Gebrüllt, Löwe!

In der letzten Ausgabe der Krisis machte sich selbige Redaktion unter Zuhilfenahme befreundeter AutorInnen auf den Weg, noch einmal der Frage nachzugehen, wie es denn nun um den Charakter der Krise bestellt ist. Erkenntnisleitend ist dabei die Frage, ob (wie oft behauptet) Dienstleistungs- oder Wissenskapitalismus die Möglichkeit eines neuen Akkumulationsregimes aufmachen. Die Antwort der Krisis ist eindeutig: Nein.

Dagegen zieht nun einer zu Felde, der das Ergebnis der Untersuchung teilt, die leitenden Forscherinnen nun aber gar nicht mag: Robert Kurz. Bevor der sich inhaltlich auf die vorgebrachte Argumentation einlässt, wird der Zusammenhang der Rest-Krisis als erstes mal ordentlich pathologisiert:


„Bevor ich darauf genauer eingehe, ist aber schon an dieser Stelle die ideologische Funktion der zentralen These zu benennen: Der Begriff von Krise und Kritik der Warengesellschaft verengt sich unter der Hand auf einen privilegierten Sektor, der die Auflösung der Warenform schon „objektiv“ tragen soll …“

„Kritische Theorie“, so aber das Plädoyer Kurzens, „geht entweder aufs Ganze oder sie ist keine.“ Würde die kritische Theorie das ernstnehmen, wäre sie wohl aber erst recht keine. Würde das doch heißen, sich mit dem realen Verlauf der Widersprüche gar nicht erst auseinanderzusetzen. Damit wäre dann allerdings letztlich auch Krisentheorie obsolet.

Den unterstellten Anspruch, den „privilegierten Sektor“ der Informationstechnologie zur als Realauflösung des Kapitalismus propagieren zu wollen, hat jedenfalls Ernst Lohoff in seinem Grunsatzartikel „Der Wert des Wissens“ niemals aufgestellt. Kurz möchte ihn aber gerne hineinlesen, um Lohoff anschließend hemmungslosen Bewegungspopulismus unterstellen zu können, der „mit Wertkritik ungefähr so viel zu tun hat wie Nordic Walking mit dem bewaffneten Aufstand“ und so zu einem „Feld-, Wald- und Wiesenmarxismus“ verkomme. Fündig wird er für seine verbale Zitatesammlung dabei dann auch nicht bei seinem einstigen Weggefährten Ernst Lohoff, sondern bei Stefan Meretz, dessen Keimform-Theorie bei aller Sympathie für den Autor tatsächlich streckenweise an historischen Materialismus erinnert, etwa wenn er sein Fünf-Stufen-Schema bei Klaus Holzkamp borgt.

Ähnliches gilt auch für die nicht besonders kreativen Unterstellungen, Lohoff sei dem Arbeitsfetisch verfallen und wolle die gute, ehrliche Arbeit gegen das arbeitslose Einkommen aus dem Informationsgütersektor retten. Die nämlich braucht Kurz, um ihm hinterher strukturellen Antisemitismus unterstellen zu können. Ein Beispiel für die ziemlich krude daherkommende Kritik bietet etwa eine von mehreren Herleitung des strukturellen Antisemitismus, die in dem Text vorkommen und die letztlich nur noch das sind, was Kurz Lohoff untertellen möchte: Einfach peinlich.

„Während Rest-„Krisis“ aus dem alten wertkritischen Fundus heraus noch die verkürzte Kritik am „Finanzkapital“ (allerdings auch bloß oberflächlich) kritisiert, hat Lohoff nun mit „theoretischem Anspruch“ selber eine zweite Art von „Heuschrecken“ kreiert. Dabei lässt sich auch in einer weiteren Hinsicht die Analogie zur „Heuschrecken“-Metapher erkennen. Die verkürzte Kritik am „Finanzkapital“ unterstellt bekanntlich in einer Verkehrung von Ursache und Wirkung, dass die „Spekulanten“ durch Bildung von Finanzblasen Realinvestitionen und Realakkumulation blockieren würden, weswegen das „gute Geld“ durch politische Eingriffe wieder in produktive Bahnen gelenkt werden müsse, damit endlich wunderbare „Arbeitsplätze“ entstehen. Lohoffs „Theorie“ von der „unseriösen Informationsrente“ impliziert eine analoge Verkehrung hinsichtlich der angeblich wuchernden unproduktiven Einkommen aus Informationskapital: Wenn die qua (falscher) individueller Zurechnung „wertlosen“ eigentlichen Nicht-Waren der Informationsgüter endlich auch „preislos“ gemacht würden und die unproduktiven Informations-Rentiers ihrer „privilegierten Stellung“ verlustig gingen, dann könnten diese auch keinen „anderswo produzierten Mehrwert“ mehr „aneignen“. Da wären doch glatt zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Die bedauernswerten „User“ müssten endlich nicht mehr ihr „gutes Geld“ für substanzlose Nicht-Waren hinlegen, und die von der unproduktiven Last der „Informationsrente“ befreite Realakkumulation könnte neuen Spielraum gewinnen, oder jedenfalls die Krise ein bisschen abfangen.“

Wie ernst diese Argumentation genommen wird, werden wir demnächst beobachten können. Etwa wenn Stefan Meretz vom Ums-Ganze-Kongress ausgeladen wird. Oder eben auch nicht, weil die ganze Konstruktion dann doch etwas zu abstrus daherkommt.

