Von der kritischen Raumtheorie zur Kritik des Raumes

0.

Vor einiger Zeit gab es in Göttingen eine ganz spannende Einführungsveranstaltung in die „Kritische Geographie“, in der anhand des Begriffes sowohl eine Kritik an der traditionellen Geographie geleistet werden als auch ein eigener, kritischer Raumbegriff vorgestellt werden sollte. In der anschließenden Diskussion stellte sich die Frage, ob die Konzeptionen kritischer Geographie nicht doch einige Vorstellungen des traditionellen Marxismus, an dem sie sich nicht selten orientieren, mitschleifen, reproduzieren und so ihre eigenen Erkenntnismöglichkeiten relativieren.

Im Rahmen des Vortrages wurden dann auch Adorno und Horkheimer aus der ‚Dialektik der Aufklärung‘ zitiert, in der diese sich zwar nicht expliziet mit Raumtheorie auseinandersetzten, dafür aber impliziet eine bestimmte, ideologische Vorstellung von Raum mit sich herumschleppten, wenn sie von „der äußerlichsten, der räumlichen Beziehung“ schrieben und dem hinzufügten: „Der Raum ist die absolute Entfremdung.“1

Ich möchte und kann hier keine umfassende Auseinandersetzung mit dem Raumbegriff bei Adorno leisten, obwohl das sicherlich ein lohnendes Unterfangen wäre. Ich bin auch ganz ausdrücklich keine Raumtheoretikerin, möchte aber doch vor dem Hintergrund der neueren, insbesondere der wertkritischen Marx-Lektüre ein paar Thesen zu Raum und Raumkritik in die Debatte werfen.

1 (Erkenntnistheretisches Programm der Wertkritik)

In der an Backhaus und Reichelt anschließenden Neulektüre der marx’schen ‚Kritik der politischen Ökonomie‘, verstärkt dann in der sog. wertkritischen Marx-Rezeption, wurden bestimmte Momente der marx’schen Theoriebildung in den Mittelpunkt gerückt, die bislang eher wenig bis gar nicht rezipiert wurden. Dabei fand eine Verschiebung auch der bisherigen Begriffe des traditionellen Marxismus statt.

Dieser wurde und wird dafür kritisiert, bestimmte Begriffe als gegeben hingenommen zu haben, ohne ihr kritisches Potential herauszuarbeiten. So gelten dem traditionellen Marxismus die Arbeit und die mit ihr verbundene Arbeitsklasse als das, was es zu befreien gilt. Wert und Geld werden als ontologische Gegebenheiten konzipiert, als kritikabel gelten lediglich Ausbeutung und Mehrwert als Ausdruck der Herrschaft über Arbeit und Arbeiterklasse.

Demgegenüber wurde (etwa von Moishe Postone, auf den ich mir hier beziehe) eine dahingehende Interpretation des marx’schen Werkes starkgemacht, das bereits die Begriffe der Arbeit4, des Wertes 5 und des Geldes6 als kritische Begriffe zu begreifen sind. Bereits sie umschreiben das, was den Kapitalismus als warenproduzierende Gesellschaft strukturell prägt. Dabei bedienen sie sich vor allem einer Neulektüre der Wertformanalyse und des Fetischkapitels.

In der Wertformanalyse verweist Marx auf die Verwobenheit der konkreten und abstrakten Momente des Kapitalismus. Der Gebrauchswert wird zur Erscheinungsform des Wertes8, die konkrete Arbeit wird zur Erscheinungsform der abstrakten Arbeit9 und last but not least erscheint die privat verausgabte Arbeit als gesellschaftliche Arbeit10. Diese Annahmen bilden die Grundlage für die im Fetischkapitel dargestellten Verkehrungen und prägen laut Postone das denken und handeln der Menschen im Kapitalismus.

