Michael Heinrich für’s Grundeinommen?

In linken und linksradikalen Szenekreisen ist es bis zu einem gewissen Grad gerade en vogue, sich theoretisch irgendwie auf etwas zu beziehen, das unter dem Label „Wertkritik“ läuft. Was ich ja erstmal gar nicht so schlimm finde. Nun werden aber durchaus unterschiedliche Ansätze unter diesem Namen verhandelt. Und in Teilen sind sie derart unterschiedlich, das sie in ihrer Einschätzung gesellschaftlicher Realität zu recht unterschiedlichen Ansichten kommen.

Nehmen wir etwa die häufiger disktuierte Frage des Bedingungslosen Grundeinkommens. Die Einschätzung rund um die Zeitschriftenprojekte Krisis, Streifüge oder auch Exit ist relativ klar und geht letztlich in dem auf, was Ernst Lohoff in dem Text „Die Dritten Zähne des Antikpapitalismus“ zusammengefasst hat:

„In zweierlei Hinsicht hat sich die Warengesellschaft bereits als Feindin von entpuppt. Sie kennt außer Warenreichtum überhaupt keinen Reichtum und sie macht den Zugang zum Warenreichtum von der Zahlungsfähigkeit abhängig statt von den Bedürfnissen der Menschen. Dem Primat der Produktion über die Konsumtion entspringt aber noch eine dritte harsche Restriktion: Die Warengesellschaft setzt trotz ihres produktivistischen Drangs auch ihrem genuinen Reichtum eine innere Schranke. Die Wertkonsumtion hat an sich selber keine Obergrenze, die gesamtgesellschaftliche Wertproduktion dagegen sehr wohl.

Der warenfetischistische Schein mag das Gegenteil suggerieren und die Volkswirtschaftsmythologie stur das Gegenteil behaupten, die Fähigkeit zur Wertschöpfung ist jedoch keine dem Kapital als technischem Apparat innewohnende Eigenschaft. Weil sich in der Erzeugung von Wert spezifische gesellschaftliche Beziehungen paradoxerweise als Dingeigenschaften niederschlagen, bleibt diese Erzeugung an die für die Warengesellschaft basale Praxisform der Arbeit gebunden und findet in der zeitlich bestimmten produktiven Verausgabung von Muskel, Nerv und Hirn ihr quantitatives Maß. Der gesamtgesellschaftlich verfügbare abstrakte Reichtum bleibt von der Masse der auf dem jeweils gültigen gesellschaftlichen Produktivitätsniveau vernutzbaren lebendigen Arbeit abhängig; er wächst also keineswegs parallel zur Produktivkraftentwicklung, sondern vermindert sich auf einer bestimmten Entwicklungsstufe sogar rapide gerade aufgrund neuer Produktivitätsschübe.“

Der Grundgedanke ist ganz einfach: Wenn Arbeit wertschaffend ist, dann kann auch nur das an Werten verteilt werden, was vorher produziert wurde. Und wenn im gesellschaftlich notwendigen Durchschnitt weniger Arbeit verausgabt wird, dann kann auch weniger verteilt werden. Die Grundidee des Bedingungslosen Grundeinkommens sperrt sich also an einer ganz zentralen Stelle gegen die Imperative des warenproduzierenden Systems: hier soll mehr verteilt werden, obwohl gleichzeitig weniger gearbeitet wird. Für den betriebswirtschaftlich gebildeten Sachverstand etwa eines Götz Werner macht diese Annahme sogar Sinn, wird hier doch die Fähigkeit zur Wertproduktion nicht nur bei der Arbeit gesehen, sondern auch in der Produktivkraft. Dieser Gedanke geht letztilch auf die schon bei Ricardo und Smith vorhandene Idee zurück, das es mehrere nebeneinanderstehende Produktionsfaktoren gebe. Wenn nun also die Produktivkraft des Faktors „Kapital“ durch die mikroelektronische Revolution vervielfacht und immer weniger durch den Faktor „Arbeit“ geschaffen wird – dann ist es nur zeitgemäß sich mal darüber Gedanken zu machen, wie diese Produktivitätszuwächse gerecht auf die gesamte Bevölkerung verteilt werden können. Der herrschende volkswirtschaftliche Mainstream kommt an dieser Stelle in ernstzunehmende Argumentationsprobleme und fängt deshalb in aller Regel an, Werner als durchgeknallten Idioten darzustellen.

