gesellschaft“ leben. In ihrem Haus dürfen sie wohnen bleiben, aber ihre Kohle war auf den Regelsatz beschränkt. Was auch prompt zu größeren Friktionen geführt hat:

Ein Witz hingegen … das Verkehrsbudget für die sieben Wochen (108,01 Euro), der Telefonetat (108,01 Euro) und der „Freizeit/Kultur“-Posten (198,01 Euro). Auch die genehmigten 72,01 Euro für „Gesundheitspflege“ seien viel zu wenig, hat Anja festgestellt, als sie zur Krebsvorsorge ging (84 Euro) und Antiallergika (16,80 Euro) gekauft hat. „Da habe ich das Budget überzogen, weil ich meine Gesundheit langfristig erhalten will und muss.“ Als völlig illusorisch stellt sich heraus, 14 Prozent der monatlich 1.174 Euro zu sparen – „für langfristige Anschaffungen“, wie die Hartz-IV-Regeln es verlangen. Bei diesem Budget gleicht es einer Katastrophe, wenn die Waschmaschine repariert werden muss.

Und noch etwas stellt sich klar heraus: Die Haupteinschränkung für alle besteht darin, dass Ausgaben für Bildung, Kultur und den Erhalt von Freundschaften schlicht Luxus werden. Der Musikunterricht für Anika und Lennart für 110 Euro im Monat – undenkbar. Aber daran sollte, weil es um die Bildung geht, nicht gespart werden, hatte der Familienrat zuvor beschlossen. Der Kauf eines Buchs von Paul Auster für den Englischunterricht – grenzwertig. Ebenso die Fahrt nach Hannover, um für eine Facharbeit in einer größeren Bibliothek zu recherchieren. Kino war nicht drin. Das Frühstück mit Anjas Sportkameradinnen – gestrichen. Auf längere Sicht „hätte ich den Sport aufgeben müssen, auch aus Scham“, sagt Anja.

Fahrten mit dem Auto oder den Bus zu etwas weiter entfernten Freunden von Ingfried – ein seltener Luxus. Nachbarschaftshilfe mit dem Auto – zu kostspielig. „Die soziale Ausgrenzung haben wir ansatzweise gespürt“, meint Anja. Am schlimmsten sei vielleicht das Gefühl, dauernd Bittsteller zu sein, niemanden mehr einladen zu können, jede kleine Spontaneität beim Einkauf, jeden winzigen Luxus, und sei es eine Minipizza, sich kaum mehr leisten zu können. Auf den Automatenkakao in der Schule habe sie gleich am ersten Tag verzichtet, erzählt Anika. Die Beziehung zu ihrem Freund, der in der Nähe von Bremen wohnt, könnte leicht scheitern, wenn man sich aus Geldmangel noch seltener sehe: „Ich glaube nicht, dass wir das weiterführen könnten.“ Das Lebensnotwendige, zieht Ingfried ein erstes Fazit, sei mit dem Hartz-IV-Geld noch leistbar. „Aber es fehlt alles, was Lebensqualität bedeutet.“

Spannend daran – bei aller Heuchelei derer, die hinterher in ihr doch vergleichsweise angenehmes Leben zurückkehren – sind die Verschiebungen in der je eigenen Wahrnehmung. Was als „normal“, was als „Luxus“ wahrgenommen wird, hat sich scheinbar verschoben:

Und dann die Reaktion des Umfelds: Eine Bekannte, eine Lehrerin, verheiratet mit einem Pastor, meinte, sie könnten diese Aktion gar nicht mitmachen, denn mehr als sie und ihr Mann könne man gar nicht sparen. Der Lehrerin kam nicht in den Sinn, dass sie und ihr Mann dreimal im Jahr in Urlaub fahren. „Das empfindet sie gar nicht als Luxus“, sagt Ingfried. Oder die andere Dame, die öfter in Feinkostläden einkauft: Sie sei fast empört gewesen, als sie von der Hartz-IV-Zeit der Schawohls hörte und habe das gar als Angriff empfunden. „Sie fand das fast unerträglich, auf den Lebensstandard, den sie sich erarbeitet hat, verzichten zu müssen.“ ( … )

Das Fazit aber steht schon fest: Mit Hartz IV auszukommen, das sei „eher überleben als leben“, findet Lennart. Alles, was der Horizonterweiterung diene, ob Bildung, Kultur oder das Gespräch mit Freunden, werde erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Das Selbstwertgefühl nehme ab, die Wertschätzung durch andere auch. Lennart: „Die Perspektivlosigkeit macht Hartz IV so hart.“

Eine Erkenntnis, die ja immerhin schon mal ein Anfang ist. Fragt sich, was daraus für sozialpolitische Folgerungen gezogen werden…


13 Antworten auf “Zwei Monate auf Hartz IV”


  1. 1 a 10. April 2007 um 14:57 Uhr

    Also ich würde mich freuen mal so viel Geld wie ein Hartz4 Empfänger im Monat zu haben. Irgendwie finde ich diesen Schrei nach mehr Geld ziemlich zynisch. Die wenigsten Studis werden 345 Euro im Monat zum Ausgeben zur Verfügung haben.

