Keimformen und freie Gesellschaft

In unterschiedlichen Diskussionsstränge (1|2|3) auf dem Keimform-Blog bin ich verstärkt auf die Frage gestoßen, was denn eigentlich ‚Keimformen‘ einer neuen, freien Gesellschaft sein könnten und wie genau die Organisierung in dieser Gesellschaft und diesen ‚Keimformen‘ aussehen könnte. Und wollte nun meine Sicht auf die Dinge noch mal etwas präzisieren.

Bei ‚Keimformen‘ geht es darum, das es bestimmte Aspekte/Momente/Institutionen/Praxen in einer alten Gesellschaft gibt, die aber bereits über diese Gesellschaft hinaus und in eine neue Gesellschaft hineinweisen. Sie würden etwa heute in unfertiger Form menschliche Praxis organisieren und dabei bereits auf eine spätere, noch nicht herausgebildete Praxis in einer befreiten Gesellschaft verweisen.

Eine Kritik, die dem Begriff der ‚Keimformen‘ immer wieder endgegen gebracht wird, ist die der Naturalisierung sozialer Prozesse. ‚Keimform‘ klingt ein wenig nach dem Keim einer Pflanze, der dann (biologisch) wächst und größer wird und am Ende steht dann ein ganz tolles Gewächs in der Gegend rum. Eine solche Vorstellung von ‚Keimformen‘ würde übersehen, das Gesellschaft immer etwas von Menschen gemachtes ist und das sie sich durch das Handeln von Menschen verändert. Und nicht aufgrund irgendwelcher Naturbedingungen.

Theoretisch knüpft eine solche Vorstellung von ‚Keimformen‘ als Emanzipations-Automatik an den historischen Materialismus von Karl Marx an. Bei dem folgen unterschiedliche gesellschaftliche Epochen aufeinander, die jeweils durch auf bestimmten Niveau entwickelte Produktivkräfte und entsprechende Produktionsverhältnisse bestimmt sind. Wenn dann irgendwann die Produktivkraftentwicklung nicht mehr zu den Produktionsverhältnissen passt, dann ist Schluss mit Lustig und die Produktionsverhältnisse werden gesprengt und eine neue Gesellschaftsformation bildet sich heraus.

Nun mag es sicherlich sein, das bestimmte Techniken Potentiale enthalten, die andere nicht haben. Daraus aber einen Automatismus zu konstruieren, geht dann wohl doch etwas zu weit. Und lässt sich letztlendlich auch in der historischen Entwicklung nur schwerlich nachweisen. Auch wenn das in dieser Konsequenz vermutlich niemand behaupten würde, so bringt diese Feststellung doch Anforderung mit sich für die genauere Bestimmung von dem, was wir sinnvoller Weise unter Keimformen verstehen können.

Gerade weil es sich bei keimförmiger Praxis nicht um ein Naturgesetz handelt, können wir nicht dabei stehenbleiben, technische Innovationen als Keimform zu beschreiben. Also etwa die Solarenergie, weil sie sich so schön kleinräumig einsetzen lässt und schön zu dezentralisierten, basisorientierten Entscheidungsprozessen passt. Oder den Heimcomputer und das Internet, weil sich damit so schön freie Software programmieren und filesharen lässt. Wenn überhaupt, dann können sich an diesen Techniken soziale Praxen herausbilden, die über die kapitalistische Vergesellschaftung hinausweisen.

Es gibt zwei Formen von sozialen Praxen, die in gewisser Weise quer zur herrschenden Gesellschaft stehen – ob ihnen das nun bewusst sein mag oder nicht. Das eine sind soziale Bewegungen. Denn die fordern ja etwas, das ihnen vom System versagt wird. Innerhalb dieser sozialen Bewegungen gibt es dann meist ein wildes gemisch aus konservativen, liberalistisch-naiven, sozialdemokratischen und emanzipativen Vorstellungen. Diese Strömungen kämpfen innerhalb dieser Bewegung um Deutungshoheit, ohne dabei die gemeinsame Forderung aufgeben zu können.