Aus Sicht der Kritik der politischen Ökonomie macht diese Überlegung jedenfalls nur wenig Sinn. Der Grundgedanke findet sich in etwas elaborierter Form auch bei Moishe Postone:


„Die Bestimmungen des Werts – der vorherrschenden Form des Reichtums im Kapitalismus – unterscheiden sich stark von denen des stofflichen Reichtums. Das Eigentümliche am Wert ist, daß er, obwohl eine Form des Reichtums, nicht unmittelbar die Beziehung des Menschen zur Natur ausdrückt, sondern das Verhältnis der Menschen untereinander, so wie es durch Arbeit vermittelt wird. ( … ) Seine Größe ist demnach kein unmittelbarer Ausdruck des erzeugten Produktquantums oder der dabei genutzten Naturkräfte, sondern er ist allein eine Funktion abstrakter Arbeitszeit. Mit anderen Worten: Obwohl steigende Produktivität einen Zuwachs an stofflichem Reichtum zeitigt, erbringt sie keinen Zuwachs an Wert pro Zeiteinheit. Als Form des Reichtums, die auch eine Form gesellschaftlicher Verhältnisse darstellt, drückt Wert nicht unmittelbar die erworbenen produktiven Fähigkeiten der Menschheit aus. ( … ) Wenn Wert allein durch Arbeit konstituiert wird, und unmittelbare Arbeitszeit der einzige Maßstab für Wert ist, so folgt daraus, daß die Produktion von Wert, anders als die von stofflichem Reichtum, notwendig an die Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit gebunden ist.“ (Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft, Seite 299f)

Und auch Postone hat sich diesen Gedanken keinswegs ausgedacht, sondern ihn bei Marx gefunden. Auch Marx – um das Zitat in den Kontext zu rücken – wäre nicht davon ausgegangen, das sich über Geld einfach beliebig Wert verteilen ließe – sondern stets darauf beharrt, das Geld nur eine abhängige Variable der verausgabten Arbeit ist:


„Umgekehrt. Weil alle Waren als Werte vergegenständlichte menschliche Arbeit, daher an und für sich kommensurabel sind, können sie ihre Werte gemeinschaftlich in derselben spezifischen Ware messen und diese dadurch in ihr gemeinschaftliches Wertmaß oder Geld verwandeln. Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeit.“(zitiert nach Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert, 240)

Michael Heinrich allerdings ist mit dieser Konstellation ganz und gar nicht zufrieden und muss sich auch umgehend von ihr distanzieren:

„Der letzte Satz suggeriert, man könne den Wert der Waren unmittelbar durch Arbeitszeit messen und dieses Maß werde dann aufgrund der Gleichheit der Wertgrößen von Ware und Geldware in eine bestimmte Menge Geld übersetzt. Falls sich die Maßfunktion des Geldes auf bloße Übersetzung einer bereits vollzogenen Messung reduzieren ließe (der Umrechnung von Arbeitsquanten in Geldquanten), wäre die Notwendigkeit des Geldes als Maß der Werte nicht einzusehen. Genau diesen Schluss zogen nämlich die Anhänger des ‚Arbeitsgeldes‘.“ (Michael Heinrich: Die Wissenschaft vom Wert, Seite 240f)

Hier unterstellt der eine Heinrich (Michael …) dem anderen Heinrich (Karl … Marx), er würde von einer vollkommenen Identität der Menge verausgabter Arbeit und der Geldmenge ausgehen. Was Marx selbstverständlich an keiner Stelle tut, sondern stets darauf verweist, das es um die gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit geht. Ein Gedanke, der auch bei Postone mehrfach betont wird. Und alleine schon aufgrund dieser simplen Tatsache (von Überlegungen zur Preisbildung im 3. Band des Kapital mal ganz abgesehen) differieren die Geldpreise von den Werten.