Vor diesem Hintergrund lässt sich die marx’sche Theorie als ein Versuch lesen, den spezifischen Bezug von konkret-partikularistischen „Einzelmomenten“ und abstrakt-universalistischem Ganzen aufeinander zu fassen. Die Idee moderner Freiheit oder Gleichheit wäre so als eine der sozialen Praxis der Menschen in der warenproduzierenden Gesellschaft (Gleichsetzung im Tausch) entsprungene zu begreifen.7

Gesellschaftlichkeit lässt sich so als ein – historisch besonderer – Gegensatz einer abstrakt-gesellschaftlichen Sphäre auf der einen und vereinzelten Individuen auf der anderen Seite verstehen. Althergebrachte, transparente Herrschaftsverhältnisse werden durch diese neue Struktur von Abhängigkeit ersetzt, in dem sich die abstrakt-gesellschaftliche Sphäre gegenüber den Menschen, die diese durch ihr Handeln erst geschaffen haben, verselbständigt. Die persönliche Abhängigkeit wird ersetzt durch sachliche Abhängigkeit, in der den Individuen die von ihnen selbst geschaffene Sphäre der Gesellschaft als äußerer Gegensatz entgegentritt.11

Dieser Gegensatz setzt sich fort in den Individuen selbst, die einerseits als handelnde die Welt um sich herum schaffen und Subjekte, andererseits aber von den Anforderungen dieser Welt abhängige Objekte sind.12 Mithin nehmen sich die kapitalistischen Individuen einerseits als autonom Handlungsfähige wahr, andererseits als lediglich abhängige Variable einer Welt, auf der sie keinen Einfluß haben. Dies drückt sich nicht nur in ihrem Alltagshandeln und den entsprechenden Formen von Vulgärideologie aus, sondern auch in den wissenschaftlichen Versuchen, sich die Welt zu erklären. Es gibt mithin, wie sich im Anschluss an Alfred Sohn-Rethel sagen ließe, einen Zusammenhang von Warenform und Denkform.13

2 (Universalistische und Partikularistische Raumkonzepte)

Im Anschluss an die Überlegungen von Moishe Postone mache ich daher in der raumtheoretischen Debatte der Moderne zwei unterschiedliche Raumkonzepte aus: ein universalistisches und ein partikularistisches Raumkonzept. Der Unterschied von modernen und vormodernen Raumkonzeptionen lässt sich m.e. anhand von Aristoteles auf der einen, Leibniz auf der anderen und Newton als unentschlossenes Mittel dazwischen kennzeichnen. Aristoteles kam aus einer Gesellschaft, in der Menschen aufgrund von Herkunft und Stand bestimmte gesellschaftliche Positionen zukamen. Diese tagtägliche praktische Erfahrung reflektierte er in der Theorie, das den Dingen im Raum unterschiedliche Plätze zukämen und die Dinge entsprechend zu ihren ‚natürlichen Orten‘ streben würden. Bei Leibniz ist dies Modell aufgelöst zugunsten von freien und gleichen Wesenseinheiten, die durch ihre Beziehung aufeinander den Raum als relationale Beziehung herstellen. Hier reflektiert sich die Konstitution von Freiheit und Gleichheit in der aufkommenden warenproduzierenden Gesellschaft. Newtons relative Raumkonzeption mit aristotelischen Überbleibseln ließe sich so als frühoderne Vorform dieser Ideologie verstehen.

Das universalistische Raumkonzept verbirgt sich vor allem hinter den Überlegungen von einem absoluten Raum. Die Vorstellung einer totalen, harmonischen Gesellschaft, in die das Individuum nicht eingreifen kann, wird hier verbunden mit der Idee eines Raumes, der von Natur aus als gegeben erscheint. Beides gilt als gut und hilfreich für die Menschen, wie Bernd Belina zurecht herausgestrichen hat:

„Die Form der Vergesellschaftung gar verändern zu wollen, ist dann natürlich völlig abwegig, das widerspräche der ewigen Harmonie. Der Fortbestand der gesellschaftlichen Verhältnisse wird so als im Interesse aller stehend dargestellt.“2

Was Belina für die Gesellschaft sagt, gilt aber auch für den Raum: auch die Annahme eines a priori vorhandenen, homogenen Raumes, der aller menschlichen Sozialität vorausgeht ist gesetzt und jegliche Infragestellung der vermeindlichen Tatsache, das Raum eine natürliche Tatsache darstellt, würde wohl nur mit einem müden Lächeln abgetan.

