BILD analysiert den Aufschwung

Kaum scheint die Sonne mal für ein paar Wochen, schon wissen alle: es gibt sie! Sowohl der Aufschwung als auch der Klimawandel sind stets in aller Munde. Und miteinander zu tun haben beide sicherlich nicht. Und so präsentiert uns die Bild-Zeitung heute die Gründe für die grandios tolle konjunkturelle Lage in Deutschland und fragt: „Wem gehört der Aufschwung?“

Als erstes gebührt da dem Ausländer dank: „Die gute Lage der Weltwirtschaft sorgt für volle Auftragsbücher bei den exportstarken deutschen Firmen.“ Weil also die anderen wirtschaftlich erfolgreich sind, kann auch der deutsche ein bissel daran teilhaben. Im national-rassistischen Jargon läuft derartiges für gewöhnlich unter „parasitär“ bzw. „Schmarotzertum“. Nicht so in diesem Fall, denn die Bild-Zeitung dreht den Zusammenhang einfach mal ganz schnell um: „Maschinen und Technik „Made in Germany“ sind rund um den Globus gefragt.“ Und so wird Deutschland dann im übernächsten Satz auch gleich „DIE Wachstumslokomotive Europas!“ Und so können dann am Ende doch wieder alle stolz sein.

Auch die nächste Kandidatin auf den Award „Wichtigster Aufschwungsgrund“ verwundert die regelmäßige Bildleserin auf den ersten Blick:

„Die maßvolle Tarifpolitik der Gewerkschaft hat die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen deutlich erhöht. Die Lohnstückkosten (Arbeitskosten pro produzierter Einheit, z. B. Auto) sind seit 2000 deutlich gesunken.“

Das stimmt tatsächlich. Lagen die, bezogen auf das Jahr 2000, noch 2004 bei 101,43%, waren sie 2005 bereits auf 100,51% runtergerutscht und sind 2006 sogar unterhalb des Standes von 2000 gerutscht, auf 99,27% nämlich. Ebenfalls überraschend ist, das Bild (im Gegensatz zu vielen anderen Medien) tatsächlich mit den Lohnstückkosten argumentiert – und nicht mit den oft bemühten Lohnnebenkosten. Wenn wir uns nun allerdings mal die Entwicklung der Lohnstückkosten im internationalen Vergleich über die letzten Jahre anschauen, dann fällt schnell auf, dass es da scheinbar gar nicht so den riesigen Handlungsbedarf gab. Da steht Deutschland nämlich schon seit eh und je im internationalen Wettkampf relativ gut da. Großbritannien, Italien, Frankreich, selbst die stehts für „Working Poor“ gescholtene USA legen hier weit miesere Zahlen vor. Deutschland wird nämlich symbolisiert durch die rot Linie und hat in dieser Kategorie lediglich Japan als ernsthafte Konkurrentin.

Jedenfalls soll das Folgen haben, zumindest laut Bild und Arbeitgeberverbänden: „Durch die Lohnzurückhaltung sind laut Arbeitgeberpräsident Hundt allein 2006 über 600 000 neue Stellen entstanden!“ Womit dann auch hier die politische Botschaft, passend zum 1. Mai, geklärt wäre: niedrige Tarifabschlüsse sind gefragt, soll der Aufschwung nicht gestoppt werden.

Während es hier noch um die politische Einschätzung der Gewerkschaften ging, geht es beim Punkt „Arbeiternehmer“ noch mal darum, auch den einzelnen für den Standortpatriotismus zu danken:

Die Beschäftigten haben durch ihren Verzicht auf spürbare Lohnerhöhungen dazu beigetragen, dass die Kosten der Unternehmen nicht weiter gestiegen sind.

Laut Statistischem Bundesamt sind die Netto-Einkommen in den letzten 15 Jahren sogar um 2 % gesunken. Prof. Thomas Straubhaar, HWWI: „Dank moderater Lohnerhöhungen sind die deutschen Arbeitnehmer wieder international wettbewerbsfähig.“

Der Straubhaar, und das auch nur nebenbei, ist übrigens der Typ von dem Institut, das vor etwa einem Monat ein durchgerechnetes Grundeinkommen-Modell vorgelegt hat. Womit dann auch klar sein dürfte, was zumindest von dieser Variante zu halten ist. Nun wissen wir also, das wir alle in einem Boot sitzen und werden bestimmt auch nicht mehr so viele, fiese Forderungen stellen.

Als weiteren Grund rückt Bild dann tatsächlich mit dem Wetter raus: „Der milde und trockene Winter hat den Aufschwung am Arbeitsmarkt kräftig unterstützt. Davon profitieren vor allem die Baubranche und die Landwirtschaft.“ Und das, wo ich doch vor kurzem in einer Vorlesung zur Entwicklungsökonomie erst lernen durfte, das gerade die strengen Winter in Europa hier das rasante wirtschaftliche Wachstum seit Anfang des 19. Jahrhunderts ermöglicht haben. Die sind jetzt aber scheinbar out, weshalb ja bekanntlich auch von Frau Merkel der Klimawandel eingeführt wurde. Tolle Erfindung!

Dann kommt natürlich auch Schröder sein Teil zu, schließlich hat der Hartz IV durchgepaukt. Und deshalb kommen „mehr Arbeitslose schneller wieder in Arbeit“. Was so nicht stimmt, wie am 3.5. in der taz nachzulesen war:

Auch die Langzeitarbeitslosen finden kaum einen Weg in den Arbeitsmarkt: Zwischen März und April haben nur 21.000 Hartz-IV-Empfänger eine neue Stelle gefunden. Trotzdem sank die Zahl der arbeitslosen Hartz-IV-Empfänger im Vergleich zum Vorjahr um stattliche 365.000. Davon ist jedoch nicht jeder auf dem Arbeitsmarkt untergekommen. Viele wurden einfach nur aus der Statistik ausgesteuert. Oder wie es die Bundesagentur offiziell ausdrückt: Es wurde eine „systematische Überprüfung des Arbeitslosenstatus von Arbeitslosengeld-II-Empfängern“ vorgenommen. Sie gelten jetzt also nicht mehr als einsetzbar.

Und schließlich sind da noch die Unternehmen, denn die „Betriebe und Manager haben ihre Hausaufgaben gemacht, arbeiten jetzt schlanker, kostengünstiger und schneller!“ Was ja erstmal heißt: sie schmeißen Leute raus. Über den genauen Zusammenhang zwischen schlanker, also personalarmer Produktion, und sinkender Arbeitslosigkeit lässt sich Bild dann nicht so wirklich aus.

Last but not least bleibt noch Frau Merkel übrigs. Nicht, weil sie den Klimawandel eingeführt hat – da ist sie ja angeblich gegen. Sondern weil sie hart bleibt und die Reformen nicht wieder einkassiert. Bleibt zu hoffen, das sie auch den Protesten der elendigen KlimaschützerInnen nicht nachgibt und weiter für warme Winter kämpft – die bringen nämlich den Aufschwung.