Hungertod

Wer zur Gesellschaft gehören will, braucht Arbeit. Fehlt letztere, geht der Kontakt zur ersteren nur allzuschnell verloren. Das ist traurig, aber derzeit eben der gängige Standart. Und es entbehrt auch nicht einer gewissen Logik, erfogt die Zuteilung von Lebenschancen doch auch tatsächlich über die Arbeit – zumindest in dieser Gesellschaft.

Immer wieder gibt es dann aber die Geschichten von Leuten, die mit dem Verlust ihrer Arbeit und dem damit einhergehenden Verlust ihres gesellschaftlichen Lebens auch gleich auf ihr biologisches verzichten möchten. Das neueste Beispiel ließ sich vor kurzem in der Welt nachlesen:

„Die Geschichte ist unfassbar: Ein arbeitsloser Mann geht in den Wald, um zu sterben. Der 58-Jährige aus Hannover hat sich im Solling offenbar bewusst zu Tode gehungert. Er hatte den Kontakt zu seiner Familie und seine Wohnung verloren. Seine letzten Wochen dokumentierte er in einem Tagebuch. Ein Verbrechen schließt die Polizei nach Abschluss ihrer Untersuchungen aus. ( … )

Aus dem in blaues Plastik eingebundenen Büchlein geht hervor, dass der frühere Außendienstler schon länger arbeitslos war. Seine Ehe sei gescheitert, seine erwachsene Tochter habe sich von ihm losgesagt. Ab Oktober bekam er kein Arbeitslosengeld mehr. Er musste seine Wohnung räumen. Er hätte zwar Hartz IV beantragen können, tat dies aber nicht, so dass er völlig ohne Geld dastand.

In dieser Situation machte sich der 58-Jährige irgendwann im Spätherbst mit dem Fahrrad auf den Weg von Hannover Richtung Solling. Uslar liegt mehr als 100 Kilometer südlich der niedersächsischen Landeshauptstadt. Warum der Mann ausgerechnet den Hochsitz im Wald beim Uslarer Ortsteil Schlarpe aufsuchte, sei unklar, sagt Polizeisprecher Falkenhain. Aus dem Tagebuch geht aber hervor, dass der 58-Jährige dort mindestens dreieinhalb Wochen zugebracht hat und in dieser Zeit keine Nahrung zu sich nahm. Er trank nur ab und an ein paar Tropfen Wasser. In seinem Tagebuch berichtet er von Schmerzen und davon, dass er nicht mehr leben wolle.“