Emotion Affekt Abspaltung

Ich arbeite gerade an einem längeren Text zur Kritik an der „Immateriellen Arbeit“, bei dem ich unlängst das letzte, ohnehin nicht ansatzweise veröffentlichungsreife Kapitel, herausgestrichen habe. Es passte einfach nicht mehr ins Konzept. Und damit das Blog hier nicht endgültig noch einschläft, gibt es den Teil nun hier als Appetizer.

Der Text ist ein Versuch, Teile der Theoriebildung des sog. „Poststrukturalismus“ für wertkritische Debatten fruchtbar zu machen. Wobei er sich durchaus nicht darauf beschränkt, sondern einen größeren Bogen zu schlagen versucht. Viel Spaß beim lesen.

Mit der Betonung des General Intellect und der affektiven Momente innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses machen sich postoperaistische AutorInnen ein thematisches Feld auf, das aus wertkritischer Sicht bislang kaum bearbeitet wurde. Wie wirken sich die neuen Produktionsbedingungen auf die Subjektbildung im ökonomischen Prozess aus? Wie werden Selbst- und Fremdbilder verändert, was für Ängste, Sorgen und Nöte stehen die Menschen durch, wie werden diese von ihnen verarbeitet?

Eine erste Annäherung an die Problemstellung findet sich einerseits im von Roswitha Scholz entwickelten und in der wertkritischen Theoriedebatte leider vernachlässigten „Wertabspaltungstheorem“ und andererseits in den Überlegungen von André Gorz zum postfordistischen Produktionsmodell. Eine umfangreiche Auseinandersetzung mit den Impulsen und ihrem systematischen Zusammenhang zu einer an der Wertkritik orientierten Theorie kann hier nicht geleistet werden. Im Folgenden sollen lediglich einzelne Aspekte aufgegriffen, beleuchtet und aneinandergereiht werden. Die Überlegungen sind eher eine Ideensammlung zu möglichen Forschungsfragen, eher theoretische Probebohrungen denn ein auch nur halbwegs konsistentes Theoriegebäude oder eine systematische Auswertung der vorliegenden empirischen Befunde.

Scholz geht von der marx’schen Kritik der politischen Ökonomie aus und versucht, diese um die Blickwinkel zu ergänzen, die selbiger fehlen. Sie hält im Anschluss an die feministische Theoriebildung der letzten Jahrzehnte fest, das es in der modernen Gesellschaft eine Zweiteilung in eine öffentliche und eine komplementäre private Sphäre gibt, die sich erst im Zuge der Herausbildung der modernen Gesellschaft etabliert hat. Öffentlichkeit wird dabei mit Schlagwörtern wie Leistung, Rationalität, Wirtschaftlichkeit, Kultur und Aktivität assoziiert, während die private Sphäre Sinnlichkeit, Emotionalität, Affektivität und Passivität verkörpern soll. Die Öffentlichkeit wurde dabei historisch als „männlich“ angesehen, die Privatheit als „weiblich“.

Diese Aufteilung ist nun aber gemäß Scholz keineswegs willkürlich, sondern geht einher mit einer bestimmten Systemrationalität: die von der marx’schen ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ analysierte Wertverwertung mitsamt der an sie gebundenen Staatstätigkeit wirkt als ein Prozess, durch den das Leistungsprinzip und eine historisch neue Form von Rationalität und Wirtschaftlichkeit praktiziert werden. Das Kapital als „automatisches Subjekt“ ist stets aktiv und vorwärtstreibend, käme es zum Stillstand, wäre das mit seinem Ende verbunden. Die Analogie zu der geschlechtsspezifischen Zuschreibung von Öffentlichkeit liegt hier geradezu auf der Hand. (Scholz 1992; 1999a)

Die Sphären von Öffentlichem und Privatem lassen sich so als historisch spezifisch modernes Phänomen fassen und auch als in ganz bestimmter Weise aufeinander verwiesene Bereiche, die in aller Unterschiedlichkeit doch nicht ohne einander auskommen, voneinander abhängig sind und nicht ohne einander gedacht werden können. Allerdings stellt die „weibliche“ Sphäre des Privaten, die von Scholz in Anlehnung an Freud als „Abspaltung“ bezeichnet wird, den „Schatten, den der Wert wirft“ (Scholz 1999a) bzw. die „dunkle ‚andere Seite‘ der patriarchalen Wertvergesellschaftung“ (Scholz 1992) dar. Sie geht also nicht von einer beliebigen „Arbeitsteilung“ aus, sondern beharrt auf einer hierarchischen Anordnung der beiden Sphären.

