On Ebay

Viele halten Ebay noch immer für eine tolle Erfindung. Nur selten wird hingegen der repressive Zugriff auf das Freizeitverhalten von Menschen in den Mittelpunkt gerückt, wie dies Martin Scheuringer vor einiger Zeit in den Streifzügen getan hat:

Ebay funktioniert nach dem Auktionsprinzip. Es gibt hier alles, sogar ein WLAN Kabel! Der Kunde ist fasziniert und schaut, was er denn brauchen könnte. Er surft durch die virtuellen Markthallen und es wäre ein Wunder, würde er nicht fündig. Doch das Ende des Kaufaktes ist mit dem Anklicken noch lange nicht erreicht. Meist steht das Ende der Auktion noch aus, und versteigert wird rund um die Uhr. Ständig bin ich zur Überprüfung aufgefordert: Bin ich noch der Höchstbietende? Ein Wettrennen entsteht, bei dem das Wettbewerbssubjekt voll Freude mitlaufen kann. Hier kann es zeigen, wie es die besten Schnäppchen ergattert! Für diese Jagd muss man vor allem eines investieren: Zeit. Stunden der Suche für die Ware, Stunden der Kontrolle und schließlich Stunden der Hoffnung, dass keiner höher bietet. Der Bieter tut sich viel Aufregung an und in den meisten Fällen wird dieser wohl die Enttäuschung folgen.

Da scheint mir doch was dran zu sein. Die Zeit, die Menschen mit dem elenden Tun von Einkaufen und Verkaufen verbringen, dürfte doch mit Ebay in relevantem Maße gestiegen sein. Das tagtagliche Preisvergleichen findet hier seinen virtuellen Höhepunkt. Ebay ist so etwas wie der personifizierte Markt der VWL: selten ist ein besserer Überblick über alle zur Verfügung stehenden Angebote zu bekommen.

Nun begnügt sich das Phänomen aber nicht damit, immer weitere Bereiche des Lebens unter den Imperativ des Wertes zu drängen. Zum Wert gesellt sich schnell auch die Verwertung. Mittlerweile gibt es bereits kostenpflichtige Software für den verbesserten Ein- und Verkauf von sog. „Powersellern“, um deren „professionellen Handel“ zu unterstützen. Ebay wird mehr und mehr auch für die Interessant, die neben dem Wert auch am Mehrwert interessiert sind. Nicht, das ersteres besser wäre. Aber es zeigt doch, das es eben nicht ohne letzteres zu haben ist.

Eine Studie über den durchschnittlichen Zeitaufwand von Ebay-UserInnen hab ich leider nicht gefunden. Gibt es sowas schon?


12 Antworten auf “On Ebay”


  1. 1 Rakete 05. Januar 2008 um 18:53 Uhr

    Meine Vorgehensweise bei ebay ist da immer viel simpler. Ich suche was, schreibe mir den Zeitpunkt des Auktionsendes auf und gucke mir das Angebot kurz vor Ende nochmal an, eben weil ich auf diesen Überbietungswahnsinn keine Lust habe. Es kann halt auch viel einfacher sein :)

  2. 2 d'oh 05. Januar 2008 um 23:07 Uhr

    Babylon back to Babylon. On ebay…
    Wie werden denn durch ebay „weitere Bereiche des Lebens unter den Imperativ des Wertes“ gedrängt? Was dort verkauft wird ist doch nichts anderes, als sonst auch. Früher gab es mehr Floh- und Trödelmärkte. Da konntest du auch Stunden damit zubringen zu feilschen, zu vergleichen und aus der Ungleichzeitigkeit des Marktes Profit zu schlagen. Oder bist du jetzt unter die romantischen Kapitalismuskritiker gegangen und konzentrierst dich primär auf die totale Flexibilität und Verfügbarkeit, die durch das Internet möglich werden und lobst den unmittelbaren Austausch von Angesicht zu Angesicht? Da ist ja die religiöse Fanatikerin (die Anführerin einer Fraktion von Fundamentalisten, die gespielt werden können) bei Alien Crossfire (einem alten Addon zu Civilisation) weiter. Sie sagt: Nicht die Straßen oder die Großstädte, in denen die Menschen sündigen sind schlecht, sondern die Menschen, die das tun.
    Ob wirklich insgesamt (auf die Gesellschaft hochgerechnet) durch ebay mehr Zeit fürs Kaufen und Verkaufen aufgewendet wird würde ich erstmal, ohne statistische Belege für die eine oder andere Antwort auf diese Frage zu haben, bezweifeln. Was denkst du wie viel Zeit mit Shoppen in der Innenstadt oder per Versandkatalog verbracht werden kann? Mehr Geld als vor ebay haben die meisten Leute auch nicht, weshalb es unwahrscheinlich erscheint, dass wirklich mehr Neues gekauft wird, auch wenn vielleicht der Fluss von gebrauchten Gütern zunimmt. Allerdings würde ich diese Veränderung nicht mit der Unterwerfung unter den Imperativ des Werts beschreiben.
    Vielmehr bedarf es m.E. einer zeitgemäßen Erfassung und Kritik, dessen was Kulturindustrie genannt wird und nicht nur ebay (auch wenn das sicherlich ein nicht uninteressanter Aspekt ist: quasi der allgegenwärtige, beliebig durchsuchbare und allen zugängliche Markt), sondern die neuen Kommunikationstechnologien insgesamt betrifft. Einen neuen Aspekt dieser Entwicklung demonstrieren wir übrigens gerade selber, das Bloggen. Auch wenn dein Blog einen aufklärerischen Anspruch hat, ist er davon nicht unabhängig. Wie viel Zeit, geht durch das Internet für Belanglosigkeiten drauf? Diese Kritik darf aber nicht konservativ oder kulturpessimistisch werden. Von einem solchen Tenor setzt du dich noch zu wenig ab.

