Literatur „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“

Aus aktuellem Anlass habe ich den Überblick über marxsche Schriften zur Kapitalismuskritik und wesentlicher Sekundärliteratur noch mal überarbeitet und erweitert.

In Bezug auf die Marx’sche „Kritik der politischen Ökonomie“ gibt es eine ganze Reihe von begleitender Literatur. Diese Aufzählung umfasst daher drei unvollständige Bereiche: biographisches, theoretische Sekundärliteratur und relevante Schriften von Karl Marx. Alles das ist natürlich weder vollständig noch objektiv. So verzichte ich beispielsweise darauf, die diversen Auflagen des Kapital aus der MEGA gesondert aufzuführen, obwohl gerade die Lektüre der ersten Auflage noch mal eine ganz spannende Sache wäre. Ansonsten habe ich vor, die Liste stetig zu erweitern, es lohnt sich also, später noch mal vorbeizukucken.

(1) Biographisches

Sicherlich ist es nicht ausreichend, theoretische Überlegungen alleine auf die biographischen Erfahrungen derer zu stützen, die sie entwickelt haben. Aber es kann vielleicht helfen, einen Eindruck zu bekommen, welche Fragestellungen Menschen bewegt haben, woran sie sich orientierten, in welchem Kontext ihre Forschungen standen. Und schaden tut’s sicherlich nicht.

Iring Fetscher: Marx.
Wiesbaden 2004 (Panorama Verlag, 159 Seiten, ISBN 3926642483)
Standarteinführung von einem anerkannten Marx-Experten. Fetscher betont und verteidigt insbesondere das Marx’sche Frühwerk, vor allem dessen Konzeption von Entfremdung. Es umfasst sowohl einen Überblick über die Werkentwicklung als auch biographische Daten. Gibt’s für 3 Euro in diversen modernen Antiquariaten, in Göttingen derzeit allerdings scheinbar gar nicht.

Robert Misik: Marx für eilige.
Berlin 2003 (Aufbau Tb, 176 Seiten, ISBN 3746619459)
Populärwissenschaftliche Einführung in das Werk von Karl Marx. Der Autor legt viel Wert auf biographische Entwicklung, schildert die theoretische Entwicklung sehr anschaulich, wenn auch oft theoretisch verkürzt. Am Ende verwirft er mehr oder weniger die Grundlagen der Marx’schen Kapitalismusanalyse, was vor dem Hintergrund einer sich aufdrängenden Nicht-Auseinandersetzung mit den dahinterliegenden theoretischen Fragen ein bissel blöd ist. Nichtsdestrotz coole Einstiegsliteratur um dem Menschen Marx auf die schliche zu kommen.

Walter Euchner: Karl Marx

München 1982 (C.H. Beck Verlag)

Sehr politisch gehaltene Einführung in das Leben und das Werk von Karl Marx. Übersichtlich gegliedert, akadmisch verwendbar, trotzdem gut und flüssig zu lesen.

(2) Relevante Schriften von Karl Marx

Marx hat eine seine „Kritik der politischen Ökonomie“ des öfteren neu formuliert. Dabei hat er stets Änderungen im Detail vorgenommen, die in wesentlichen Fragen seiner Theoriekonzeption auf unterschiedliche Resultate hinauslaufen. Heftig umstritten ist dabei die Frage, ob Marx seine Analyse tendenziell von Werk zu Werk verfeinert hat oder ob er lediglich ob der besseren Verständlichkeit und der Anschlussfähigkeit an vorherrschende Debatten auf konstitutive Momente seiner Theorie verzichtet hat. Eine eindeutige Antwort darauf gibt es wohl nicht. Ebensowenig wie es eine eindeutige Marx-Philologie geben kann, die ganz eindeutig festlegt, was Marx „wirklich“ sagen wollte. Jedenfalls sorgen diese Umstände dafür, das die theoretische Kontroverse in der Marxologie derart umfassend ist.

Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie (MEW 42)

Die Grundrisse sind die erste vollständige Darstellung der Marx’schen Kapitalismuskritik. Sie sind an vielen Stellen noch nicht ausgefeilt, sowohl was die Methode als auch was den Inhalt angeht. So erkennt Marx erst im letzten Kapitel, das er sinnvollerweise nicht mit der Arbeit, sondern mit der Ware beginnen müsste. Auch unterscheidet er noch nicht durchgehend zwischen Wert und Tauschwert. Dazu kommt, das die Grundrisse nie zur Veröffentlichung vorgesehen waren und deshalb stark fragmentarischen Charakter haben.
Dafür findet sich in dem Werk aber viele, gerade soziologische Argumentationen, die in späteren Werken eher vernachlässigt werden. Das gilt beispielsweise für die Genese bürgerlicher Ideale (Freiheit, Gleichheit, …) aus den Prinzipien von Warenproduktion und Warentausch oder für Überlegungen zum Verhältnis von Kapitalismus und technischer Entwicklung.