Hier zeigt sich eine, schon anhand der Formulierungen erkennbare, Nähe etwa zu der Themenstellung bei Paolo Virno, ist für ihn doch „postfordistische Arbeit immer auch unsichtbare Arbeit“. Damit meint er diejenigen Tätigkeiten bezeichnen zu können, die „denen des Arbeitslebens zwar vollkommen gleichen, jedoch nicht als Produktivkraft betrachtet werden können.“ (Virno 2005, 146) Entsprechend bezeichnet er diese Tätigkeitsformen auch als „Nicht-Arbeit“ (Virno 2005, 148) – was sich in dem beharrlichen Verweis von Scholz darauf, das Tätigkeiten im reproduktiven Bereich zwar mühselig und unschön, aber keineswegs „Arbeit“ im kapitalistischen Sinne seien, spiegelt. (Scholz 1999b)

Auch Michael Hardt legt nahe, affektive Arbeit in theoretische Nähe zu dem zu setzen, was Scholz mit dem Begriff der Abspaltung zu umschreiben versucht hat. Ganz deutlich schreibt er, affektive Arbeit ließe sich in erster Linie als das begreifen „was in feministischen Untersuchungen zur ‚Frauenarbeit‘ als ‚Arbeit am körperlichen Befinden‘ bezeichnet wird.“ (Hardt 2004, 182)

Dabei gehen Hardt, Virno und andere VertreterInnen der Theorie der Immateriellen Arbeit davon aus, das diese Tätigkeiten, die im eigentlichen Sinne nicht in das abstrakt-rationalistische Kalkül hineinpassen, im konkreten Produktionsprozess eine immer wichtigere Stellung einnehmen. Wenn wir auch die These, das sich dies unweigerlich auf die Generierung des Mehrwertes auswirke (Virno 2005, 148f; Hardt 2004, 175), nicht wirklich ernstzunehmen sollten8, so stellt sich doch die Frage nach der Bedeutung sowohl für konkrete Ausgestaltung des Produktionsprozesses als auch für die Subjektivierung der Geschlechtscharaktere.

Marazzi (1998) schildert die mögliche Bedeutung im Rahmen der direkten Produktionsprozesse am Beispiel von UPS in den USA. Hier gab es in der zweiten Hälfte der 80er Jahre das Bemühen, durch ‚On-time‘-Lieferung aus der Masse der Konkurrenz hervorzustechen. Dazu wurden die FahrerInnen in ein enges Zeitkorsett gepresst. Vermeintliche Bummelzeiten wurden aus den Fahrplänen gestrichen. Das führte dann allerdings dazu, das die FahrerInnen ihre Kommunikation mit den KundInnen auf ein Minimum runterfahren mussten. Irgendwann entdeckte die Firma dann, das die KundInnen, deren direkter Kontakt zu UPS einzig über die FahrerInnen hergestellt wurde, ein Interesse an einer ausgiebigeren Interaktion mit diesen hatten. Durch die unglaublich hohe Effizienz wurden diese Kommunikationschancen aber unmöglich gemacht und dem Unternehmen letztlich geschadet. (Marazzi 1998, 42f)

Entsprechend wurden dann die Löhne und Fahrzeiten bei UPS verändert, um dem Wunsch der KundInnen nachzukommen und die Kommunikation zwischen Unternehmen und AuftraggeberInnen zu verbessern. Kommunikation hat hier weniger die Aufgabe, tatsächlich im eigentlichen Sinne wertproduktiv tätig zu sein, sondern vielmehr die notwendige Voraussetzung für künftige Warenproduktionen zu schaffen. Schließlich bezieht es sich weniger auf das konkete, ausgelieferte Produkt, sondern auf das Verhältnis von Unternehmen und KundInnen im Allgemeinen. Diese Tätigkeiten, genauso wie die von betriebsinternen Werbe- und PR-Abteilungen, sind nicht im eigentlichen Sinne wertschaffend, sondern lediglich die Voraussetzung für erfolgreiche Wertverwertung an anderer Stelle.

