Revival of the fittest: Bundesregierung will das Eiserne Kreuz wieder

Deutsche Soldaten sind tapfere Typen. Sie kämpfen und verteidigen die Rohstoffe und Handelswege und die Demokratie und was es da noch so gibt. Zwischendurch kommen durch unglückliche Verkettungen von Zufällen auch mal feindliche SoldatInnen oder unbeteiligte ZivilistInnen um. Das ist tragisch, soll jetzt aber nicht ungedankt bleiben:

„Es war gestern ein ganz gewöhnlicher Parlamentarischer Abend des Reservistenverbands der Bundeswehr in Berlin – bis zu dem Zeitpunkt, als der Vorsitzende Reinhard Beck vorschlug, „besonderen Mut oder besondere Tapferkeit“ von Soldaten mit einem neuen Orden zu würdigen: ausgerechnet in Form des Eisernen Kreuzes, das schon im Ersten und Zweiten Weltkrieg als Auszeichnung für Helden diente und von vielen Kriegsopfern mit den Schrecken der Hitler-Diktatur identifiziert wird.“ (Spiegel-Online)

Bei so viel Vergangenheitsbewältigung konnte auch der Verteidigungsminister nicht mehr ruhig auf seinem Stuhl sitzenbleiben:

„Verteidigungsminister Franz Josef Jung griff die Anregung in seiner Rede bei der Veranstaltung wunschgemäß auf. Tapferkeit habe in der Tat „eine Würdigung verdient“. Er wolle den Vorschlag an den Bundespräsidenten weiterleiten, versprach Jung, „um gegebenenfalls eine besondere Einsatzmedaille zu kreieren“. Orden und Ehrenzeichen kann der Verteidigungsminister nicht alleine beschließen, sie müssen vom Staatsoberhaupt gestiftet werden.“ (Spiegel-Online)

Während die Regierung also schon überzeugt ist, betreibt das „Weblog Sicherheitspolitik“, das sich „mit Bedrohungen und Herausforderungen für die außen- und sicherheitspolitischen Interessen westlicher Staaten auseinander(setzen) möchte“ weiterhin Lobbyarbeit:

„Die Bundeswehr ist, soweit bekannt, die einzige westliche Armee, die über keine Tapferkeitsauszeichnungen verfügt. Dies ist aus verschiedenen Gründen nachteilig: Tapferkeit ist keine allgemeine Eigenschaft des Menschen, sondern setzt außergewöhnlichen individuellen Willen voraus, Risiken für Leib und Leben in Kauf zu nehmen bzw. Furcht vor diesen Risiken zu überwinden. Gesellschaftliche Anerkennung in Form elitärer Auszeichungen kann einen Anreiz dafür darstellen, diesen Willen aufzubringen. Tapferkeitsauszeichnungen haben somit einen konkreten militärischen Nutzen.“

Die tapfere deutsche Elite kämpft also im Hindukusch für was auch immer – und das will unterstützt werden. Durch eine Tapferkeitsauszeichnung mit „konkretem militärischen Nutzen“. Solange die Elite nur sich selber, nicht aber andere Menschen in Mitleidenschaft ziehen würde, wäre da ja nichts gegen zu sagen. Das so aber ein weiter Schritt in Richtung Geschichtsrevisionismus begangen wird, militärische Operationen noch ein stückweit „normaler“ werden, sollte doch bedenklich stimmen. Und schlussendlich belegt diese Entwicklung doch Eindrucksvoll, das es mit der angeblichen demokratischen Armee, die mit der Wehrmacht aber auch rein gar nichts zu tun hat, nicht sonderlich weit her sein kann. Was auch der in diesem Kontext oft gemachte (und weiter unten zitierte) Hinweis belegt, dass das Kreuz ja schon seit Jahren „die Land- und Luftfahrzeuge der Bundeswehr ziert“.