  2. 2 Schatten.kontrastieren 10. April 2007 um 15:10 Uhr

    Kein Grund bei den Anderen gleich zu krähen, die sollen mal den Rand halten.

  3. 3 a 10. April 2007 um 16:29 Uhr

    Naja, du würdest aber schon verstehen, dass ich mich nicht mit Leuten solidarisiere, die mehr Geld als ich zur Verfügung haben und dann fordern ich solle von meinem Geld noch mehr für sie abdrücken. Denn das Geld kommt ja nicht vom Himmel, sondern kommt dadurch, dass andere Leute mehr arbeiten müssen, bzw. mehr von dem was sie durch Arbeit erhalten abgeben müssen. Dies kann man ja fordern, nur unter dem Gesichtspunkt, dass es auch viele Leute gibt, die weniger verdienen und die dann über Konsumsteuern auch das Geld für Hartz4ler mitfinanzieren müssen, finde ich diesen Protest unangemessen, bzw. ist es ein rein egoistischer Protest und nicht, dass man es aus einem linken Anspruch heraus tut, denn dann müßte mensch erstmal fordern, dass alle, also auch Studis und Migranten 345 Euro erhalten.

  4. 4 Schatten.kontrastieren 10. April 2007 um 17:03 Uhr

    Naja, du würdest aber schon verstehen, dass ich mich nicht mit Leuten solidarisiere, die mehr Geld als ich zur Verfügung haben

    nein

    nd dann fordern ich solle von meinem Geld noch mehr für sie abdrücken

    selbst in dem Fall nicht. Wo kommt denn die Annahme her die würden ihr Budget gerne über eine Konsum- bzw. Mehrwertsteuererhöhung finanzieren?

    Denn das Geld kommt ja nicht vom Himmel, sondern kommt dadurch, dass andere Leute mehr arbeiten müssen, bzw. mehr von dem was sie durch Arbeit erhalten abgeben müssen.

    Und was ist daran verkehrt Umverteilungskämpfe zu führen?

    finde ich diesen Protest unangemessen, bzw. ist es ein rein egoistischer Protest und nicht, dass man es aus einem linken Anspruch heraus tut, denn dann müßte mensch erstmal fordern, dass alle, also auch Studis und Migranten 345 Euro erhalten.

    Also um das mal zusammenzufassen: Was du forderst ist zuerst eine Stellvertretungskämpfe der Armen für die Ärmsten und dann kann man weiter sehen. Vielleicht käme man mit einer gemeinsamen egoistischen Perspektive weiter…

  5. 5 Schatten.kontrastieren 10. April 2007 um 18:06 Uhr

    Nochmal zum Buch, ich fand’s ja eigentlich nicht so doll. Vor allem analytisch gibt’s garnichts auf den Teller. Da finde ich Interviewbände wie ‚Gesellschaft mit begrenzter Haftung‘ oder ‚Das Elend der Welt‘ interessanter, wahrscheinlich auch gute empirische Forschungsarbeiten zu dem Thema.
    Ein paar gute stellen gibt’s schon, vor allem die Werbung der Reinigungsforma war krass: ‚Wir putzen ohne Distanzwerkzeuge!‘.

  6. 6 a 10. April 2007 um 18:41 Uhr

    „selbst in dem Fall nicht. Wo kommt denn die Annahme her die würden ihr Budget gerne über eine Konsum- bzw. Mehrwertsteuererhöhung finanzieren?“

    Nein, die würden natürlich am liebsten eine Millionärssteuer haben, da die aber nicht zu haben ist, nehmen sie es auch gerne von noch ärmeren.

    „“Denn das Geld kommt ja nicht vom Himmel, sondern kommt dadurch, dass andere Leute mehr arbeiten müssen, bzw. mehr von dem was sie durch Arbeit erhalten abgeben müssen.“

    „Und was ist daran verkehrt Umverteilungskämpfe zu führen?“

    Außer, dass es sozialreformismus ist nichts, bis darauf dass Umverteilungskämpfe von „Ganz Unten“ nach fast „Ganz Unten“ ziemlich zynisch sind.

