Archiv für Dezember 2007

Widerspruch und Praxis

Das Grundeinkommen und die emanzipatorische Linke

von Julian Bierwirth

Dass wir Kapitalismus haben, also in einer Gesellschaft leben, in der unser Leben nicht zuletzt durch selbstzweckhafte Realabstraktionen wie Arbeit und Geld bestimmt wird, ist nicht schön, aber durchaus zu ändern. Auch wenn der warenproduzierende Gesamtmoloch dazu neigt, die ihm unterworfenen Menschen tendenziell total unter seine Prinzipien zu subsumieren, so tut er dies doch niemals vollständig. Denn es handelt sich hier um ein widersprüchliches System, das genau in dieser Widersprüchlichkeit auch immer wieder Möglichkeiten zur emanzipatorischen Intervention bietet. Damit wäre dann auch die Aufgabe kritischer Theorie umrissen: den emanzipatorischen Kräften innerhalb der sozialen Bewegungen eine Analyse von den Widersprüchen mitzugeben, die diese dann nach kritischer Reflexion thematisieren können.1

Insofern ist der Kapitalismus nicht einfach nur das „Falsche“, aus dem es kein Entrinnen gäbe. Entsprechend können antikapitalistische Interventionen niemals ‚absolut‘ sein in dem Sinne, dass sie sich in ihrer radikalen Kritik zwar den RezipientInnen vermitteln, zu deren Lebensrealität aber keinen Bezug haben. Wenn die Intervention für die kapitalistisch sozialisierten Menschen überhaupt noch einen Sinn machen soll, muss sie in irgendeiner Form an deren Sein und Bewusstsein anknüpfen, muss die gesellschaftlichen Widersprüche in den Zusammenhang stellen, in den sie gehören. (mehr…)

Von der kritischen Raumtheorie zur Kritik des Raumes

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Vor einiger Zeit gab es in Göttingen eine ganz spannende Einführungsveranstaltung in die „Kritische Geographie“, in der anhand des Begriffes sowohl eine Kritik an der traditionellen Geographie geleistet werden als auch ein eigener, kritischer Raumbegriff vorgestellt werden sollte. In der anschließenden Diskussion stellte sich die Frage, ob die Konzeptionen kritischer Geographie nicht doch einige Vorstellungen des traditionellen Marxismus, an dem sie sich nicht selten orientieren, mitschleifen, reproduzieren und so ihre eigenen Erkenntnismöglichkeiten relativieren.

Im Rahmen des Vortrages wurden dann auch Adorno und Horkheimer aus der ‚Dialektik der Aufklärung‘ zitiert, in der diese sich zwar nicht expliziet mit Raumtheorie auseinandersetzten, dafür aber impliziet eine bestimmte, ideologische Vorstellung von Raum mit sich herumschleppten, wenn sie von „der äußerlichsten, der räumlichen Beziehung“ schrieben und dem hinzufügten: „Der Raum ist die absolute Entfremdung.“1

Ich möchte und kann hier keine umfassende Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff bei Adorno leisten, obwohl das sicherlich ein lohnendes Unterfangen wäre. Ich bin auch ganz ausdrücklich keine Raumtheoretikerin, möchte aber doch vor dem Hintergrund der neueren, insbesondere der wertkritischen Marx-Lektüre ein paar Thesen zu Raum und Raumkritik in die Debatte werfen. (mehr…)

Ticket statt Wissenschaft

In der Prodomo-Ausgabe Nummer 5 begann Ingo Elbe von der Roten Ruhr Uni Bochum eine Debatte um Momente innerhalb kritisch-marxologischer Theoriebildung, die er als esoterisch, theologisch und mystizistisch bezeichnet hatte. Im Rahmen der Auseinandersetzung hat Elbe sowohl beim Antifacamp 2007 in Oberhausen mit einem Vortrag gehalten als auch beim No-Way-Out-Kongress zu dem Thema referiert.

Marx, so seine an Dieter Wolf angelehnte Kernthese, würde das Kapital als ein Verhältnis beschreiben, das sich gerade mittels logischer Kategorien erklären lasse und hätte jedwede Form von Widersprüchlichkeit stets zu entlarven versucht. Damit tritt er an, sowohl gegen bestimmte Formen des Traditionsmarxismus wie Lucio Collettti oder Wolfgang Pohrt an als auch gegen Vertreter der neuen Marx-Lektüre, namentlich Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt; gegen Vertreter der ‚fundamentalen Wertkritik‘ (Robert Kurz, Anselm Jappe) ebenso wie gegen solche der ‚antideutschen Wertkritik‘. (mehr…)

Die Fetischismus-Falle

SteffenTreffen, der mich vor gar nicht so langer Zeit als „unerträglicher Hosenscheißer“ bezeichnete , soll zumindest darin recht behalten. Er liefert auf seinem Blog eine rein quantitativ durchaus beachtenswerte und theoretisch (sic!) fundierte Rekapitulation mit dem NoWayOut-Kongress ab und setzt sich im Rahmen dessen auch mit dem auseinander, was er für Wertkritik hält. Nachdem er sich zunächst über meine moralische Kritik empört hatte, kam er in Teil zwei zu einer Auseinandersetzung mit dem von den VeranstalterInnen erdachten Rahmen.

