Klasse und Kampf

In der Jungle World wird über den UmsGanze-Kongress diskutiert. Was ja, trotz aller Kritik, erstmal nichts schlechtes sein muss. Den Auftakt machte die Gruppe TOP B3rlin. Die von ihnen erwartete Aufforderung, sich zum nicht nur zum Kongress zu begeben, wurde ergänzt um das ebenfalls erwartete Plädoyer, sich auch von jeglicher Form moralischer Kapitalismuskritik zu verabschieden:

„Einfach unter einer Brücke zu schlafen, wird Obdachlosem und Millionär gleichermaßen versagt. Das Rechtssystem ist allumfassend und überprüft jede Handlung seiner Bürger auf Legalität.“

Auch wenn es mich freut, das hier mittlerweile von Legalität die Rede ist – und nicht wie noch bis vor Kurzem von Legitimität – was bitte ist das, wenn nicht moralisch? Der altbekannte Satz von Anatol France trieft nur so vor gutmenschlerischem Pathos. Weshalb ich ihn ja auch mag. Aber ich tue ja auch nicht so, als käme ich ohne sowas aus. Und so kommt dann auch der unvermeidliche Schluss:

„Zur Transformation der Gesellschaft in den »Club freier Menschen« bedarf es keiner linken Identität, keiner kommunistischen Moral und keines sozialistischen Staats. Wie sich dem Ziel genähert werden kann, die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen und den mit ihnen zwingend verbundenen Schaden für die zu vernutzenden Menschen aufzuzeigen, soll in den nächsten Ausgaben der Jungle World und auf dem im Dezember in Frankfurt/Main stattfindenden Kongress »No way out – von Postoperaismus bis Wertkritik« gezeigt werden.“

Eine Annäherung an die „Transformation der Gesellschaft in den »Club freier Menschen«“ soll hier durch eine Annäherung an die richtige Erkenntnis über das falsche Ganze erreicht werden. Das ist der Rückfall in den frühen Marx. Der meinte nämlich auch, die Welt dadurch verändern zu können, das sich die Gedanken über die Welt ändern. In der Deutschen Ideologie und den Thesen über Feurbach hat er dann seinen Irrtum erkannt und wortgewaltig revidiert.

Felix Baum, dem die Ehre einer Antwort übertragen wurde, hat das dann auch gleich erkannt und auf die Bedeutung sozialer Kämpfe für eine emanzipatorische Praxis gepocht:

„Nach Marx und Engels hing die Aufhebung des Kapitals vom Bewusstsein des Proletariats ab. Was die naturwüchsige Vorgeschichte beenden sollte, konnte nicht selbst bewusstloser Prozess sein. Radikales Bewusstsein wurde jedoch nicht so sehr als Frucht langwieriger Aufklärungsbemühungen verstanden, sondern als etwas, das von praktischen Assoziationsbemühungen der Lohnabhängigen untrennbar war und sich folglich nur in den Tageskämpfen entwickeln konnte.“

Die akademisch geprägte Wertkritik dagegen denkt sich die subversive Bewegung als große Volkshochschule, in der den Subjekten zunächst die Bewegungsgesetze des Kapitals beigebracht werden müssen, bevor sie die bestehende Ordnung in Frage stellen können. Von gesellschaftlichen Konflikten, an denen sich die proklamierte radikale Kritik entzünden könnte, ist nicht die Rede.

Baum benennt hier einen wesentlichen Punkt, kann aber allem Anschein nach gesellschaftliche Konflikte nur als Auseinandersetzung von Klassen denken, die irgendwie gegeneinander kämpfen. Damit gibt er, vielleicht ja sogar ungewollt?, einen wesentlichen kritischen Impuls auf, der noch von TOP B3rlin angeführt wurde: das nämlich Konflikte nicht einfach als Oben gegen Unten gedacht werden können, das sie von einer geselschaftlichen Form geprägt sind und letztlich auch durch uns alle hindurchgehen. Trotz dieser Klassenmetaphorik hat es aber einen wahren Kern, wenn er etwa formuliert:

„So verstanden, gerät der Kampf »ums Ganze« zum scheinradikalen Gestus. Der revolutionäre Bruch mit den Verhältnissen wird gut existenzialistisch aus der revolutionären Subjektivität der Revolutionäre konzipiert, die sich vermutlich durch Aufklärungsarbeit exponentiell vermehren sollen. In genauer Umkehrung der verkürzten Kritik, die an den Erscheinungsformen hängen bleibt, werden pflichtgemäß die »Konstitutiva kapitalistischer Vergesellschaftung« von Wert bis Staat abgerufen, aber nicht mehr mit den Erscheinungen zusammengebracht. Gesellschaft zerfällt in belanglose Phänomene einerseits, Kernkategorien andererseits, die in Folge dieser Trennung – keine kleine Ironie – allem Bemühen um Fetischis­muskritik zum Trotz erstarren und geschichtslos werden.

