Abspaltung und Gebrauchswert

Für den kommenden Freitag hat die Redical [m] Andrea Trumann eingeladen, damit die zu dem Thema „Feminismus als Reformprojekt des Kapitalismus oder Bewegung für Selbstbestimmung und Emanzipation“ sprechen kann. In ihrem Einladungstext verweisen sie auf unterschiedliche Versuche, das Patriarchat vor dem Hintergrund kapitalistischer Modernisierungsprozesse zu kritisieren. Zur Wertabspaltungskritik heißt es dabei:


„In den 90ern entwickelte Roswitha Scholz (Krisis) die Wertabspaltungstheorie, bei der sie davon ausging, dass der Grundwiderspruch der Wertvergesellschaftung von Stoff (Inhalt, Natur) und Form (abstrakter Wert) geschlechtsspezifisch bestimmt ist.“

Mal abgesehen davon das sie sich vermutlich dagegen wehren würde, mit der Krisis in Verbindung gebracht zu werden, geht dieser Versuch einer Kurzcharakterisierung m.E. auch nicht ganz auf. Die Redical [m] beschreibt die Differenz von Wert und Abspaltung letztlich als den von Gebrauchswert und Wert, von der stofflich-konkreten und der abstrakt-gesellschaftlichen Dimension der warenproduzierenden Gesellschaft. Für sie bilden vielmehr sowohl Wert als auch Abspaltung eine Art „Formprinzip“, das die bürgerlich-patriarchale Gesellschaft durchzieht. Entsprechend schreibt auch Robert Kurz in seinem Aufsatz „Geschlechtsfetischismus“:

Der Gebrauchswert als abstrakte Nützlichkeit kann so keinen Gegenpol zur Abstraktionslogik des Tauschwerts bilden, sondern er ist selber Moment dieser Realabstraktion und insofern auch integraler Bestandteil des männlichen Universums abstrakter, entsinnlichter Gesellschaftlichkeit. Wenn wir die Beziehung zwischen der Warenform und dem von ihr „Abgespaltenen“ finden wollen, dann müssen wir uns derjenigen Sphäre zuwenden, die tatsächlich (im Unterschied zur abstrakten Gebrauchswertgestalt der Zirkulation) aus dem warenlogischen Formzusammenhang der Realabstraktionen herausfällt: nämlich der Konsumtion. Erst in der Konsumtion werden die Produkte in den sinnlichen Genuß oder realen Gebrauch entlassen, nachdem sie durch die abstraktifizierende Formungsmaschine der Warenlogik gesellschaftlich gehämmert und geschmiedet worden sind.

Der im kapitalistischen Produktionsprozess zum Zwecke der Kapitalakkumulation hergestellte Gebrauchswert verkonsumiert sich nicht von alleine. Er will genutzt werden. Und eben diese Sphäre, in der diese Konsumtion vonstatten geht, ist das Private. Und eben das ist, historisch bedingt, weiblich konnotiert.

„Diese individuelle, aus der abstrakten Warenförmigkeit herausfallende Konsumtion scheint also die Sphäre zu sein, die zunächst dem abgespaltenen weiblichen Lebenszusammenhang am ehesten entspricht. Von hier aus wäre die Beziehung zwischen Abspaltendem und Abgespaltenem elementar zu klären. Die Logik der Ware in ihrer historischen Entfesselung ist ein Prozeß, in dem eine Form sich paradox selbst zum Inhalt wird; oder anders gesagt: ein Prozeß, in dem eine Abstraktion sich selbst zum sinnlichen Gegenstand wird. Diese gesellschaftliche Paradoxie konstituiert einen Raum der Realabstraktion, der sich als Totalität setzen muß, als Absolutum, das sich seiner selbst als Universum zu versichern hat. Irgendwo aber muß diese scheinbar selbstgenügsame, totalisierte Formbewegung sozusagen einen Ausgang oder eine Schleuse zur Wiederversinnlichung des paradox abstraktifizierten Stoffs offen lassen, weil die selbstgesetzte Logik „logisch unmöglich“ ist. Der Übergang zur individuellen Konsumtion ist diese Schleuse. Diese Konsumtion ist die sozusagen widerwillig akzeptierte Notwendigkeit, der realen Nicht-Universalität der abstrakt-universellen Form ein Zugeständnis machen zu müssen. Das abstraktifizierte, warenförmig geschmiedete Produkt „fällt“ aus seiner gesellschaftlichen Form heraus in eine andere Welt, die vom Standpunkt der universalistischen Formtotalität aus eigentlich gar nicht existieren dürfte.“