Marazzi nun meint dem Problem durch Neudefinition beikommen zu können: „Aber der serville Bedeutungsgehalt der Arbeit geht nicht auf die Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zurück, sondern auf die fehlende ökonomische Anerkennung der kommunikativen Beziehungsfähigkeit.“ (Marazzi 1998, 43) Nun lässt sich produktive Arbeit aber nicht durch Neudefinition herstellen1 und UPS befand sich wohl eher vor einem Problem, das sich auch gesamtgesellschaftlich immer wieder stellt: bestimmte Tätigkeiten gehen nicht in der Rationalität von Zeiteinsparung und Ökonomisierung auf – bleiben aber nichtsdestotrotz notwendig für eine funktionierende kapitalistische Produktion.2

Die Bedeutung von Emotionalität und Kommunikation innerhalb betriebswirtschaftlicher Verwertungsprozesse ist nun aber beileibe kein neuer Trend, sondern zieht sich auch durch das gesamte 20. Jahrhundert. Eva Illouz etwa verweist in ihrer Studie „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“3 auf die 20er Jahre in den USA als Ausgangspunkt für einen Trend zur Emotionalisierung betrieblicher Verhältnisse. Es sei im Allgemeinen üblich, so hält sie fest, diesen Zeitabschnitt eher als als einen der Rationalisierung zu behandeln. Die Bedeutung der „traditionellen Kapitalisten“ wurde mehr und mehr zurückgedrängt und an technokratische ExpertInnen, an einen neuen Typus von ManagerInnen übergeben, der als „rational, verantwortlich und verläßlich sowie als Träger neuer Regeln der Standartisierung und Rationalisierung“ erschien. „Die Ingenieure betrachteten Menschen als Maschinen und das Unternehmen als unpersönliches System, das es zu handhaben galt.“ (Illouz 2007, 23f)

Parallel dazu entstand aber auch eine weitere Neuerung, mit der Emotionalität und Einfühlungsvermögen in den Betrieb geholt wurden. In diesem Zeitraum nämlich entstanden auch Massenpsychologie und Beitriebssoziologie, vorangetrieben vor allem durch die Hawthorne-Untersuchen von Elton Mayo. Diese Untersuchungen sind nicht einfach ein technokratisches Statement zur Rationalisierung, sondern weisen darüber hinaus in starkem Maße therepeutische Züge auf. (Illouz 2007, 25ff)

Mayos Untersuchung übersetzte die im tagtäglichen betrieblichen Ablauf auftretenden Emotionen und Gefühle in wissenschaftliche Sprache und stellte so der „von Ingenieuren ausgehenden Rhetorik der Rationalität“ ( … ) ein neues Vokabular ‚menschlicher Beziehungen‘ (human relations)“ zur Seite. Konflikte am Arbeitsplatz wurden psychologisiert, weniger als Konflikt zwischen ArbeiterInnen und KapitaleignerInnen gesehen, sondern „als Ergebnis verknoteter Emotionen, problematischer Persönlichkeitsstrukturen und ungelöster psychologischer Spannungen“. Illouz spricht hier von einer „diskursive(n) Kontinuität zwischen Familie und Arbeitsplatz“. (Illouz 2007, 28)

Einmal erkannt, wurde es entsprechend auch für die ManagerInnen immer wichtiger, sich auf diese Situation einstellen zu können. Mit psychologischem Hintergrundwissen sollte es den EntscheidungsträgerInnen ermöglicht werden, auf die Bedürfnisse und Sorgen der LohnarbeiterInnen reagieren zu können:

„Es wurde notwendig, die komplexe emotionale Natur der sozialen Transaktionen am Arbeitsplatz zu verstehen, um gefaßt auf sie zu reagieren. Artikulieren Arbeiter etwa eine gewisse Unzufriedenheit, dann sollen nach Mayos Vorschlag die Manager ihrer Wut Gehör schenken, was allein schon dazu beitragen würde, diese Wut abzuschwächen.“ (Ilouz 2007, 28)