Theorien über den Mehrwert. (MEW 26.1; 26.2; 26.3) Teile 2. Band online

Die Theorien über den Mehrwert sind in drei Bänden erschienen und – soweit ich weiß – zeitgleich mit den Grundrissen erschienen. Sie enthalten eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Ökonomen jener Zeit und sind Teil der „Ökonomischen Manuskripte“, die in voller Gänze nur in der MEGA-Ausgabe erschienen sind.

Zur Kritik der politischen Ökonomie (MEW 13) online

Dies Werk ist der erste Teil einer geplanten sechsbändigen Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Kapitalismuskritik, die so jedoch nie umgesetzt wurde. Der Text umfasst die Darstellung der Waren- und Geldform. Im Originalscript gibt es noch einen systematisch-logischen Übergang vom Geld zum Kapital. Dieser Text ist als Zur Kritik der politischen Ökonomie Urtext in der MEGA veröffentlicht.

Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (MEW 23) online

Der erste Teil der systematischen Analyse. Hier setzt sich Marx vor allem mit dem Produktionsprozess der kapitalistischen Gesellschaft auseinander. Die systematische Darstellung endet mit Überlegungen zum „Tendenziellen Fall der Profitrate“, es folgen noch Anmerkungen zum Entstehungsprozess kapitalistischer Gesellschaft, sowohl in Europa als auch in den ehemaligen Kolonien.

Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses

Dieser Text ist leider nie in den MEW veröffentlicht worden. Er steht systematisch zwischen dem ersten und dem zweiten Band und versucht, den Inhalt des ersten Bandes vor dem Hintergrund der Gesamterkenntnis dieses Buches zu reflektieren. Ursprünglich war er mal das letzte Kapitel des ersten Manuskriptes vom ersten Band des Kapitals.

Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Zweiter Band (MEW 24) online

Der zweite Teil dreht sich vor allem um den Zirkulationsprozess des Kapitals. Besondere Beachtung haben immer die „Reproduktionsschemata“ gefunden, in denen Marx die kapitalistische Produktion in unterschiedliche Bereiche einteilt und denen vor allem für krisentheoretische Überlegungen Relevanz eingeräumt wird.

Da Marx zunächst die drei Bände konzipiert und dann mit dem ersten Band zur Veröffentlichung wieder angefangen hat, danach zum zweiten Band fortgeschritten ist und über diesem verstarb, ist der Anfang des zweiten Bandes das letzte, was Marx zur Kapitalismuskritik geschrieben hat.

Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band (MEW 25) online

Im dritten Teil des Kapital geht es vor allem um die Entstehung des Preises sowie um das Verhältnis von Wert und Preis sowie um Rentenzahlungen (Zins, Pacht, Miete etc.). Zum Beginn des Kapitels über die Klassen bricht das Manuskript ab.

Marx, Karl/Engels, Friedrich: Briefe über „Das Kapital“
Berlin 1954 (Dietz Verlag Berlin, 380 Seiten)

Briefe von Marx und Engels über das Kapital. Selbsterklärend, vermute ich. Interessant für die eine oder andere Debatte um die Auslegung bestimmter Passagen.

(3) Sekundärliteratur

Berger, Michael: Karl Marx: ‚Das Kapital‘
München 2003 (W.Fink UTB, 250 Seiten, ISBN 3-8252-2456-2)

Einführungstext von einem emerittierten Politikwissenschaftler aus Freiburg. Es werden immer Teile des Originaltextes zitiert, die dann mit Kommentierungen versehen werden. Enthält eine knappe Übersicht über die im Text erwähnten Personen sowie ein kleines Begriffsglossar zum besseren Verständnis. Darüber hinaus gibt es eine (kurze) Einführung in die Vorläufer von Marx sowie die an ihn anschließende Marxistische Sozialforschung. An einigen Stellen finde ich seine Interpretation nicht nachvollziehbar und seine Systematisierung eher fragwürdig.

