Reformbemühungen

Der Kapitalismus neigt dazu, immer weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens nach seine Prinzipien zu organisieren. Das ist eine alte Erkenntnis, die schon Kalle Marx in Coproduktion mit seinem Kumpel Friedrich Engels auf überaus lesenswerte Art und Weise verschriftlicht hat:


Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt
.

Eines dieser unzähligen Verhältnisse ist die alte, patriarchal-aristokratische Universität. Das war schon immer so, werden einige anmerken wollen. Doch die derzeitigen Reformen haben doch tiefergreifende Folgen, als mensch oberflächlich glauben möchte:


„Es wird sich ein neuer Typus von Professor herausbilden: Der Kleinmanager, der seine eigene Arbeitseinheit verwaltet und sich ständig durch das Nachliefern von Drittmittelprojekten versorgt. Dieser Kleinmanager wird zu eigener, autonomer Forschung gar nicht mehr in der Lage sein, weil dazu der geregelte Rückzug aus dem administrativen Geschäft der Universität gehört. Er wird immer mit einem Auge auf die Drittmittelchancen achten und sich selber nicht mehr die Zeit für intensive Forschung nehmen können. Das schlägt sich dann natürlich sofort in der Lehre nieder, weil sie in Abhängigkeit treten wird von dieser Schmalspurforschung.“
Axel Honneth im Gespräch: Zeit der Lähmung

Das soll nun nicht heißen, das die Zustände vorher alle zu heftigen Jubelrufen Anlass gegeben hätten. Aber die qualitative Veränderung ist schon eine recht deutliche – mit entsprechenden Folgen nicht nur für die Universität als Wissensproduzentin, sondern auch für die Studierenden als potentiell bildungshungrige Menschen.

Was jedoch auf den ersten Blick wie ein recht simpler Versuch von Modernisierung aussieht, wie das endgültige und widerspruchsfreie Unterordnen der Universität unter die Marktlogik, ist so widerspruchsfrei bei genauerem Hinsehen nicht:

„Etwa Roland Kochs Plan, die Studiengebühren für ausländische Studierende mit 1.500 Euro besonders hoch anzusetzen. Das ist abenteuerlich, besonders, wenn man bedenkt, dass die deutschen Universitäten gleichzeitig attraktiver gemacht werden sollen für ausländische Studierende. Überhaupt ist das Studium für Ausländer in Frankfurt besonders erschwert, auch durch eine enorm skeptische Ausländerbehörde, die sich mit Aufenthaltsbescheinigungen sehr schwer tut. Aber auch die Idee, dass wir den Semesterrhythmus umstellen und dem amerikanischen System anpassen, die die Rektorenkonferenz im Augenblick diskutiert, ist für mich ein undurchdachtes Planspiel. Bislang profitieren wir gerade davon, dass unsere Semester zu den amerikanischen querliegen, weil wir dadurch interessante Gäste gewinnen können. Es werden also unglaublich viele Nebeneffekte produziert, die den entsprechenden Behörden und Instanzen offenbar selbst nicht klar sind und mit denen sie ihre eigenen Ziele permanent hintertreiben.“(ebd.)

Das soll nun nicht heißen, das die Reformen deshalb doof wären, weil sie ihr Ziel nicht widerspruchsfrei erfüllen. Diese Widersprüchlichkeit zeigt vielmehr Ansatzpunkte, an denen sich die Reformen delegitimieren lassen könnten: egal wie die neoliberalen Reformerinnen es drehen – am Ende werden sie doch vom Schnatz erschlagen.


9 Antworten auf “Reformbemühungen”


  1. 1 Antidemokratische Aktion 03. August 2007 um 12:47 Uhr

    Soso, dass sie ihr Ziel nicht „widerspruchsfrei“ erreichen ist also nicht das Argument gegen „neoliberale Reformen“, aber dann doch das Argument, mit dem man gegen sie agitieren sollte? „Interessant“.

  2. 2 emanzipationoderbarbarei 03. August 2007 um 13:21 Uhr

    wer lesen kann ist klar im vorteil:

    „Ansatzpunkte, an denen sich die Reformen delegitimieren lassen könnten“ steht im Text.

    es geht also nicht darum, das mensch deshalb gegen sie agitieren sollte, sondern darum, das mensch es deshalb kann.

  3. 3 Antidemokratische Aktion 03. August 2007 um 16:42 Uhr

    Ja und, ich habe doch nichts anderes gesagt, Du Lesegenie. Du hälst es nicht für das Argument gegen „neoliberale Reformen“, dass sie ihren Zweck nicht erreichen, willst es aber dennoch als Argument nehmen, um gegen diese zu agitieren. Kann „mensch“ ja. Und daran fällt Dir echt kein Widerspruch auf?

  4. 4 emanzipationoderbarbarei 03. August 2007 um 18:01 Uhr

    *kopfschüttel*

    das is mir echt zu blöd… das steht da nirgends….

  5. 5 A.M.P. 03. August 2007 um 18:22 Uhr

    So ist das halt, wenn mit Absicht etwas missverstanden werden soll. Kopf hoch.

