Studiengebühren und ’soziale Gerechtigkeit‘

In der taz legte Christian Füller vor ein paar Tagen seine alte Argumentation für Studiengebühren wieder auf: da es in aller Regel nur die Eltern von Reichen schaffen würden, an die Universitäten zu kommen, sollten die für dieses Privileg auch bezahlen. Schließlich haben sie es ja. Der Staat sollte seine Mittel lieber in Kindergärten sowie Sonder- und Hauptschulen stecken, das sei sozial gerechter. Diesen Standpunkt, den auch schon Marx vertreten habe, gelte es nun politisch umzusetzen und die Bildungspolitik vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Dass Füller als „ausgewiesener Kenner der Bildungslandschaft Deutschlands“ gilt, hilft da auch nicht weiter. Denn neben simplem Aufzählen von Fakten sollten doch schon auch ein paar Bezüge hergestellt werden.

Nehmen wir die Argumentation mit der sozialen Auslese:

„Nur ein kleiner Teil von etwa 35 Prozent der Jugendlichen schafft es durch die Ausleseschule überhaupt bis an die Hochschulen. Und dieser Teil zählt auch noch zu den Schönen und Reichen des Landes. Unter diesen Umständen ist es geradezu notwendig, von privilegierten Eleven einen finanziellen Beitrag fürs Studium zu verlangen. Denn Erhebungen des Deutschen Studentenwerks zeigen: Der Anteil der Arbeiterkinder an den Hochschulen ist in den letzten 25 Jahren weiter gefallen. Es kommen praktisch nur noch Kinder von Beamten, Akademikern und Selbständigen an die Unis. Acht von zehn Kindern aus gebildeten Familien schaffen es zur Hochschule, bei den Arbeitern sind es knapp zwei.

Wenn Studierende sich trotzdem als die Verlierer des Bildungssystems stilisieren, ist das kein Witz, sondern ein gesellschaftlicher Skandal. Spätere Staatssekretäre, Professoren, Journalisten, Richter und Manager schlüpfen in die Rolle der Robin Hoods des Bildungssystsems und spielen die Rächer der Entrechteten.“

Ein Großteil der Studis kommt also aus privilegierten Familien mit hohem Einkommen. Darum sollen die auch für ihr Studium zahlen. Für diese simple Forderung gibt es ein ebenso einfaches Instrument: die Einkommenssteuer. Einfach die entsprechenden Einkommensgruppen etwas stärker zur Kasse bitten – und schon ist das Problem erledigt. Sollen doch die „Staatssekretäre, Professoren, Journalisten, Richter und Manager“ mehr Steuern zahlen. Auf die Idee aber kommt Füller nicht.

Vor dem grundlegenden Problem hat er damit aber bereits kapituliert: denn das nur ein kleiner Kreis von Menschen die Chance zum Studium erhält, ist bereits ein Skandal. Kostenlose Bildung, da ist ihm im Detail sicher recht zu geben, löst das Problem nicht. Ist aber immerhin, wenn schon keine hinreichende, so doch eine notwendige Voraussetzung.

Dasselbe Verfahren wendet Füller auf der anderen Seite der Bildungshierarchie an:

„Zur gleichen Zeit schmort ein Anteil von rund 20 Prozent Schülern in Haupt- und Sonderschulen – um die sich niemand kümmert, für die keiner demonstriert. Die haben so gut wie keine Chance auf Ausbildungsplatz, Beruf oder Teilhabe am gesellschaftlichen System.“

Nicht, das durch die Einteilung in Eliteschulen und Massenschulen ein gesellschaftlicher Ausschlussmechanismus installiert wurde, steht hier zur Debatte. Nicht die Abschaffung der ohnehin überflüssigen Hauptschule wird gefordert, sondern ihre Stärkung. Solange aber das Konzept der Hauptschule als sinnvoll erachtet wird, ist wohl auch klar, das der Anteil der Studierenden aus sozial schwachen Schichtensich kaum erhöhen wird. Wenn Füller betont, das Hauptschulen „laut einer Studie des Max-Planck-Instituts (MPI) für Bildungsforschung als unrettbar verloren gelten. 70 Prozent der Hamburger Hauptschulen und über die Hälfte in Hessen sind so schlecht, dass MPI-Direktor Jürgen Baumert kaum verhüllt ihre Schließung fordert.“ – dann zieht er daraus nicht den Schluss, das überholte Modell dreigliedriger Schulbildung in die Tonen zu treten, sondern möchte es gerne zementiert wissen. Und gleichzeitig kann er sich wie ein Mildtäter fühlen, der sich aus seiner privilegierten Position als vermeintlicher „Bildungsexperte“ um die Sorgen und Nöten der ausgeschlossenen kümmern kann.

