Grundkonsens aufgekündigt

Als Gewinnerin der G8-Proteste können wohl – once again – vorallem die Führungskader von Attac gelten. Schließlich waren sie es, die durch militante Riots von Polizei und rebellischen AntikapitalistInnen in die Medien geprügelt wurden. Das ist kein Zufall, schließlich sind sie diejenigen, die die medienkompatiblen Inhalte anzubieten hatten. Dazu zählen neben den ebenso gerngesehenen wie dummblöden Distanzierungen von Demo-Gewalt (eine schöne Replik darauf hat Raul Zelik geschrieben) auch die inhaltlichen Positionen, die da so vertreten wurden.

Bislang galt (zumindest offiziell) bei Attac, das der Laden „keine verbindliche theoretische, weltanschauliche, religiöse oder ideologische Basis“ hat, sondern sich lediglich auf einen Grundkonsens bezieht, von dem aus agiert wird. Dieser Grundkonsens sieht dabei wie folgt aus:

# ATTAC lehnt die gegenwärtige Form der Globalisierung, die neoliberal dominiert und primär an den Gewinninteressen der Vermögenden und Konzerne orientiert ist, ab: Die Welt ist keine Ware.
# ATTAC wirft die Frage nach wirtschaftlicher Macht und gerechter Verteilung auf.
# ATTAC setzt sich für die Globalisierung von sozialer Gerechtigkeit, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten, für Demokratie und umweltgerechtes Handeln ein.
# ATTAC setzt sich in allen Bereichen für Geschlechtergerechtigkeit ein.

Die darüber hinausgehende Aussage, mensch sei gegen den Kapitalismus oder gegen die Marktwirtschaft, wäre entsprechend nicht mehr vom Attac-Konsens gedeckt. Dasselbe würde aber auch für die gegenteilige Auskunft gelten, mensch fände Kapitalismus und Marktwirtschaft toll. Das können Attac-Gliederungen gerne alles vertreten, nur die Leute, die für Bundes-Attac sprechen, dürfen das in ihrer offiziellen Funktion nicht. Wenn nun aber etwa Peter Wahl als Attac-Mensch von der tagesschau interviewt wird, dann dürfte er Sätze wie diese eigentlich gar nicht sagen:

“Es geht uns darum, dem Turbokapitalismus – Helmut Schmidt sagt auch ‘Raubtierkapitalismus’ dazu – Zügel anzulegen. Das heißt aber nicht, dass wir heute oder morgen den Markt oder den Kapitalismus als System abschaffen wollten oder könnten. Es gibt keine gangbare Alternative dazu.”

Mag ja sein, das WEED und Peter Wahl das so finden. Für Attac ist diese Position erstmal neu. Dabei steht doch im selbigen Grundsatzpapier, ganz ausdrücklich, wer „bei ATTAC mitmacht, kann ( … ) MarxistIn sein“. Und die wollen doch in aller Regel den Kapitalismus abschaffen – zumindest wollte das ihr Namensgeber noch. Was die nun aber finden, spielt schlichtweg keine Rolle. Alle Menschen mit Attac-Fähnchen haben für eben das demonstriert, was Peter Wahl an die Medien weitergegeben hat: für Marktwirtschaft, Kapitalismus und deutschen Führungsanspruch in der Welt.

In dieselbe Kerbe schlug dann Sven Gigold, als er bei der n-tv Sendung „Das Duell“ mit dem CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach nicht nur die Distanzierungsarie mitsingt, sondern darüber hinaus auch die Politik Angela Merkels als positiven Bezugspunkt innerhalb des G8-Protestes bezeichnet. Dabei wusste er das noch wenige Tage besser, als er nämlich ein Interview gegenüber dem Stern geben durfte:

„Frau Merkel ist ein gutes Beispiel dafür. International hat sie den Ruf einer Vorkämpferin gegen den Klimawandel. Faktisch ist in Deutschland überhaupt nichts passiert. 28 neue Kohlekraftwerke werden gebaut, es gibt kein Tempolimit auf den Autobahnen und kein ernsthaftes Klimaschutzprogramm.“

Da hat sich einiges getan in den letzten Tagen. Erfolgreich eingemerkelt, würde ich sagen. Jetzt bleibt bloß die große Frage, ob und wann der große Aufschrei von der Parteibasis kommt. Oder ob die Fischerisierung der Organisation mittlerweile schon derartig fortgeschritten ist, dass da nix mehr zu holen ist… Ich als Ortsverband würde mich da jedenfalls von distanzieren… Mindestens.


4 Antworten auf “Grundkonsens aufgekündigt”


  1. 1 lustig 09. Juni 2007 um 13:37 Uhr

    komische formalistische sicht die du da auftust, die ja anscheinend niemanden so recht dazu bringt sich daran zu halten…
    mit den attacis hätte ich jetzt wenig mitleid, was besseres als das haben die sicher nicht verdient… selbst schuld und so… bzw eigentloich wird es ja viel eher so sein, dass die genau das so sehen.

  2. 2 Benni Bärmann 09. Juni 2007 um 16:30 Uhr

    Nach alter wem-nützt-es-Dialektik war also der schwarze Block wahlweise von Attacis oder von Antideutschen unterwandert?

  3. 3 Pivo 10. Juni 2007 um 9:37 Uhr
  4. 4 some1inbln 11. Juni 2007 um 3:51 Uhr
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