Dabei kommt er dann um die Wertkritik als Stichwort aus dem Veranstaltungsuntertitel nicht herum – und bringt sie den geneigten LeserInnen wie folgt nahe:

„Auf die marx’sche Analyse in Stichworten anspielend, wird in vermeintlicher Weiterentwicklung seiner Begriffe die Absage an das Proletariat als revolutionäres Subjekt begründet. Die Leugnung eines notwendigen Klassengegensatzes wird soziologisch erklärt: Aus der politischen und rechtlichen Eingemeindung der geschädigten Lohnarbeiter, sowie aus der Tatsache, dass sie den Reichtum dieser Gesellschaft produzieren, erdenken sie sich das Monstrum Verblendungszusammenhang. Vom Geld-Fetisch getrieben sind alle, ein gesellschaftlicher Widerspruch läßt sich nur in allen Teilnehmern entdecken, die ganze Menschheit wird zum Opfer ihrer selbst.“

Bei dieser Reise zurück in die 70er geht so ziemlich alles durcheinander, was durcheinandergehen kann. Zunächst seien mal die beiden Ebenen dessen unterschieden, was die WertkritikerInnen tatsächlich sagen und was davon zu halten ist. Beginnen wir mit dem ersten. SteffenTreffen behauptet, die Wertkritik würde die Leugnung des Klassengegensatzes soziologisch erklären, dabei ist es doch im genauen Wortsinne er, der die ‚Leugnung‘ des Klassengegensatzes (durch die Wertkritik) soziologisch erklärt. Aber gut, sehen wir uns die Behauptung, die sich wohl für ein Argument hält, mal genauer an. Die geschädigten Lohnarbeiter wurden politisch und rechtlich eingemeindet, was dann von der Wertkritik damit verknüpft würde, das diese Lohnarbeiter den Reichtum der Gesellschaft produziert – und so hätten die Wertkritik das Monstrum Verblendungszusammenhang erdacht. Große Worte, die auf eine baldige Karriere im engeren Zirkel des Gegenstandpunkts hindeuten.

Zunächst mal lässt sich feststellen, dass diese Beschreibung kein Argument, sondern lediglich moralisiche Empörung enthält: das die Leute ganz schlimm unterdrückt werden, es ihnen also schlecht geht, sie der Herrschaft einer anderen Klasse unterworfen sind und von dieser ausgebeutet werden, reicht hier als Verweis darauf, das bei der Wertkritik etwas nicht stimmen kann. Das muss dann auch nicht mehr begründet werden, sondern kommt als linksradikale Selbstverständlichkeit daher, die sich jede theoretische Begründung verbittet. Wer so schreibt, sollte nicht von anderen Argumente verlangen.

Ganz so wie dargestellt ist es dann aber nicht. (mehr…)

Bereitschaft zur dynamischen Flexibilität, Kompromisse zu schließen

Die Hoffnung vieler UmweltschützerInnen sitzen derzeit in Bali und verhandeln dort über die Rettung des Klimas. Nicht das ich mich besonders mit dem beschäftigt hätte, was dort verhandelt wird. Aber diese auf der Homepage der Tagesschau zitierte Aussage vom deutschen Umweltminister Sigmar Gabriel deutet bereits darauf hin, dass da nicht viel zu erwarten ist:

„Es läuft eigentlich zur Zeit ausgesprochen gut und dynamisch. Alle Beteiligten sind bereit, flexibel zu sein und einen Kompromiss zu suchen.“

Bei so viel Neuschnack brauchen wir auf nichts zu hoffen: Wo Dynamik, Bereitschaft, Flexibilität und Kompromiss in einer kurz hingeworfenen Formulierung aufeinandertreffen, ist Hopfen und Malz verloren. Und wie dann noch ein gutes Bier draus werden. Oder wo kommt die Formulierung her?

Nun ja, wie dem auch sei. Darauf, die dem Kapitalismus immanenten Zwänge zu Wachstum und Ressourcenverbraucht mittels Abschaffung des selbigem zu bekämpfen, werden sie wohl ohnehin nicht kommen. Schade eigentlich.

No Way In

Am Wochenende war ich beim inoffiziellen Antifa-Bildungskongress No Way Out?, bei dem „am Beispiel von (Post)Operaismus und Wertkritik“ diskutiert werden sollte, ob es ihn nun gibt, den „way out“ Der Donnerstag ging mit einer Reihe von mehr oder minder gelungenen Einführungsverstanstaltungen ins Land, bei denen Nadja Rakowitz eine unorthodoxe Einführung in die ‚Kritik der politischen Ökonomie', eine nämlich, in der die Grundkategorien nicht ausgeführt wurden. Robert Foltin konnte im Anschluss bei seiner Einführung in Operaismus und Postoperaismus zwar eine sympathische Figur machen, letztlich aber nicht wirklich klarmachen, worum es gerade bei letzterem eigentlich gehen soll. Wesentlich weiterführender war da schon der Vortrag von Norbert Trenkle, der in einen gelungenen Rundumschlag in Sachen Wertkritik präsentierte. (mehr…)