Auf der anderen Seite gibt es die partikularistischen Raumkonzeptionen. Hier steht das jeweilige einzelne Individuum im Mittelpunkt. Raum findet dann etwa durch das statt, was wir sehen und fühlen, was wir uns also über die Welt denken. Bei Kant bekommt diese Vorstellung eine gesellschaftliche Dimension, Raum wird zu der Art und Weise, wie Menschen die Welt um sich herum wahrnehmen. Partikularistische Raumkonzeptionen müssen aber nicht zwangsläufig idealistischer Natur sein, wie das etwa in den Vorstellungen Kants zum Ausdruck kommt.

Auch die Raumvorstellung von Gottfried Wilhelm Leibniz lässt sich hier einordnen. Dessen Raumvorstellung baut auf seiner Monadenlehre auf. Monaden sind unabhängig voneinander agierende Einzelwesen, die dann zur Kommunikation mit einem Außen antreten. Die Monade ist so letztlich der vereinzelte Einzelne, von dem Marx im Kapital spricht, das bürgerliche Subjekt.25 Das Konkrete wird hier nicht als ein auf das Allgemeine bezogenes wahrgenommen, sondern als das eigentlich Handelnde, seine stetige Abhängigkeit von den objektiven Strukturen der Kapitalverwertung wird nicht reflektiert und so entspuppt sich Leibniz Monadologie als frühe Form bürgerlicher Ideologie.

Der Raum wird bei Leibniz entsprechend von den autonom agierenden Körpern hergestellt und gestaltet sich als rein relationaler Raum:

„Die Bewegungen eines Körpers sind als Ausdruck seiner Eigenschaften in bezug auf jene anderer Körper zu begreifen und nicht als darüber hinausgehende Eigenschaften und Kräfte, also insebesondere auch nicht eines Raumes, dem dann eine eigene metaphysische oder ontologische Eigenexistenz zugesprochen werden müßte.“15

Ebenfalls in den Bereich der partikularistischen Raumkonzepte fällt dann auch Werlens Konzept des Geographie-Machens (also quasi eine Art Doing-Geography) an, in der Gesellschaft aus einer Reihe von Einzelhandlungen diverser Individuen besteht.14 Durch die Addition der empirisch zu beobachtenden Handlungen dieser Individuen entsteht nicht nur die Gesellschaft, sondern mit dieser auch der Raum. Dabei verstrickt sich Wehlen in das klassische Dilemma des methodologischen Individualismus: Die durch die Handlungen der Individuen hergestellte Gesellschaft ist immer schon der Ausgangspunkt ihrer Handlungen und damit schon vor ihrer Konstituierung existent.

Sowohl das partikularistische als auch das universalistische Raumkonzept scheitern an den Verkehrungen kapitalistischer Vergesellschaftung. Sie sehen nicht das ineinanderwirken konkreter und abstrakter Momente in modernen Gesellschaften und schlagen sich stattdessen auf die eine oder die andere Seite. Sie sind dadurch nicht in der Lage, die Herstellung einer Räumlichkeit zu denken, die einerseits durch die Handlungen der Individuen hergestellt wird, sich aber andererseits den Individuen gegenüber verselbständigt und diese zu Objekten macht.

