Archiv für November 2007

Nix Halbes und nix Ganzes

Ich hasse es, immer recht behalten zu müssen. Schon vor einiger Zeit berichtete ich hier über den UmsGanze-Kongress, nicht zuletzt um die Frage aufzuwerfen, ob es da tatsächlich Um’s Ganze gehe:

„Einzig verwundernd stimmt die Einschätzung der OrganisatorInnen, das sie als “das grundsätzliche Ziel” der Linken “die Überwindung des Kapitalismus” ausmachen. Die Benennung dieser abstrakten Vokabel allerdings würde noch nichts darüber aussagen, was die je Einzelnen unter “Kapitalismus” verstehen und wie die “politischen Subjekte” eingeschätzt würden. Letztere Einschätzung ist sicherlich richtig, nur dachte ich bislang immer, es ginge hier “Ums Ganze”. Wer also etwa das Patriarchat nicht zu einem gegebenenfalls nach der Revolution abzuhandelnden Nebenwiderspruch machen möchte, kommt um eine Benennung an prominenter Stelle nicht herum.“

Nun war zu der Zeit noch nicht wirklich klar, wie der Kongress strukturiert sein würde und welche Debatten er auslöst. Da sind wir mittlerweile weiter. (mehr…)

Kapitalistisches Patriarchat, Patriarchaler Kapitalismus

Andrea TrumannDas letzte Wochenende war Andrea Trumann auf Einladung von gleich zwei Gruppen hier in Göttingen. Ihre zentrale Botschaft lief darauf hinaus, dass

„wahre Selbstbestimmung erst in einer wahrhaft freien Gesellschat möglich ist“.

Die These, dass also die Emanzipation von patriarchaler Herrschaft in der Moderne auch nur möglich ist, wenn das für den Kapitalismus angemessene Naturbeherrschungsverhältnis aufgehoben wird, führte sie zu der Einschätzung, dass die Bestrebungen zu sexueller Selbstbestimmung im Kapitalismus patriarchale Herrschaft mehr verschleiert als überwindet. (mehr…)

Wie geht ‚Bekämpfung des Antisemitismus‘?

Nachdem die ernsthaften Debattenbeiträge bei der aktuellen Disko-Reihe zum ‚Ums Ganze‘ – Kongress abgefrüstückt sind, kommen wir jetzt allem Anschein nach zu zu den Elaboraten, die zumindest ich nicht mehr so ganz ernstnehmen kann. Stephan Grigat breitete dort nun seine These von der Israel-Solidarität als praktizierter Fetischkritik aus.
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Enthüllungen

… gibt es hier nicht. Noch nicht. Aber ich frage mich ja schon so einiges. Bleistiftsweise gibt es einen Haufen politisch (scheinbar) aktiver Gruppen, von denen ich so absolut gar nix gehört habe, das ich doch mal gerne wissen möchte, ob die wer kennt:

(1) Vor zwei Wochen stand in der Göttinger Szenezeitschrift GöDru (Göttinger Drucksache) ein Text der ILF, der Internationalen Befreiungsfront. Nun hab ich nicht nur deren Text nicht verstanden, sondern auch keine Ahnung, wer mir den wohl erklären kann. Mal ganz abgesehen von der Frage, warum die Abkürzung eher zu ‚International Liberation Front‘ passen würde denn zu dem schlussendlich gewählten deutschen Namen.

(2) Der zu einem Podium beim Ums-Ganze-Kongress eingeladene Stefan Meretz etwa bekommt seit kurzem Post von einer scheinbar aus Berlin stammenden Gruppe mit dem wohlklingenden Namen ‚Zlatan Orek‘. Da interessiert mich dann nicht nur, was wohl der Name bedeutet, sondern vor allem, warum zum Henker niemensch diese Gruppe kennt.

Klasse und Kampf

In der Jungle World wird über den UmsGanze-Kongress diskutiert. Was ja, trotz aller Kritik, erstmal nichts schlechtes sein muss. Den Auftakt machte die Gruppe TOP B3rlin. Die von ihnen erwartete Aufforderung, sich zum nicht nur zum Kongress zu begeben, wurde ergänzt um das ebenfalls erwartete Plädoyer, sich auch von jeglicher Form moralischer Kapitalismuskritik zu verabschieden:

„Einfach unter einer Brücke zu schlafen, wird Obdachlosem und Millionär gleichermaßen versagt. Das Rechtssystem ist allumfassend und überprüft jede Handlung seiner Bürger auf Legalität.“

Auch wenn es mich freut, das hier mittlerweile von Legalität die Rede ist – und nicht wie noch bis vor Kurzem von Legitimität – was bitte ist das, wenn nicht moralisch? Der altbekannte Satz von Anatol France trieft nur so vor gutmenschlerischem Pathos. Weshalb ich ihn ja auch mag. Aber ich tue ja auch nicht so, als käme ich ohne sowas aus. (mehr…)

Abspaltung und Gebrauchswert

Für den kommenden Freitag hat die Redical [m] Andrea Trumann eingeladen, damit die zu dem Thema „Feminismus als Reformprojekt des Kapitalismus oder Bewegung für Selbstbestimmung und Emanzipation“ sprechen kann. In ihrem Einladungstext verweisen sie auf unterschiedliche Versuche, das Patriarchat vor dem Hintergrund kapitalistischer Modernisierungsprozesse zu kritisieren. Zur Wertabspaltungskritik heißt es dabei:


„In den 90ern entwickelte Roswitha Scholz (Krisis) die Wertabspaltungstheorie, bei der sie davon ausging, dass der Grundwiderspruch der Wertvergesellschaftung von Stoff (Inhalt, Natur) und Form (abstrakter Wert) geschlechtsspezifisch bestimmt ist.“

Mal abgesehen davon das sie sich vermutlich dagegen wehren würde, mit der Krisis in Verbindung gebracht zu werden, geht dieser Versuch einer Kurzcharakterisierung m.E. auch nicht ganz auf. Die Redical [m] beschreibt die Differenz von Wert und Abspaltung letztlich als den von Gebrauchswert und Wert, von der stofflich-konkreten und der abstrakt-gesellschaftlichen Dimension der warenproduzierenden Gesellschaft. Für sie bilden vielmehr sowohl Wert als auch Abspaltung eine Art „Formprinzip“, das die bürgerlich-patriarchale Gesellschaft durchzieht. (mehr…)

Luxus und Muße

‚Luxus für alle‘ ist eine im Spektrum der von mir mal eben so titulierten „Post-Antifa“ durchaus beliebte Forderung. So hat im Januar letzten Jahres in Göttingen sogar eine Party unter diesem Motto stattgefunden und auch das UmsGanze-Bündnis wollte anlässlich der Gegendemonstration zum Opernball hoch hinaus:


„So richtig beispielsweise die Parole „Luxus für Alle!“ nach wie vor als sym­bolische Bestimmung der Per­spektive gegen Verzichtsethik und Arbeitswahn ist, so begrenzt erweist sich ihr kritischer Gehalt an der bürgerlichen Realität. Denn auch Ticketpreise von über 200 Euro, großes Buffet und eine Vielzahl von Mitglie­dern der sogenannten Elite ändern nichts daran, dass der beim Opernball so mühsam zur Schau gestellte Luxus nur einen matten Abglanz des Möglichen darstellt.“

Im Grunde wird also durchaus auf die Parole gesetzt, was lediglich kritisiert wird, ist die Beschränkung auf einen bürgerlich-kapitalistischen Luxusbegriff. ‚Da geht noch mehr‘ ruft die geschulte Antifakämpferin und tritt zu diesem Behuf in den Straßenkampf ein. (mehr…)