Theoretische Positionierung:
Hm…. da bin ich überfordert…

Burchardt, Michael: Marxistische Wirtschaftstheorie
München 1997 (Oldenbourg Verlag, 231 Seiten, ISBN 3-486-24296-2)

Eine Einführung in einige wesentliche Theoreme der Marx’schen Theorie, als da wären Die Werttheorie, die Kapitaltheorie und der Übergang von Werten zu Preisen (sog. Transformationsproblem). Das Buch enthält eine vergleichsweise Umfassende und systematisierte Biographie und steht derzeit bei jokers reststeller für 8 Euro als Mängelexemplar im Regal. Nicht so schön ist, das der Autor lediglich die Diskussion bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in seine Auseinandersetzung um die Plausibilität aufnimmt (und selbst das nur Ausschnittsweise) und entsprechend zu dem Ergebnis kommt, Marx sei in wesentlichen Teilen überholt. Er rekurriert dabei vor allem auf Böhm-Bawerk, weist dem aber immerhin auch einige Verkürzungen nach.

Theoretische Positionierung:
Der Autor ist Professor für Wirtschaftswissenschaften und Anhänger der Neoklassik. Er nimmt Bezug auf eine Aussage von Joan Robinson, nach welcher der Neoklassik einiges an schärfe und Problembewusstsein verloren gehe, seit sie sich nicht mehr mit der Marx’schen Theorie auseinandersetzen würde. Entsprechend interpretiert er Marx vor dem Hintergrund von Fragestellungen, wie sie in der vorherrschenden akademischen VWL auftauchen. Was ihn m.E. zu einigen Kurzschlüssen führt.

Heinrich, Michael: Die Wissenschaft vom Wert.
Münster 2003 (Westfälisches Dampfboot, 411 Seiten, ISBN 3-89691-454-5)

Sehr umfang- und kenntnisreiche Darlegung wesentlicher Grundlagen von Marx’schen Kritik der politischen Ökonomie. Das Buch enthält zunächst eine Auseinandersetzung mit der klassischen Politischen Ökonomie (Adam Smith, David Ricardo, John Stuart Mill etc.), stellt im Anschluss die wissenschaftliche Entwicklung von Marx dar, diskutiert umfangreich die diversen Paradigmenwechsel im Marx’schen Werk und kommt schließlich zu einer detaillierten Darstellung der Entstehung der Kritik der politischen Ökonomie. Dabei werden sowohl die Änderungen im Marx’schen Methodenverständnis diskutiert als auch drei wesentliche Punkte von Marx Theorie ausführlich diskutiert, nämlich einmal die Werttheorie, dann die Kapitaltheorie inclusive der Frage nach dem sog. „Transformationsproblem“ sowie die Krisentheorie. Das Ganze ist die Dissertation des Autors und entsprechend sehr umfangreich geraten. Der Autor argumentiert auf höchstem Niveau, dafür aber noch relativ verständlich. Trotzdem ist das nicht die allerleichteste Lektüre für den Einstieg.

Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung
Stuttgart 2005 (Schmetterling Verlag, 230 Seiten, ISBN 3-89657-593-7)

Eine sehr leserliche, für EinsteigerInnen sehr empfehlenswerte Einstiegsliteratur. Die Marx’sche Kritik der politischen Ökonomie wird von Band Eins bis Drei in groben Zügen dargestellt. Er folgt dabei dem Aufbau, den auch Marx im Kapital vornimmt. Aufgrund seiner Auslegung der Marx’schen Theorie finde ich, das er sich des häufigeren mal in Widersprüche verstrickt, die ihm selber aber nicht bewusst sind. Er macht jedoch immer deutlich, an welchen Stellen er eine umstrittene Meinung vertritt. Gute EinsteigerInnen-Lektüre.

Theoretische Positionierung: Heinrich legt großen Wert auf die Marx’sche Werttheorie. Er versteht das Kapital als „automatisches Subjekt“ und interpretiert die Marx’sche Analyse als systematisch-logische (im Gegensatz zu einer historischen). Damit relativiert er (bewusst) die Bedeutung des proletarischen Klassenkampfes für theoretische Analyse und politische Praxis. Darüber hinaus hinterfragt er insbesondere die marxistische Überlegungen in Bezug auf Krisentendenzen innerhalb des Kapitalismus immer wieder sehr stark. Heinrich’s Kompetenz ist Bezug auf das systematische darstellen von dem, was Marx wo, wie und warum argumentiert hat, dürfte unumstritten sein. Kritik bekommt er jedoch häufig für seine Versuche, einzelne Marx’sche Theorieelemente zu reformulieren.

