Medienpräsenz

Es gibt zwei Fehleinschätzungen über die G8-Proteste, die vielleicht sogar dieselbe sind, nur von unterschiedlichen Positionen aus vorgetragen werden. In der einen Variante wird sich aus einer linksliberalen Position heraus beschwert, das durch die Krawalle in Rostock jede Diskussion über die Inhalte der globalisierungskritischen Bewegung aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden seien. Stattdessen nämlich würde lediglich über die Gewalt berichtet. In der anderen Variante wird die Eskalation am Ende der Demo als Erfolg linkradikaler Intervention verkauft. Beides, so möchte ich behaupten, ist schlicht falsch.

Die erste Position wird gerade von aus dem politischen Umfeld von Attac heraus vertreten. Beispielhaft sei hier Malte Kreutzfeld, Pressesprecher von Attac, mit seinem taz-Kommentar vom letzten Montag zitiert, nach dem nämlich ist „auch der politische Schaden enorm.“ Denn die Krawalle „tragen nicht dazu bei, dass Argumenten (sic!) in der Bevölkerung ein offenes Ohr finden.“.

Die zweite Position findet sich etwa bei der Autonomen Antifa [f] aus Frankfurt, wenn die in ihrer Presseerklärung schreibt:

„Der Versuch, die Proteste durch Integration und Staatstreue mundtot zu machen, ’sind im Steinhagel vor die Wand gefahren.’ „

Mit anderen Worten: Attac & co wollten die Proteste mundtot machen, jetzt habe aber alle Welt die radikale Kapitalismuskritik der „emanziaptorischen Linken“ zur Kenntnis nehmen müssen. Wo da was zur Kenntnis oder auch nicht zur Kenntnis genommen wurde, wird leider nicht näher ausgeführt. Aber auch hier verbirgt sich hinter der Aussage die Annahme, es sei gelungen, selber zum wesentlichen Bestandteil der Gipfelberichterstattung zu werden. Nur das hier der nicht nur der Irrglaube herrscht, linkliberale-inhalte wären so verhindert worden, sondern zusätzlich noch die Wahnvorstellung, irgendjemand hätte tatsächlich die eigenen Inhalte mitbekommen.

In der medialen Öffentlichkeit stellt sich das dann allerdings etwas anders dar. Sicherlich dominieren innerhalb der Proteste die Berichte über Gewalt und Ausschreitungen. Neben den Berichten darüber gibt es aber auch eine Vielzahl inhaltlicher Positionsdarstellungen, die sonst nur selten in den entsprechenden Medien zu finden sind. Die tageszeitung etwa berichtet auf durchschnittlich der Hälfte ihrer Themenseiten zum G8 über inhaltliche Fragen, etwa den Klimawandel oder die Zukunft Afrikas. Antikapitalistische Positionen kommen dabei allerdings nicht vor. Der anitkapitalistische Teil des Wiederstandes wird regelmäßig in der ersten Hälfte des Specials abgehandelt, wenn es um die Kritik an militanten Aktionsformen geht.

Durch die Berichte über die Gewalt am Gipfel erhält das Thema selber allerdings eine erhöhte Aufmerksamkeit. Die Anzahl derer, die sich die entsprechenden Berichte durchlesen, dürfte eher steigen als sinken. Gerade das sich als reflektiert dünkende bürgerliche Individuum wird die Kritik am Black-Block teilen, nicht wollen das die Inhalte untergehen und sich so dem Bericht über die Zukunft Afrikas zuwenden. So werden am Ende die Themen und Inhalte von WEED, dem evangelischen Entwicklungsdienst und Greenpeace an prominenter Stelle wiedergegeben und von den LeserInnen aufmerksam rezipiert.

Und das nicht nur alleine in der taz. Bereits in der Frankfurter Allgemeinen am Sonntag gab es inhaltliche Beiträge zu Afrika, im Tagesspiegel vom Donnerstag ebenfalls, auch die Frankfurter Rundschau präsentierte einen entsprechenden Überblick. Selbst die Zeit war sich nicht zu schade, die inhaltlichen Positionen der GlobalisierungskritikerInnen auf fast zwei Seiten darzustellen.

Dank militanter Gewalt-Attitüde wird so der Zuspruch für weichgespülte inhaltliche Positionen stärker, die Aufmerksamkeit dafür erhöht und letztlich der Glaube, die Welt sei schon ganz gut eingerichtet, müsse nur im Detail noch verbessert werden, zementiert. Nicht ganz dass, was als Ziel und vermeindliches Ergebnis gefeiert wird. Aber trotzdem eben die Folge angeblich radikaler, nicht-vereinahmbarer Aktionsformen.