  6. 6 tobias 04. August 2007 um 12:52 Uhr

    emanzipationoderbarbarei, stell dich doch nicht dumm: Du willst die „neoliberalen Reformen“ und ihre Unterstützer daran blamieren, dass sie ihre Ziele nicht widerspruchsfrei erreichen. Genau das hat AA festgehalten und genau so steht es in deinem Beitrag.

    Der Rest ist die kritisch aufgepeppte Variante des studentischen Slogans „Bildung ist keine Ware“: Du beklagst dich über das Verblassen eines Ideals von „Bildung“ (natürlich mit der Relativierung, „das[s] die Zustände vorher [nicht] alle zu heftigen Jubelrufen Anlass gegeben hätten“) während dich die Wirklichkeit des Bildungssystems, seine Aufgabe in dieser Gesellschaft, nicht interessiert.

  7. 7 Antidemokratische Aktion 04. August 2007 um 14:39 Uhr

    Oh man!

    Das soll nun nicht heißen, das die Reformen deshalb doof wären, weil sie ihr Ziel nicht widerspruchsfrei erfüllen. Diese Widersprüchlichkeit zeigt vielmehr Ansatzpunkte, an denen sich die Reformen delegitimieren lassen könnten [!!!]: egal wie die neoliberalen Reformerinnen es drehen – am Ende werden sie doch vom Schnatz erschlagen [!!!].

  8. 8 narodnik 06. August 2007 um 5:56 Uhr

    @ Antidemokratische Aktion

    Wo ist hier überhaupt das Problem? Nur weil nicht jeder mit dem Jargon der MG da herangeht und „Zweck, Mittel, Ziel“ bestimmt und dann alle „Argumente prüft“ und anschließend einen „Satz mit Argument draus macht“? Nichts gegen die MG, aber man kann es auch übertreiben und in allem und jeden nur ne halbe Kritik sehen. Und ich denke schon, daß EoB sich bewußt ist daß Schule und Univeristät dazu da sind das „Menschenmaterial“ der Wettbewerbslogik entsprechend zuzurichten und nicht irgendein Bildungsideal.

  9. 9 Antidemokratische Aktion 06. August 2007 um 9:34 Uhr

    Nein Herr Volkstümler, das Problem, an dem ich hier dran bin, ist keines des korrekten „Jargons“, sondern ein inhaltliches. EoB bekennt sich in seinem Text zwar dazu, dass es nicht das Argument gegen „neoliberale Reformen“ sein kann, dass diese ihren Zweck nicht erreichen, bloß bleibt er bezeichnender Weise gleich das Argument dafür schuldig. Nämlich, dass man „neoliberalen Reformen“ ja logisch schlecht mangelnden Erfolg für ihre Ziele als Kritik entgegenhalten kann, wenn man doch gerade gegen deren Ziele ist. EoB kümmert das aber gar nicht weiter, weil sein Bekenntnis nur dazu da ist, die Kritik daran, dieses Nicht-Argument trotzdem zur Agitation zu verwenden, nicht auf sich und sein Vorgehen beziehen zu müssen. Denn so schaut die wertkritisch-volkstümlerische Agitation dann halt aus: man „delegitmiert“ „neoliberale Reformen“ mit Argumenten, welche an das falsche Bewusstsein des Volkes, also den Parteigängern von Nation und Standorterfolg, anknüpft. Bei dem will die „neoliberalen Reformen“ damit mies machen, dass sie für Nation und Standorterfolg dann doch gar nicht taugen, also eine Bewegung gegen sie angebracht wäre. Und dann freut man sich, dass es so eine schöne große Bewegung gegen den „Krisenkapitalismus“ gibt, auch wenn man „aus emanzipatorischer Perspektive“, aber selbstverständlich total „solidarisch“, einiges an ihr zu bemängeln hätte. Aber da muss man denen ja nur noch verklickern, dass Standorterfolg in der „finalen Krise des Kapitalismus“ nicht mehr drin ist, man deswegen(!) auch nicht mehr für die Nation sein müsse, weil ohne Standorterfolg (als wäre der nicht gerade auf dem Rücken der Lohnabhängigen errungen) auch die segensreichen Funktionen des Staates wegfallen und schon ist alles gut.

    Tja, und solange Kritik immer nur das Mittel ist, um sich beim Volk anzuwanzen und es zur Bewegung aufzustacheln, ist eine Diskussion über die weiteren Inhalte im Grunde auch überflüssig. Z.B. darüber, dass es selbstverständlich eine gehörige Portion Bildungsidealismus bedarf, um das jetzige Bildungswesen gegen „neoliberale Reformen“ zu verteidigen, ohne zu bemerken, dass der Zweck, eine genau richtige Menge genau richtig qualifizierter Leute für Staat und Kapital als Arbeitskräfte, sowie nützliche Erfindungen, Legitimationen und Effektivierungsvorschläge, zur Verfügung zu stellen, genau der gleiche bleibt und nur das Mittel ein anderes ist. Denn auch auf diese Kritik bekommt man vermutlich das Bekenntnis zu hören, dass man das als wertkritischer Checker selbstverständlich alles weiß, aber man doch mal einzusehen hätte, dass Agitation gegen „Neoliberalismus“ besser fürs Bewegung machen tauge.

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