Diesen Punkt macht auch Heinrich stark und betont, es käme stets darauf an, ob die Ware „im Austausch als Bestandteil der gesellschaftlichen Arbeit anerkannt“ (ebd., 241) wird. Was Heinrich dann als Hinweis zu gelten scheint, dass die Sache mit der Arbeit wohl doch nicht so ernst gewesen sein kann. Und so formuliert er den Zusammenhang dann auch in seiner „Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung“ sehr prägnant wie folgt:

„Die Wertgröße ist nicht einfach ein Verhältnis zwischen der individuellen Arbeit des Produzenten und dem Produkt ( … ), sondern ein Verhältnis zwischen der individuellen Arbeit des Produzenten und der gesellschaftlichen Gesamtarbeit.“

Das heißt im Klartext: so etwas wie eine Gesamtsumme des produzierten Wertes gibt es nicht. Der Begriff einer steigenden oder sinkenden Wertmasse macht für Heinrich schlicht und ergreifend keinen Sinn. Es gibt immer nur ein Ganzes an Wert, das sich auf unterschiedliche stoffliche Produkte aufteilt. Dies Ganze wäre immer ‚Eins‘ oder 100%, die einzelnen Waren würden Teilprodukte davon darstellen. Das führt zu einigen theoretischem Schwierigkeiten, hat aber auch Einfluss auf unsere Eingangsfrage, wie es den nun ökonomiekritisch um das Bedingungslose Grundeinkommen bestellt sei.

Denn letztlich ist es in dem von Heinrich präsentierten Denkschema immer möglich, eine jeweils produzierte Menge stofflichen Reichtums wertmäßig ohne Friktionen darzustellen. Selbst wenn sich die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden auf ein Viertel verkleinern würde, hätte dies keinen Einfluss auf die Wertgröße. Die Leute würden immernoch das ewig gleiche Wertprodukt herstellen und es könnte – da es ja durch Produktivkraftsteigerung entsprechend mehr stofflichen Output bedeutet, auch ordentlich innerhalb der Bevölkerung verteilt werden. Letztich genau so, wie sich Götz Werner das vorstellt.

Heinrichs Bemerkung, Wert sei mehr als das individuelle Verhältnis der ProduzentInnen zur Ware, verwechselt darum auch ebenso systematisch wie die herschende VWL die betriebswirtschaftliche mit der volkswirtschaftlichen Sicht: nur weil tatsächlich die Wertbestimmung der je einzelnen Ware nicht im Verhältnis Mensch – Natur aufgeht (worauf ja auch Postone hinweist wenn er sagt, dass der Wert „nicht unmittelbar die Beziehung des Menschen zur Natur ausdrückt“; siehe Zitat oben), folgert Heinrich, die je individuelle Arbeitsverausgabung spiele gesamtgesellschaftlich nur eine höchst relative Rolle – es ließe sich hier auch von relativer Werttheorie sprechen.

Letztlich stellt sich also die Frage: Ist Michael Heinrich tatsächlich für das Grundeinkommen? Oder wird er die entsprechenden Passagen in seiner Einführung noch mal überarbeiten? Ich bleibe gespannt…


8 Antworten auf “Michael Heinrich für’s Grundeinommen?”


  1. 1 benni^ 19. April 2007 um 16:27 Uhr

    Lustig, bisher wurde mir als Befürworter eines Grundeinkommens immer vorgehalten, ich solle mal den Heinrich lesen, dann würde mir das vergehen… (hab ich getan, hat nicht gewirkt)

  2. 2 Christian 19. April 2007 um 18:22 Uhr

    Hier liegt ein gewaltiges Missverstandnis vor. Ich kenne zwar keinen Text,
    in dem sich Heinrich explizit mit dem Grundeinkommen auseindersetzt. Aber
    sein Einwand gegen das GE wäre mit Sicherheit nicht darauf bezogen, dass es
    vielleicht die Wertsubstanz verringert würde (wen schert?). Sondern
    vielmehr, dass es unrealistisch ist, sich einen Kapitalismus zu erträumen,
    der ein (einigermaßen) gutes Leben für alle ermöglicht.

    Die Frage unter Linken ist ja nicht, ob man für oder gegen das
    Grundeinkommen ist (NATÜRLICH würd ich das Geld nehmen, wenn der Staat es
    mir denn zahlen wöllte!), sondern ob man die Forderung danach für
    sinnvoll hält oder für Zeitverschwendung.

    Und der Witz an Marx (und Heinreich) ist ja, dass sie die Gesetzmäßigkeiten
    des Kapitalismus analysieren und klarmachen, dass sie für alle gelten. Die
    Kapitalist/innen und Politiker/innen sind darin genauso gefangen wie die
    restliche arbeitende oder nicht-arbeitende Bevölkerung. Die einzelnen
    Unternehmen müssen darauf bedacht sein, ihre Profite zu maximieren oder
    sie werden früher oder später oder Konkurrenz zum Opfer fallen; und die
    Staaten müssen ihre Politik so gestalten, dass sie möglichst gute
    Rahmenbedinungen für die Profitmaximierung setzt, da sie sonst im
    Standort-Wettbewerb auf der Strecke bleiben.

