Archiv für Juli 2007

Wissenschaftliches

Mensch fragt sich ja immer wieder, wie WissenschaftlerInnen so dazu kommen, sich genau mit dem Thema zu beschäftigen, mit dem sie das dann tun. Hier ein exemplarisches Beispiel:

ZEIT Campus: Sie haben in Ihrer Diplomarbeit Orte fotografiert, an denen Menschen anonym Sex haben. Wie sind Sie darauf gekommen?

Holger Stöhrmann: Ich habe zufällig in einer Zeitung gelesen, dass solche Treffpunkte immer beliebter werden. Das fand ich spannend.

„Das fand ich spannend“. „Ich habe zufällig in einer Zeitung gelesen, …“. So kommen Forschungsfragen zustande. Ein hoch auf die systematische Erforschung gesellschaftlicher Problemfelder.

Argumentationshilfe für Vergewaltiger

Das Männer bei Frauen Grenzen überschreiten, das es zu sexuellen Übergriffen oder gar Vergewaltigungen kommt, soll nach immer wieder gehörten Äußerungen nicht etwa an den Männern liegen, sondern an den Frauen. Das gilt für die flotten Anmachtipps auf im Web.de-Magazin ebenso wie für Wagner, der für Bild immer mal wieder Briefe an alles und jeden schreibt. Zum Beispiel auch an Marco W.. Und weil das so symptomatisch ist, möchte ich es auch in voller länge zitieren: (mehr…)

Hetero-Maskuline Wunschträume: Sie will Sex!

Mit den Frauen, das ist alles ganz einfach. Findet zumindest Web.de, in Zusammenarbeit mit der auch in alternativen WG-Zimmern immer wieder angetroffenen Men’s Healths, und berichtet über die „klammheimlichen Gesten“, mit denen „uns die Frauen schon im Voraus mit(teilen), wie der Abend enden soll.“ Und präsentiert uns schließlich ganz stolz die neue Folge aus: „Todsichere Sex-Signale“.

Wenn die Frau beispielsweise eine Zahnbürste mitbringt, „will sie auch bei Ihnen übernachten. Und weiß natürlich, was ihr da blüht.“ Also merke: Wenn sie auch nur mit dem Gedanken spielt, bei einem Typen zu übernachten, dann ist alles erlaubt. Denn sie „weiß natürlich, was ihr da blüht.“ Wie – Vergewaltigung? Quatsch! Sie hatte doch ’ne Zahnbürste dabei. Logik, ick hör‘ dir trappsen… (mehr…)

Sozialpolitik oder ‚Bedingungsloses Grundeinkommen‘?

In der politischen ebenso wie in der akademischen Debatte gibt es eine neue Tendenz: nachdem in den letzten Jahren das Konzept des Bedingungslosen Grundeinkommens (BGE) immer wieder in den Medien aufgetaucht ist, haben immer mehr Parteien begonnen, sich an das Konzept anzuschließen. Und die Wissenschaft spielt mit und verhandelt alle diese Modell als Variante des Grundeinkommen.

Alle Seiten hoffen dabei, die eigene Position stärken zu können: die bisherigen BefürworterInnen des BGE erhoffen sich dadurch mehr Aufmerksamkeit für ihre Idee, Leute die mit der Idee letztlich gar nicht so viel anfangen können versuchen so, in die Debatte zu kommen und ihre Vorstellungen von Sozialpolitik präsentieren zu können. Was dazu geführt hat, das „Grundeinkommen“ – und in manchen Sprachvarianten auch das Bedingungslose Grundeinkommen – zum Synonym für Sozialpolitik geworden ist. So etwa wenn die Grünen über „das Thema Grundeinkommen/Grundsicherung“ diskutieren. Was sehr schade ist, verbirgt sich dahinter doch eine Forderung, die durchaus über diskursive Sprengkraft verfügt. (mehr…)

Doof: Mehr Antisemitismus

Das mit dem Antisemitismus wird immer schlimmer. Sagt die Tagesschau. Dazu zählt einerseits der islamistische Antisemitismus, der „judenfeindliche Versatzstücke aus dem Koran mit Klassikern der antisemitischen Literatur“ mischt und mit ein wenig aktueller Pseudo-Analyse der Weltpolitik. Dann gibt es, nicht zuletzt auch in Deutschland, Äußerungen zum Nahostkonflikt, den in Bezug auf den werden „an die israelische Politik oft Maßstäbe angelegt, die kein anderer Staat erfüllen muss“. Darüber hinaus werde „immer wieder das Existenzrecht Israels in Zweifel gezogen“.

Und last but not least wären da dann noch die direkten Antisemitismen, mit einem „rechtsextremen Hintergrund, wobei hier die traditionellen Ressentiments gegen Juden im Vordergrund stehen“. Was dann nicht zuletzt dazu führt das „seit den neunziger Jahren ( … ) antisemitische Straftaten in Deutschland und Europa wieder zugenommen“ haben.

Die Ökologie und das antideutsche Ticket

Antideutsche habens leicht. Da liest mensch irgendwo, der Anbau von Soja-Produkten würde zur Abholzung des Regenwaldes beitragen, und schon dient das als Argument gegen den ohnehin geschmähten Vegetarismus. Da spielt dann keine Rolle mehr, das ein Großteil der Soja-Produktion, 85% nämlich, tatsächlich als Futtermittel verwendet wird. Und dass es vor allem in Deutschland hergestelltes Soja ist, das als Vegi-Futter verarbeitet wird. Womit das Argument, mit dem Justus Wertmüller dereinst die Massen in Halle beglückte, erledigt sein dürfte.