3 (Das Konzept räumlicher Praxis)

Kritische Geographien, insofern sie sich auf eine an Marx orientierte Tradition beziehen, verfechten demgegenüber das Konzept der räumlichen Praxis, wie es vorallem von Lefebvre und Harvey in die Debatte eingebracht wurde. Bernd Belina fasst den Kerngedanken wie folgt zusammen:

„Raum und Zeit sind nicht als Abstrakta zu behandeln, sondern nur im Zusammenhang mit eben diesen konkreten Praxen. Die Frage nach dem ‚Wesen des Raums‘ ist ebenso sinnlos und, ( … ) ideologisch, wie die nach ‚dem Wesen‘ z.B. ‚des Menschen‘, ‚der Landschaft‘, oder ‚des Schlagzeugers‘. Raum ist das, was Leute räumlich machen.“3

Die jeweilige räumliche Praxis bzw. der kritische Begriff von ihr wird bereits dadurch eingehegt, das es aber in jeder Gesellschaft eine räumliche Praxis gibt. Es kann also auch hier von einer ‚Ontologie des Raumes‘ gesprochen werden. Dadurch, das ‚Raum‘ im heutigen Verständnis als historische Kategorie mit tatsächlich nicht an bestimmte Gesellschaften gebundenen Institutionen wie der Menschheit, der konkreten Tätigkeit der Schlagzeugerin oder den in der Natur vorhandenen Gebrauchswerten gleichgesetzt wird, muss die gesellschaftliche Komponente, die bereits in die Konzeption des Begriffes eingeht, verloren gehen. Konkrete und abstrakte Momente werden hier in eins gesetzt. Der Zusammenhang von Warenform und Denkform wird ausgeblendet.

Raum gilt ihm als etwas, das immer da ist und um das es entsprechend zu kämpfen gilt. Ähnlich wie der traditionelle Marxismus um die Arbeit kämpfen wollte, kritisiert Belina die Unterwerfung des Raumes unter das Regime der Verwertung, ohne dabei die Konstitution des Raumes durch eben dieses Regime in Blick zu bekommen. Dadurch fängt er sich dann einige Ungenauigkeiten ein:

„Der Raum wird zur Ware, und dieser warenförmige Raum ist notwendig ein absoluter Raum. Gleichgültig gegen die mannigfaltigen Qualitäten des konkreten Ortes ist der absolute Containerraum abstrakte Quantität. ( … ) Raum als Ware heißt auch, daß die Veränderung bestehender und die Etablierung neuer räumlicher Praxen weitgehend den Interessen derer unterworfen sind, die in der Position sind, diese auch durchzusetzen.“16

Raum ist nie absoluter bzw. universalistischer Raum. Raum ist immer beides, sowohl universalistisch als auch partikular. Er umfasst immer bestimmte gesellschaftliche Notwendigkeiten, etwa den Zwang zum Konsum, rekurriert aber auch immer auf das tatsächliche Handeln der Menschen, ohne die dieser nicht existieren würde. Und das nicht nur auf der Ebene des durch die Fußgängerinnen-Zonen schlendern und dem Konsumrausch fröhnen, sondern bereits auf der kategorial viel grundlegenderen Ebene, das sie Raum durch ihre soziale Praxis in Warenproduktion und -tausch erst herstellen.

Da Belina zu dieser Ebene (leider) nicht durchdringt, verschlägt er sich dann auf Klassenkampfrhetorik und die Forderung, das doch bitte zumindest der Raum keine Ware werden sollte. Entscheidend sind dann plötzlich die interessengesteuerten Handlungen der Kapitalfraktion, nicht aber die Konstitution eines Fetischsystems durch die Handlungen aller Beteiligten. Insofern lässt sich die Theorie räumlicher Praxis sowohl als partikularistisches wie als universalistisches Raumkonzept fassen: Es ist partikularistisch, weil die Partikularinteressen einer Gruppe, hier: der KapitalistInnen, als Ausgangspunkt von Veränderungen gefasst wreden. Es ist universalistisch, weil es Raum als etwas vorhandenes setzt, über dessen Historizität zu philosophieren als müßig angesehen wird.