Kritische Stimmen sind derweil selten, und mensch muss sich schon freuen, wenn die FDP mal wieder was sagt. Alleine schon deshalb, weil es die MacherInnen vom Sicherheitsblog aufs tiefste erregt:

„Wenn FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff Tapferkeitsauszeichungen nur als „Blech“ bezeichnet, dann sagt dies viel über Ihre Einstellung gegenüber den Leistungen von Soldaten aus. Auch die Position von Rainer Arnold (SPD), der sich gegen Tapferkeitsauszeichungen wendet, ist nicht nachvollziehbar. Insbesondere seine Ablehnung des „Eisernen Kreuzes“ wegen „historischer Belastung“ weist auf gravierende Mängel im Bereich historischer Bildung hin. Und ist Herrn Arnold schon aufgefallen, welches Zeichen die Land- und Luftfahrzeuge der Bundeswehr ziert?“

Wieso sollte das Eiserne Kreuz auch belastet sein? Die 2 Weltkriege, da wird ein aufgeklärter Patriot doch mal drüber wegsehen können.


4 Antworten auf “Revival of the fittest: Bundesregierung will das Eiserne Kreuz wieder”


  1. 1 Atta Troll 07. März 2008 um 1:54 Uhr

    Heil unseren herrlichen Jungen Kriegsminister Franz Josef und seinem treuen „Weblog Sicherheitspolitik“!

    Letzteres sollte man als kleines Gruselkabinett des demokratischen Staates im Auge behalten.

    Die Ermordung eines – sagen wir – Terroristen wird z.B so kommentiert:

    Imad Mughniyeh stellt terroristische Aktivitäten endgültig ein
    Der im iranischen Auftrag handelnde Imad Mughniyeh, bekannt durch seine Beteiligung an zahlreichen Terroranschlägen und Geiselnahmen, wird definitiv keine Anschläge mehr verüben. Die israelische Regierung hat nicht sehr glaubwürdig dementiert, dass ihr dieser Erfolg zu verdanken ist; daher besten Dank nach Tel Aviv.

    Goldener Humor. Da lacht der Sicherheitspolitiker.

    Man sollte bei nächster Gelegenheit mal testen, ob der Humor der Herren (und Damen?) mit ihrer Verteidigungsbereitschaft Schritt hält:

    Hauptfeld Müller zieht sich von der Verteidigung der Demokratie am Hindukusch endgültig zurück, um die Radieschen von unten zu betrachten, wozu er durch eine Autobombe inspiriert wurde … etc. – da ginge doch was.

  2. 2 Jochen Hoff 12. März 2008 um 20:20 Uhr

    Ich zitier mich mal ein bisschen selber:

    Mit Orden stirbt es sich einfach leichter. Orden und Ehrenzeichen machen aus Männern erst richtige Kerle. Das sieht man jedes Jahr beim Karneval, bei den diversen Schützenvereinen und auch der deutsche Schäferhund wird durch eine Medaille erst zum richtigen Hund. Wir kennen das ja auch aus dem Urwald, wo sich zweit- und drittrangige Tiere aus Schimpansen- oder Gorillafamilien mit allerlei Gebüsch behängen um wichtiger auszusehen. Nur bei den Bonobos ist das anders, die ficken lieber. Ist mir auch sympathischer.

    Niemand muss ja wissen, das dieses Kreuz aus billigstem Blech war und in einem billigen Plastiketui lag. Es wurde posthum verliehen, was nichts anderes bedeutet als dass es der Briefträger mit einem Formschreiben ohne Unterschrift brachte.

    Warum Erwin Kuwalke das eiserne Kreuz bekam. Vielleicht weil der die Nacht über im Schützengraben so ruhig gestorben ist. Er hat nur ein paar Mal gestöhnt. Medikamente und Verbandsmittel waren mal wieder keine da. Vermutlich hatte die Bertelsmanntochter VAW-Arvato gerade keinen billigen Transport für Medikamente und Verbandsmittel gefunden. Aber wenigstens gab es in dieser Woche Munition. Vielleicht war aber einfach nur die Ration schon verbraucht.

