Halbbildung als Antifaschismus: Burkhard Schröder unterhält sein Publikum

Im letzten Jahr sind zwei Studien erschienen, in denen die weitere Wanderung der Gesellschaft in die Regression quantitativ begutachtet wurde. Das eine war die sogenannten Heitmeyer-Studie, die seit einigen Jahren unter dem Titel Deutsche Zustände vom Institut für Interdisziplinäre Konflikt und Gewaltforschung menschenverachtende Tendenzen in der bundesdeutschen Öffentlichkeit untersucht. Die andere wurde von der Friedrich-Ebert-Stiftung finanziert, in Leipzig produziert und beschäftigte sich ebenfalls mit autoritären, gemeinhin als „rechtsextrem“ titulierten Einstellungen.

Da solcherlei Ergebnisse häufig verdrängt werden, gab es nun am Mittwoch an der Uni in Göttingen eine Veranstaltung zu genau diesen Studien. Nach einem kurzen Inputreferat, in dem die wichtigsten Ergebnisse insbesondere der Leipziger Studie vorgestellt wurden, gab es zwei kurze Referate von Alex Demirovic auf der einen, von Burkhard Schröder auf der anderen Seite.

Nachdem Demirovic zunächst eher oberflächliche Bemerkungen zum Rechtsrutsch der Gesellschaft und seinen sozialen und ökonomischen Ursachen gemacht hatte, beschränkte sich Burkhard Schröder auf das, was er scheinbar am Besten kann: er provozierte, pöbelte und bezog Positionen, die er selber wohl für kritisch hielt, die wohl aber bei Lichte besehen eher davon zeugten, das er nicht so wirklich in den politischen und theoretischen Debatten der letzten, sagen wir mal: 40 Jahre, drinsteckt. Schade eigentlich.

Irgendwann versuchte er den Unterschied zwischen seiner Position und der von Alex Demirovic mal mit der zwischen der DKP in den 70ern und den MaoistInnen zu charakterisieren. Ersteres stimmt so nicht, dürfte aber wohl auf das Konto der erwähnten theoretischen Missverständnisse gehen. Letzteres könnte allerdings durchaus stimmen, hatte doch seine Vorstellung von antifaschistischer Arbeit durchaus was von der „Macht der Gewehrläufe“ (Mao Tse Tung). Da sich gegen rassistische Meinungen leider nichts tun ließe soll laut Schröder nur das eine helfen: ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem sich Nazis und andere RassistInnen nicht trauen, ihre Meinung zu sagen. Hatte ich das mit den Gewehrläufen schon erwähnt?

Schröder selbst fasste seinen Eindruck von den Diskussionspunkten wie folgt zusammen:

Wir stritten und über die Rolle der Politischen Bildung (Argumente helfen nicht gegen Vorurteile), ob die Menschheit zum Besseren zu wenden wäre, wenn man sie mit vernünftigen Argumenten aufklärte (nein), ob das Kapitalverhältnis vorausgesetzt sei, um Antisemitismus historisch zu perpetuieren (nein, den christlichen Antijudaismus gibt es schon 2000 Jahre), und andere hübsche Themen mehr, worüber sich die Linken regelmäßig in die Haare kriegen.

Schauen wir uns das doch mal etwas genauer an. Er versteht unter Bildung scheinbar das vermitteln von Argumenten. Was ihm sehr wichtig ist und gleich zweimal hintereinander erwähnt wird. Nur war das gar nicht das eigentliche Argumente von Demirovic. Der Bezog sich nämlich auf Bildung als einen Prozess, in dem Erfahrungen gemacht werden. Und diese Erfahrungen (die Erfahrung einer offenen, freien Diskussion etwa oder die Erfahrung eines selbstbestimmten Studiums) würden antiautoritäre Prägungen beinhalten und eine potentielle Quelle für kritisches, emanzipatives Denken und Handeln sein. Ähnlich wie ja der Sinn etwa der politische Mehrwert von Bildungsreisen in ferne Länder nicht unbedingt und in erster Linie in den dort erfahrenen Argumenten liegt (auch wenn das der Gegenstandpunkt sicherlich gerne hätte), sondern in der Erfahrung anderer sozialer und kultureller Gepflogenheiten und Möglichkeiten. Schröder hingegen kam gar nicht auf dieser Ebene an und redete auf den armen Mitreferenten ein, das bloße Argumente niemanden überzeugen würden. Und der raufte sich die wenigen Haare, weil er das doch so nie gesagt hatte.

