G8 und Gewalt – zwei Episoden aus der deutschen Presselandschaft

Die Bild-Zeitung kann mittlerweile, daran besteht kein Zweifel mehr, bereits zur immer größer werdenden Masse an G8-Gegnerinnen gerechnet werden. Und so betitelt sie ihr Interview mit Außenminister Steinmeyer auch mit den kritischen Worten: „Wie reagiert der Staat auf G8-Gewalt?

G8, das hat die Bildzeitung richtig erkannt, das bedeutet nämlich Gewalt. Und sind unglücklicherweise die G8 nichts als ein Bündnis mehrerer Staaten. Weshalb es eine komische Frage ist, wie der Staat auf G8-Gewalt reagiert. Eine spannendere Frage wäre schon, wie die, bei denen demnächst humanitär-militärisch interveniert werden soll, auf die Gewalt der G8 reagieren. Also ganz spezielle Staaten, die „< G8" sozusagen, rein mathematisch gesprochen.

Gedanken dieser Art schossen mir durch den Kopf, als ich heute mal über die Bild-Homepage zappte. Bei genauerem Hinsehen viel dann allerdings auf, das es Bild gar nicht um die Gewalt der G8 geht, sondern um die Gewalt derer, die gegen die G8 protestieren möchten. Ganz im Sinne des Berichtes auf SpiegelOnline über die gestrige Demo gegen den ASEAN-Gipfel: „Militante G-8-Gegner randalieren sich warm“.

Da lief nämlich die Polizei drei Stunden lang Spalier neben der kompletten Demo her, was die Stimmung der DemonstrantInnen nicht gerade verbessert hat. Und schließlich kam es zu dem Unvermeidlichen, das so häufig passiert und das Riesenaufgebot der Polizei hat die Probleme erst geschaffen, die zu lösen es angeblich angetreten sein will. Entsprechend liest sich dann auch der Demobericht bei Spiegel-Online wie ein Sammelsurium von Unglaubwürdigkeiten und zusammenhanglosen Einzelfakts:

Demolierte Polizeifahrzeuge, brennende Barrikaden und Wasserwerfer im Akkordeinsatz: Die Demonstration Tausender Globalisierungskritiker in Hamburg endete heute am späten Nachmittag und Abend mit den befürchteten Ausschreitungen. Die rund 5000 Teilnehmer des Protestzuges, von denen die Polizei etwa 2000 als gewaltbereit einstufte, waren am Mittag zunächst relativ friedlich durch St. Pauli in Richtung Innenstadt gezogen. Zwar flogen mehrfach Knallkörper, Rauchbomben und Farbeier, zudem vermummten sich einige Teilnehmer – insgesamt blieb es aber ruhig.

Ein Horrorszenario, was da ausgemalt wird: die Polizeiautos sind demoliert, diverse Barrikaden brennen und das Innenministerium kann die Wasserwerfer gar nicht so schnell nachkaufen wie die Einsatzleitung sie in den Kampf zu schicken gezwungen ist. Es gibt nämlich Ausschreitungen, wie befürchtet. Unter den 5000 TeilnehmerInnen befanden sich 2000, die von der Polizei als gewaltbereit eingestuft wurden. Nun frage ich mich ja jedesmal, wie die das macht: werden da Carhartt-Oberteile gezählt oder die anwesenden Baseballcaps überschlagen? Vielleicht gar die Antifa-Aufnäherinnen gezählt und durch 4 geteilt, um sich der Zahl der Gewaltbereiten wenigstens annähern zu können? Mensch weiß es nicht. Trotz dieses Horroszenarios, das 2000 gewaltbereite ChaotInnen anrichteten, lässt sich allerdings festhalten: „insgesamt blieb es aber ruhig.“

Wie es zu den Ausschreitungen kam, berichtet SpiegelOnline ebenfalls, auch wenn das dem Autor bestimmt nicht aufgefallen sein wird:

„Zur Eskalation kam es gegen 16.30 Uhr nahe der U-Bahn-Station Rödingsmarkt, wo eigentlich nur eine Zwischenkundgebung geplant war. Die Veranstalter erklärten den Protestzug an dieser Stelle unerwartet für beendet: Man wolle nicht „in einem Wanderkessel der Polizei durch eine menschenleere Innenstadt“ laufen, begründete Sprecher Andreas Blechschmidt die Entscheidung.“

Merke: hätte die Polizei sich nicht für „Zero-Tolerance“ entschieden und die Demo mittels Wanderkessel vom Rest der Menschheit abgeschirmt, wären die Leute friedlich weitergelaufen. So aber wurde die Demo, weil sie ohnehin keinen Sinn mehr gemacht hat, das Demonstrationsrecht durch die Polizeitaktik also faktisch außer Kraft gesetzt wurde, aufgelöst – und es kam zum unvermeidlichen.

Beim Abzug der rund 5000 Teilnehmer kam es dann zu ersten Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und linksradikalen Demonstranten, vor allem aus dem sogenannten schwarzen Block von rund tausend Autonomen. Diese bewarfen die Sicherheitskräfte, die mit einem massiven Aufgebot vor Ort waren, mit Steinen, Flaschen und Feuerwerkskörpern.

