Ticket statt Wissenschaft

In der Prodomo-Ausgabe Nummer 5 begann Ingo Elbe von der Roten Ruhr Uni Bochum eine Debatte um Momente innerhalb kritisch-marxologischer Theoriebildung, die er als esoterisch, theologisch und mystizistisch bezeichnet hatte. Im Rahmen der Auseinandersetzung hat Elbe sowohl beim Antifacamp 2007 in Oberhausen mit einem Vortrag gehalten als auch beim No-Way-Out-Kongress zu dem Thema referiert.

Marx, so seine an Dieter Wolf angelehnte Kernthese, würde das Kapital als ein Verhältnis beschreiben, das sich gerade mittels logischer Kategorien erklären lasse und hätte jedwede Form von Widersprüchlichkeit stets zu entlarven versucht. Damit tritt er an, sowohl gegen bestimmte Formen des Traditionsmarxismus wie Lucio Collettti oder Wolfgang Pohrt an als auch gegen Vertreter der neuen Marx-Lektüre, namentlich Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt; gegen Vertreter der ‚fundamentalen Wertkritik‘ (Robert Kurz, Anselm Jappe) ebenso wie gegen solche der ‚antideutschen Wertkritik‘.

In seinem Text betont er zunächst, das es ihm nicht darum geht, die theoretischen Errungenschaften aller dieser doch recht unterschiedlichen Positionen in Bausch und Bogen zu verdammen, lediglich auf problematische Punkte hinweisen wolle:

„Allen Adorno-Fans sei versichert, dass ich damit keineswegs die theoretischen Leistungen Adornos in Bausch und Bogen verdammen will. Ebenso verhält es sich übrigens mit vielen der hier kritisierten Interpreten. Das muss man angesichts linker Ticket- und Sektenmentalität leider immer wieder eigens betonen…“

Die Titulierung diverser Adorno-Jünger als Fans hat vielleicht mehr analytischen Wert, als Elbe dort hineinschreiben wollte. Wird doch gerade in der antideutschen Wertkritik gerne mal auf das Adorno-Ticket gesetzt, um sich nicht näher mit den realen Verhältnissen auseinandersetzen zu müssen. Als eine Art ‚negative‘ Ticketmentalität ließe sich dann wohl auch das beschreiben, was die Prodomo-Redaktion und Joachim Bruhn daraufhin veranstalteten. Hier wurde sich zwar nicht per se positiv auf ausgewählte DenkerInnen bezogen, dafür aber per se negativ, ob deren Vergangenheit nämlich – wie uns hier die Prodomo-Redaktion vorführt:

„Adorno sei – folgt man Elbes zustimmender Zitation des Hitlerjungen, Wehrmachtsoberleutnants und Philosophen Hans Albert – ein deutscher Ideologe, dessen Methodik „obskurantistisch“ sei. ( … ) Weil Elbe sich wohl als Marxist oder als an Marx orientierter Denker versteht, kann er sich nicht auf Albert allein beziehen, um seinen Vorwurf gegen Adorno zu untermauern. Das wäre, gerade für die Leserschaft dieser Zeitschrift, etwas dünn. Deshalb leitet Elbe sein Traktat mit einem radikal antideutsch klingenden Feuerbach-Zitat ein, in dem dieser die Deutschen der Unverständlichkeit bezichtigt. Keinen Gedanken verschwendet Elbe offensichtlich daran, dass Feuerbachs Hegel-Kritik darauf hinauslief, einem naiven Unmittelbarkeitskult zu huldigen, der sich keineswegs zufällig in antisemitischen Denkmustern verstrickte. Mit Albert und Feuerbach im Gepäck tritt Elbe also an, Marx und Adorno die Metaphysik auszutreiben.“

Das ist einer dieser Absätze, die aus theoretischen Diskussionstexten eigentlich ersatzlos herausgestrichen werden könnten. Denn sie enthalten nichts als Unterstellungen. Egal was Albert sagt, es kann nur falsch sein, schließlich war er bei der HJ. Und auch auf Feuerbach darf eins sich nicht beziehen, denn bei dem kam ja bekanntlich auch Antisemitismus heraus. Elbe, so wird zumindest im Sub-Text nahegelegt, will da scheinbar auf ähnliches hinaus. Entsprechend preschten die Prodomo-ProtagonistInnen auch voran, als hieße es, einen neuerlichen Holocaust zu verhindern.