    Daher können sie nicht auf unsere Forderungen hören, sofern sie diesen
    Zielen wesentlich entgegenlaufen. Sie sind nicht böse oder uneinsichtig, sie haben
    schlichtweg keine Wahl, wenn sie dem kapitalistischen Konkurrenzkampf nicht
    zum Opfer fallen wollen.

    Heinrich schreibt dazu über die Rolle des Staates, auf den ja die Linken,
    die von einem Grundeinkommen träumen, ironischerweise so große Hoffnungen
    setzen:

    Ganz grundlegend ist der Staat daher auf einen einigermaßen
    prosperierenden Kapitalismus angewiesen, denn nur dann fließen ausreichend Steuern und halten sich die Sozialausgaben in Grenzen. Insofern muss jede Regierung, ganz egal welche Vorstellungen die einzelnen Politiker und Politikerinnen haben, sich darum kümmern, dass die Kapitalakkumulation, also die Verwertung und Vermehrung von Kapital, gelingt. […]

    [Daher] wäre es eine Illusion zu glauben, der Staat könne es sich zur
    Aufgabe machen, seine Bürgerinnen und Bürger vor den Krisen- und
    Verelendungstendenzen des Kapitals zu bewahren. Solange der Kapitalismus die dominierende Produktionsweise ist, wird es Krisenprozesse geben und die staatliche Politik wird nicht darum herumkommen, die Profitabilität des Kapitals auf Kosten der Mehrheit der Bevölkerung sicherzustellen. Will man die Zumutungen des Kapitals, seine trotz aller Regulierung sich immer
    wieder durchsetzenden, destruktiven Tendenzen los werden, dann ist nicht eine andere Politik gefragt – sondern die Abschaffung des Kapitalismus.

    Bin ich dafür, dass alle Kapitalist/innen plötzlich nur noch für das Wohl
    der Menschheit produzieren, statt für ihren eigenen Profit? Klar! Wird das
    so kommen, wenn wir es nur lautstark genug fordern? Nein.

    Genauso ist es mit dem Grundeinkommen (in einer brauchbaren Form, also
    nicht nur Hartz 4+).

  3. 3 Schatten.kontrastieren 20. April 2007 um 0:13 Uhr

    Der Staat hat aber auch noch die Aufgabe soziale Kohäsion sicherzustellen bzw. Hegemonie zu organisieren, so das man schon Zugeständnisse erringen kann. Klar verabschiedet sich der Kapitalismus dadurch nicht, aber darum geht es zumindest den linksradikalen Grundeinkommensbefürwortern ja auch noch nicht, denen ist meißt schon klar, dass das (GE und Abschaffung des Kapitalismus) in absehbarer Zeit nicht durchzusetzen ist. Worum es geht ist die gedankliche Kopplung von Arbeit und Einkommen anzugehen und das geht mit der Forderung anscheinend ganz gut. Der Trotzkismus hat sowas mal Übergangsforderungen genannt und das ist doch schonmal mehr Butter bei die Fische als ständig die Gebetsmühle von ‚gegen Staat und Kapital‘ anzuwerfen. Das gleicht eher einem Heilsversprechen für kommende Generationen, außer das man in seiner peer group bestimmt mächtig Anerkennung einheimsen kann.

  4. 4 Christian 20. April 2007 um 4:04 Uhr

    Zugeständnisse, klar, nur dass eben der tatsächliche Spielraum der „anderen Seite“ für Zugeständnisse extrem begrenzt ist – siehe oben. Und dass du ja von Anfang an klar machst, dass du das große Ganze (den Kapitalismus) eh nicht in Frage stellst (das Grundeinkommen ist ja auf das Funktionieren der kapitalistischen Produktion angewiesen), verbessert deine Verhandlungsposition im Kampf um die beschränkten Zugeständnisse, die vielleicht drin wären, auch nicht gerade.

    Und die Alternative ist ja nicht zwischen „versuchen, den Kapitalismus zu verbessern“ (etwa durch Grundeinkommen) oder „resignieren“, sondern zwischen „versuchen, den Kapitalismus zu verbessern“ und „vom Kapitalismus unabhängige Produktionsweisen entwickeln und Strukturen aufbauen“ (wie das etwa im Bereich der Freien Software ansatzweise der Fall ist).

