Jugendgewalt: Schlagende Schüler in Chemnitz und Göttingen

Immer wieder begegnet uns in den Medien die Klage über die zunehmende Gewalt an den Schulen. Jetzt fahren die schlagenden Schüler geschlossen nach Göttingen, um sich da zu koordinieren. Der Allgemeine Pennälerring, das Schüler-Pendant des Dachverbandes der schlagenden deutschnationalen Burschenschaften der „Deutschen Burschenschaft“ möchte sich in der südniedersächsischen Metropole mal ordentlich betrinken und bei Gelegenheit vielleicht noch ein paar gezielte Gesichtsverschönerungen vornehmen.

Und so gaben sich die MonstersOfGöttingen alle redliche Mühe, auf dies einigermaßen lustige Event hinzuweisen – da bekommen sie unversehens virtuellen Besuch von eben denen, über die sie da schreiben.. Mit Verweis auf das Internetportal Blaue Narzisse wurde ein Bericht über die anstehende Zusammenrottung des Allgemeinen Pennälerringes und die entsprechende Gegenkundgebung mit dem Kommentar, das sei doch alles nicht so wild.

Nun ist die Blaue Narzisse so ein Haufen schräger Gestalten, die so einiges nicht so schlimm finden. Die Schülterzeitung „Objektiv“ von den Kölner Rechtsauslegern von „Pro Köln“ etwa. Bei Pro Köln versammelt sich von Ex-RepubklikanerInnen bis hin zu ehemaligen NPD-AktivistInnen so ziemlich alles, was das nazistische Herz erfreut. SpiegelOnline bezeichnet das Blatt entsprechend als „rechte Schülerzeitung“ und kommentierte: „So weit, so braun.“ Bei der blauen Narzisse liest sich das etwas weniger dramatisch:

„In Köln mischt die Objektiv, eine Schülerzeitung der „Jugend pro Köln“, die Stadt auf. Auch in ihrer dritten Ausgabe gelingt es der Objektiv, ungewöhnliche und brisante Themen anzupacken. In den letzten Wochen liefen die Verteilaktionen für die dritte Ausgabe der Schülerzeitung.“

Klingt nach Stadtjugendring und sieht nach harmloser Pausenunterhaltung aus. Wenn dann ein Artikel aus dieser Zeitung dargeboten wird, wissen wir endgültig, wohin der Zug unterwegs ist. Zu den Hintergründen des „deutsch-polnischen Konfliktes“ (!) Ende der dreißiger Jahre heißt es da:

„Vor diesem Hintergrund beleuchtet der Autor im Hauptteil seines Buches dann den polnisch-deutschen Konflikt, der im September 1939 zum zweiten Weltkrieg eskalierte. Hier erfährt der Leser Interessantes über den 1918 geschaffenen polnischen Staat. Dieser taucht in der gängigen Geschichtsschreibung nur als Opfer auf. Tatsächlich aber handelte es sich beim damaligen Polen um einen „Schurkenstaat“: Allein zwischen 1918 und 1924 führte Polen Eroberungskriege gegen die meisten seiner Nachbarstaaten. Minderheiten – darunter 2 Millionen Deutsche – wurden brutal unterdrückt.“

Schauen wir uns das mal etwas genauer an. Am Anfang war da dieser deutsch-polnische Konflikt, der dann später zum 2. Weltkrieg geworden ist. Konflikt meint hier: da sind zwei, die streiten sich. Wobei dabei wesentliche Aggressionsmomente von den Polen ausgingen – meint zumindest der Autor, beklagt er doch, das Polen „in der gängigen Geschichtsschreibung nur als Opfer auf(tauche)“. Dabei waren die doch ganz böse, haben nämlich „zwischen 1918 und 1924″ Eroberungskriege gegen ihre Nachbarn geführt und wurden deshalb logischerweise 1939 vom braven Menschenrechtsaktivisten Adolf H. zur Rechenschaft gezogen. Bei alledem – und das ist der Blauen Narzisse wichtig – geht es „nie um eine Verherrlichung der NS-Diktatur“. Das mag glauben wer will – ich jedenfalls nicht.

In Bezug auf die angeblich der östlichen Provinzstadt Chemnitz entstammenden „Blaue Narzisse“, die in der einschlägigen Szene als „konservative Schülerzeitung“ verhandelt wurde, dürfte dann also klar sein, wie weit nach rechts hier der Konservatismus offen ist: bis hin zur Relativierung der NS-Verbrechen. Das sowas in Chemnitz angeblich vierteljährlich stadtweit verteilt wird, spricht nicht besonders für Chemnitz. Vielleicht wäre hier mal Entwicklungshilfe angebracht. Denn auch sonst hat die Seite nicht viel zu bieten: einerseits gibt es da das gelangweilte Schreiben eines Oberstufenschülers, der die Einschätzung seines Deutschlehrers über die Verfilmung von Süßkinds „Parfüm“ kundtut (hier); andererseits wird dem Sterben der ostdeutschen Städte immerhin der Vorteil abgewonnen, dass der Wolf als „das deutsche Tier“ wieder in die heimischen Regionen zurückkehrt (hier).