Das aber ist etwas ganz anderes als die simple Zuschreibung als konkret-stoffliche Dimension des Kapitalismus. Beide Sphären können nicht, wie in dem Satz angedeutet, voneinander getrennt betrachtet oder gar als Gut und Böse gegeneinander ausgespielt werden. Und die Wertabspaltungstheorie behauptet auch nicht, dass das ginge. Vielmehr spricht sie von einer „negative(n) Einheit von Warenform und abgespaltenem weiblichen Lebenszusammenhang“. (Kurz)

Nun weiß ich natürlich nicht, wie der zitierte Satz zustandegekommen ist. Es bleibt aber zu hoffen, das wir am nächsten Wochenende tatsächlich mal eine produktive Diskussion erleben – und ein überflüssiges Eindreschen auf Pseudo-Theorien, die es in der Form gar nicht gibt.


4 Antworten auf “Abspaltung und Gebrauchswert”


  1. 1 girlsetsfire 12. November 2007 um 13:15 Uhr

    @ juli

    alles wie immer hier. schön eigentlich, doch wo sind nur die anderen kollektivmenschen, die hier schreiben wollten? ich war doch schon so gespannt…

    anyway. inhaltlich hat deine argumentation (und damit deine kritik) hohe plausibilität. auch wenn ich gestehen muss, dass ich an manchen stellen nicht so recht mitkomme. ich hab zuwenig ahnung von der materie. (kann auch an kurz‘ geschreibsel liegen)
    und das ist genau der grund warum ich den ankündigungstext von den redicals als ankündigungstext und deine kritik als kritik sinnvoll finde. layoute mal den flyer zu deinem blogeintrag und verteil ihn dann ; )
    ich würde annehmen, das ein oder andere fragende gesicht wäre dir sicher. meins zum beispiel. das ist auch der grund, warum mensch me nicht die ganze inhaltliche auseinandersetzung, die die veranstaltung ja leisten soll, in der ankündigung vorwegnehmen sollte. das würde ja letztlich auch nur dazu dienen, zu zeigen wie gut man selbst das thema durchblickt. damit wäre dann am ende auch niemandem geholfen.
    ich freu mich auch auf eine produktive diskussion …

  2. 2 double f 12. November 2007 um 16:06 Uhr

    Also erstmal: Ich halte das auch für eine gute inhaltliche Ergänzung.
    Aber warum benennst Du nicht einfach noch den Gegensatz zwischen öffentlicher (politischer Raum und Ort der Zirkulationslogik, etc.) und privater Sphäre (Ort der Konsumtion und Reproduktion, etc.) Genau darauf zielt doch Roswita Scholz, in kritischer Anknüpfung an Sohn-Rethel, maßgeblich ab. Ist m.E. auch leichter verständlich, zumindest zum Einstieg.

    zu Kurz:

    „Irgendwo aber muß diese scheinbar selbstgenügsame, totalisierte Formbewegung sozusagen einen Ausgang oder eine Schleuse zur Wiederversinnlichung des paradox abstraktifizierten Stoffs offen lassen, weil die selbstgesetzte Logik “logisch unmöglich” ist. Der Übergang zur individuellen Konsumtion ist diese Schleuse. Diese Konsumtion ist die sozusagen widerwillig akzeptierte Notwendigkeit, der realen Nicht-Universalität der abstrakt-universellen Form ein Zugeständnis machen zu müssen. Das abstraktifizierte, warenförmig geschmiedete Produkt “fällt” aus seiner gesellschaftlichen Form heraus in eine andere Welt, die vom Standpunkt der universalistischen Formtotalität aus eigentlich gar nicht existieren dürfte.”