  3. 3 schorsch 06. Januar 2008 um 0:01 Uhr

    Interessant ist eine Integration des Privaten in marktförmige Prozesse, die Ebay in der Werbung als exklusives Lebensgefühl der Teilnehmer stilisiert.
    Darüber hinaus sind tendenziell „ökonomischere“ Fragestellungen nicht unwichtig, nämlich die Probleme für Unternehmen mit Ebay als Möglichkeit der Kunden auf einen anderen Markt auszuweichen, also Verdrängungs und Einsparpotentiale die dann wieder den nicht-virtuellen Markt konstituieren. Ebay erzeugt m.E. auch gar nicht den Eindruck Alles totaler Anzubieten, sondern es ist grade für viele Ebay Nutzer die Tatsache wichtig, dass man dort Waren findet, die im Warenhaus eben nicht mehr erstanden werden können. Daher ist es auch nicht richtig Ebay selbst besonders zu thematisieren, sondern der Zusammenhang der Märkte (auch im Virtuellen) wird durch Ebay nochmal anders geschaffen.

  4. 4 ... 07. Januar 2008 um 21:52 Uhr

    und das wichtigste dabei, es ist einfach super und praktisch, jede sekunde (man kann ja auch in den usa usw dinge ersteigern) und jedes produkt woesauchimmer herkommt… das ist fortschritt, gut das es ebay gibt.
    ich wollt nur auch mal das positive erwähnen, da es sonst ja nur kritik gibt :)

  5. 5 Juli 08. Januar 2008 um 12:19 Uhr

    @d‘oh

    na, das ich die kulturindustrie in ihrer gänze hätte kritisieren wollen, das hab ich doch gar nich behauptet, oder?

    der vergleich mit den flohmärkten zieht nicht jedenfalls nicht so richtig, denn einerseits gibts die noch heute (genau wie die trödelläden), und zum anderen gibts die eben zu stoßzeiten, während ebay sich ja gerade durch die dauerhafte verfügbarkeit, ohne öffnungszeiten etc., auszeichnet. und auch computer gibt es schon immer und schon immer haben menschen die zu unterschiedlichsten dingen genutzt.

    zumindest in meinem bekanntenkreis treffe ich aber immer wieder menschen, die, nachdem sie ebay entdeckt haben, tagelang davorhängen und kucken. das mag bei modellbaukatalogen ähnlich funktionieren, nur wird jetzt halt jede zum modellbaufreak, metaphorisch gesprochen. meine these – für die ich aber tatsächlich keine emprischen daten aufbieten kann – wäre also, das die zeit, die sich menschen in der zirkulationssphäre aufhalten, tendenziell zunimmt.

    gestärkt wird das ganze, den anspekt hast du zurecht aufgeworfen, sicherlich durch knapper werdende geldbeutel und den damit verbundenen versucht, trotz dessen den lebensstandart zu halten. beispielsweise über gebrauchtwaren, klar. per se würde ich ja auch nicht behaupten wollen, das da in relevantem maße mehrwert angeeignet wird (ökonomische ebene), aber trotz allem wird die normalität von kauf- und verkaufsakten noch mal erhöht (soziologische ebene). und das schien mir schon ein nicht unrelevanter aspekt…

  6. 6 Juli 08. Januar 2008 um 12:41 Uhr

    @ …

    ja, kapitalismus ist schon was feines…

  7. 7 classless 08. Januar 2008 um 13:09 Uhr

    @d‘oh

    Schwester Miriam tauchte schon in der Basisversion des damals bahnbrechenden Sid Meier’s Alpha Centauri auf, zu dem Alien Crossfire das Add-On war. Miriams Vorteile kamen aber im Spiel nicht so recht zur Geltung, ihre Fraktion ging meist zügig unter, soweit ich mich erinnere.

