Archiv für September 2007

Warum Freitod?

Fragen sich wohl einige? Hier ist die Antwort, aus einem Brief des alternden Sozialphilosophen an seine Frau:

Soeben bist Du 82 geworden. Und immer noch bist Du schön, anmutig und begehrenswert. Seit 58 Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe dich mehr denn je. Kürzlich habe ich mich von neuem in Dich verliebt, und wieder trage ich in meiner Brust diese zehrende Leere, die einzig die Wärme Deines Körpers an dem meinen auszufüllen vermag.

Nachts sehe ich manchmal die Gestalt eines Mannes, der auf einer leeren Straße in einer öden Landschaft hinter einem Leichenwagen hergeht. Dieser Mann bin ich. Und Du bist es, die der Leichenwagen wegbringt. Ich will nicht bei Deiner Einäscherung dabeisein; ich will kein Gefäß mit Deiner Asche erhalten. Ich höre die Stimme von Kathleen Ferrier, die singt: „die Welt ist leer, ich will nicht leben mehr“, und ich wache auf. Ich lausche auf Deinen Atem, meine Hand berührt dich. Jeder von uns möchte den anderen nicht überleben müssen. Oft haben wir uns gesagt, dass wir, sollten wir wundersamerweise ein zweites Leben haben, es zusammen verbringen möchten.André Gorz: Brief an B.

André Gorz ist Tod!

Der französischer Sozialphilosoph André Gorz ist unlängst zusammen mit seiner Frau in den Freitod gegangen. Mehr dazu gibts hier:

André Gorz (1923-2007)

Die Zeit: André Gorz ist tot

Keimform: André Gorz ist Tod!

taz: Doppelselbstmord in Liebe

Die Zeit: Von Luft und Liebe

Rechts?

Edmund Stoiber schreibt in der Bild. Aus „Sorge um Deutschland“.

„Unsere Volksparteien sind in der Defensive. ( … ) Eine Ausnahme ist noch die CSU. Das sage ich nicht, weil ich CSU-Vorsitzender bin, sondern weil die CSU mit ihrer jahrzehntelangen absoluten Mehrheit eine absolute Sonderstellung hat.“

Gut, das wir die CSU haben, könnte mensch denken. Und tatsächlich, die nähe der CSU zu den Menschen in Bayern ist gelebter Antifaschismus, wie uns Stoiber mitteilt:

„Es ist zu hoffen, dass es ( … ) so bleibt. Meldungen wie ( … ) „14 Prozent in Deutschland könnten sich vorstellen, eine rechte Partei zu wählen“ sind aber ein Alarmsignal.“

Das hält mensch im Kopf nicht aus: erst wählt die Hälfte der Bayern eine rechte Partei, und dann freut er sich, weil deshalb keine rechte Partei gewählt wird. Ja was denn nu? Nun glauben allerdings noch einige, es gäbe einen Unterschied zwischen CSU und NPD. Sehen wir zu:

„Deutschland hat das Land der Deutschen zu bleiben und dort, wo dies nicht mehr der Fall ist, wieder zu werden. ( … ) Jeder Mensch hat das Recht auf Heimat und auf Schutz vor Vertreibung. (Darum braucht es) die Wahrung der deutschen Identität „


Was hält (uns) zusammen? Die Liebe zur Heimat und zu Deutschland. Die Liebe zur Familie und zu allen anderen Werten, für die wir stehen. Die christliche Wurzel, die Eigenverantwortung und die soziale Verantwortung für den Mitmenschen.

Die Frage des Tages lautet nun: welches Zitat ist von Stoiber, welches von der NPD?

Kritische Sozialdemokratie

So geht kritische Sozialdemokratie:

Der Göttinger SPD-Politiker und Bundestagsabgeordnete hat sich kritisch zu Hartz-IV geäußert. Das heißt, eigentlich hat er sich nur kritisch zur Vermittlungspraxis von Hartz-IV-EmpfängerInnen geäußert. Und auch da ging es ihm weniger um die Situation der Betroffenen, als vielmehr um die der staatlichen und kommunalen Institutionen:

„Der Göttinger Bundestagsabgeordnete der SPD, Thomas Oppermann, hat mehr Leistung bei der Vermittlung der ALG II-Empfänger im Landkreis Göttingen gefordert. Bereits im vergangenen Jahr habe der Landkreis in einer Studie zu Vermittlungskosten von ALG II-Empfängern besonders schlecht abgeschnitten. Opperman sagte, auch in diesem Jahr sei keine Besserung zu erwarten. Mehr als die Hälfte des für die Vermittlung zur Verfügung stehenden Geldes gebe der Kreis für reine Verwaltungsaufgaben aus. Dieser „überzogene Verwaltungsaufwand“ spiegele sich in vielen Punkten wider. Beispielsweise umfasse ein Leistungsbescheid im Kreis Göttingen zwölf Seiten, im Landkreis Osterode hingegen nur vier Seiten. „ (Stadtradio Göttingen)

Der Leistungsbescheid ist zu lang! Ein wahrhaft tiefschürfende Kritik an der Vermittlungspraxis. Ich bin wenig begeistert, muss allerdings eingestehen, das er ja auch durchaus was niedliches hat, so irgendwie: http://www.thomasoppermann.de/

Tarek for President!