    „“finde ich diesen Protest unangemessen, bzw. ist es ein rein egoistischer Protest und nicht, dass man es aus einem linken Anspruch heraus tut, denn dann müßte mensch erstmal fordern, dass alle, also auch Studis und Migranten 345 Euro erhalten.“

    „Also um das mal zusammenzufassen: Was du forderst ist zuerst eine Stellvertretungskämpfe der Armen für die Ärmsten und dann kann man weiter sehen. Vielleicht käme man mit einer gemeinsamen egoistischen Perspektive weiter…“

    Nein, du verstehst mich falsch: ich bin nicht so sozialrevolutionär/reformistisch, deshalb führe ich keine Stellvertreterkämpfe für Menschen nur weil sie sozial schwach sind.
    Ich messe euch nur an euren Positionen und stelle fest, dass ihr euch für jene engagiert, die noch halbwegs ok Geld kriegen(zumindestens reicht es bisweilen für Auto, Zigaretten, Handy, viel Hartalk,… was ich mir nicht leisten könnte), anstatt für die denen es wirklich dreckig geht, wie Migranten, manche Studis, Obdachlose, Leute, die überhaupt keine Stütze mehr kriegen und finde es zynisch, wenn Leute die noch diese Kohle kriegen, sich noch Auto, Zigaretten,… leisten können danach plärren mehr zu kriegen, anstatt erstmal zu fordern, dass andere auch Geld zum Überleben kriegen. Naja, Egomanen halt, so Leute rüren erst den Finger, wenn es an ihr Geld geht, vor ihrer Haustür das Atomkraftwerk gebaut wird,… Wenn sie noch nen Job hätten würden sich 99% nicht politisch engagieren, weil ihnen an der Sache nichts liegt, sondern sie für sich mehr Kohle wollen und wenn das auf meine Kosten geht, sage ich halt nein.

  7. 7 emanzipationoderbarbarei 10. April 2007 um 18:57 Uhr

    @a

    das studis mehr oder minder aus dem sozialsystem ausgeschlossen sind ist natürlich ein skandal. und das migrantinnen ebenfalls kaum einen fuß in die tür kriegen ist gleich der näxte skandal. keine frage.

    aber deshalb gleich mal so zu tun, als lebte die durchschnittliche hartz-IV-empfängerin in saus und braus, halte ich ja auch für leicht übertrieben… da geht nach oben noch einiges. weshalb es selbstverständlich innerhalb solcher proteste immer auch darum gehen muss, die perspektive auf gesamtgesellschaftliche zusammenhänge zu lenken – den blickwinkel zu erweitern, quasi. das ist allerdings was völlig anderes als das abkanzeln von sozialprotesten als parasitären eliteprotest.

  8. 8 Schatten.kontrastieren 10. April 2007 um 19:14 Uhr

    Was die Linke in Deutschland mal hinbekommen sollte, wäre eine Verbindung von Sozial- und Kapitalismuskritik, dann könnte man auch den Dualismus von Reform und Revolution mal endlich entsorgen.

  9. 9 bikepunk 089 11. April 2007 um 19:29 Uhr

    ich messe euch nur an euren Positionen und stelle fest, dass ihr euch für jene engagiert, die noch halbwegs ok Geld kriegen (zumindestens reicht es bisweilen für Auto, Zigaretten, Handy, viel Hartalk,… was ich mir nicht leisten könnte), anstatt für die denen es wirklich dreckig geht, wie Migranten, manche Studis, Obdachlose, Leute, die überhaupt keine Stütze mehr kriegen

    Also, „unsere Positionen“ umfassen ein bisschen mehr als das was in diesem Artikel anklingt. Du hast rest wenn du sagst, wir müssten uns auch für die noch ärmeren, ausgeschlosseneren einsetzen – aber dann guck ir doch mal linksradikale Praxis zu sozialpolitischen Fragen an:
    da wären die die die Forderung nach Existenzgeld unterstüzen, die vielfältige Zusammenarbeit mit oder Mitarbeit in Selbstorganisierungen von MigrantInnen, Geschichten wie die Überflüssigen …
    Der Punkt ist der, dass das alles ganz schön wenig ist – aber in der Summe ist die linksradikale Praxis dazu erhablich weniger exklusiv als vieles andere.

  10. 10 silberstern 20. Mai 2007 um 11:15 Uhr

    Die ach so verteufelten Hartz IV Empfänger haben wie ich zum Beispiel 37 Jahre voll gearbeitet und auch für ANDERE GEZAHLT
    und noch neue Stezerzahler großgezogen und ich muss von insgesammt 900,-€ Miete ,Essen und Strom zahlen .Wir sind KEINE Faulen sondern es steht uns zu. Aber das ist unbequem zu veröffentlichen. Ich bin heute das erste mal hier gelandet

  11. 11 wk_Admin 19. September 2007 um 22:12 Uhr

    Das Fazit aber steht schon fest, mit Hartz IV auszukommen, dass sei „eher überleben als leben“, finde ich und andere.

    Alles, was der Horizonterweiterung diene, ob Bildung, Kultur oder das Gespräch mit Freunden, werde erschwert, wenn nicht unmöglich gemacht. Das Selbstwertgefühl nehme ab, die Wertschätzung durch andere auch.

  12. 12 emanzipationoderbarbarei 22. September 2007 um 11:22 Uhr

    und worauf genau bezieht sich das jetze?

  13. 13 wk_Admin 23. Oktober 2007 um 18:23 Uhr

    Auf das Leben und die Lebensumstände. Man lernt zu Verzichten, und das bei kleinen Dingen. Man schaut auf die Zeit; aber nicht auf die Uhr; sondern in der Brieftasche.

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