Über Afrika im Bilde

Der G8-Gipfel steht vor der Tür und so darf Bob Geldof für einen Tag Chefredakteur bei der Bildzeitung spielen. Er nutzt das dann auch gleich, um die deutsche Bevölkerung mit Empirie zu schocken:

„30 000 Menschen sterben in Afrika jeden Tag an Armut“

Das sind gut 11 Millionen im Jahr. 220 Millionen in den letzten 20 Jahren. Capitalism kills, könnte mensch meinen. Wahlweise könnte auch von Imperialismus oder zumindest doch von imperialer Weltordnung die Rede sein, vielleicht sogar von Kapitalismus, wenn gleichzeitig von Deutschland als einer Wohlstandgesellschaft gesprochen wird. Von derlei Dingen sprechen Geldof und seine Bildzeitung allerdings nicht. Dafür sprechen sie viel von Deutschland:


„Die Deutschen blicken auf dieses kleine Mädchen. Oder ist es ein Junge? Wir wissen es nicht. Sterbende Kinder haben kein Geschlecht.
Uns wird übel, wir schämen uns, wir sind wütend. Dies ist ein Mensch!
Dieses Baby hat Eltern. Eine Mama und einen Papa, die zusehen müssen, wie ihr kleines Kind stirbt. Und das nur weil sie arm sind! Diese Szene spielt sich in diesem Moment überall in Afrika ab, einem so wunderschönen Kontinent. ( … )
Und wir fragen die Mitglieder der deutschen Regierung: Wird Ihnen bei diesem Foto nicht auch übel? Schämen Sie sich nicht genauso wie wir?
Wollen Sie diesem schreienden Unrecht nicht ein Ende setzen? Der Unterschied zwischen den Lesern und Ihnen, der Regierung, ist:
SIE KÖNNEN etwas daran ändern und die Menschen WOLLEN, dass Sie das tun. Das ist Ihr Job!
In Gottes Namen und im Namen Deutschlands – machen Sie Ihren Job! Machen Sie endlich Schluss mit dem Elend!“

Der Pathos tropft, aber glücklicherweile kommt da jemand, und eilt dem sterbenden Kind zur Hilfe: Deutschland. Juchee! Gut, das es Deutschland gibt. Und Gott. Denn der will auch, dass das Kind nicht verhungert. Allerdings will er auch nicht – zumindest wenn wir dem Papst glauben schenken dürfen – das die Eltern verhüten. Aber egal, hier geht es nicht um Spitzfindigkeiten, hier geht es um Deutschland. Geldof scheint zu wissen, womit er die Deutschen kriegt. Für einen ordentlichen Schuss Patriotismus sind die zu allem bereit. Dann können sie sich nämlich in dem Glauben suhlen, sie wären im Grunde doch ganz tuffige Menschen, die mit dem Elend der Welt nichts zu schaffen haben. Was an der schlichten Realität vorbeigeht, das die Situation in Afrika eine Folge kapitalistischer Vergesellschaftung ist. Die mittlerweile im Weltmaßstab stattfinden und an der auch Deutschland durchaus teilhat. Solange aber der Deutsche nicht drüber nachdenken muss, unter welchen Bedingungen sein Kaffee angebaut und wie er gehandelt wurde, ist alles im Lot auffem Boot.

Allerdings haben die Deutschen haben einiges aufzuholen, schließlich kündigt George W. Bush in derselben Bildausgabe an , 30 Milliarden US-Dollar zusätzlich für die Bekämpfung von AIDS auf den Markt zu werfen. Da will sich Angi Merkel nicht lumpen lassen und rechnet im Interview die deutschen Bemühungen gegen Armut in Afrika vor:

„Ich will, dass wir umfassend über Entwicklungshilfe diskutieren. Ein Beispiel: Deutschland hat für 56 Millionen Euro die Wahlen im Kongo militärisch mit abgesichert, für die Blauhelmtruppen in Liberia haben wir 160 Mio. US-Dollar gegeben und haben damit das Land aus dem Chaos des Bürgerkriegs gelöst. Das schlägt sich aber in den Zahlungsquoten von denen Sie sprechen nicht nieder. Wenn wir Straßen für das Geld gebaut hätten, stünden wir nach Ihrer Einschätzung jetzt besser da. Aber die Straße wäre beim nächsten Gewaltausbruch und ohne unseren Friedenseinsatz vielleicht wieder zerstört worden.“