    Und im Übrigen führt „versuchen, den Kapitalismus zu verbessern“ erfahrungsgemäß früher oder später dazu, dass man merkt, dass das nicht funktioniert, und dann erst recht resigniert (oder sich einredet, dass die Dinge schon in Ordnung sind wie sie sind) — vgl. seinerzeit die 68er-Nachwehen, die Grünen etc. Also nicht wirklich eine Alternative zur Resignation, sondern nur ein Umweg.

    Klar kann man auch ein Perpetuum mobile fordern, um die Vorstellung, dass Energie Geld kosten muss, aufzubrechen. Kurzfristig erregt man damit vielleicht sogar viel Aufsehen, weil das nach einer radikalen Alternative klingt. Nur mittel- bis langfristig dürfte so eine Forderung nach hinten losgehen, weil die Leute merken, dass das mit dem Perpetuum mobile (bzw. dem Grundeinkommen) doch nicht ganz so einfach ist wie es am Anfang klang.

    Statt an der Verbesserung des Kapitalismus hängenzubleiben, macht es daher sehr viel mehr Sinn, sich um das kümmern, was tatsächlich realistischerweise erreichbar ist (wenn auch sicher nicht von heute auf gestern), nämlich die Entwicklung nichtkapitalistischer Strukturen. Wie Michael (psychoglobal) neulich in Bezug auf einen anderen Beitrag von hier schrieb:

    Klar will ich „Alles“ und klar „umsonst“. Das muss aber organisiert werden – die kapitalistische Gesellschaft wird mir’s sicher nicht geben.

  5. 5 Schatten.kontrastieren 20. April 2007 um 11:12 Uhr

    Den Kapitalismus stelle ich schon in Frage (aber unterstell mir ruhig das Gegenteil, damit kann ich auch leben). Im Gegensatz zu dir geht es mir aber weiterhin um Gesellschaftstransformation, aber nicht im Sinne der Entwicklung einer Schaffung einer alternativen Gesellschaft (Kommunebewegung ick hör dir trapsen), sondern der Auseinandersetzung um die Einrichtung und Transformation der Bestehenden. Womit man sich natürlich in die paradoxe Situation von Hegemoniekämpfen und dem Wunsch nach einem radikalen Bruch bewegen muss. Aber so what, da macht man sich halt die Hände schmutzig.

  6. 6 emanzipationoderbarbarei 20. April 2007 um 12:03 Uhr

    Hm, naja, ich würde die Überlegungen rund um Freie Software wie sie etwa im Keimform-Blog oder auf Ökonux diskutiert wird nicht so unmittelbar als Kommune-Bewegung diffamieren wollen. Denn hier wird das ja durchaus als politisches Projekt, das sicher nicht in einem apolitischen Nischendasein aufgeht. Und inwiefern sich die bestehenden Einrichtungen tatsächlich transformieren lassen oder derartig vom Kapital strukturiert sind („reelle Subsumtion“), das sich da nix mehr retten lässt, ist ja tatsächlich noch mal eine wichtige Frage in dem Zusammenhang. Aber das ist wohl ein anderes Thema.

    Zum Grundeinkommen:

    @Christian

    Ich kenne auch keinen Text von Heinrich, der sich ausdrücklich mit dem Grundeinommen beschäftigt. Ich habe lediglich versucht, seine grundsätzlichen Gedanken zur Konstruktion von Wert und abstrakter Arbeit an dieser Stelle ernst zu nehmen. Was bleibt ist ja tatsächlich der Hinweis, dass das Bedingungslose Grundeinkommen möglicherweise dem Standort schaden könnte.

    Aber auch hier bleibt die Frage, wie wir das zu denken haben: der gesellschaftlich produzierte Wert wird ja nicht weniger oder mehr, sondern bleibt gleich. Egal wie die wirtschaftliche Lage ist, egal ob da was prosperiert oder kriselt. Stets geht es nur um die Relation von Arbeitszeiten zueinander. Warum sollte da das Grundeinkommen ein Problem darstellen? Es wäre zumindest immer genug Reichtum da, der sich durch eine soziale Bewegung angeeignet werden könnte.