In diesem Sinne ließe sich etwa von einer Freie-Software-Bewegung sprechen, in der Menschen mit unterschiedlichen politischen oder sozialen Motiven aktiv sind. Einige haben dabei eine systemüberwindende Perspektive, andere nicht. Nun ist es für die Existenz dieser Bewegung nicht wichtig, das alle diese systemüberwindende Perspektive haben. Aber es ist wichtig, das einige sie haben. Und es wäre schön wenn eseinen stetigen Auseinandersetzungsprozess über diese Fragen innerhalb der Bewegung gäbe. Denn die Tatsache, das die Leute innerhalb dieser Bewegung auf Dinge aussind, die dem herrschenden Umgang mit Wissen, Dingen und Menschen widersprechen, macht einen Möglichkeitskorridor auf, in dem Menschen oft wesentlich aufgeschlossener gegenüber neuen Deutungsmustern sind, als das für gewöhnlich der Fall ist. Darüber hinaus wäre es auch wichtig, die Auseinandersetzung um Herrschaftsverhältnisse zu führen, die nicht der Ablehnung von Wertverwertung, Tausch und Geld aufgehen. Etwa um das moderne Geschlechterverhältnis, das ja nun unzweifelbar auch in der Open-Source-Szene reproduziert wird.

Aber natürlich geht das Phänomen nicht darin auf. Ein weiterer mir wichtiger Aspekt wurde von Christoph Spehr mit der Bezeichnung „Postmodernes Kollektiv“ belegt. Damit bezeichnet Spehr Organisierungsprojekte jenseits des Mainstreams. Dazu zählen WGs ebenso wie Garagenbands, Kneipenkollektive, selbstorganisierte Häuser/Räume und Freie-Software-Projekte. In solchem Projekten laufen ähnliche Prozesse ab wie in sozialen Bewegungen. Hier wird eine soziale Praxis etabliert, die in gewisser Weise den herrschenden Anforderungen widerspricht. Das kann der gemeinsame Einkauf in der WG ebenso sein wie der kostenlose Kaffee-Ausschank im Selbstorganisierten Cafe oder die gemeinsame, dezentrale Entscheidungsfindung im Kneipenkollektiv. Auch hier hat diese Praxis oftmals für einen Teil der Beiteiligten bereits etwas damit zu tun, die herrschenden Vergesellschaftungsformen überwinden zu wollen. Aber auch hier ist das keineswegs Konsens, oftmals werden Dinge nur deshalb praktiziert, weil sie einfach Vorteile mit sich bringen, aktuell angenehm sind oder was auch immer.

Und das alles ist natürlich auch kein Wunder. Schließlich ist die kapitalistische Vergesellschaftung eine überaus widersprüchliche und die Zusammenhänge liegen nicht (immer) offen auf dem Tisch, sondern sind oftmals nur durch theoretische Reflektion zu erkennen. Hier lässt sich ein Problemhorizont eröffnen, der sich schon bei Marx (im Ansatz) finden lässt.

Marx spricht in seiner Klassentheorie von „Klassen an sich“ und „Klasssen für sich“. Die „Klasse an sich“ befindet sich zwar objektiv in einer bestimmten Situation, etwa in einer gegensätzlichen Position zu einer anderen Klasse. Sie muss davon aber nicht unbedingt ein Bewusstsein haben. Erst wenn sie dieses Bewusstsein erwirbt, wird aus der „Klasse an sich“ auch die „Klasse für sich“. Letztere hat dann eine Erkenntnis ihrer Lage und kann sich so auch aufmachen, sie zu verbessern.

Postmoderne Kollektive befinden sich auch im Stadium des „an sich“. Sie weisen „an sich“, durch ihre Struktur, ihr Anliegen und ihre Praxis über die herrschende Vergesellschaftung hinaus. Sie haben davon aber in der Regel kein Bewußtsein. Soll daraus eine gesellschaftsverändernde Perspektive entstehen, muss aus dem „Kollektiv an sich“ ein „Kollektiv für sich“ werden. Ein seiner selbst bewußter Zusammenschluss von Menschen, der gemeinsam und bewußt für ein (meinetwegen auch anti-) politisches Ziel kämpft.