Wir sehen also, Deutschland steuert zur Bekämpfung von Armut und Hunger bereits genau die Dinge bei, für die es ohnehin komparative Vorteile hat: Soldaten nämlich. Ich bin zwar kein großer Freund von Kannibalismus und ich glaube es ist auch eher eine rassistische Projektion davon auszugehen, dass Menschenfleisch in Afrika besonders beliebt ist, aber nicht mal darauf läuft es hinaus. Stattdessen sollen die Soldaten einfach nur rumstehen und Konflikte kleinhalten, die durch Kolonial- und Imperialpolitik der großen Industrienationen erst entstanden sind.

Nebenbei wird dann natürlich auch die Entwicklungshilfe erhöht. Was auch keine schlechte Idee ist, wie die Bildzeitung ebenfalls feststellt:

„Deutschlands Handel mit Afrika brummt! 2006 stiegen die Ausfuhren um 12,3 % auf 16,6 Milliarden Euro.“

Das dürften dann im nächsten Jahr noch ein paar Euros mehr werden. Was letztlich auf eine Art versteckten Keynesianismus hinausläuft: als Entwicklungshilfe getarnt vergibt die Bundesregierung Investitionsprogramme für deutsche Unternehmen, die diese dann in ihrer „Urheimat“ ausführen dürfen.

Urheimat? Na klar. Josef Wagner, der alte Kolumnist von Bild, klärt uns auf:

„Liebes Afrika,
es ist wissenschaftlich erwiesen, dass die ersten Menschen Afrikaner waren, folglich Afrika das Paradies und Adam und Eva schwarz. Die Ausbreitungsgeschwindigkeit des Menschengeschlechts betrug im Schnitt 400 Meter pro Jahr – das alles geschah vor 40000 Jahren.
Gar nicht so lange her, wenn man bedenkt, dass unser Planet 5 Milliarden Jahre alt ist. Ich bin, wenn die Wissenschaftler recht haben, gemischten Blutes. Ich bin ein Halb-Weißer und ein Halb-Schwarzer.
Was spüre ich von meiner Urheimat?“

Nicht viel, stellt er fest und resümiert ernüchtert:

„Natürlich gibt es Stars wie Kofi Annan und Naomi Campbell in Vogue. Aber der Rest Afrikas verhungert. Kein Regen, nichts blüht mehr. Die Geier sitzen auf den toten Ästen. Was da stirbt, ist unsere Heimat, unser Paradies.“

Bei so viel Heimat schließt sich dann der Kreis und wir wissen jetzt auch, warum Deutschland sich mehr in und für Afrika zu engagieren hat: wegen der Biologie. Nun liegt natürlich die Frage auf der Hand, warum denn den vielen Deutschen auf dem afrikanischen Kontinent nicht das Recht obliegen sollte, als Aussiedler deutschen Boden zu betreten – anstatt sie mittels festungsähnlicher Grenzpolitik davon abzuhalten. Oder sollte das am Ende doch gar nicht so ernst gemeint sein?


3 Antworten auf “Über Afrika im Bilde”


  1. 1 Don Pepone 02. Juni 2007 um 16:34 Uhr

    Sehr interessant zu lesen und ausgezeichnet auf den Punkt gebracht… großes Lob und danke das mal jemand die Dinge so beim Namen nennt!

  2. 2 foo_calling 16. Juni 2007 um 20:54 Uhr

    In dem Ausschnitt aus der Bild werden „die Politiker“ angefleht, die Probleme der Welt zu loesen. Gemeint sind hier natuerlich deutsche Politiker. Eine rhetorisch geschickte Antwort darauf findet man in der Einladung zu dem Vortrag „Der G8-Gipfel und seine Kritiker“: siehe http://www.gruppe3.org/download/G8.pdf; cheers. foo

  3. 3 Ulrich Rützel 04. August 2008 um 12:36 Uhr

    Wer hat denn die Bildrechte an dem obigen Bild, das so erschütternd das verhungernde Kind zeigt. Ich brauche das Foto für eine sozial-kritische, audiovisuelle Umsetzung der „Bergpredigt“, die wiederum dann vornehmlich für die deutschsprachigen Hospiz- und Palliativdienste gedacht ist.

    Danke für Ihre Unterstützung
    Ulrich Rützel
    Musikproduzent

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