Jappe, Anselm: Die Abenteuer der Ware. Für eine neue Wertkritik.
Münster 2005 (Unrast-Verlag, 243 Seiten, ISBN 3-89771-433-7)

Eine sehr angenehm geschriebenes Einführungswerk in eine Interpretation der Marx’schen Theorie, die sich Wertkritik nennt und der auch ich sehr nahestehe. Der Autor stellt zunächst die Grundzüge der Marx’schen Analyse der Ware dar, ordnet diese in die Kapitalismuskritik ein und problematisiert darüber hinaus auch den Begriff der „Arbeit“. Es folgt eine einführende Auseinandersetzung mit der Krisentheorie sowie eine Geschichte der Warenproduktion.

Sehr angenehm an dem Werk ist die Technik, Belege für theoretische Behauptungen ebenso wie den Nachvollzug entsprechender Debatten in den Anhang zu verlegen. So kann die geneigte Leserin dem Text folgen, ohne sich damit auseinandersetzen zu müssen. Durch Endnoten kann dann aber jederzeit tiefer in die Materie eingestiegen werden. Gute EinsteigerInnen-Lektüre.

Theoretische Positionierung:
Der Autor versteht sich als Wertkritiker. Das bedeutet vor allem eine besondere Betonung der Kategorien Ware, Wert und Geld für eine theoretische Kritik der Kapitalismus. Daran hängt dann immer auch eine Kritik der ArbeiterInnenbewegung bzw. einer Verengung der Marx’schen Kritik auf den Klassenkampf.

Kurz, Robert: Marx lesen. Die wichtigsten Texte von Karl Marx für das 21. Jahrhundert
Frankfurt am Main 2001 (Eichborn Verlag, 431 Seiten, ISBN 3-8218-1644-9)

Nach Themen gegliedert werden mal kurze, mal längere Textstellen aus dem Werk Marxens wiedergegeben. Zu jedem Kapitel gibt es eine Einleitung vom Autor, in der der wesentliche Erkenntnisgewinn aus seiner Sicht zusammengefasst wird. Unglücklich ist, das zwar bei jedem Textausschnitt der Quelltext angegeben ist, allerdings weder Seitenanzahl noch aus welcher Ausgabe der nun kommt. Es gibt auch kein Literaturverzeichnis. Zum Reinlesen für Leute, die sich noch nie mit Marx auseinandergesetzt haben sicherlich nett. Oder für Leute, die zu bestimmten Themen Zitate suchen.

Theoretische Positionierung:
Kurz geht davon aus, das sich durch das Marx’sche Werk eine doppeldeutige Lesart zieht. Einerseits sein Marx ein Modernisierungstheoretiker, der sich letztlich positiv auf die Kategorien der bürgerlichen Gesellschaft (Arbeit, Geld, …) beziehe, andererseits sei er aber ein Kritiker genau dieser Kategorien. Jetzt, da diese Kategorien in eine fundamentale und unauflösliche Krise geraten seien, sei es wichtig, die zweite Hälfte in den Mittelpunkt der Auseinandersetzung zu rücken. Darum bezieht sich seine Textauswahl vor allem auf krisentheoretische Momente im Marx’schen Werk, auf Ansätze einer Marx’schen Arbeitskritik, auf Momente einer Kritik von Staat, Politik und Nation oder auf die Kritik der Gesellschaft als einer, in der nichts so erscheint wie es ist.

Mandel, Ernest: Einführung in den Marxismus
Köln 1998 (Neuer ISP-Verlag, 228 Seiten)

Ernest Mandel gilt als einer der großen Marxisten des 20. Jahrhunderts. Seine Einführung geht auf Erfahrungen mit Einführungsseminaren insbesondere für ArbeiterInnen zurück, so das er aus didaktischen Gründen mit der Darstellung der Darstellung der Klassentheorie beginnt um dann über eine historische Rekapitulation von Klassenkämpfen bis hin zum heutigen Nationalstaat zur eigentlichen Kritik der politischen Ökonomie kommt. Es gibt eine Einführung in das Theorem des Monopolkapitalismus, in die Imperialismustheorie sowie viele Ausführungen rund um die Fragen von Klassenkampf, Reform und Revolution, russischer Revolution und dergleichen mehr. Insgesamt nimmt die eigentliche Kritik der politischen Ökonomie nur einen eher kleinen Teil des Buches ein.