Illouz spricht von einer „Feminisierung universaler Ansprüche“, die durch die Verwendung von weiblich konnotierten, auf Gesprächsführung und emotionaler Einfühlung beruhender Methoden im betrieblichen Alltag institutionalisiert wurden. So verschob sich nicht zuletzt auch die gängige Charakterisierung von Männlichkeit und Weiblichkeit, da die neuen Anforderungen nicht zuletzt auch in das Selbstbild des machistischen Facharbeiters integriert werden mussten. (Illouz 2007, 29f)

An diesen Beispielen zeigt sich dann allerdings auch, das Emotionalität nicht gleich Emotionalität, Kommunikation nicht gleich Kommunikation ist. Vielmehr verändert die weiblich konnotierte Fähigkeit zu einfühlender Kommunikation ihre Beschaffenheit mit ihrer Unterordnung unter die patriarchal-rationalistischen Machtansprüche der Betriebsfamilie. Es handelt zwar auch, aber nicht ausschließlich um ein Verwischen von Geschlechtergrenzen (Illouz 2007, 40f), denn auf unterschiedlichste Art und Weise werden die Stereotype auf anderem Niveau tradiert, aufrechterhalten oder gar gestärkt.

Das ist alleine schon dadurch notwendig, das Emotion als Emotion im Betrieb tatsächlich keinen Platz hat. Bedeutung wird ihr lediglich zugemessen, insofern das zum Erreichen des Betriebsziels, also der Maximierung von Unternehmensprofiten, dienlich ist. Entsprechend kommt es zu einer Formalisierung der kommunikativen und affektiven Momente, so das sich durchaus Fragen ließe, was daran noch affektiv sein soll.

Marazzi etwa beschreibt die Entwicklung, das Kommunikation und Produktion nicht länger voneinander getrennt, sondern im jeweiligen Produktionsakt direkt miteinander verkoppelt sind. Die Organisierung etwa von neuen Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffen sollte nicht länger von einer vom formalen Produktionsprozess getrennten Einkaufsabteilung entschieden werden, sondern sich direkt aus den Erkenntnissen im unmittelbaren Produktionsprozess ergeben. Dadurch wurde es notwendig, Sprache auf ein Niveau zu bringen, das zur rational-formaliserten Art des Produktionsprozesses passt. Die Sprache wurde formalisiert, damit sie in die Lage versetzt werden konnte, „in demselben Augenblick, in dem sie Informationen vermittelt, Arbeitsvorgänge, die zur Erreichung des Zwecks wesentlich sind, in die Wege zu leiten.“ (Marazzi 1998, 24f)

Damit waren auch die Anforderungen an diese Art Sprache formuliert: sie muss nämlich eine sehr formale Sprache sein, die künstlich hergestellt wird und letztlich aus „abstrakten Codes“ besteht und sich vollständig den Regeln formaler Logik unterwirft. Das läuft letztlich auf mikroelektronische Verfahren und Maschinen hinaus. (Marazzi 1998, 25) Von hieraus ließe sich beispielsweise argumentieren, das die mikroelektronische Revolution der 70er und 80er Jahre eine wesentliche Quelle in der Notwendigkeit des kapitalistischen Reproduktionsprozesses findet, sich Affektivität und Sprachkompetenz nutzbar zu machen.

Die Sprache wurde durch ihre Anpassung an den Verwertungsprozess nicht nur verändert, sondern systematisch an diesen angepasst. Sie passt sich auch innerbetrieblich dem Verwertungsimperativ an, so wie sie das auch makroökonomisch bereits getan hat. Auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene sind sprachliche Akte etwa innerhalb von Politik mehr oder minder abstrakte Funktion der notwendigen Anforderungen, die das automatische Subjekt an die Charaktermasken stellt. Die moderne Welt zeichnet sich also durchaus, da wäre Hannah Arendt zumindest partiell recht zu geben, durch eine gewisse Sprachlosigkeit aus. (Arendt 2002, 11ff) Und das, obwohl sie doch mehr als jede andere auf Sprache angewiesen ist.