    Das Ganze ließe sich etwa über Einkommenssteuern finanzieren, was ökonomiekritisch nichts weiter heißt als: sie werden dem variablen Kapital abgezwackt. Und verhalten sich damit erstmal neutral zum „automatischen Subjekt“ und dem betrieblichen Zwang zur Profitmaximierung. Dann arbeiten 50% der Leute weniger, weil ihnen das Grundeinkommen reicht. Aber da die restlichen Beschäftigten ja genausoviel Wert produzieren wie vorher, ist das kein Problem und kann weiter als Grundeinkommen rausgehauen werden.

    Nochmal was anderes als die Frage der Umsetzungsmöglichkeit ist dann die Frage danach, ob es sich lohnt für ein Grundeinkommen zu streiten. Hier halte ich deine Überlegung, wenn es nicht durchsetzbar sei würde es sich auch nicht lohnen dafür zu streiten, für nicht ganz schlüssig. Schließlich gibt es innerhalb solcher sozialer Auseinandersetzungen auch immer die Möglichkeit, Widersprüchlichkeiten und Paradoxien des Kapitalismus deutlich zu machen. Und hier bietet sich das Grundeinkommen m.E. tatsächlich an, weil die Debatte bestimmte Ideologiemomente so konsequent zuende denkt, das sie sie am Ende ad absurdum führen.

  7. 7 Bert B. 20. April 2007 um 12:57 Uhr

    Wenn du schreibst „Das Ganze ließe sich etwa über Einkommenssteuern finanzieren, was ökonomiekritisch nichts weiter heißt als: sie werden dem variablen Kapital abgezwackt. Und verhalten sich damit erstmal neutral zum “automatischen Subjekt” und dem betrieblichen Zwang zur Profitmaximierung“, dann bist du leider auch nur ganz auf der Linie, mit der Personalchefs ihrer Belegschaft „vorrechnen“: Entweder wir entlassen die Hälfte, weil sich das Zeugs sonst nicht mehr profitlich verkaufen läßt, oder wir sind ganz großzügig bereit, die armen Typen, die ja sonst Hartz IV erwartet, weiterarbeiten zu lassen. Dann müssen sich aber alle mit dem halben Lohn zufrieden geben. Denn sonst rechnet es sich für uns ja nicht!

  8. 8 Christian 20. April 2007 um 15:02 Uhr

    @Juli: auch wenn ich von Heinrich sonst viel halte, bin ich von dieser These, dass es keine Gesamtsumme des produzierten Werts gibt (sofern er sie denn tatsächlich ernsthaft vertritt) nicht überzeugt. Gedankenexperiment: wenn keiner mehr arbeitet, oder nur eine(r), wäre dann immer noch so viel zu verteilen wie vorher? Nope.

    Für das Grundeinkommen ist aber IMHO nicht das die entscheidende Frage, sondern ob man sich auf die kapitalistischen Strukturen (und damit die kapitalistische Logik) einlassen will oder nicht. Dieses Sich-Einlassen geht eben schnell nach hinten los, wie deine von Bert B. beklagte Argumentation, man könne sich das Geld ja einfach von der arbeitenden Bevölkerung holen und das Kapital in Ruhe lassen, auch wieder zeigt.

    Damit lässt du dich auf einen Verteilungskampf zwischen arbeitender und nicht-arbeitender Bevölkerung ein (wo nicht sonderlich viel zu verteilen ist), und lässt das eigentliche Verteilungsproblem (das nämlich der Großteil des gesellschaftlichen Reichtums bei den Kapitalerträgen landet) außen vor. Und du forderst „wir wollen dass es der arbeitenden Bevölkerung [noch] schlechter geht“ (denn die, und niemand anders, sollen ja das GE finanzieren), ganz in Anlehnung an die beliebten „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“-Parolen (womit natürlich auch immer nur Lohn und Sozialleistungen gemeint sind, niemals Kapitalerträge).

    Nun bin ich sicher, dass das eigentlich nicht deine Intention ist — nur ist das eben das Problem: sobald man sich darüber Gedanken macht, wie man den Kapitalismus verbessern kann, fängt man unweigerlich an, gemäß der kapitalistischen Logik zu denken.

    Meine Tendenz: ich würd’s lassen. Und mir, statt mir über die Umgestaltung der Verteilungssphäre den Kopf zu zerbrechen, darüber Gedanken machen, wie man die Produktionsspäre so gestalten kann, dass wir alle kriegen können was wir wollen. Da liegt der Hund begraben.

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