Wenn alle begrenzten Klassenkonflikte dem Verdikt verfallen, sich bloß im Reich der Erscheinungsformen abzuspielen und nicht »aufs Ganze« zu gehen, wenn der Alltag der Proletarisierten – also vermutlich auch: der eigene – überhaupt nicht als das Terrain verstanden wird, auf dem allein sich eine wirkliche Bewegung bilden könnte, muss Praxis zu Kampagnenpolitik verkommen. Tatsächlich konnte man in Berlin bereits Demonstrationen beobachten, die den kritischen Seminarmarxismus zu handlichen Losungen wie »Just Communism« verwursten und mit elektronischer Musik untermalen, damit niemand einschläft.“

Das ist ganz großes Kino und wurde ja hier auch schon des häufigeren (1|2|3 mal behauptet. Nur vielleicht mit nicht ganz so schönen Worten.

Den dritten Schuss gab dann jedenfalls Michael Heinrich ab, und auch hier wurde die Kritik in eben diese Richtung zugespitzt:


„Diese Rechtsvorstellungen und Freiheitsillusionen bilden den Rahmen, in dem die Klassenkämpfe zunächst einmal stattfinden. Das heißt nicht, dass die gesellschaftlichen Kämpfe auf ewig in diesem Rahmen eingespannt bleiben müssen. Ihn zu überschreiten und »ums Ganze« zu kämpfen, ist möglich und wurde in der Geschichte auch im­mer wieder versucht. Irgendeine Notwendigkeit für eine solche Überschreitung existiert jedoch nicht. ( … )

Wenn Menschen sich mit ihren Lebensverhältnissen auseinandersetzen, wenn sie anfangen, den Zumutungen des Kapitalismus Widerstand entgegenzusetzen, dann sind sie im Allgemeinen auch wissbegierig, dann wollen sie etwas über diese Verhältnisse lernen. Das kann zu einer verkürzten Kapitalismuskritik führen, die in »Heuschrecken« und »Spekulanten« die Ursache allen Übels zu erkennen glaubt. Es kann aber auch zu einem Mehr an Einsicht in die gerade nicht an Personen gebundene kapitalistische Form von Herrschaft und Ausbeutung führen.

Die verschiedenen Gruppen und Grüppchen der radikalen Linken haben häufig die Tendenz, sich vor allem untereinander zu streiten. Inzwischen wäre aber eine Debatte darüber angebracht, wie mit der eigenen Analyse und Kritik des Kapitalismus in gesellschaftliche Kämpfe interveniert werden kann, ohne dabei bloß belehrend aufzutreten, aber auch ohne sich in Idealisierungen dieser Kämpfe zu verlieren oder sich gar irgendwelchen »Bündnispartnern« opportunistisch an die Brust zu werfen.“

Hier bleibt die Bedeutung der tatsächlichen sozialen Auseinandersetzung ausgespart, mensch möchte fast glauben, auch Heinrich würde hier hinter Marx zurückfallen. Darüberhinaus tauchen auch bei ihm soziale Auseinandersetzungen als traditionelle Klassenkämpfe – wenn es gänzlich entmythologisiert – auf. Fraglich bleibt aber, ob es möglich wird, den Blick auch innerhalb der Kämpfe „aufs Ganze“ zu richten, solange dann doch in altbekannten Kampfformen verharrt wird.

