Lesen oder nicht lesen

Die Exit echauffiert sich in fast staatsanwältlicher Manier über das furchtbare Gebaren der InternetuserInnen:

Wie es um die Linke bestellt ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass das Sterben des linken Buchhandels weiter geht. Das Interesse an kritischer Reflexion, die sich nicht auf Fast-Food-Lektüre reduzieren lässt, scheint immer mehr abzunehmen. Und für die Downloader kommt der Gang zum Buchhändler wahrscheinlich schon einer unzumutbaren Selbstkasteiung gleich. Jetzt musste mit Usch Diekmanns „Bücherkiste“ in Nürnberg ein traditionsreicher linker Buchladen schließen, der immer auch ein Ort persönlicher Kommunikation war.

Das dürfte wohl zugleich richtig als auch falsch sein. Denn sicherlich dürfte der kriselnde Zustand, in dem sich die wohl meisten linken Buchläden befinden, ein Ausdruck ihrer Schwäche sein. Und gleichzeitig dürfte diese sich mit jedem sterbenden Buchladen verstärken. Diesen Prozess dann aber im nächsten Satz dem scheinbar unglaublich hohen downloaden von linken Theoriebüchern zuzuschreiben, dürfte dem Problem wohl auch nicht wirklich gerecht werden.

Denn zum einen dürfte die Anzahl der auf diese Art verbreiteten Bücher eher marginal sein, und zum anderen steht ja auch die interessierte Linke vor dem Problem, das die Preise für Bücher in den letzten Jahren massiv angestiegen sind, während das durchschnittliche linke Monatseinkommen in der Tendenz eher sinken dürfte. Das downloaden von Texten und Büchern dürfte daher eher eine Notlösung sein, um sich überhaupt noch „das Interesse an kritischer Reflexion“ erfüllen zu können.

Das ebenso beharrliche wie penetrante festhalten am Copyright-Fetisch verdeckt daher die Frage, die sich eigentlich zu stellen wäre: wie sich die Linke in der Situation, in der sie sich gerade befindet, eine Form der theoretischen Kontiuität organisieren kann, die gleichzeitig auf die praktische Überwindung dessen zielt, was ihr derzeit das Leben so schwer macht.


5 Antworten auf “Lesen oder nicht lesen”


  1. 1 double f 15. Mai 2007 um 16:57 Uhr

    Erinnert mich irgendwie an goest. Ob das am Alter liegt?
    Tja, trau keinem/r über 45.
    Hat die Exit nicht auch über Internet und emanzipatorische Potentiale geschrieben?
    Das ist doch linker Wertkonservativismus. Wenn man den kritisiert, ist das dann auch Wertkritik?

  2. 2 bikepunk 089 15. Mai 2007 um 17:02 Uhr

    Scheinbar war linke Theoriebildung mal weniger professionell – schreibt zumindest die wildcat (verbunden mit einem diss auf antideutsche und wertkritiker_innen):

    Politik als Geschäft: Es ist normal geworden, mit »politischer Tätigkeit« sein Geld zu verdienen; die eigene Reproduktion und die politische Praxis in eins zu setzen. Mit aller Selbstverständlichkeit gilt das Schreiben linker Artikel oder Bücher, das Verlegen oder Verkaufen solcher Bücher, das Auftreten als Redner auf linken Veranstaltungen oder in den Medien als Einkommensquelle. Wieweit sich damit die Kritik den marktgängigen Bedürfnissen und dem Zwang, sich darüber zu reproduzieren, unterwirft (ganz unabhängig davon, wie lukrativ oder ärmlich diese Reproduktion ist), bleibt ausgeblendet. Soziale Verhaltensweisen, die sich dieser Verwandlung von Kritik an der Ware in eine Ware entgegensetzen, wie das Raubdrucken oder Klauen von Büchern, werden moralisch ausgegrenzt, da sie zwangsläufig die Reproduktion eines anderen Teils der Linken bedrohen würden.
    […]
    In den 60er und 70er Jahren wurde im damals noch großbürgerlich geprägten studentischen Milieu die Frage nach dem eigenen Ort in der Klassengesellschaft als »Klassenverrat« thematisiert. Die K-Gruppen haben daraus dann ihren dümmlichen Prolet-Kult gezimmert, von dem sich die Wertkritiker und Antideutschen, die diesem Milieu entstammen, heute absetzen. Die längst verschwundene ML-Kultur wird von ihnen heute ständig als Strohmann zum Eindreschen herbeizitiert, weil damit zugleich das Richtige an der Fragestellung verdrängt werden soll. Die damalige Kritik an der Universität – die nur in seichten Formeln wie »raus aus dem Elfenbeinturm« populär wurde – ging viel weiter als die heutige Auseinandersetzung mit ihr. Es wurde durchschaut, daß die dort betriebene Wissenschaft nicht nur theoretisch falsch und Legitimationswissenschaft ist, sondern daß ihr herrschaftlicher Charakter schon mit der Abtrennung als staatliche Institution von der gesellschaftlichen Praxis gegeben ist: instrumentelle Vernunft, die beliebigen und damit immer den herrschenden Interessen zur Verfügung steht. War dieser gesellschaftliche Charakter von Wissenschaft durchschaut, reichte es nicht mehr, Traktate zur »Kritik bürgerlicher Wissenschaft« zu verfassen – die eigene soziale Funktion und Rolle mußte radikal verändert werden. Das bedeutete den Bruch mit der eigenen Lebensperspektive, die einem als universitäre Karriere und in der gesellschaftlichen Stellung der Eltern vorgegeben war. Heute ist mit der Ausblendung des Klassenverhältnisses aus der Gesellschaftskritik auch die Kritik der Universität und der Institutionen verschwunden.

    http://www.wildcat-www.de/zirkular/63/z63nebel.htm

  3. 3 emanzipationoderbarbarei 16. Mai 2007 um 8:54 Uhr

    Lustig vor dem Hintergrund ist übrigens, das die Exit in der „Exit 2″ in Gestalt von Roswitha Scholz der Krisis vorgeworfen hat, sie würde nur so viel poitives über die Hartz IV-Protestierenden schreiben, weil sie sich anbiedern und in der Bewegung Geld verdienen wolle…

  4. 4 classless 16. Mai 2007 um 13:16 Uhr

    In den Siebzigern wurden die Bücher geklaut und raubgedruckt. Danach war vergelcihsweise viel Kapital locker für Buchanschaffung. Sich jetzt über die Prekären auszuheulen, die zu ihren Uni-Pflichtkäufen keine dicken Schinken mehr anschaffen mögen, ist echt peinlich.

  5. 5 narodnik 18. Mai 2007 um 17:41 Uhr

    Bei der theoretischen Vewahrlosung der Linken hat Kurz m.E. aber recht. Bis auf ca-ira-Stände mitsamt Israel-Merchandising gibt es keine „Theorie-Praxis-Lokale“ größeren Umfangs mehr.

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