4 (Raum und Zeit als historische Phänomene)

In der kritischen, sich auf Marx beziehenden Theorie ist schon des häufigeren Herausgearbeitet worden, das die moderne Vorstellung abstrakter, geradlinig verlaufender und auf einer mathematischen Achse abtragbarer Zeit eine recht moderne Idee ist. Sowohl dem europäischen Mittelalter als auch in vielen außereuropäischen Gesellschaften waren solcherlei überlegungen fremd.17

Ähnliche, systematische Studien zum Raumbegriff sind mir leider nicht bekannt, stellen aber m.E. aus sicht kritisch-geographischer Überlegungen ein fruchtbares Arbeitsfeld dar. Einen ersten Anhaltspunkt könnte hier die Feststellung bieten, das es etwa im heute deuschsprachigen Raum im Mittelalter kein Wort für Raum gab, sondern unterschiedliche Begriffe, die einzelne Aspekte beleuchteten: locus, ubi, spatium, orbis, mundus, universum, vacuum, continuum, perspektiva.18

Raum als qualitative Einheit, die sich quantitativ geradezu grenzenlos Ausdehnen kann, gab es nicht. Der Mensch lebte vielmehr auf einer Art Insel. Diese Insel war einerseits begrenzt durch die Trennung von Himmel und Erde, andererseits durch die jeweilige Lebenswelt und die Gegebenheiten der gesellschaftlichen Ordnung.20 Die Art und Weise der Unentrinnbarkeit und die Festigkeit der Grenzen dieser Weltbilder machen den Unterschied zum heutigen Bild einer Gesellschaft, in der Auf- und Abstieg zumindest prinzipiell möglich sind. Zwar ist die Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft eine doppelte – sie beinhaltet neben der Freiheit von persönlichen Zwangsverhältnissen auch die Freiheit von Produktionsmitteln19 – aber immerhin ist sie das. Im Mittelalter waren aber alle mit der dieser Freiheit verbundenen Vorstellungen undenkbar – und das prägte dann eben auch die Vorstellung von Raum, der mit dieser (nicht vorhandenen) Freiheit betreten bzw. genutzt – oder auch gerade nicht – werden kann.

Deutlich wird dies in der im Netz verfügbaren21 historisch-philosophischen Abhandlung „Genisis des Denkens – Wandlung der Wirklichkeiten“:

„Für uns bezeichenet Raum etwas kontinuierliches, homogenes und etwas überall grundlegend gleichartiges. Egal wohin wir gehen, Raum ist immer von der gleichen Art. Für den mittelalterlichen Menschen war dies nicht der Fall – für ihn war Raum weder kontinuierlich, noch homogen, sondern mit Bedeutung gefüllt, die sich als Sphären voneinander abgrenzten. Die meßbaren Aspekte der Welt waren keine globalen, allgemeinen, wesenshaften Aspekte der Welt. Sie galten nur für begrenzte Ausschnitte der Welt, aber nicht für die Welt insgesamt.“22

Jesus vorn und groß: die Relativität räumlicher Ausdehnung im MittelalterAls Beispiele werden im Folgenden zunächst das Fehlen eines „fortlaufenden (kontinuierlichen) Maßstab(es), der von der Erde bis zu den Sternen reichte“ angeführt. Stattdessen wurde der Kosmos „als System von kugelförmigen Bereichen – Sphären, die sich wie Zwiebelschalen um die Erde legten“ gedacht, wobei innerhalb dieser Sphären die abstrakt-räumliche Distanz keine Rolle spielte. Als weiteres Beispiel dient die Darstellung unterschiedlicher Menschen bzw. Dinge auf mittelalterlichen Bildern. In dem Bild links etwa steht Jesus nicht nur über den Dingen, sondern überragt sie auch auf einer abstrakt-räumlichen Größenskala. „Jesus in ein Größenverhältnis zu setzen, das der tatsächlichen, pysischen Größe eines Menschen im Verhältnis zu einer Stadtmauer entspräche, wäre als Blasphemie aufgefaßt worden.“23 Hier wird deutlich, wie sehr die Erfahrungen einer übermächtigen, kirchlichen Obrigkeit das räumliche Verständnis der Menschen zu prägen in der Lage waren. Die physische Darstellung der Dinge war ihnen und ihrer Bedeutung in der mittelalterlichen Gesellschaft immanent.