Theoretische Positionierung:
Mandel ist Trotzkist, im Mittelpunkt seiner Theorie stehen die Kämpfe der unterdrückten und ausgebeuteten Klasse. Die Darstellung der Wert- und Geldtheorie bleibt vergleichsweise rudimentär. Er geht davon aus, das es sich bei der „Einfachen Warenproduktion“ um eine historische Epoche handelt, die dann durch das Klassenverhältnis zum Kapitalismus wurde. Ware, Geld und sogar Kapital werden ihm so zu überhistorischen Normalitäten, was es abzuschaffen gilt ist allein die Klassenspaltung. Also eher eine traditionelle Herangehensweise. Sozusagen für alle, die mal sehen wollen, welche Fehler sich da so machen lassen…

Postone, Moishe: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx
Freiburg 2003 (Ca ira Verlag, 601 Seiten, ISBN 3-924627-58-4)

Der Großentwurf einer Neuinterpretation. Aus der Tradition von Adorno und Horkheimer kommend geht Postone von einigen Fragmenten in den „Grundrissen“ aus und interpretiert vor deren Hintergrund das Kapital neu. Besondere Aufmerksamkeit schenkt er den Kategorien von Arbeit und Zeit, die er in ihrer Vermittlung darzustellen versucht.

Der Text ist durch eine ziemliche Redundanz gekennzeichnet. Postone widerholt zu Beginn jedes Kapitels die Erkenntnis des letzten Kapitals und fasst auch am Ende des Kapitels die neu gewonnenen Erkenntnisse noch einmal zusammen. Sehr kleinschrittig legt er unterschiedliche Erkenntnisbereiche der Marx’schen Theorie dar. Trotz allem ist das Buch recht schwer zugänglich, was insbesondere wohl auch an der oft schwer verständlichen Sprache (zumindest in der deutschen Übersetzung?) liegen dürfte. Nichtsdestotrotz ein wegweisendes Werk.

Theoretische Positionierung:
Postone hat mit einem erstmals Ende der 70er veröffentlichten Aufsatz (Antisemitismus und Nationalsozialismus) die Debatte um die theoretische Einordnung von Antisemitismus vor der Hintergrund der marx’schen Theorie zumindest innerhalb der deutschen Linken befruchtet. Sein Werk ist stark erkenntniskritisch, stellt Arbeit als zentrale Vermittlungskategorie im Kapitalismus in den Mittelpunkt und diskutiert dann die Folgen davon für das gesellschaftliche Miteinander. Es geht ihm darum herauszuarbeiten, das die Vergesellschaftung über Ware und Geld spezifisch für den Kapitalismus ist und bereits ganz spezifische Probleme mit sich bringt, die in traditionellen Ansätzen oft unter den Tisch fallen. Traditionelle, am Klasenkampf orientierte Kapital-Interpretation unterzieht er dementsprechend einer starken Kritik.

Haug, Wolfgang Fritz: Vorlesungen zur Einführung ins Kapital
(Hamburg 2005, Argument-Verlag. ISBN 3-88619-301-2)

Stark methodologisch orientierte Einführung in die ersten 2 Kapitel des ersten Bandes des Kapital. Es geht Haug dabei weniger um eine ausführliche Darstellung des Inhaltes, sondern um eine Reflektion seiner Methode. Warum fängt Marx so an wie er anfängt? Was bedeutet „Entwicklung“ im Sinne einer Entwicklung von Kategorien bei Marx? Was versteht Marx unter „Form“?

Haug, Wolfgang Fritz: Neue Vorlesungen zur Einführung ins Kapital
(Hamburg 2006, Argument-Verlag. ISBN 3-88619-330-6)

Die Fortsetzung von Teil 1. Neben einigen methodischen Punkten (logisches vs. historisches, Struktur vs. Individuum) gibt es vor allem soziologische Ausführungen über die Bedeutung der entwickelten Kategorien für aktuelle Entwicklungen.

Politische Einordnung:

Wolle Haug als Oberguru des Argument-Verlages vertritt eine traditionelle, arbeiterInnen-bewegte Lesart der marxschenTheorie. Insbesondere im zweiten Teil fällt das auf, wenn er sich lange mit den Formulierungen Marxens zum „automatischen Subjekt“ und „Geld als Selbstzweck“ herumschlägt, um dann am Ende doch bei der alten Lesart bleiben zu können. Inhaltlich scheint mir das wenig überzeugend, aber zumindest ist es eine umfangreichere Auseinandersetzung aus einer etwas anderen Sichtweise.

Diese Sichtweise fällt auch schon im ersten Teil auf, wenn Haug es etwa als Voraussetzung für eine Kapitalismuskritik nach Marx macht, das ihr Anfang so beschaffen sein muss, das ihr jedeR folgen kann. Eine Einschätzung, die sich so bei Marx wohl nur schwerlich finden lassen wird – und die auch (gerade aus der Sicht einer an Adorno geschulten Lesart) vielleicht nicht so unbedingt haltbar ist.