Bruhn macht das ganz ähnlich, und stellt ob der gelegentlichen Bezüge Elbes auf Althusser letzteren in die Ecke der „Stalinisten und Frauenmörder“ – ganz so, als wäre damit etwas inhaltliches zur Sache gesagt. Aber nicht nur, das Frauenmörder hier scheinbar zu einem besonders schlagkräftigen Argument wird, der Mord selber nicht ausreicht und an einer Frau begangen worden sein muss, hier also an der alten patriarchalen Formel „Frauen und Kinder zuerst“ – die einiges darüber aussagen dürfte, wie ernst es Bruhn mit der weiblichen Emanzipation ist – festgehalten wird. Auch in diesem Fall geht es wieder ums Ticket. Das Althusser 1980 seine Ehefrau erdrosselte, wird zum Argument. Das er selber als NS-Kriegsgefangener Naziopfer geworden ist und seit dem unter manischen Depressionen litt, könnte die Tat zwar nicht entschuldigen, würde doch aber den Kontext etwas ehrlicher ausleuchten. Das nicht zu tun hieße sich einzureihen in den Gleichschritt derer, die Marx dadurch delegitimieren wollen, das sie ihm die rassistischen, sexistischen und sonstwie unschönen Tendenzen vorhalten, die er nun mal hatte.

Und tatsächlich scheint mir die Kritik Elbes auf Teile der antideutschen Wertkritik durchaus zuzutreffen. Sätze wie „Der Theoretiker ist der Wert“ (ISF) oder das Grigat’sche Diktum, die Wahrheit über den Kapitalismus sei seine Abschaffung, sind zwar wohlklingend, aber letztlich schlichter Unfug. Nichts sagen zu können über den Kapitalismus, als das er abgeschafft gehört, heißt dann letztlich auch, ihn unter der Hand für unabschaffbar zu erklären. Denn wer nicht weiß, was genau da abgeschafft werden soll, wird mit seinen Bemühungen auch nicht sonderlich weit kommen.

Entsprechend wird dann auch gerade in dem Moment, in dem es um die Wissenschaft geht, die „Dialektik der Aufklärung“ über Bord geschmissen. Für die soll dann nämlich kein Doppelcharakter mehr gelten:


„In diesem System ist jedes Argument nur zugleich die Schauseite eines Bewerbungsschreibens, daher die untertänigste Bitte um Verbeamtung“

Die im Kern ein gerüttelt Maß an gefühltem Anti-Intellektualismus enthaltende Idee deutet sich bereits im Titel von Bruhns Text an: „Studentenfutter“. Wissenschaft ist hier nicht mehr von dem autonomen Willen der ForscherIn zur Wissensgewinnung einerseits, den kapitalistischen Vergesellschaftungsmaßstäben andererseits bestimmt, sonder einfach nur Colloquium: ein Versuch, sich im falschen Ganzen zu behaupten. Das allerdings ist mindestens eine Unterstellung, letztenendes aber wohl völlig falsch: wenn Bruhn den akademitschen Marxismus als Kontinuitätslinie „Habermas, Altvater, Negt, Hirsch und Haug“ beschreibt, dann gehen da nicht nur individuelle Differenzen (Stichwort: das Nicht-Identische; Adorno-Ticket) den Bach runter, sondern auch die sachliche Auseinandersetzung um den jeweiligen Gegenstand, bei Hirsch etwa die materialistische Staatskritik.