Sowohl Zeit als auch Raum bedeuteten in der vormodernen Gesellschaft etwas völlig anderes als sie heute für uns bedeuten. Die damals benutzten Denkmodelle sind noch nicht Geprägt von der Logik der warenproduzierenden Gesellschaft. Insofern kann die Vorstellung eines homogenen, gleichförmigen Raumes als Reflekion auf die Gallerten ununterscheidbarer menschlicher Arbeit gesehen werden, als die Marx den Wert beschrieben hat24. Raum meint immer eine abstrakte Ausdehnung, deren Wahrnehmung jeglicher sinnlichen Besonderheit beraubt ist. Somit lässt sich durchaus argumentieren, das der Raum die absolute Entfremdung darstelle und insofern eine äußerliche Beziehung darstellt, als das er erst von der Warenlogik an die Menschen herangetragen wird.
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  1. Horkheimer, Max/Adorno,Theodor W.: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main 1988. Seite [zurück]
  2. Bernd Belina: Kriminelle Räume. Funktion und ideologische Legitimierung von Betretungsverboten. [zurück]
  3. Bernd Belina: Kriminelle Räume [zurück]
  4. Moishe Postone: Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft. Eine neue Interpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg 2003. S. 27ff [zurück]
  5. ebd., S. 81ff [zurück]
  6. ebd., s. 398ff [zurück]
  7. Postone a.a.O., S. 251ff; MEW 23, 189ff; MEW 42, 166ff [zurück]
  8. MEW 23, 70ff [zurück]
  9. MEW 23, 72f [zurück]
  10. MEW 23, 73 [zurück]
  11. Postone a.a.O., S. 253f; MEW 23, 85ff; MEW 42, 89ff [zurück]
  12. Postone a.a.O., S. 254 [zurück]
  13. Alfred Sohn-Rethel: Das Geld, die bare Münze des Apriori. In: Paul Mattick, Alfred Sohn-Rethel, Hellmut G. Haasis: Beiträge zur Kritik des Geldes. Frankfurt am Main 1976 [zurück]
  14. vgl. Belina a.a.O., S. 54ff [zurück]
  15. Benno Werlen: Zur Ontologie von Gesellschaft und Raum [zurück]
  16. Bernd Belina a.a.O., S. 64 [zurück]
  17. Postone a.a.O., S. 307ff [zurück]
  18. Miscellanea Mediaevalia: Raum und Raumvorstellungen im Mittelalter [zurück]
  19. MEW 23, 181ff [zurück]
  20. S.F.: Genisis des Denkens – Wandlung der Wirklichkeiten. http://www.philognosie.net/index.php/article/articleview/103/ [zurück]
  21. http://www.philognosie.net/index.php/article/articleview/103 [zurück]
  22. http://www.philognosie.net/index.php/article/articleview/103/2/ [zurück]
  23. ebd. [zurück]
  24. MEW 23, 52 [zurück]
  25. Entsprechend schrieb Marx schon in „Zur Judenfrage“: „Es handelt sich um die Freiheit des Menschen als isolierter auf sich zurückgezogener Monade.“ MEW 1, 363 [zurück]

5 Antworten auf “Von der kritischen Raumtheorie zur Kritik des Raumes”


  1. 1 Benni Bärmann 26. Dezember 2007 um 16:44 Uhr

    Und wie ist dann da die Relativitätstheorie einzuordnen?