Ansonsten mag ich den Haug persönlich nicht und finde, er ist ein arroganter Schnösel!


18 Antworten auf “Literatur „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“”


  1. 1 nachfrage 08. November 2006 um 0:16 Uhr

    Das ist sehr aufschlussreich, klärt aber noch nicht ganz die Frage, die ich habe: welches Buch eignet sich zur begleitenden Lektüre für eine Erstleserin? Nicht ganz unbedarft aber halt noch keine Hardcore-Marx-Lektüre hinter mir. Idealerweise würde es Fragen aufklären und antizipieren, die in einem Lesekreis so aufkommen…?

  2. 2 Administrator 08. November 2006 um 1:39 Uhr

    Hm, also besonders sinnvoll dafür finde ich sowohl den Jappe „Die Abenteuer der Ware“ und den die Einführung vom Heinrich „Kritik der politischen Ökonomie“. Der Heinrich ist von der Systematik besser, der Jappe steht mir sicherlich inhaltlich näher…

  3. 3 elser 09. Mai 2007 um 18:20 Uhr

    Meine Empfehlung als Sekundärlektüre zum ersten Band (oder zum einfach so lesen): Christian Ibers „Grundzüge der Marxschen Kapitalismustheorie“ (Parerga Verlag, 2005). Eine Art „Geheimtipp“ wie ich finde…

  4. 4 classless 09. Mai 2007 um 18:31 Uhr

    Für etwas Fortgeschrittene würde ich aber auch noch als Apfel der Zwietracht Antimarxisten wie Konrad Löw „Der Mythos Marx und seine Macher“) empfehlen. Gehirngymnastik!

  5. 5 narodnik 09. Mai 2007 um 18:53 Uhr

    Aloha,

    so wirklich bin ich ja auch noch nicht eingestiegen in die Marx-Lektüre. Bisher halt nur Kurzens „Marx lesen!“. Das kann ich aber uneingeschränkt empfehlen. Danke für die Zusammenstellung!

  6. 6 e 09. Mai 2007 um 19:27 Uhr

    Also wenn schon in medias res gegangen wird, dann gilt es auch Roman Rosdolkys „Zur Entstehungsgeschichte des Marxschen Kapital“ 2 bändig zu erwähnen. Das Werk dröselt nochmals kleinklein die Entwicklung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auf.
    Achja, zum Verständnis der (Heinrichschen-Marxschen) Wertkonzeption ist auch „I.I. Rubin: Studien zur Marxschen Werttheorie“ mehr als einen Blick wert. Rubin ist soetwas wie ein verlorener Vater(dahingerafft durch den Stalinschen Terror) der Wertkritik(wenn auch mit problematischen Verkürzungen), der solche Kategorien wie (abstrakte) Arbeit, Ware(nproduktion), Kapital als genuin kapitalistische ansah. Und dies bereits in den 20er-Jahren.

  7. 7 narodnik 09. Mai 2007 um 21:21 Uhr

    Wobei wie eob bereits richtig angemerkt hatte, das Einführungsbuch vom Robert Kurz natürlich klar Richtung Wertkritik abzielt – und daß teilweise hart polemisch (was ich aber gut finde, hihi). Marx wird dort vor allem im Sinne der Fetischkritik zitiert – d.h die Marx-Ausschnitte werden z.T. neu arrangiert um die recht chiffrierte, tiefgreifendere Kritik sichtbar zu machen. Dazu kommen Einleitungstexte zu den einzelnen Kapiteln. Ein recht kompletter Band zum Einstieg in eine kategoriale Kritik die die Subjektform zum Ausgangspunkt macht.

  8. 8 Beiträger 09. Mai 2007 um 23:58 Uhr

    Heinrichs Sekundärliteratur (bei theorie.org erhältlich) wird zumindest bei mir an der Uni als das beste empfohlen, was man zur Zeit an Zusatzliteratur bekommt.

  9. 9 realslimshady 12. Mai 2007 um 16:44 Uhr

    Heinrichs Einführung (die eigentlich keine ist, sondern
    der Versuch einer Zusammenfassung) ist besser als seine
    Dissertation („Die Wissenschaft vom Wert“), entstellt aber immer
    noch die „Kritik der politischen Ökonomie“ von Marx.
    Wenn es schon nicht ohne Buch über das Buch gehen soll (warum meint man, ohne VordenkerInnen das „Kapital‘“ nicht lesen und verstehen zu können?), dann empfehle ich Dieter Wolfs „Der dialektische Widerspruch
    im Kapital“. Wolf zeigt darin gnadenlos die Fehler der Vordenker von Heinrich, nämlich von Backhaus und Reichelt, auf. Gut, der Wolf hat einen, naja, außergwöhnlichen, redundanten Stil, aber der Schwerverständlichkeit wird man ihn nicht anklagen können.
    Die meisten Texte von Wolf und auch Auszüge aus dem angeführten Buch (mittlerweile wahrscheinlich sogar das ganze Buch) sind unter www.dieterwolf.net zu finden.