Das ist nur logisch, denn schließlich ist das Problem im Kapitalismus ja nicht einfach, das da der eine Mensch über den anderen herrscht. Vielmehr handelt es sich um ein bewußtloses, sachliches Herrschaftsverhältnis. Da tun alle etwas und am Ende kommt was raus, was niemensch intendiert hat. Schließlich setzen die Menschen nicht bewusst ihre Arbeiten als Werte gleich: Ganz im Gegenteil, wie Marx (zurecht) bemerkt: “Indem sie ihre verschiedenartigen Produkte einander im Austausch gleichsetzen, setzen sie ihre verschiednen Arbeiten einander als menschliche Arbeit gleich. Sie wissen es nicht, aber sie tun es.” (MEW 23, 88)

Das Bewusstlose im Kapitalismus ist ja eben nicht nur Schein, sondern durchaus Realität. Der gesellschaftlichen Beziehungen nämlich erscheinen den Menschen “als das was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhältnisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Verhältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen.” (MEW 23, 87) Insofern ist das nicht nur ein “scheinbar unabhängiges “bewusstloses” Verhängnis” (Stefan Meretz), sondern ein ganz reales Verhängnis. Eins natürlich, das von Menschen geschaffen und deshalb von ihnen veränderbar ist. Aber nicht durch puren Willen, sondern durch Veränderungen der sozialen Praxis. Eben indem auf transparente, gesellschaftliche Kommunikation statt auf individuelle Prozesse gesetzt wird.

Das wäre dann ein Zustand, in dem sich die Menschen bewusst die gesellschaftlichen Produktionsmöglichkeiten unter ihre gemeinsame Entscheidungskompetenz unterordnen. Womit dann auch die Unterordnung unter den rein sachlichen Zusammenhang aufgelöst wäre, schließlich geht es darum, die Entscheidungsfindung an den jeweiligen Bedürfnissen und Wünschen auszurichten. Dieser Übergang setzt aber eine bewußtes Wollen der Beteiligten voraus.

Eine Aufhebung sachlicher Vergesellschaftung bringt ein Problem mit sich: es müssen neue Entscheidungs- und Meinungsbildungsverfahren entworfen werden, die bislang nicht nötig waren. Denn bislang wurde das ja alles „automatisch“ geregelt. Wenn wir solche Automatismen aber überwinden wollen, dann müssen diese Praktiken auch von Menschen gelebt werden, die sich ihrer selbst und ihrer Gesellschaft als solcher bewußt sind. Auch wenn wir nicht sagen können, wie solche Prozesse en detail aussehen werden, so können wir doch diese allgemeine Bestimmung als Voraussetzung und Ziel benennen. Sach ich mal.


1 Antwort auf “Keimformen und freie Gesellschaft”


  1. 1 StefanMz 01. August 2007 um 16:18 Uhr

    Zu deinem Kommentar auf den Beitrag Seien wir realistisch habe ich einiges geschrieben, was auch hier passen würde. Zur Verdeutlichung schreibe ich auch hier nochmal: Ein „scheinbar unabhängiges ‚bewusstloses‘ Verhängnis“ ist „real“, beides ist also keinen Widerspruch. Ich kann auch formulieren: „reales, scheinbar unabhängiges, ‚bewusstloses‘ Verhängnis“.

    Deine Kritik am alten Revolutionsautomatismus aus dem Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen teile ich. So wie dich verstehe, schüttest du jedoch das Kind mit dem Bade aus, wenn du gar nicht mehr von der Produktivkraftentwicklung (PKE) reden willst. Es geht jedoch genau darum, eine andere Art und Weise der Produktion des gesellschaftlichen Lebens in die Welt zu setzen, kurz eine andere PKE. Dies jedoch ist kein bloßer Willensakt, sondern benötigt historische Voraussetzungen und eine Widerspruchskonstellation, die es erlauben, das dann Mögliche auch tatsächlich zu tun.

    Also: Kein Automatismus heisst nicht, keine Widerspruchsdynamik mehr. Nur in einer solchen Sichtweise ist meines Erachtens ein Keimform-Begriff überhaupt sinnvoll.

    Ok, ausführlicher habe ich das in dem Artikel Produktivkraftentwicklung und Vergesellschaftungsform beschrieben. Darin findest du auch den dialektischen Fünfschritt, aus dem der (zumindest von mir verwendete) Keimform-Begriff stammt.

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