  2. 2 Juli 26. Dezember 2007 um 17:38 Uhr

    Gute Frage. Da reichen meine Physik-Kenntnisse nich mal ansatzweise *g*

  3. 3 bigmouth 27. Dezember 2007 um 1:33 Uhr

    Bei Kant bekommt diese Vorstellung eine gesellschaftliche Dimension, Raum wird zu der Art und Weise, wie Menschen die Welt um sich herum wahrnehmen.

    unfug. die transzendentale ästhetik ist gerade nix gesellschaftliches. die gilt für Kant ja gerade notwendig für alle vernünftigen wesen. Raum ist a priori eine wahrnehmungsform

  4. 4 schorsch 27. Dezember 2007 um 2:34 Uhr

    interessante gedanken.
    ich kenne mich in diesem gebiet nicht sonderlich aus, daher können die fragen die sich mir während der etwas übermüdeten lektüre ergeben haben aus meinem unwissen resultieren, aber vielleicht sind sie ja auch etwas problembezogen.
    Z.t. war der übergang vom sozialen zum physischen raum etwas diffus, worin ich aber durchaus auch eine notwendigkeit der analyse sehe. Mir ist die begriffliche trennung von raum und gesellschaft in dem beitrag noch etwas unklar.
    Du ziehst interessante bezugslinien von raumvorstellungen und spezifischen gesellschaftlichen zuständen. Mir erschien das manchmal etwas zu stark wie eine parallelisierende deskription. Es wäre interessant, die engeren logisch-dialektischen zusammenhänge zu entwirren. Besonders der letzte absatz legt das nahe: die Vorstellung eines homogenen, gleichförmigen Raumes interpretierst du als Reflexion auf die Gallerten ununterscheidbarer menschlicher Arbeit. Da drängt sich doch die frage der vermittlung auf: wie manifestiert sich diese bestimmte form der arbeit, die ja keineswegs bewusst präsent ist, in wissenschaftlichen vorstellungen über den raum? Wie erscheinen strukturen, die sich nichtmal im unterbewusstsein des einzelnen spiegeln müssen, im bewußten nachdenken? Vielleicht fehlt mir auch einfach kenntnis von sohn-retel.

  5. 5 Annette 09. September 2011 um 15:41 Uhr

    @Benni: In einem Text von mir steht dazu: „In der allgemeinen Relativitätstheorie gilt, dass der Raum[3] nicht mehr ein „starrer Bezugskörper“ ist, sondern seine Metrik vom lokalen Gravitationsfeld abhängt. Diese Folge des allgemeinen Relativitätsprinzips beschreibt Einstein auch mit dem Wort „Bezugsmolluske“ (Einstein 1920a: 67). Bloch paraphrasiert dies später: “
    Ein vierdimensionaler Riemannscher Raum liegt der allgemeinen Relativitätstheorie zugrunde, der nirgends mehr metrische Starre zeigt, sondern, nach Einsteins Ausdruck, „nachgiebig ist wie ein Mollusk“.“ (Bloch EM: 110)“ (http://www.thur.de/philo/project/raum04.htm#3)

    Allerdings muss ich im Folgenden diese Feststellung relativieren: Man darf auch den relativistischen Raum nicht als den „besseren wirklichen Raum“ interpretieren (quasi den „kommunistischen“): jede Raumvorstellung in der Physik ist den Anforderungen einer Messbarkeit unterworfen (Physik MISST Bewegungen, sie bildet nicht die „wirklichen Bewegungen an sich“ ab). Deshalb ist auch die relativistische Raumvorstellung so gebildet, dass sie im Ininitesimalen so etwas wie starre Maßstäbe kennt, zur Absicherung der Messbarkeit. Siehe den erkenntnistheoretischen Teil meines Raumtextes in: http://www.thur.de/philo/project/raum05.htm.

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