Diese durch Verwissenschaftlichung und Rationalisierung vorangetriebene Entwicklung entspricht der Ratio moderner Gesellschaft, nicht selber Zwecke zu setzen, sondern die eigenen Mittel lediglich einem anderen, vorgegebenen Zweck unterzuordnen. Was an der Kommunikation nicht in diesem Prozess aufgehen will, ist das Nicht-Identische (Adorno), was in jedem sprachlichen Akt mitschwingt, die „Person, die in ihr mitspricht“. (Arendt 2002, 219) Die Ratio strebt zur Totalität, was aber in Bezug auf die Sprache lediglich hieße, „auf auf das Sprechen überhaupt zu verzichten.“ (Arendt 2002, 11)

Was Marazzi als „linguistische Wende in der Ökonomie“4 beschreibt, ist so mindestens ebenso sehr eine rationalisierende Wende in der Linguistik. Die unter der Prämisse von Verwertungs- und Profitnotwendigkeiten vollzogenen Kommunikationsakte sind dann tatsächlich ihrer Affektivität im Wortsinne beraubt: es geht nicht mehr um Emotion, auch wenn es allenthalben behauptet wird. Schon Adorno bemerkte in seinen Minima Moralia, dass das kapitalistische Personal es leicht habe, „von Unverschämtheit frei zu bleiben: zur Freundlichkeit wird es ohnehin von oben angehalten.“ (Adorno 2003, 29)

Der Prozess lässt sich also nicht bloß als einseitiges Einsickern von Affektivität und Kommunikation in den Produktionsprozess darstellen, sondern gleichzeitig als Rationalisierung5 derselben. Wenn auch vielleicht nicht hervorgebracht, so doch zumindest in Teilen umgesetzt durch die politischen Interventionen feministischer Bewegungen sind in die initimen Beziehungen und die Selbstbilder der Geschlechtscharaktere Formen abstrakter Herrschaft eingegangen. Durch RatgeberInnenliteratur und psychologische Therapiekonzepte einerseits, durch die Praxis in feministischen Selbsthilfegruppen andererseits konnte eine Praxis der ständigen Selbstbefragung installiert werden, durch die sich gesellschaftliche Zwänge in die Subjekte hineinverlagerten. (Illouz 2007, 51ff; Trumann 2002, 176ff)

Eine Ursache dürfte diese Neujustierung der Geschlechtscharaktere sicherlich in der besonderen Form der bürgerlichen Frauenbewegung mit ihren – eben auch – bürgerlichen Zielen gehabt haben. Ohne die Genese etwa der modernen Vorstellung von Gleichheit zu reflektieren6 wurde die aus der bürgerlichen Öffentlichkeit übertragene Forderung nach abstrakter Gleichheit auf das abgespaltene Private übertragen – und hat dort, auch ohne das diese Sphäre vorher ein Hort von Glückseeligkeit gewesen wäre, einiges an Schaden angerichtet. (Illouz 2007, 48ff)

Dieser Trend schreibt sich fort in einer Vielzahl von Beratungs- und Supervisionsangeboten, wie sie sich in den letzten Jahren herauskristallisiert hat. Auch innerhalb dieses Trends lässt sich eine dem bisher diskutierten analoge Entwicklung ausmachen: galten bisher LehrerInnen als zentrale Sozialisationsinstanz nicht zuletzt über das, was sie sagten, also die Wahrheit, die zu produzieren sie anleiteten, so ist es heute die BeraterIn, die keine inhaltlichen Inputs liefert, sondern lediglich einen Prozess initiieren möchte, in dem sich die Betroffenen, scheinbar aus sich selbst heraus, Meinungen und Positionen bilden. Maßstab des Handelns wird so mehr und mehr das bereits verinnerlichte Wissen darüber, wie die Welt „halt so ist“:

„Indem sich Berater/innen in dieser Form weigern, als Autorität – als jemand, der hinsichtlich der Problemstellung mehr weiß – zu agieren, können sie weder eine Gegenautorität zu den gängigen gesellschaftlichen Erwartungen abgeben oder zu deren Hinterfragen anregen, noch können sie eine Instanz darstellen, an der Klient/innen sich „messen“ und damit ein Hinterfragen der gesellschaftlichen Normalität üben können. Als Kriterium, an dem sich die „Richtigkeit“ der im Beratungsprozess generierten Lösung beweist, bleiben somit letztendlich nur die Maßstäbe des Status quo übrig! Das, was da an allen Ecken und Enden als Beratung angeboten wird, ist also keineswegs so ergebnisoffen, wie vielfach getan wird – durch Beratung werden Individuen systematisch den gesellschaftlichen Erwartungen unterworfen!“ (Ribolits 2007, 23)