Lohoffs Grundthese ist in etwa diese: Wenn Wissen als reines Wissen verkauft wird, dann kostet es zwar Geld, transportiert aber keinen ökonomischen Wert. Den Grund dafür sieht er in der gesellschaftlichen Bestimmung, das die Waren eben tatsächlich nicht getauscht werden. Tausch, so Lohoff, beziehe sich bei Marx ebenso wie in der gesamten Sekundärliteratur und sogar in Teilen der bürgerlichen Theorie darauf, das Gebrauchswerte übergeben werden, also den Eigentümer wechseln. Nun wird aber beim Verkauf von reinem Wissen das Eigentum nicht übergeben, sondern verdoppelt. Es verbleibt gleichzeitig bei seiner bisherigen Besitzerin. Darum liegt eben kein Tausch vor und darum enthalte dies Wissens-Gut auch keinen Wert.

Letztlich handelt es sich bei Lohoffs Bestimmung also um eine gesellschaftliche. Das wird von Lohoff auch ausdrücklich so benannt, inclusive der Anmerkung, das es selbstverständlich ein recht ordinärer Tausch wäre, würde das Wissensprodukt nur ein einziges Mal verkauft.

Ob dem tatsächlich so ist, wäre zu klären. Und neben vielen verschwiemelten Unterstellungen findet sich in Kurz‘ Text tatsächlich auch eine inhaltliche Auseinandersetzung, während der er sich allerdings ungewohnt nah an die Argumentation von Michael Heinrich begibt – nicht ohne Lohoff gleichzeitig eine Zirkulationstheorie zu unterstellen. Inwiefern der dazwischengeschobene inhaltliche Teil tatsächlich und ernsthaft überzeugen kann, will und kann ich hier nicht klären. Dazu gibt’s vielleicht demnäxt noch mal einen eigenen Text. Den Gedanken aber, das Kurz hier im Willen, via persönlichem Rachefeldzug die bewegungspopulistischen Antisemiten von der Krisis zu demolieren sich auf einen gefährlichen Flirt mit Theoriefragmenten einlässt, die er bislang doch eher kritisch beschimpft hat, möchte ich doch noch unter die werte LeserInnenschaft streuen. Perspektivisch jedenfalls möchte ich der Exit empfehlen, den Text in dieser Form nicht, wie angekündigt, in die näxte Ausgabe der Printversion zu übernehmen. Da stand schon zu viel überflüssige Auseinandersetzung mit der Krisis drin. Und irgendwann ist das einfach auch nicht mehr lustig.


4 Antworten auf “Gebrüllt, Löwe!”


  1. 1 gk 06. September 2007 um 15:56 Uhr

    Wenn ich Kurz höre, stelle ich mir immer einen kleinen Zwerg vor, der wutschnaubend um ein Feuer tanzt…und damit ist wohl leider fast alles gesagt, vermuet ich.

  2. 2 Benni Bärmann 08. September 2007 um 9:15 Uhr

    Ein alter verbitterter Mann kotzt sich aus. Das ist schon so ziemlich alles was man über diesen Text wissen muss.

    Es mag sein, dass irgendwo in diesem Wust auch ein oder zwei Argumente zu finden sind, aber so ein Text ist einer Diskussion von berechtigten Einwänden sicherlich alles andere als förderlich. Wer es nötig hat bis hin zur physischen Bedrohung andere Leute zu diffamieren, ist für mich kein ernstzunehmender Theoretiker mehr.

    Dazu kommt noch erschwerend, dass Kurz keinen blassen Schimmer hat, wovon er redet. Jedes mal, wenn es um konkrete Sachen geht, wo also Sachkenntnisse der neuen Medien gefragt wären, kommen nur hohlstes Geschwätz und völlig abwegige Vorstellungen zum Tragen.
    Diese Generation alter Männer, die die neuen Medien nicht verstehen (wollen) findet sich leider überall. Von Schäuble über Ströbele bis hin zu Kurz. Allen gemeinsam ist im Grunde eine ganz tiefsitzende konservative Kulturkritik.

    Ich finde das – ganz ehrlich – sehr schade, dass Exit! so auf den Hund kommt. Inhaltlich hätten sie ja einen wichtigen Punkt mit ihrem beharren darauf, dass man Wertkritik nicht ohne Abspaltungskritik machen kann. Nur leider sind solche Texte der beste Beweis, dass da ein (gestürzter) Patriarch alter Schule am Werk ist, den das alles nicht wirklich zu interessieren scheint, sondern der nur daran interessiert ist Claims abzustecken und Unvereinbarkeitsbeschlüsse durchzusetzen.

  3. 3 interessiert 08. September 2007 um 20:18 Uhr

    Ist der Lohoff- oder Meretztext irgendwo einzusehen?
    Würde mich mal interessieren, was genau an der Kritik dran ist.

  4. 4 emanzipationoderbarbarei 08. September 2007 um 20:24 Uhr

    Den Lohof-Text gibts hier in einer Kurzfassung, die nur die Kernthese, nicht aber die komplette Herleitung enthällt:
    http://www.balzix.de/el%200707%20Wert%20des%20Wissens%20-%20kurzfassung.html

    Den Meretz-Text gibts hier komplett:
    http://www.balzix.de/sm%200705%20Kampf.html

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