Die CDU ist immer im Wahlkampf und ist sich da auch für nichts zu schade:

„Offenbar hat der Landesverband der CDU besonderen Spaß an digitalen Sticheleien. Das Opfer: der Vorsitzende der Landtagsfraktion der Grünen in Hessen, Tarek Al-Wazir. Wer sich über ihn im Online-Lexikon Wikipedia informieren will, liest aktuell die Sicht der CDU über Al-Wazirs Erlebnisse im Parlament in Wiesbaden. Genauer gesagt ist dort ein Eintrag zu lesen, der ursprünglich von einem Computer des CDU-Landesverbands in Wiesbaden eingearbeitet wurde.“

Und das, wo ich, würde ich in Hessen wohnen und wäre Al-Wazir der Spitzenkandidat bei der näxten Wahl, wohl mit ziemlicher sicherheit ihn resp. seine Partei wählen würde. Denn machen wir uns nichts vor: wenn schon alle Parteien im Endeffekt den selben Scheiß machen, dann sollen die Leute, die einem tagtäglich vom Fernseher her angrinsen und -lügen, wenigstens gut aussehen. Und eine Vor-Ort-Erkundung und ein Live-Gespräch während des Grünen-Parteitages in Göttingen haben ergeben: Tarek ist hier einfach die Nummer Eins!

Arbeit macht krank

Arbeit macht krank. Das ist nichts neues, sollte aber immer wieder festgestellt werden (wie das die Zeit gerade wieder getan hat):

„In der aktuellen Statistik der Rentenversicherer sind seelische Krankheiten die häufigste Ursache für Berufsunfähigkeit: Für 27 Prozent der männlichen und 38 Prozent der weiblichen Frührentner war dies der Grund, aufzuhören. Und Auslöser ist immer öfter die Arbeit selbst.“

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Mehr Sicherheit

Ich hab Angst. Sie auch? Falls ja, dann teilen sie dies Gefühl nicht nur mit mir, sondern auch mit einem Großteil der Deutschen:

Jeder zweite Deutsche ist laut der Umfrage bereit, wegen der Terrorgefahr vorübergehend Einschränkungen persönlicher Freiheitsrechte hinzunehmen, etwa durch heimliche Online-Durchsuchungen privater Computer. ( … ) Die Untersuchung zeigt, dass die Deutschen sich große Sorgen wegen des islamistischen Terrorismus machen. Eine deutliche Mehrheit, 72 Prozent, halten ihn sogar für bedrohlicher als den Terrorismus der Rote Armee Fraktion (RAF) vor 30 Jahren. ( … ) Ein Viertel der Befragten gab an, sich durch islamistische Terroristen persönlich bedroht zu fühlen.

Der Antiislamismus hat also allem Anschein nach das antilinke Ressintement mittlerweile deutlich überholt – und wird uns bald noch weitergehen Einschränkungen unserer ohnehin eher mauen Freiheitsrechte einbringen. Interesannt ist hierbei die Ost-West-Verteilung: (mehr…)

Gebrüllt, Löwe!

In der letzten Ausgabe der Krisis machte sich selbige Redaktion unter Zuhilfenahme befreundeter AutorInnen auf den Weg, noch einmal der Frage nachzugehen, wie es denn nun um den Charakter der Krise bestellt ist. Erkenntnisleitend ist dabei die Frage, ob (wie oft behauptet) Dienstleistungs- oder Wissenskapitalismus die Möglichkeit eines neuen Akkumulationsregimes aufmachen. Die Antwort der Krisis ist eindeutig: Nein.