Ganz ähnlich war es mit dem Zusammenhang von Antisemitismus und Kapitalismus, den Schröder schlichtweg nicht sehen wollte. Das Argument steht oben zum Nachlesen: christilichen Antijudaismus gibt es seit 2000 Jahren. Nur könnte der sich ja entscheidend vom modernen Antisemitismus unterscheiden (wenn letzterer trotz allem sicherlich auf ersterem aufbaut), wie etwa Moishe Postone überzeugend dargelegt hat. Überhaupt hat er scheinbar, wie in einem Kommentar von ihm deutlich wurde, unter „Kapitalismus“ stehts die Personifikation der KapitalistInnen verstanden – und deshalb Alex Demirovic auch einen DKP-Standpunkt unterschieben wollen. Dabei sprach der lediglich von der Konkurrenz der Warenbesitzer, was ja erstmal was anderes ist.

Während einige im Publikum schon die Rückkehr des berüchtigten Andi Döring kommen sahen (was ich für übertrieben halte), machte sich durchaus Unruhe breit. „Das kann der doch nicht ernstmeinen“, stand in so einige Gesichter geschrieben. Mit einem Brustton der Überzeugung jedenfalls verteidigte Schröder seine Thesen, ganz so als wolle er beweisen, das Adorno mit seiner Theorie der Halbbildung recht hatte. Es war eben diese Form von Überheblichkeit, die ein Mensch sich nicht leisten sollte, wenn er keine Ahnung hat.

Eine andere lustige Einschätzung von Schröder war diese:

Die Lichterkettenträger haben die Nazis bisher nur verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, die Machtverhältnisse anzugreifen. Ein Student sagte ganz richtig, dass die deutsche Asylgesetzgebung mehr Todesopfer gefordert hat als alle rassistischen Gewalttaten zusammen. Also weniger gegen Rechtsextremismus, sondern mehr tun für die Rechte der Einwanderer, das ist die Parole.

Der Student, der übrigens eine Studentin war, hat wohl recht. Nur ging es ja in der Veranstaltung eigentlich weniger um Rechtsextremismus als um die „Ideologie der Mitte“, die eben auch mit rassistischen, antisemitische, sexistischen und andersweitig unangenehmen Momenten durchsetzt ist. Und wie es sich sinnvoll für die Rechte von MigrantInnen kämpfen lassen soll, wenn nicht gleichzeitig eben dieser gesellschaftliche Konsens, das es schon okay ist, wenn „die“ abgeschoben werden, durchbrochen wird – das konnte Burky auch nicht sagen.

Was er dafür aber konnte, war, sich in haarsträubenden Widersprüchen verwickeln. So verwandte er sich gegen Demirovic, weil dieser angeblich psychologisierende Erklärungsmuster benutzt hätte (erst der Ökonomismus, dann die Psychologie – kann sich Schröder nicht mal entscheiden, was da eigentlich erzählt wurde?). Nur, um dann kurz darauf ein mächtig psychologisierendes Theorem zu benutzen: Menschen würden sich aufgrund biographischer Erfahrung für links oder rechts entscheiden. Da ließe sich halt nichts gegen tun. Christian Worch’s Mutter etwa haben Alt-Nazis bei Flucht geholfen. Und weil helfen ja bekanntlich gut ist, ist der Christian zum Nazi geworden. Is schon klar…

Sein Eindruck jedenfalls war dieser:

ch habe mich in Göttigen unter den jungen Leuten amüsiert. Ab und zu tut es gut, wieder mitten und lobesam in die dickste Redeschlacht zu springen und rechts und links Hiebe zu verteilen, dass zu beiden Seiten die Lichterkettenträger hinuntersinken.

Ich weiß nicht ob es viel Amüsement gab. Hängt wohl vom Grad des Masochismus ab. Ich jedenfalls hatte viel Spaß – auch hinterher in der Kneipe.