  10. 10 Dominik 19. Mai 2007 um 21:13 Uhr

    Ich habe auch so einige Einführungen gelesen/angelesen, von denen Heinrich sich meiner Meinung nach nach weit abhebt! Es kursieren auch einige Vorträge von Heinrich als mp3 im Internet. Auf Grund von denen habe ich mir erst das Buch geholt und geradezu verschlungen! Ob es allerdings für Leute ohne jegliche Vorkenntnisse geeignet ist, kann ich nicht wirklich beurteilen (vielleicht erst mal die Vorträge anhören). Ich hatte vorher schon die Zusammenfassung aller drei Bände von Wal Buchenberg gelesen, sowie den Band 1 angelesen (davor auch noch andere Sekundärliteratur). Dann hatte ich mich (neben Wertkritik) viel mit Zusammenbruchstheorie um Krisis und Exit beschäftigt, bin von diesen ‚Trip‘ aber nun wieder runter und bei Heinrich gelandet. Es gibt darüberhinaus auch ein Vortrag von ‚Ingo Elbe‘ über Lesearten (Revolutionstheorie und ihre Kritik bei Marx) im Internet als mp3, den ich interessant finde (Schwerpunkt auf Unterscheidung zwisch Früh- und Spätschrifen Marx). Die weiteren Texte der ‚Roten Ruhr Uni‘ finde ich allerdings nicht so einfach zu verstehen.
    Das Buch von Robert Kurz ‚Marx lesen‘ finde ich ein ziemlichen Flopp und halte auch nicht mehr so viel von ihm wie früher (vor wenigen Jahren): In der Anschlussdiskussion eines Vortrags zu seinem ‚Weltkapital‘ hat er z.B. behauptet, dass abstrakte und konkrete Arbeit das selbe sei und dies könne er auch an Marxens Kapital belegen, wenn er eins da gehabt hätte… Es gibt auch eine Kritik von Heinrich an die Krisis/Exit und deren Zusammenbruchstheorie in Form eines Vortrages im Internet.
    Robert Kurz‘ Sprache finde ich einfach zu ‚abgehoben‘. Nach den ersten Seiten in seinem Buch ‚Marx lesen‘ hatte ich mir schon eine Din A4 Seite mit Begriffen aufgeschrieben, die ich nachschlagen musste (wobei ich noch nicht mal alle fand). Später im Buch ging es dann besser. Die paar Seiten mit dem Schwerpunkt ‚automatische Subjekt‘ waren interessant. Der Rest samt ausgewählten Zitaten fand ich persönlich nicht so prickelnd (ohne es jetzt genauer begründen zu können) und für eine Einführung ziemlich ungeeignet.
    Das Kapital selbst als Einführung zu lesen (wenn man die Zeit und Motivation hat), ist sicherlich nicht verkehrt. Aber besonders die ersten Kapitel über die Wertformanalyse haben es in sich, und sind nicht so trivial. Die überliest man (war bei mir jedenfalls so) gerne mehr oder weniger und ist sich der tragweite nicht bewusst. Die ist mir erst mit Sekundärliteratur klar geworden.
    Alles in allem ist das Kapital inhaltlich schon relativ leicht zu verstehen (ausser erste Kapitel), nur kann ich den Gesamtzusammenhang nicht verinnerlichen. Es kommt mir so vor (oder ist so), dass ich die einzelne Teile zwar alle begreife, aber das ganze Gebilde nicht zusammen betrachten kann (mein Blickwinkel reicht dazu nicht aus). Es ist (bildlich gesprochen) so, als ob man ein riesen Puzzel zusammensetzt, aber nicht weit genug weggehen kann um das ganze Puzzel dann letztendlich zu betrachten. Oder um es mit Mephisto zu sagen: Du hast die Teile in der Hand, fehlt leider nur das geist‘ge Band

    Die Einführung von Jappe kenne ich noch nicht, aber auf Grund der positiven Aussagen hier, werde ich sie mir wohl demnächst mal besorgen!