Dagegen zieht nun einer zu Felde, der das Ergebnis der Untersuchung teilt, die leitenden Forscherinnen nun aber gar nicht mag: Robert Kurz. Bevor der sich inhaltlich auf die vorgebrachte Argumentation einlässt, wird der Zusammenhang der Rest-Krisis als erstes mal ordentlich pathologisiert:


„Bevor ich darauf genauer eingehe, ist aber schon an dieser Stelle die ideologische Funktion der zentralen These zu benennen: Der Begriff von Krise und Kritik der Warengesellschaft verengt sich unter der Hand auf einen privilegierten Sektor, der die Auflösung der Warenform schon „objektiv“ tragen soll …“

„Kritische Theorie“, so aber das Plädoyer Kurzens, „geht entweder aufs Ganze oder sie ist keine.“ Würde die kritische Theorie das ernstnehmen, wäre sie wohl aber erst recht keine. Würde das doch heißen, sich mit dem realen Verlauf der Widersprüche gar nicht erst auseinanderzusetzen. Damit wäre dann allerdings letztlich auch Krisentheorie obsolet. (mehr…)

Das Ganze

Vom 7.-9. Dezember 2007 findet in Frankfurt der Ums-Ganze-Kongress „No Way Out“ statt. Anhand der Theorieströmungen des (Post-)Operaismus und der Wertkritik sollen die grundsätzlichen Bedingungen, Grenzen und Herausforderungen für emanzipatorische soziale Bewegungen im 21. Jahrhundert diskutiert werden. Das klingt sehr spannend und lässt auf ein ereignisreiches Wochenende hoffen.

Einzig verwundernd stimmt die Einschätzung der OrganisatorInnen, das sie als „das grundsätzliche Ziel“ der Linken „die Überwindung des Kapitalismus“ ausmachen. Die Benennung dieser abstrakten Vokabel allerdings würde noch nichts darüber aussagen, was die je Einzelnen unter „Kapitalismus“ verstehen und wie die „politischen Subjekte“ eingeschätzt würden. Letztere Einschätzung ist sicherlich richtig, nur dachte ich bislang immer, es ginge hier „Ums Ganze“. Wer also etwa das Patriarchat nicht zu einem gegebenenfalls nach der Revolution abzuhandelnden Nebenwiderspruch machen möchte, kommt um eine Benennung an prominenter Stelle nicht herum.

Die allerdings fehlt im Aufruf – und nicht nur da. Auch die vorläufige ReferentInnen-Liste liest sich sehr stark um die Themen „Staat“ und „Kapital“ herumkonzipiert. Entsprechend sind bislang auch erst zwei ReferentInnen benannt, nämlich einerseits Sonja Buckel und andererseits Nadja Rakowitz. Die erstere hat bislang vor allem als kritische Staatstheoretikerin von sich hören gemacht, die zweite gilt nicht zuletzt durch ihr Buch „Einfache Warenproduktion“ als ausgemachte Expertin der „Kritik der politischen Ökonomie“. Nun bleibt zu hoffen, das die Liste erweitert und das Themenspektrum tatsächlich „Aufs Ganze“ gerichtet wird. Wie dem auch sei: Wir sehen uns in Frankfurt.

Beckstein goes Wahlsieg

Das Tolle an der Realität ist, das sie manchmal ziemlich berechenbar ist. Wenn etwa in Mügeln ein 50-köpfiger Mob acht Menschen indischer Herkunft verfolgt, dann führt das zu Dynamik nicht nur in der NPD, sondern auch in so einigen anderen Parteien. Günther Beckstein, frisch gekrönter bayrischer Ministerpräsident etwa, hat in der BILD-Zeitung jetzt den Kampf um die Stimmen von rechten WählerInnen aufgenommen:

„Außerdem wird ein ganz besonderer Schwerpunkt meiner künftigen Arbeit darin bestehen, die Integration von Bürgern mit Migrationshintergrund zu fordern und zu fördern. Der Sozialhilfebezug ist hier fast dreimal so hoch wie bei Einheimischen. Das kann so nicht bleiben.“

Nun ließe sich einwenden, das der erste Schritt zur Integration wohl darin bestünde, nicht die einen als „Einheimische“ zu deklarieren, um bei den anderen von „Bürgern mit Migrationshintergrund“ zu faseln. Wenn mensch denn Integration für ein sinnerweckendes Konzept hielte. Was doch aber zumindest auffallen sollte, ist die schlichte Tatsache, das es ja wohl kein Wunder ist, das die Arbeitslosigkeit bei Menschen ohne deutschen Pass wesentlich höher ist als bei Menschen mit hohem Pass. Denn nicht genug damit, das überdurchschnittlich viele der Arbeitsplätze, die derzeit in die Arbeitslosigkeit outgesourced werden, eben von diesen ominösen „Bürgern mit Migrationshintergrund“ besetzt waren – wie sollen die anderen denn überhaupt einen Job finden, wenn die NPD-Forderung „Arbeit zuerst für Deutsche“ längst durch das Vorrangigkeitsprinzip nach § 39
Abs. 2 Nr. 1 des Aufenthaltsgesetzes umgesetzt ist? (mehr…)