    Sicher man hätte Erwin Kuwalke retten können. Aber wozu. Keine Beine nur noch Oberschenkel. Der hätte sich in Deutschland doch nur den Bettelsack nehmen können. So darf man nicht nach Hause kommen. Einige haben dann ja auch selbst Schluss gemacht. Bei anderen halfen die Sanitäter. Erwin Kuwalke starb ganz ruhig. In der gleichen Nacht ist auch Fritz Kuhn gestorben. Nein nicht verwandt mit dem Bundestagsabgeordneten. Deren Verwandte sind nicht hier. Die sind zu Hause oder in der Etappe.

    Fritz Kuhn lag zwischen den Linien. Er wurde um 21 Uhr 15 getroffen und hat bis 5 Uhr 03 geschrien. Dann hat ihn ein Scharfschütze der anderen Seite erlösen können. Von der deutschen Seite aus gab es ja kein Schussfeld und in der Nacht konnten auch die anderen nichts tun, weil das Licht fehlte. So hat er geheult, gejammert und geschrien. Die ganze Nacht lang. Er wollte zu seiner Mutter. Der bekommt bestimmt kein eisernes Kreuz.

    Soweit meine Betrachtungen. Viel schlimmer aber finde ich Prof. Wolffsohn von der Bundeswehruniversität:

    „Aber ich vermag nichts Anstößiges am Eisernen Kreuz zu sehen. Und dass es ein Hakenkreuz mal darin gab, das wissen wir. Aber bekanntlich hätte das jetzige Eiserne Kreuz als Ehrenzeichen kein Hakenkreuz, Gott sei Dank. Da, wo es die Bundeswehr benutzt, auch nicht. Also wir müssen ja nicht so tun, als ob es das überhaupt gar nicht gäbe. Und deswegen ist es sinnvoll, an Vergangenem aufzubauen, damit übrigens nicht zuletzt solche Gespräche geführt werden können, wie wir sie beide gerade führen, dass man sieht, holla, da gab es die preußischen Reformer, das waren richtige Aufklärer.“

    Nun zitier ich mich nochmal selber:

    Ob Wolffsohn sich vorstellen kann, was es bedeutet das er dieses eiserne Kreuz, das unter anderem vermutlich auch für die Erschießung von Juden in Polen und der Ukraine verliehen wurde, wieder reaktivieren will. War die Shoa, der Holocaust jetzt plötzlich nicht mehr so schlimm. Ich verstehe den Mann nicht und frage mich, ob er für seine Aussagen überhaupt noch verantwortlich zu machen ist.

    Genug zitiert, nun warte ich auf die nächste Klage von Herrn Wolffsohn.

  3. 3 im*moment*vorbei 15. März 2008 um 22:22 Uhr

    zu einer armee in der tradition von graf von staufenberg paßt das eiserne kreuz doch ganz ausgezeichnet… ;-)

  4. 4 Atta Troll 18. März 2008 um 14:17 Uhr

    Zugegebenermaßen mutet die Wiederaufstehung des e(E?)isenern Kreuzes – wie Drakula aus seiner Asche, wenn man ein wenig Blut zufügt – recht makaber an. Aber angesichts der Tatsache, dass die Nazis z.B. ja auch eine Armee und einen Krieg hatten, erscheint mir der kritische Gehalt des Arguments, dass die Nazis auch das eiserne Kreuz hatten, ein wenig läppisch. Im Grunde genommen wäre die Konsequenz daraus nur, von der Regierung eine andere Form und einen anderen Namen für ihr neuerdings unverzichtbares Ehrenzeichen (dulce et decorum …) zu verlangen.

    Man sollte Regierung und Präsident im Gegenteil eher dankbar sein, dass sie ihre Traditionsverbundenheit auf diese Weise unmissverständlich klargestellt haben. Die alte Uniform sollten sie meinetwegen ruhig auch wieder einführen und, ja, „Wehrmacht“ – an sich überhaupt nicht nazistisch – wäre auch kein ganz schlechter Name für eine Armee, die unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt. Das würde der Transparenz staatlichen Handelns dienen.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.