    Immer diese logischen Widersprüche und Unmöglichkeiten. Wieso ist die „Logik“ der Wertbewegung „logisch unmöglich“? Die individuelle Konsumption ist kein Ding der Unmöglichkeit, sondern, wie Du bzw. Kurz selber schreibst– integraler Bestandteil und Grundbedingung des Kapitalismus. Diese private Sphäre ist nicht Gegenstand der formalen Logik der Zirkulation und des abstrakt-formalen bürgerlichen Rechts. Vielmehr bildet die private Sphäre die erwähnte Grundbedingung (sehr kurz skizziert) der öffentlichen Sphäre, des Warentauschs.
    Wer hier von „logischer Unmöglichkeit“ redet, legt damit ein zirkulationstheoretisch verkürztes Kapitalismusverständnis nahe. Die analytischen Begrifflichkeiten werden nämlich tendenziell auf die Analyse des Warentauschs reduziert.
    Aber hast Du dir mal den Text von Ingo Elbe „Marxismus– Mystizismus“ auf der Seite der Roten Ruhr Uni (http://www.rote-ruhr-uni.com/cms/Marxismus-Mystizismus-oder-die.html)
    angeschaut, den ich dir empfohlen habe?

    zur Autorenschaft auf dem Blog: Anscheinend ist die RZB mit einem Blog doch zu verlockend.

  3. 3 Juli 12. November 2007 um 20:56 Uhr

    @doublef

    ach, ich bin doch immer so betrunken, wenn du mir texte empfiehlst…

    aber jedenfalls finde ich es nicht ungewöhnlich, das in der bürgerlichen gesellschaft dinge real unlogisch sind. das findet sich doch auf allen ebenen. das beispielsweise gleichzeitig ware = tauschwert und ware = gebrauchswert, aber gebrauchswert tauschwert – das ist eigentlich auch logisch unmöglich. geben tut’s das trotzdem. weshalb sich formale logik nunmal nur sehr bedingt eignet, um bürgerliche gesellschaft zu beschreiben… dasselbe gilt übrigens auch für den mehrwert, der einerseits in der zirkulation entstehen muss und andererseits nicht in der zirkulation entstehen kann – und trotzdem entsteht.

    inhaltlich spielt der kurz doch (wenn ich ihn richtig verstehe), auf die selbstzweckhafte bewegung des kapitals an, das selber zwecke setzt und jedes mittel diesen zwecken unterordnet – und von dem es deshalb „erstmal“ kein außerhalb gibt. nur geht die realität des kapitals eben nicht darin auf, das es produziert um produzieren zu können. es braucht noch andere voraussetzungen, etwa die schlichte tatsache, das die dinge auch verknuspert werden, die aus dem produktionsprozess rausgeworfen wurden. und das natürlich diese verknusperung selber teil des reproduktionsprozesses ist, weil sie die arbeitskraft reproduziert, sollte auch mal nicht vergessen werden. tja, und so „ist“ das kapital eigentlich ein inhaltsloser prozess, der inhalte seiner form unterwirft, aber gleichzeitig ist er wieder auf inhalte außerhalb dieser form verwiesen. oder so ähnlich…

    @girlsetfire

    die sind so schüchtern, sie trauen sich nicht… also die anderen kollektivmenschen…