Vielleicht, und das wäre sicherlich noch mal genauer aufzudröseln, wären tatsächliche Kämpfe um eine neue, emanzipative Vergesellschaftsform an der Tagesordnung. Kämpfe um eine antiökonomische Praxis und um den Aufbau von – bei aller Kritik an der Vokabel – Keimfomen. Das wäre sicherlich kein Kuschelwochenende und hätte mit starker Repression von Seiten des Staates zu rechnen. Ähnlich wie andere Formen sozialer Kämpfe auch. Nur würde hier kein klassenkämpferisches Gegeneinander simuliert, sondern der Aufbau emanzipatorischer Strukturen vorangetrieben. Aber ich bin ja auch „mehr so der Hippie-Typ“ (Sven Regener: Neue Vahr Süd“)


10 Antworten auf “Klasse und Kampf”


  1. 1 naja 19. November 2007 um 14:32 Uhr

    die wiedergabe des beitrags 1 und 3 erscheint mir recht eigen und hingebogen (andere würden sagen: verfälschend). a) wo sind in den texten ausschlüsse im bezug zu solzialen auseinandersetzungen formuliert?
    b) „Wie sich dem Ziel genähert werden kann, die Gesetzmäßigkeiten der kapitalistischen Gesellschaft zu begreifen und den mit ihnen zwingend verbundenen Schaden für die zu vernutzenden Menschen aufzuzeigen, soll in den nächsten Ausgaben der Jungle World und auf dem im Dezember in Frankfurt/Main stattfindenden Kongress »No way out – von Postoperaismus bis Wertkritik« gezeigt werden.” wieso soll dies bitte ein rückfall in den frühen marx sein? mag es sein, dass du hier dinge falsch verstehst? das ziel hier soll sein gesetzmäßigkeiten kapitalistischer vergesellschaftung zu verstehen, des weiteren wird gesagt das dies demnächst in jw und auf dem kongress stattfindet…
    wo du da den schluss herzauberst verstehe ich nicht.

  2. 2 Knuts Sohn 19. November 2007 um 14:43 Uhr

    Wahrscheinlich wäre schon einiges gewonnen, wenn du die Differenz zwischen Arbeitskampf und Klassenkampf und die Kongruenz von „sozialen Auseinadnersetzungen“ und Klassenkampf mal „aufdröseln“ würdest.

  3. 3 double f 19. November 2007 um 14:58 Uhr

    Es lebe das Spezialistentum!
    Kritische Theorie der Gesellschaft den Nichtspezialisten näher zu bringen ist voll blöd. Die sollen lieber Praxis machen, Keimformen (oder sind es doch nur die altbekannten gesellschaftlichen Nischen der Spontis und Autonomen?) bilden und den schlauen Worten der kritischen Theoretiker lauschen. Zu dieser Arbeitsteilung gibt es von dem gleichen Menschen den du für deine Position heranziehst hier http://www.balzix.de/index.html im Intervie „Was ist Wertkritik?“, auch wenn ich an einigen Stellen durchaus Kritik habe (aber das ist ein anderes Thema)
    und zum „Praxisproblem (leider nicht online verfügbar) in der aktuellen Exit mit dem Titel „Grau ist des Lebens goldner Baum und grün die Theorie“. So einfach mit „frühen“ und „späten“ Marx macht er es sich nicht.
    So viel erstmal auf die schnelle. Zum Rest schreibe ich bei Gelegenheit noch was. Jetzt fehlt mir leider die Zeit.

  4. 4 classless 19. November 2007 um 18:22 Uhr

    Die Auffassung, es würde dadurch besser werden, daß es besser wird, nicht dadurch, daß es ganz besonders schlimm wird, also schlimmer als ohnehin schon, ist leider nicht sehr gut angesehen. Bin ich wohl auch ein Hippie.

  5. 5 Benni Bärmann 19. November 2007 um 19:44 Uhr

    @classless: Wer soviel trampt muss ein Hippie sein. Du wirst wahrscheinlich als erster an die Wand gestellt, wenn deren Revolution kommt, da würd ich mir keine Illusionen machen.

  6. 6 double f 20. November 2007 um 0:36 Uhr

    Das richtige– im Gegensatz zum (notwendig) falschen– Bewusstsein ist natürlich eine Voraussetzung für eine gesellschaftliche Praxis, die den Kapitalismus aufhebt. Wie soll das denn sonst gehen? Die Verbreitung von radikaler Gesellschaftskritik muss ein notwendiger Weise Bestandteil jeder linker Aktivitäten sein, wenn diese nicht auf das Niveau kirchlicher Sozialarbeit herabsinken sollen. Selbst im besten Fall bliebe solche Praxis, ohne hinreichende Anbindung an materialistische Kritik, nur die Wiederholung alter autonomer Konzepte, auch wenn man noch so oft betont, dass es was ganz neues sei, dass „Antiökonomie“ heißt.
    Allerdings kann die Entstehung dieses Bewusstseins, gesellschaftlich gesehen, nicht primär durch Aufklärung erfolgen, sondern nur durch die reale gesellschaftliche Bewegung des Kapitals in ihrer widersprüchlichen Form.