6 Antworten auf “Medienpräsenz”


  1. 1 nkotb 09. Juni 2007 um 14:35 Uhr

    Einigermaßen lächerlich scheint mir in der PE der Autonomen Antifa [f] diese Stelle: „‘Selbstverständlich’ distanziere sich das UmsGanze-Bündnis nicht von den militanten Aktionen.“ Da entsteht doch der Eindruck bei mir, dass man der IL mal ordentlich ans Bein pissen wollte, weil man sauer ist, dass man in getrennten Blöcken gelaufen ist (und zudem auch noch hinter den Pali-Block verbannt wurde) und vllt. Sympathien bei Leuten wecken wollte, die von dem (ersten?) Interview mit Tim Laumeyer (IL) ziemlich angepisst waren.
    Jedenfalls hat man sich damit im allgemeinen Abgefeiere der Gewalt in Rostock eingereiht, was ich ziemlich traurig finde.

  2. 2 Alles für alle 09. Juni 2007 um 16:10 Uhr

    Das Zitat der antifa [f] handelt doch gar nicht von der Medienpräsenz, bzw der Vermittlung von Inhalten in den Medien. Ich les da nur raus, dass es doch ganz gut war, dass sich dort etwas artikuliert hat, was sicherlich nicht vereinbar ist mit dem Staatstreuen Kurs. Vielleicht sollte man sich vorher über den Standpunkt zur Gewalt informieren, bevor man alles in alles hineininterpretiert. (Empfehlung:der AAB Text: http://top-berlin.net/?p=30#more-30 )
    Das selbe gilt auch für NKOTB. Du stellst doch nicht etwa die These auf, dass keine Distanzierung von Gewalt vorgenommen wird, weil man anders als die IL sein will, oder? Wenn ja, dann haste nen schlechtes politisches Verständnis. Aber als Argument verweis ich doch einfach mal auf die Pressemitteilung, welche im Vorfeld schon das geäussert hat, was im nachhinein nochmals geschrieben wurde: http://umsganze.blogsport.de/2007/05/28/ums-ganze-distanziert-sich-von-gewalt/
    Des weiteren frage ich mich tatsächlich, wo sich „eingereiht“ wurde. Mir sind bisher NUR Distanzierungen von der Gewalt zu Ohren gekommen.
    Wer distanziert sich denn noch nicht?

  3. 3 Benni Bärmann 09. Juni 2007 um 16:14 Uhr

    Malte Kreutzfeld ist schon seit über einem Jahr nicht mehr Pressesprecher von Attac. Das ist jetzt meine Frau, deswegen weiss ich das so genau ;-)

    Nein, ich bin deshalb kein Attac-Mitglied oder sowas…

  4. 4 emanzipationoderbarbarei 09. Juni 2007 um 21:16 Uhr

    @bla & alles-für-alle

    äh… nö. natürlich konnte das steineschmeißen nicht positiv vereinnahmt werden. es konnte dafür aber als „unpolitischer akt“ aus der politischen betrachtung ausgeschlossen werden. die aktionen haben quasi die antikapitalistischen inhalte aus der debatte bugsiert, bevor sie richtig drinnewaren. insofern ist vereinnahmung vielleicht das falsche wort, aber die message, das leute begründet den kapitalismus ablehnen, kam m.E. nicht wirklich rüber… vereinnahmung durch die hintertür könnte mensch das auch nennen.

    und das der malte nich mehr bei attac is – tse… hab mich schon gewundert das sie seinen job verschwiegen haben ,-)

  5. 5 nkotb 10. Juni 2007 um 13:40 Uhr

    @alles für alle:

    Nein, ich glaube nicht, dass die f sich nur wegen der IL von der Gewalt nicht distanziert hat, aber ich hatte beim lesen schon das Gefühl, dass sie es wegen der IL besonders betont haben. Kann mich in dem Punkt auch täuschen.
    „Mir sind bisher NUR Distanzierungen von der Gewalt zu Ohren gekommen.“ Na klar, von Attac, den Grünen und was weiß ich. Der Grundtenor in der „radikalen Linken“ scheint mir jedoch ein anderer. Bisher hat es noch fast jeder, mit dem ich mich unterhalten habe, ziemlich toll gefunden, was in Rostock abging und wenn ich auf Indymedia schaue, wird mir schlecht.
    Und zur erwähnten PE im Vorfeld: da macht man sich ja gerade zu lustig über jene, die friedlich demonstrieren wollen. Und bitte wo wird sich dort von Gewalt distanziert?

  6. 6 greml 10. Juni 2007 um 14:36 Uhr

    Eine Anonyme Linksradikale Gruppe (ALG) schreibt dazu folgendes: Falsche Kritik, famose Krawalle. Was uns zur „Gewaltdebatte“ einfällt.

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