  4. 4 double f 13. November 2007 um 15:04 Uhr

    „Real unlogisch“ (was wäre übrigens „nicht real“ unlogisch?) heißt aber nicht „logisch unmöglich“, wie das ja der Kurz sagt. Was die formale Logik angeht stimme ich dir zu. Sie ist nur begrenzt geeignet um den Kapitalismus hinreichend zu erfassen und zu erklären. Deshalb ist es auch nötig sich das Verhältnis von Zirkulation (Ebene des Warenverkehrs und der formalen Logik) und Warenproduktion, Öffentlicher und privater Sphäre genauer anzugucken. Das Kapital ist ein selbstzweckhafter Prozess, ja. Das Kapital ist in der Realität ein selbstgenügsamer Prozess, nein. Es bedarf gesellschaftlicher, realer Voraussetzungen. Diese werden zum Beispiel im 23. Kapitel über die ursprüngliche Akkumulation entwickelt. (Das heißt nicht, dass es nicht auch andere notwendige Bedingungen gibt. siehe Die Trennung von öffentlicher und privater Sphäre mit alle ihren Implikation) Diese notwendigen gesellschaftlichen, materiellen Bedingungen müssen bei der Kritik des Kapitalismus stets mitgedacht werden. Sie sind aber nicht aus der Logik zu deduzieren. Nur weil etwas nicht formal logisch ist, ist es aber noch lange nicht unerklärbar bzw. unmöglich. Das anzunehmen, hieße den Kapitalismus auf die Ebene formalen Logik des Warentauschs zu reduzieren.
    Aber das führt nun wirklich zu weit vom Thema weg.
    Das können wir gerne mal genauer bei einem Malzbier besprechen. :d

    @ eob Zu deinem Beispiel mit Ware, Gebrauchswert und Tauschwert: Das ist keine logische Unmöglichkeit. Nehmen wir mal das Beispiel einer Person x. Diese ist Student und arbeitet gleichzeitig auf Teilzeit in einem Callcenter. Die „Form“ (auch wenn der Marxsche Formbegriff anders aussieht) Student ist ungleich der „Form“ Callcenterarbeiter. Aber Person x ist beides. Das ist kein logischer Widerspruch, sondern beschreibt Zwei verschiedene „Eigenschaften“ der Person x in jeweils verschiedenen Verhältnissen. Sie ist nur im Verhältnis zu ihrem Vorgesetzten und den Leuten bei denen sie anruft (summa summarum: überall wo sie als Callcenterarbeiter agiert) Callcenterarbeiter. Das gleiche gilt für die „Form“ Student.
    Um den Bogen zur Wertformanalyse zu schlagen. Nur wenn jemand, den Gebrauchswert einer Ware für sich realisieren will, kann der Warentausch überhaupt funktionieren. Der Gebrauchswert (die reelle Chance seiner Verwirklichung ist im Begriff des Gebrauchswert angelegt, weil ein Ding, das niemand benutzen will auch keinen Gebrauchswert im Marxschen Sinn hat) ist die conditio sine qua non (ich würde von einer „Trägersubstanz“ sprechen) des Tauschwerts und damit des Warentauschs.
    Der Tauschwert einer Ware kann sich nur in einer anderen Ware ausdrücken. Erst im Verhältnis zu einer anderen Ware (des Warenverkäufers zu einem „anderen Akteur“ im Warentausch) kommt einer Ware Tauschwert zu. Dieses Verhältnis ist aber ein anderes Verhältnis als das, des „anderen Akteurs“ zur Ware, die er aufgrund ihres Gebrauchswertes erwerben will, um diesen für sich zu realisieren. Gebrauchswert und Tauschwert existieren als Eigenschaften der Ware nur im Verhältnis der jeweiligen Akteure im Austauschprozess (Warentausch) zur einzelnen Ware. (Wert kommt den Waren natürlich nur gesamt-gesellschaftlich und nicht individuell zu. Übrigens ist das keine zirkulationstheoretische Verkürzung, sondern nur eine eigentlich ziemlich banale Begriffsbestimmung: „An sich“, ohne Verhältnis zu anderen Waren und Akteuren, können Gebrauchswert und Tauschwert nicht bestehen. siehe meine Anmerkung zum Begriff des Gebrauchswertes)
    Die von dir unterstellte logische Unmöglichkeit, das Gebrauchswert und Tauschwert einander gleichgesetzt werden, obwohl sie nicht gleich sind, ist falsch. Wie ich beschrieben habe werden in der Praxis des Austauschprozesses Gebrauchswert und Tauschwert einander nicht gleichgesetzt, sondern bestehen in von einander verschiedenen Verhältnissen.
    W-G ≠ G-W

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