Wert und Wertschätzung

Die marx’sche ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ hat als einen zentralen Begriff den des Wertes. ‚Wert‘ ist dabei als ökonomische und gesellschaftliche Realkategorie gedacht. Kapitalistische Gesellschaften zeichnen sich dadurch aus, das in ihnen Waren produziert und getauscht werden. Vergleich- und damit tauschbar werden die Waren durch die in ihnen enthaltene, gesellschaftlich durchschnittlich notwendige Arbeitszeit. Diese Arbeitszeit, in die jeweilige Ware ‚eingeschrieben‘ (wenn auch nicht messbar), ist der Wert.

Gleichzeitig wird aber der Begriff ‚Wert‘ in vielen, nicht zuletzt auch linken, Zusammenhängen in einem eher moralischen Zusammenhang gebraucht, also etwa im Sinne der vielzitierten „Werte und Normen“, die es ja mittlerweile schon als Unterrichtsfach firmieren. Ganz in dieser Tradition wird dann unter dem Label ‚Wertkritik‘ ganz häufig nicht an eine Kritik dieser gesellschaftlichen Realkategorie verstanden, sondern an so etwas wie ‚Wertekritk‘ gedacht, also eine Kritik der vorherrschenden Werte und Normen.

Tatsächlich scheint es einen Zusammenhang zu geben zwischen dem einen und dem anderen Wert, wie Roger Behrens in der Jungle World erläutert:

Der Begriff des Wertes – egal wie er in der allgemeinen oder individuellen Ideologie verortet wird – ist von seiner ökonomischen Bedeutung überhaupt nicht zu trennen. Ihm ist das Tauschprinzip wesentlich. Ein Blick in ein etymologisches Wörterbuch ist dabei hilfreich. Das Adjektiv »wert« gehört zu der unter »werden« behandelten indogermanischen Wortgruppe und bedeutet »gegen etwas gewendet« im Sinne von »einen Gegenwert habend«. Im Übrigen leitet sich auch das Wort »Würde« aus demselben Kontext ab. Die Vorstellung, die sich allerdings von »Wert« und »Würde« als besondere menschliche Qualitäten in der Moderne durchgesetzt hat, unterschlägt diese Bedeutungsdimension des abschätzenden Vergleichs und setzt Wert und Würde als selbstän­dige Größen.

Das lädt ein zu weitreichenden Spekulationen. Ist die ‚Würde des Menschen‘ etwa vor diesem Hintergrund nichts weiter als der Anspruch der BürgerInnen, am gesellschaftlichen Verwertungsprozess teilhaben zu dürfen? Gibt es einen originären Zusammenhang etwa zwischen Menschenwürde und erfolgreicher ökonomischer Behauptung am Markt?

Das Argumentationsmuster mit dem Wert und dem Wertvollen kann dann allerdings tatsächlich zu tiefergehendem Unsinn führen, wenn er auf die Ökonomie übertragen wird. Roger Behrens hat seine Überlegungen an den Verdi-Streikparolen, das doch auch soziale Arbeit viel wert (=wichtig) sei, gebildet. Doch auch in anderen Debatten wird ähnlich argumentiert. Ein wesentlicher Impuls der Grundeinkommens-Debatte etwa argumentiert damit, das doch auch Hausarbeit und Ehrenamt ganz furchtbar wichtig seinen für die Gesellschaft, mithin also: wertvoll. Das sie wichtig sind, will ich gar nicht bestreiten. Nur sind sie eben nicht ökonomische Träger von Wert. Hausarbeit ist nicht deshalb unbezahlt, weil die Gesellschaft ihr mutwillig die ökonomische Anerkennung verweigert, sondern weil das da kapitalistische System eben nur das anerkennt, was in seinen Kategorien aufgeht.

Das heißt dann, das sich patriarchale Unterdrückung nicht (unmittelbar) mit ökonomischen Kategorien erklären lässt, das es für ihre Kritik also eines gesonderten Begriffsapperates bedarf. Es heißt aber auch, das wir diese Unterdrückung nicht dadurch überwinden können, das wir sie wegdefinieren. Vielmehr gehört sie in einem gesamtgesellschaftlichen Emanzipationsprozess überwunden, innerhalb dessen sowohl Patriarchat als auch Kapitalismus der Garaus gemacht wird.

Mit auf dieser Welle schwimmt auch die vor allem im Postoperaismus sehr beliebte Theorie der „Immateriellen Arbeit“, bei der oftmals von der Wichtigkeit einzelner Lebens- und Tätigkeitsbereiche für eine gelingende Verwertung auf den unmittelbar wertschaffenden Charakter dieser Tätigkeiten geschlossen wird. Wert entsteht hier nicht mehr durch ein objektiv existierendes gesellschaftliches Verhältnis, sondern durch schlichte Zuschreibung.

Das allerdings hilft nicht weiter. Wo Affirmation zum Revolutionsersatz wird, kann dem Kapitalismus nicht mehr viel entgegengesetzt werden.


6 Antworten auf “Wert und Wertschätzung”


  1. 1 StefanMz 17. März 2008 um 16:10 Uhr

    Gibt es einen originären Zusammenhang etwa zwischen Menschenwürde und erfolgreicher ökonomischer Behauptung am Markt?

    Ersteres ist die Voraussetzung von zweiterem? War das nicht der wesentliche Inhalt der bürgerlichen Revolutionen?

  2. 2 outsider 17. März 2008 um 18:02 Uhr

    @stefan: Das Bürgerliche Recht in Dt. beruht auf dem Code Napoleon. Die „bürgerliche Revolution“ war die dt. Nationalbewegung.

  3. 3 StefanMz 20. März 2008 um 13:17 Uhr

    @outsider: Versteh nicht, was du mir damit sagen willst. Inwieweit beantwortet das meine Fragen?

    @admin: Ich habe keine Mail bekommen mit dem Kommentar von outsider. Bug oder Feature?

  4. 4 outsider 20. März 2008 um 14:13 Uhr

    Stefan, wenn ich dich nicht ganz falsch verstanden habe, suggerieren deine Fragen, daß bestimmte Wertvorstellungen historische Vorraussetzung des Kapitalismus sind. Da es so viele Kapitalismen auf der Welt gibt, die gut ohne bürgerliche Freiheiten auskommen, halte ich sie für gefährlichen Unsinn. Deswegen bestreite ich sie (am dt. Beispiel).

    Als bürgerliche „Revolution“ käme bloß die sog. dt. Revolution 1848/49 in Frage, die ich als deutsche Nationalbewegung bezeichnet habe. De Facto gab es nämlich in Dt. nie eine Revolution und die Ständegesellschaft hielt sich bis ins Kaiserreich. Zwar wurden Freiheit und Gleichheit heiss diskutiert de jure wurden sie aber wenn auch bloß in den linksrheinischen Gebieten und das unter französischer Besatzung (deswegen Code Napoléon) am Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt.

    Alles klar?

  5. 5 Juli 20. März 2008 um 16:20 Uhr

    @ Stefan

    ‚Feature‘ wäre wohl übertrieben, aber ich glaube, das ist die Standarteinstellung. Oder hast du früher Mails gekriegt?

    Ich kann ja mal kucken ob ich im Admin-Menü was passendes finde…

  6. 6 sikantis 12. Juni 2008 um 5:25 Uhr

    Wertschätzung ist ein grundlegendes menschliches Thema. Alles, wirklich alles hängt von der Wertschätzung oder der fehlenden Wertschätzung ab. Ich arbeite seit Jahren an der Idee der Wertschätzungsgesellschaft.

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