  8. 8 d'oh 08. Januar 2008 um 14:24 Uhr

    Der Einwurf mit der Kulturindustrie zielte auch mehr auf die immer intensivere Nutzung des Internets allgemein, wovon das von dir beschriebene Phänomen auch ein Teil ist.
    Eine aktuelle Untersuchung des Kaufens und Verkaufens ist auf jeden Fall sinnvoll, dagegen will ich gar nichts sagen. Mir ging es nur darum aufzuzeigen, dass da noch eine weitere Ebene mit reinspielt. Mir scheint, die Leute werden eher zu Internetfreaks, als dass sie durch ebay zu Kapitalismusfreaks werden. Dafür bedarf es wohl kaum ebay, die „normalen“ Sachzwänge reichen ja gut hin, um uns alle mehr oder weniger zu solchen Freaks zu machen.
    Ich kenne auch genügend Leute, die auch schon viel Zeit für das Kaufen (weniger das Verkaufen) aufgewendet haben, bevor das Internet
    derartig alltäglich wurde, wie heute.
    Ob die Normalität von Kaufs- und Verkaufsakten durch ebay noch erhöht wird, weiß ich nicht. Ich hätte gesagt, das ist bereits derartig normal wie nur irgendwas. Neu ist doch vor allem das Vertrauen, das die Leute dabei an den Tag legen und die zeitliche, wie örtliche Ungebundenheit. Käufer und Verkäufer kennen sich nicht und brauchen sich auch nie zu begegnen und trotzdem funktioniert das Kaufen und Verkaufen in den meisten Fällen relativ problemlos. Mir scheint ebay mehr ein Indikator für ein gestiegenes Vertrauen in die Sicherheit des Netzes und in die Rechtsform, auch unter diesen besonderen Bedingungen zu sein, als dass irgendetwas normaler wird, als vorher. Die Integration des Internets in den alltäglichen Warentausch scheint immer mehr auch von den Privatpersonen akzeptiert zu werden. Auf dieser Ebene scheint mir doch das eigentliche Problem des Zusammenhangs von Internet und Kapitalismus zu liegen.
    Denn vom Inhalt der meisten Transaktionen bei ebay ist es sicherlich nicht besonders verwerflich, wenn Gebrauchsgegenstände weiterbenutzt, anstatt weggeworfen werden.

    @classless Wow jemand hat meine schlechte Metapher verstanden 
    Diese Fundamentalisten waren aber mal wirklich unbrauchbar bei Civ und AC.

  9. 9 MPac 08. Januar 2008 um 21:10 Uhr

    Ich habe SMAC ja nie gegen menschliche Spieler gespielt, aber gegen die KI ist Miriam doch noch mehr ein Selbstläufer als die anderen Fraktionen. Und übrigens eine der wenigen, die es auch als KI wenigstens mal schafft, andere KI-Player zu besiegen. Und das ist auch völlig logisch, denn ihr Nachteil ist ja bloß das Forschungsdefizit. Dafür kann sie vier Einheiten pro Basis haben, ohne dass das Produktivitätsabzüge gibt, die Einheiten haben 25% Angriffsbonus und sie hat enorme Spionagevorteile. Was man also an schlechteren Einheiten wegen mangelnder Forschung hat, kann man locker mit dem Angriffsbonus und quantitativer Überlegenheit wieder wett machen. Und was man auf diese Weise nicht an Technologie erpresst bekommt, das stiehlt man sich halt, was wegen der Spionageüberlegenheit so gut wie immer gelingt. Dann hat man mit dem Gegner gleichwertige Einheiten, aber zusätzlich den Angriffsbonus. Und der Gegner kann nicht mal die Basen wegkaufen (ohnehin so ziemlich das einzige Mittel, mit dem die KI gegen menschliche Spieler gelegentlich punkten kann), sobald man Fundamentalismus eingeführt und damit den Spionagevorteil noch vergrößert hat.

  10. 10 dorfdisco 11. Januar 2008 um 16:03 Uhr

    Meine Güte, was M-Punkt wieder alles weiß….

  11. 11 Savo Vasic 13. Januar 2008 um 20:28 Uhr

    @dorfdisco: Dabei hab ich noch nicht mal das Argument geprüft ;-)

  12. 12 Zînê 16. April 2008 um 13:11 Uhr

    Was ich hier mal kurz zum Artikel einwenden möchte (denn es stört mich, wie die Erbse die schlafende Prinzessin):

    interessant schreibt man doch klein!

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