Wer der berechtigten Kritik, im bürgerlichen Wissenschaftsverständnis sei „die Welt eine bloße Ansammlung von Einzeldingen, die man nur als Summe erfassen müsse und schon hätte man einen adäquaten Begriff von Totalität“ dadurch zu ihrem Recht verhelfen möchte, einfach gar nicht mehr von den Einzeldingen zu reden, sondern nur noch von einer nunmehr unverstehbaren Totalität, der macht zwar alles anders, aber nichts besser. Das Gegenteil von Gut ist eben tatsächlich Gut gemeint.

Trotz alledem – oder auch: gerade deshalb – steht eine differenziert Auseinandersetzung mit Elbes Thesen noch aus. Schade, das die Prodomo scheinbar nicht in der Lage war, sie zu leisten. Vielleicht gibt es ja dazu bald mehr auf diesem Blog. Vielleicht auch nicht. We will see.


5 Antworten auf “Ticket statt Wissenschaft”


  1. 1 gk 24. Dezember 2007 um 0:13 Uhr

    Was heißt denn Ticketmentalität?

  2. 2 der Klassensprecher von 1984 24. Dezember 2007 um 23:49 Uhr

    Was heißt denn Ticketmentalität?

    „Kommst du, kaufst du, gehst du!“, ach nee, das war TickeRmentalität.

    Lass‘ dir das lieber von einem antideutschen Adornofan erklären, hihi.

  3. 3 Juli 26. Dezember 2007 um 12:50 Uhr

    Der Begriff vom Ticket kommt von Adorno und Horkheimer. Er taucht sowohl in den Studien zum autoritären Charakter als auch in der Dialektik der Aufklärung auf. Bestimmte soziale Sachverhalte werden dabei in einen Code übersetzt, den die Menschen nicht mehr kennen. Sie wisen nicht mehr unbedingt, was mit „Sozialdemokratie“ gemeint ist, aber sie wählen die SPD. Ganz so, wie andere nicht wissen, wie ein Zug funktioniert, sich aber trotzdem hineinsetzen, weil sie hoffen, das er sie dahin bringt, wo sie hinwollen.

    Dabei kommt es etwa darauf an, sich von bestimmten Gedanken, Forderungen oder Institutionen imponieren zu lassen, nicht aber sie wirklich nachzuvollziehen. In der Dialektik der Aufklärung heißt es beispielsweise: „Ob ein Bürger das kommunistische der das faschistische Ticket zieht, richtet sich bereits danach, ob er mehr von der roten Armee oder den Laboratorien des Westens sich imponieren läßt.“

    Das Adorno-Ticket würde entsprechend auf einen Habitus von Intellektualität setzen, den sich die, die sich auf Adorno beziehen, anheften können. Mithin ist die Ticketmentalität also mit der Halbbildung verschwägert – auch ein Wort, das mensch mal erklären könnte. Darüber hinaus bietet Adorno das Gefühl, mal so richtig dagegen zu sein („Es gibt nichts richtiges im Falschen“) und sich nichts vormachen zu lassen.

    Ticketmentalität meint dann die Haltung des Individuums, sich gerne mal ein Ticket auszusuchen.

  4. 4 Juli 26. Dezember 2007 um 12:54 Uhr

    Nur damit das nicht falsch verstanden wird, kommt ja grade ziemlich hart rüber: Ich denke, dass das mit der Ticket-Mentalität ein weitverbreitetes Phänomen in der Linken ist und das auch ich von ihm nicht frei bin. Insofern geht es mir weniger darum, bestimmte ‚linke‘ Strömungen in die böse Ecke zu stellen, sondern darauf zu verweisen, das auch die Linke nicht frei von Ressintement ist.

    Vermutlich ist auch der Vorwurf, andere hingen der Ticket-Mentalität an, selber nicht ganz frei davon.Zumindest taucht der Vorwurf im Netz recht häufig auf – während es auf der anderen Seite keine inhaltliche Erklärung zu geben scheint, was genau denn damit gemeint ist – zumindest ist mir auf die schnelle keine untergekommen…

  5. 5 gk 04. Januar 2008 um 0:15 Uhr

    Danke für die Erklärung!

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