  7. 7 classless 20. November 2007 um 14:28 Uhr

    @Benni
    Naja, es gibt solche und solche.

  8. 8 Christian Siefkes 21. November 2007 um 18:10 Uhr

    Auf Keimform hat sich auch eine längere Diskussion um v.a. den Heinrich-Text entspannen, siehe diesen und die folgenden Kommentare.

  9. 9 Juli 22. November 2007 um 11:16 Uhr

    @double f

    „Das richtige– im Gegensatz zum (notwendig) falschen– Bewusstsein ist natürlich eine Voraussetzung für eine gesellschaftliche Praxis, die den Kapitalismus aufhebt.“

    Also schlagen wir uns die falschen Gedanken aus dem Kopf, und schon wird alles besser? Wohl kaum. Das gleichzeitig reine Praxiswerkelei nix bringt stimmt zwar, ändert aber nix an der Tatsache, das die „richtige“ Theorie (was auch immer das sein soll), wohl kaum ohne entsprechend verändernde Praxis auf ein gesellschaftlich relevantes Maß anwachsen wird…

  10. 10 double f 23. November 2007 um 22:01 Uhr

    @ eob Wo steht denn, dass alles besser wird, wenn nur die „richtige“ Theorie vorhanden ist? Das sagst nur du, um dir einen Strohmann als Diskussionspartner/-in aufzubauen, den du dann Idealismus vorwerfen kannst.
    btw. Das mit dem „falsche Gedanken aus dem kopf schlagen“ ist übrigens gar so falsch. Das falsche Bewusstsein wird brüchig und die grundsätzliche Hinterfragung des Kapitalismus möglich. Allerdings kann das nicht durch individuelle Fortbildung (etwa durch Lesekreise oder das Verteilen von Flugblättern, etc.), sondern nur als Aneignung von Wissen durch eine gesellschaftliche Bewegung passieren. Eine solche Bewegung kann aber nicht voluntaristisch hergestellt werden, sondern kann nur durch die Widersprüchlichkeit der bestehenden Verhältnisse selbst entstehen. Linke Praxis kann bestenfalls einem solchen Prozess unterstützen und natürlich partielle Verbesserungen erkämpfen. Die Aufrechterhaltung des Gedanken an eine Überwindung des Kapitalismus gehört auch dazu, was eine Linke leisten kann. Dafür ist es nötig theoretisches Wissen zu erarbeiten, weiterzuentwickeln und mehr Leuten zugänglich zu machen. Es gibt übrigens keinen Grund warum das andere Formen der Politik ausschließen sollte, außer einem dichotomen Theorie-Praxisverständnis (im Bezug auf linke Politikformen), dass dieses Verhältnis einseitig auflösen will.
    Zu glauben, dass die eigene Praxis bereits revolutionär oder emanzipatorisch (beides sind streng genommen Synonyme) sei im Sinne, dass sie den Kapitalismus überwinden könnte, ist Selbsttäuschung. Es ist sinnvoll starke linke Strukturen aufzubauen und zu erhalten, die die bestehenden kapitalistischen Zwänge abmildern und die Möglichkeiten zur politischen Arbeit verbeitern. Das darf aber nicht mit der Überwindung des Kapitalismus selber verwechselt werden.
    Es ist aber genau das Problem, dass viele Linke sich vormachen, die befreite Gesellschaft könnte im Utopieworkshop erdacht und auf dem dazugehörigen Aktionswochenende umgesetzt werden. Das Problem bei einer solchen Utopiebastelei (und nicht nur dort) ist, dass dabei meistens die theoretische Selbstbildung und Entwicklung der Kritik auf der Strecke bleibt. Wenn es praktisch werden soll, erscheinen die eigenen Entwürfe viel interessanter als Theorie. Hier muss Kritik die Begrenztheit der politischen Praxis aufzeigen und die Illusionen und Selbsttäuschungen der Linken benennen.
    Übrigens kritisiert auch der gute Bob (nein nicht Hope) im besagten Artikel den Praxisfetisch der Linken. Die von dir zitierten Feubachthesen nimmt er sich übrigens auch vor und zeigt, dass es eben nicht um eine Ablehnung von Theoriearbeit, sondern um materialistische Kritik und Praxis gehen muss. Wer aber von vorneherein den Anspruch stellt, Kritik müsste fertige Praxisanleitungen mitliefern, offenbart ein ziemlich funktionalistisches Verständnis von Kritik.

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