Rechnen wir mal nach: im „sogenannten schwarzen Block“ waren 1000 Menschen, die dann Krawall gemacht haben. Wo aber waren die anderen 1000 Gewaltbereiten versteckt? Waren das vielelicht die, die in Grün immer um die Demo rumgeschlichen sind und auf einen guten Grund gewartet haben, mal ordentlich loszudreschen? Oder ist das irgend so ein Rechentrick, für den mir einfach die mathematischen Basics abgehen? SpiegelOnline jedenfalls kommt zu einer ersten Bilanz des Warm-Up:

„Erste Bilanz der Anti-G-8-Randale: etwa 25 Personen festgenommen, weitere 64 in Gewahrsam, zwei verletzte Polizisten und zwei verletzte Demonstranten mehrere demolierte Polizeifahrzeuge und Privat-Pkws. 150 Polizisten erlitten Augenreizungen, weil sie mit Reizgas angegriffen wurden. Als besonderes Indiz der Gewaltbereitschaft einiger Autonomer wertete Polizeisprecher Ralf Meyer die Festnahme von sieben Männern, die am Abend an einer Tankstelle in St. Pauli dabei aufgegriffen wurden, wie sie Molotow-Cocktails vorbereiteten.“

DemonstrantInnen greifen die Polizei mit Reizgas an, die Polizei schafft es lediglich 25 von 2000 Gewaltbereiten festzunehmen und im direkten Kampf Mensch-gegen-Mensch können wir ein veritables Unentschieden (2 : 2) vorfinden. Die Runde geht eindeutig an die G8-Gegnerinnen und die Polizei kann allem Anschein nach froh sein, das sie in Heiligendamm wenigstens einen Zaun zur Vefügung hat. So zumindest der Eindruck, der sich mir als selbstverständlich völlig unbedarfter Leserin aufdrängt.

Und dann, kurz vor Ende des Absatzes, vermutlich war die geforderte Anzahl hahnebüchener Geschichten noch nicht voll, die Story von 7 Autonomen, die an der Tankstelle ihre Molotov-Cocktails nachfüllen. Ich kann es mir geradezu vorstellen: erst die Flasche leertrinken, dann direkt den Zapfhahn von der Tanksäule in den Flaschenhals gesteckt. Jede, die mal die paranoide Angewohnheit (pseudo-)militanter Autonomer erlebt hat, so ziemlich überall den Verfassungschutz, die politische Polizei oder doch zumindest den Bundesnachrichtendienst zu vermuten, ist erstaunt: nicht mal Flugblätter werden per Mail verschickt, aber unsereins soll ernsthaft glauben, da würde öffentlich an der Tanke ein Molli gebaut? Wer genau gelesen hat wird allerdings bemerkt haben, dass da gar nicht von 7 Autonomen, sondern lediglich von 7 Männern die Rede war. Vermutlich waren die bei einer der eben erwähnten Institutionen unter Vertrag…

Doch damit nicht genug, es gab auch ein kleines Genua:

„Zu einer dramatischen Situation kam es kurz nach Auflösung der Demo: Ein isolierter Polizist fühlte sich durch Stein- und Flaschenwürfe derart bedrängt, dass er seine Dienstwaffe zog und kurz davor war, einen Warnschuss abzugeben. Er flüchtete sich in seinen Wagen.“

Wie süß! „Ein isolierter Polizist“ hat ganz dolle Angst wegen der vielen fremden Menschen um ihn herum – „Der kleine Hans sucht nach seiner Mama!“ Warum aber war der denn „isoliert“, warum ist er denn von seiner Herde weggelaufen? Warum hat er sich nicht gleich in seinen Wagen gesetzt, was haben seine Kumpels in der Zeit gemacht und warum zur Hölle is der Typ überhaupt zur Polizei gegangen? Fragen über Fragen, die Antworten bleiben jedoch einstweilen offen. EmanzipationOderBarbarei verspricht jedoch, an der Sache dranzubleiben. Vielleicht können wir alle zusammenlegen und ihm ein Bilderbuch schenken, damit er sich nicht mehr so alleine fühlt…


6 Antworten auf “G8 und Gewalt – zwei Episoden aus der deutschen Presselandschaft”


  1. 1 nachdenklich 30. Mai 2007 um 0:39 Uhr

    „DemonstrantInnen greifen die Polizei mit Reizgas an, die Polizei schafft es lediglich 25 von 2000 Gewaltbereiten festzunehmen und im direkten Kampf Mensch-gegen-Mensch können wir ein veritables Unentschieden (2 : 2) vorfinden. Die Runde geht eindeutig an die G8-Gegnerinnen und die Polizei kann allem Anschein nach froh sein, das sie in Heiligendamm wenigstens einen Zaun zur Vefügung hat.“

    Ja, das glaub‘ ich aber auch. Ohne Zaun würde das eine üble Blamage werden, wenn Merkel und der Rest der Schweinebande von tausenden üblen Autonomen zum nackig Ringelpietz eingeladen werden.

  2. 2 bikepunk 089 30. Mai 2007 um 1:17 Uhr

    Beim 2 : 2 hast du diesen absurden Reizgasvorfall vergessen …

  3. 3 Du weißt schon wer.. 30. Mai 2007 um 18:22 Uhr

    Also dein „Lieblingszusammenhang“ (vorsicht Ironie) hat sich erstmal ordentlich im Zusammenhang mit dem G8-Gipfel von Gewalt und Berufschaoten distanziert. ;-)

  4. 4 emanzipationoderbarbarei 31. Mai 2007 um 13:10 Uhr

    Also Ironie is doch nur wenn’s die Sache trifft, oder?! Die Einschätzung, mir wäre Ums-Ganze wahlweise besonders lieb oder besonders verhasst würde ich jedenfalls eher ins Reich der Wahnvorstellungen und der Hobbykellerpsychologie verweisen wollen.

  5. 5 Rakete 02. Juni 2007 um 23:16 Uhr

    soweit ich weiss hatte sich doch sogar noch raus gestellt, dass der vermeindliche reizgasangriff aus den eigenen reihen kam. stand in irgend einer zeitung, finde den link aber grade nicht mehr

  6. 6 reizgas 08. Juni 2007 um 2:59 Uhr

    http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/160/116044/

    Bitteschön: Polzei schädigt sich überwiegend mit eigenem Reizgas

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