Ähnlich stumpf ist Ivo Bozic in der aktuellen Ausgabe der JungleWorld am Start. Dort stellt er nämlich die Frage „Wie rechts ist der Klimawandel?“, ganz so, als hätte der eine politische Meinung. Für ihn geht das so:

„Gäbe es überhaupt eine emanzipatorische Klimapolitik? Eine dumme Frage? Sicher, wenn man davon ausgeht, dass die Welt bald unterzugehen droht, erübrigt sie sich.“

Dumme Antwort, würde ich meinen. Sicherlich ist es das von Politik und Medien mehrheitlich kolportierte Szenario, das es beim Aufhalten des Klimawandels um ein Projekt ginge, an dem wir alle uns gleichermaßen zu beteiligten hätten. Und wenig verwunderlich ist es ebenso, das Bozic als guter Konservativer der Propaganda auf den Leim geht. Statt dessen wäre doch auch hier mal Aufklärung angesagt. Denn realistisch ist dieses Szenario keineswegs. Würde doch so ein Klimawandel die Menschen weltweit doch recht unterschiedlich treffen: den Süden stärker als den Norden beispielsweise. Obwohl er doch eher vom Norden den vom Süden verursacht wird. Und auch innerhalb der regionalen Auswirkungen gibt es noch mal individuelle Unterschiede: die einen können es sich leisten, das Haus ein paar Meter höher zu bauen oder mit einem dicken Schutzwall zu umgeben. Andere nicht. (mehr…)

Runter kommen sie alle

Die Wirtschaft boomt. Zumindest schien das lange so und auch Michael Heinrich sprach in der letzten Ausgabe der Jungle World noch von Profit ohne Ende. Er gesteht zwar zu, das es den Menschen nicht viel nutzt – die Ökonomie aber trotzdem lustig und munter vor sich hinprozessiert:

„Die Wirtschaftswunderzeit war bloß eine Episode in der Entwicklung des Kapitalismus. Doch sie hat sich vor allem in Deutschland tief ins kollektive Bewusstsein eingegraben. Noch immer herrscht im eher linken Teil des Parteienspek­trums der Glaube vor, durch eine »richtige« Wirtschaftspolitik könne Vollbeschäftigung herbeigezaubert werden, der »entfesselte« Kapitalismus müsse nur wieder anständig reguliert werden. Aber auch bei Teilen der etwas radikaleren Linken beherrscht die Wirtschaftswunderzeit die Wahrnehmung, gilt ihnen die Entwicklung seither doch als Absturz in Richtung Endkrise oder zumindest als Niedergangsphase des Kapitalismus – als sei es jemals die Bestimmung des Kapi­talismus gewesen, Vollbeschäftigung und Wohlstand unters Volk zu bringen. Krise und Arbeitslosigkeit sind keineswegs Zeichen kapitalistischen Niedergangs, sondern kapitalistischer Normalität.“

Nun wäre es sicherlich mal nett gewesen zu erfahren, woher denn diese bloße „Episode“ gekommen ist und warum sie ebenso plötzlich wieder verschwunden ist. Aber davon mal ganz ab meint Heinrich scheinbar, mit dem richtigen Hinweis, es gehe im Kapitalismus ja gar nicht um die Bedürfnisse der Menschen, alle Fragen geklärt zu haben. Dabei stellt sich doch schon die Frage, ob in einer Gesellschaft, deren Reichtum auf der Verausgabung von Arbeitskraft beruht, die schlichte Tatsache das weniger Menschen im Arbeitsprozess wertschaffend am Start sind, nicht vielleicht auch ein Problem für die Ökonomie beinhalten könnte. Aber hier ist sich Heinrich etwa mit dem Gegenstandpunkt einig: Krisen kann es nicht geben, denn wenn es dysfunktional für den Kapitalismus wäre, Menschen auf die Straße zu setzen, dann würde er es ja nicht machen. Dabei bleibt dann jeder Versuch, das System als ein widersprüchliches zu denken, auf der Strecke: das es vielleicht auf der Betriebswirtschaftlichen Ebene sinnvoll sein kann, Arbeit durch Maschinen zu ersetzen, das aber gesamtgesellschaftlich, auf Dauer und bei entsprechenden Produktivitätssprüngen genau das (im Einzelnen sinnvolle) auf der allgemeinen, volkswirtschaftlichen Ebene zu einem Problem werden könnte – diese simple Widersprüchlichkeit des Kapitalismus gerät völlig aus dem Blick. (mehr…)

Jugendgewalt: Schlagende Schüler in Chemnitz und Göttingen

Immer wieder begegnet uns in den Medien die Klage über die zunehmende Gewalt an den Schulen. Jetzt fahren die schlagenden Schüler geschlossen nach Göttingen, um sich da zu koordinieren. Der Allgemeine Pennälerring, das Schüler-Pendant des Dachverbandes der schlagenden deutschnationalen Burschenschaften der „Deutschen Burschenschaft“ möchte sich in der südniedersächsischen Metropole mal ordentlich betrinken und bei Gelegenheit vielleicht noch ein paar gezielte Gesichtsverschönerungen vornehmen.

Und so gaben sich die MonstersOfGöttingen alle redliche Mühe, auf dies einigermaßen lustige Event hinzuweisen – da bekommen sie unversehens virtuellen Besuch von eben denen, über die sie da schreiben.. Mit Verweis auf das Internetportal Blaue Narzisse wurde ein Bericht über die anstehende Zusammenrottung des Allgemeinen Pennälerringes und die entsprechende Gegenkundgebung mit dem Kommentar, das sei doch alles nicht so wild. (mehr…)