Archiv für April 2008

Max Webers ’soziologische Abstraktion‘

Meinhard Creydt analysiert in einem schon etwas älteren, aber wie ich finde durchaus lesenswerten Text, die Regeln (nicht nur) der soziologischen Methode. Es gäbe Tricks, mit denen die Soziologie systematisch Erkenntnis verunmögliche. Der erste sei die formale Abstraktion:

Mit ihr wird ein Gegenstand Thema nicht nach den spezifischen Gründen, Zwecken und Eigendynamiken, die ihm eigen sind, sondern auf einen Aspekt oder ein Prädikat hin, den er auch hat.

Derartiges finden wir in der soziologischen Literatur zu Hauf. Etwa bei Max Weber, wenn der im 2. Kapitel seines Grundlagenwerkes „Wirtschaft und Gesellschaft“ die allgemeinen Begrifflichkeiten des Wirtschaftens darbieten will, wie sie über alle Epochen hinweg gültig sind und quasi fernab jeglicher Theoretisierung gültig sind:

Nachstehend soll keinerlei »Wirtschaftstheorie« getrieben, sondern es sollen lediglich einige weiterhin oft gebrauchte Begriffe definiert und gewisse allereinfachste soziologische Beziehungen innerhalb der Wirtschaft festgestellt werden.

- und dann, wie selbstverständlich anführt, das diese Begriffe natürlich auch dazu taugen müssen, den Kapitalismus zu beschreiben:

Die Definition des »Wirtschaftens« muß ferner so gestaltet werden, daß sie die moderne Erwerbswirtschaft mit umfaßt

Weber beschreibt also den Kapitalismus in Kategorien, die gerade nicht für den Kapitalismus spezifisch ist, sondern in solchen Kategorien, die er mit allen historisch vorangegangen Arten des „Wirtschaftens“ teilt. Das davon keine sonderlich tiefschürfenden Ergebnisse erhofft werden können, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Gleichzeitig verlängert Weber aber auch das Spezifische des Kapitalismus in die Vergangenheit. Alleine schon der Begriff des Wirtschaftens als vom restlichen Leben getrennter Sphäre, die entsprechend gesondert behandelt gehört (im 1. Kapitel ging es ihm um „soziologische Grundbegriffe“, im 2. Kapitel erfahren die „soziologischen Grundbegriffe des Wirtschaftens“ eine getrennte Behandlung), ist hierfür ein Beispiel. Ob von Wirtschaft in diesem Sinne in vorkapitalistischen Gesellschaften überhaupt gesprochen werden kann, wäre ersteinmal historisch zu überprüfen. Stattdessen wird das Problem durch Gleichsetzung im abstrakten Begriff negiert. Die Besonderheit, das Nicht-Identische, verschwindet. Und alle gesellschaften können Weber so erscheinen, als seien sie schon immer kapitalistisch gewesen, die aktuelle Ausformung sei lediglich der „moderne Kapitalismus.

Emotion Affekt Abspaltung

Ich arbeite gerade an einem längeren Text zur Kritik an der „Immateriellen Arbeit“, bei dem ich unlängst das letzte, ohnehin nicht ansatzweise veröffentlichungsreife Kapitel, herausgestrichen habe. Es passte einfach nicht mehr ins Konzept. Und damit das Blog hier nicht endgültig noch einschläft, gibt es den Teil nun hier als Appetizer.

Der Text ist ein Versuch, Teile der Theoriebildung des sog. „Poststrukturalismus“ für wertkritische Debatten fruchtbar zu machen. Wobei er sich durchaus nicht darauf beschränkt, sondern einen größeren Bogen zu schlagen versucht. Viel Spaß beim lesen. (mehr…)