Zum Ende zieht er als höhere moralische Instanz dann auch noch Karl Marx heran:

„Auf Karl Marx sollte sich die Linke dabei nicht berufen. Denn der schrieb einst: Solange nur sehr wenige Studenten und Schüler Zugang zu höherer Bildung haben, ist Gebührenfreiheit ein Subventionsprogramm für das Bürgertum. Und ist also abzulehnen. Sagt Marx.“

Auch dies Argument ist nicht neu. Das entsprechende Zitat steht in der „Kritik am Gothaer Programm“ und lautet so:


„Wenn in einigen Staaten der letzteren auch „höhere“ Unterrichtsanstalten „unentgeltlich“ sind, so heißt das faktisch nur, den höheren Klassen ihre Erziehungskosten aus dem allgemeinen Steuersäckel bestreiten.

Nur erwähnt Marx dieses Argument in einem bestimmten Kontext. Als Hinweis darauf, das freie Bildung eben nicht die hinreichende Bedingung für eine freie Gesellschaft ist. Dazu bräuchte es schon die Abschaffung des Kapitalismus, den weder die SPD seiner Zeit noch die SPD unserer Tage noch Christian Füller anstreben. Wozu er dann aber unbedingt Marx heranziehen muss, bleibt ein Rätsel.

Auf einen Punkt allerdings verweist Füller zu Recht: Eine Uni-Politik, die sich lediglich auf die Universität bezieht und die auf die Bedingungen etwa in Schulen und Kindergärten nicht eingeht, landet schnell im Standesdünkel. Und eine Argumentation, die nicht auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen von Bildungspolitik in den Blick nimmt, kommt auch nicht viel weiter. Solange an der Prämisse „Gespart werden muss“ wie ein naturrechtliches Dogma festgehalten wird, können wir die Sache mit der sozialen und freien Bildung vergessen.


4 Antworten auf “Studiengebühren und ’soziale Gerechtigkeit‘”


  1. 1 Roger Kint 25. März 2008 um 1:01 Uhr

    Hm, das naheliegenste Argument, warum der Füller bescheuert ist, ist doch schlicht:
    Wie sollen denn Studiengebühren helfen, mehr Arbeiterkinder an die Unis zu bringen?

    Seine „liberale“ Pro-Studiengebühren-Haltung ist die Ideologie derer, die sich solche Gebühren leisten können und für die nie die Frage bestand, ob man auf’s Gymnasium gehen k a n n oder ob man die Schule früher verlassen sollte, um schneller Geld zu verdienen.
    Ein Studienkredit ist für die Studenten, die laut Füller zur Kasse gebeten werden sollen, machbar: Er ist gedeckt durch den elterlichen Hintergrund. Arbeiterkinder sind (von Füller) schlecht beraten, wenn sie sich dazu entschließen, für dem Studium Schulden zu machen, die Papi am Ende nicht einfach begleichen kann, wenn’s doch schief gehen sollte.

  2. 2 A.M.P. 01. April 2008 um 21:35 Uhr

    Hi Juli, passt zwar nicht, aber muss sein. Am Freitag dieses WE’s hab ich dich gefragt, ob du nen „Job“ vermitteln kannst. Meld dich bitte mal per Mail bei mir oder wo anders ;)

  3. 3 wiener_innen-melange 05. April 2008 um 1:05 Uhr

    wenn das nicht sarkasmus ist, dass unter deinem artikel werbung für einen kfw-studienkredit gepackt wurde…

  4. 4 selberzufaulzumdenken 04. September 2008 um 1:29 Uhr

    Ein paar passende Zitate aus dem „letzten Hieb“ (von J. Finkenberger):

    Die Studiengebühren sind eingeführt, und es ist immer noch nicht ersichtlich, dass die Angehörigen der weniger zahlungsfähigen Schichten in Massen die Universität verlassen oder gar nicht erst betreten. Diejenigen Linken, die sich auf das Feindbild der sogenannten Eliten eingeschossen haben, bringen nur zum Ausdruck, dass sie nie irgendetwas begriffen hatten: die Studiengebühren sind zuerst [k]ein Mittel zur Aufrechterhaltung der Privilegien irgendeiner Schicht, sie sind vor allem ein Mittel der Disziplinierung, oder vielmehr der Konsekration der Disziplin, aller Studierenden gleich welcher Schicht. […] Die Disziplin ist es, die angegriffen werden muss, die bedrückende Arbeitsamkeit, diese gemeinsame Sache des Staates und der passiven Mehrheit.

    Wer nichts anderes gefordert hat als mehr und bessere Bildung, wird nichts anderes bekommen als mehr und bessere Bildung. […]

    Akademische Bildung ist nicht nur schon immer eine Ware, sie ist schlimmeres: sie ist eine Veranstaltung, mit der jedem Gegenstand noch das letzte Negative ausgetrieben wird und werden muss. Ob die Universitäten, gegen den Willen ihrer Herren, sinnvoll zweckentfremdet werden können: das ist freilich eine andere, praktische Frage. Kämpfe der Studierenden für, statt gegen, das Studium jedenfalls sind nicht verallgemeinerungsfähig und damit direkt konterrevolutionär: sie richten sich nicht gegen die Gesellschaft der Klassen, sondern bestätigen sie.

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