  11. 11 Gramsci 23. Mai 2007 um 13:27 Uhr
  12. 12 gk 03. September 2007 um 21:05 Uhr

    Vielen lieben Dank für all die Lektürehinweise!

    Die Heinrich’sche theorie.org-Einführung war wirklich spannend. Ich hatte allerdings Probleme mit dem Verständnis der Werttheorie. Ist Jappe dazu zu lesen eine gute Idee oder hast du eine Empfehlung, die sich schwerpunktmäßig dem Thema widmet? Oder ist da Heinrichs Wissenschaft vom Wert besser? Oder ist das sehr kompliziert im Vergleich mit der Einführung geschrieben?

    Naja, vielleicht kannst du (ihr?!) mir ja helfen?!

    Gruß,
    gk

  13. 13 emanzipationoderbarbarei 07. September 2007 um 19:42 Uhr

    hi gk!

    in bezug auf die werttheorie würde ich meinen, ist der einzige unterschied, das heinrich da seine position umfangreicher und detaillierter herleitet und einen längeren überblick über die akademische debatte gibt.

    ansonsten finde ich den jappe ziemlich spannend. einerseits weil es ein gutes einstiegsbuch ist (auch wenn es sich nicht an die gliederung des kapital hält), andererseits weil es leicht verständlich und nachvollziehbar die wertkritik etwa der gruppe krisis referiert.

    für mehr tipps müsste ich dann allerdings genauer wissen, was du unter „Probleme mit dem Verständnis der Werttheorie“ meinst – also ob das über den dissens zwischen heinrich und kurz/lohoff/trenkle/jappe hinausgeht.

    bunte grüße!

  14. 14 Weiterer Tip ;) 07. Januar 2008 um 1:08 Uhr

    Herrn Michael Heinrichs Umwälzung des Marxismus
    Ein Berliner Politologe kritisiert die politische Ökonomie. Das Ergebnis hat mit Karl Marx nicht viel zu tun.

    MASCH-Skript von Holger Wendt

    Inhalt

    Feindbild „Traditionsmarxismus“
    Marxismus ideologiefrei
    Das Ende der Geschichte
    Abschied von der Arbeitswerttheorie
    Der „ideale Durchschnitt“
    Das Verschwinden des Menschen
    Neues vom demokratischen Rechtsstaat
    Von der Tragödie zur Farce
    Abschied von Marx

    Download als PDF-Datei (10 S.): neue-impulse-verlag.de

  15. 15 Christian 08. Januar 2008 um 1:18 Uhr

    hi emanzipationoderbarbarei

    wie kommst du denn dazu den Borchardt als Neoklassiker einzuschätzen? ich kenn leider nichts weiter von ihm als die „Marxistische Wirtschaftstheorie“ aber in der sagt er über die Neoklassik folgendes:

    „eine Theorie, die sich heut in wenig glanzvollem Zustand präsentiert und die auf große Probleme der Zeit, wie etwa die weltweite Massenarbeitslosigkeit, keine befriedigenden Antworten, geschweige denn brauchbare wirtschaftspolitische Instrumente zu liefern in der Lage wäre.“

    Mir hat das Buch übrigens sehr gut gefallen, ich kann es als leicht lesbaren Überblick über die Kernthesen der politischen Ökonomie nur empfehlen.

  16. 16 Juli 08. Januar 2008 um 12:09 Uhr

    ich bezog mich dabei auf das zitat hier:

    „Ich teile die Meinung der großen alten Dame der Nationalökonomie Joan Robinson, „daß die orthodoxe akademische Ökonomie durch ihre Weigerung, Marx ernst zu nehmen, verarmt ist“. Sie weist zu Recht darauf hin, daß der überwiegende Teil der neoklassischen Theorie zur Abwehr des Marxismus entwickelt wurde, eine Theorie …“ (hier folgt dann der Text von dir).

    Das hatte ich (wie ich einsehen muss: wohl falsch) als grundsätzliche wertschätzung der neoklassik interpretiert. muss an meiner selektiven wahrnehmung liegen… eine seite später bezieht er sich mehr oder weniger positiv auf den begriff des „postkeynesianismus“. vielleicht wäre das ja treffender…

  17. 17 Lee Tan 12. Juli 2008 um 22:59 Uhr

    unter 3 findet sich ausnahmslos billige schundliteratur.

  18. 18 Juli 13. Juli 2008 um 10:54 Uhr

    Ich weiß ja nicht wo du einkaufst, aber so billig waren die gar nich…..

    Abgesehen davon: was wäre denn „keine Schundliteratur“?

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