Das hier nun aber gerade auf einen Text zum Schülerburschenschaftstreffen reagiert wird, kann nicht verwundern. Schließlich hängen die Macher der Blauen Narzisse da voll mit drin. Im Rechten Rand etwa heißt es über die Zeitung:

„Initiert wurde die „Blaue Narzisse“ von Felix Menzel und Benjamin Jahn Zschocke. Sie und weitere Stammautoren sind Mitglieder der 2002 in Chemnitz gegründeten „pennalen Burschenschaft (pB!) Theodor Körner“, die den Leitspruch pflegt: „Deutsch und frei! Kühn und treu!“. Die pB! ist zusammen mit ihrem Dachverband, dem „Allgemeinen Pennälerring“ (APR), dem extrem rechten Verbindungsspektrum zuzurechnen. Im Jahr 2005 waren sowohl Menzel als Vorsitzender als auch ein weiterer Autor, Sebastian Schermaul, Vorstandsmitglieder des APR. Darüber hinaus ist Menzel Autor der JF und Chemnitzer Gruppenführer des „Freibund e.V.“, der seit Jahren rechte Jugendarbeit betreibt.“

Mit der Blauen Narzisse hat sich also scheinbar das jugendkompatible Vorreiterblatt der Neuen Rechten zu Wort gemeldet. Mittlerweile gibt es das Ganze scheinbar nicht mehr als Printmedium, sondern lediglich als Onlinemagazin. Mit einem Ziel, das deutlich auf die strategischen Hegemoniekämpfe der Neuen Rechten verweist:

„Auch als ausschließliches Onlinemagazin ist die „Blaue Narzisse“ aufgrund ihrer Verankerung in der rechten Szene als Teil einer Jugendarbeit zu verstehen, die mit vermeintlich freigeistig-kultureller und vordergründig unpolitischer Attitüde versucht, rechtskonservative und völkische Werte an Jugendliche zu vermitteln und sie für extrem rechte Gruppierungen zu gewinnen, und das selbst dann, wenn ein Teil der Autoren dieses nicht wissentlich unterstützt.“

Deutsche Freidenker, die ihre vornehmliche Offenheit und den unpolitischen Charakter ihres Tuns in den Vordergrund stellen – das alles kommt mir irgendwie bekannt vor. Aber das wäre eine andere Geschichte, und die wird ein andernmal erzählt.


8 Antworten auf “Jugendgewalt: Schlagende Schüler in Chemnitz und Göttingen”


  1. 1 stalin 06. Juli 2007 um 19:34 Uhr

    „Immer wieder begegnet uns in den Medien die Klage über die zunehmende Gewalt an den Schulen“
    dabei wissen wir ja auch schon seit sophokles: „die jugend ist verroht“. prügelnde nachwuchsakademiker nehmen ihre gewaltorgien allerdings seltener mit ihrem handy auf und stellen sie auf youtube- und berauben uns so des vergnügens ihnen bei der gegenseitigen gesichtsverstümmelung zu zu sehen. schade eigentlich.

  2. 2 furuftbu 07. Juli 2007 um 12:18 Uhr

    dritter absatz: nazistisch klingt nach blumen. was spricht dagegen, das kind beim namen zu nennen und nationalsozialismus zu sagen. oder sagt man das nicht, weil man sich zu sehr davor fuerchtet?

  3. 3 Hans Wurst 10. Juli 2007 um 18:20 Uhr

    Wixxxt Ihr Euch eigentlich einen dabei, gegen die ach so bösen Burschenschafter zu hetzten, die ihr Recht auf private Veranstaltungen nicht von Asi-Linken mittels Steinwürfen, Bränden und Gewalt usw eingeschränkt sehen wollen?

  4. 4 dorfdisco knows best 11. Juli 2007 um 10:32 Uhr

    Wixxxt Ihr Euch eigentlich einen dabei, gegen die ach so bösen Burschenschafter zu hetzten, die ihr Recht auf private Veranstaltungen nicht von Asi-Linken mittels Steinwürfen, Bränden und Gewalt usw eingeschränkt sehen wollen?

    Ja!

  5. 5 Trabbi 14. Juli 2007 um 13:50 Uhr

    Auf jeden! Manchmal sogar gemeinsam!
    Wann wollten wir uns nochmal treffen?

  6. 6 dorfdisco knows best 14. Juli 2007 um 20:02 Uhr

    Au ja! Und dann spritzen wir uns Haschisch und hören Stromgitarre!

  7. 7 Hendrik 17. September 2007 um 13:14 Uhr

    Nun ja, etwas einseitig berichtet, oder? Auch wenn ich mcih eines kleinen Schmunzelns nicht erwehren konnte ;-)

  8. 8 emanzipationoderbarbarei 18. September 2007 um 18:09 Uhr

    Was genau is denn da einseitig?

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