Diesen Trend bemerkten auch Boltanski und Chiapello, als sie bei ihrer großangelegten Studie zum neuen Geist des Kapitalismus die enorme Bedeutung feststellen konnten, die Coaching und die Fähigkeit zur Netzwerkbildung in der Managementliteratur spielen. Legitime Formen der Rechtfertigung eigenen Handelns werden demnach mehr und mehr kommunikative Fähigkeiten, etwa die als Vermittlungsinstanz zwischen Unterschiedlichen Postionen auftreten zu können, zu motivieren, Projekte anleiten zu können und dergleichen mehr. Die Rolle der ExpertInnen, die in einem einzelnen Gebiet kompetent sind, tritt demnach in den Hintergrund. (Boltanski/Chiapello 2003, 154ff)

Für die oftmals als befreiend vorgestellte Netzwerkbildung, die von den neuen Produktionsverfahren hervorgebracht würde, lässt sich im Anschluss an André Gorz7 ähnliches feststellen. Dies geschieht vor allem dadurch, das durch die Umstrukturierungen die Zugehörigkeitsgefühle zum Unternehmen auf unterschiedlichsten Ebenen gestärkt werden. Es entsteht ein Konformitätsdruck, der ein persönliches Ausscheren als ebenso unbotmäßig erscheinen lässt wie kollektive Aktionen der ArbeiterInnen gegen das Unternehmen. In gewisser Weise lässt sich hier von einer zunehmenden Verbeamtung der ArbeiterInnen sprechen, innerhalb derer sich die Subjekte das Ziel des Unternehmens zu eigen machen und ihr Leben auch genau darauf ausrichten. (Gorz 2000, 54ff)

So kommt es, das innerhalb des Produktionsprozesses zwar partiell die Autonomie der ArbeiterInnen gesteigert wird, sie aber andererseits diese Autonomie nicht zum Widerstand gegen die Arbeit nutzen, sondern lediglich zur Reproduktion bereits verinnerlichter Handlungsmuster. Gorz sieht des Ausweg daraus in sozialen Kämpfen, die dezidiert jenseits der unmittelbaren Produktionssphäre geführt werden:

„Die Autonomie in der Arbeit bewirkt wenig ohne eine sie fortsetzende kulturelle, moralische und politische Autonomie. Auch erwächst letztere nicht aus der produktiven Zusammenarbeit selbst, sondern aus militanten Aktionen und einer Kultur des Widerstands, der Rebellion, der Solidarität, der offenen Debatten sowie der radikalen Infragestellung und der Dissidenz“ (Gorz 2000, 60)

Die Veränderungen in den Produktionsbedingungen erklären sich nicht von alleine, sie brauchen einer politischen Übersetzung, wenn sie tatsächlich oppositionelles Bewusstsein hervorbringen wollen, es stellt sich mithin „die Aufgabe der kulturellen und politischen Vermittlungen, aus denen die Infragestellung der Produktionsweise und -ziele hervorgehen muß!“ (Gorz 2000, 60). Wenn dann die Veränderungen in der materiellen Praxis der Menschen, wie wir sie in postmodernen Produktionsprozessen vorfinden, mit einer kritischen Aufarbeitung dieser Widersprüche verbindet, wäre sicherlich ein erster Schritt hin zur menschlichen Emanzipation getan. Auch wenn es kaum denkbar erscheint, das solche Praxen ohne ganz grundsätzlich neue Wege menschlicher Interaktion, die dezidiert jenseits von Arbeit, Wert und Staat verlaufen, wirkmächtig werden können. Diese Formen als sozial reflexive, bewußt (anti-)politische Konzeptionen praktisch zu etablieren wird also auch weiterhin Aufgabe emanzipatorischer linker Bewegungen bleiben.

Literatur:

Adorno, Theodor W. (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus einem beschädigten Leben. Frankfurt am Main
Arendt, Hannah (2002): Vita activa oder Vom tätigen Leben. München
Atzert, Thomas/Müller, Jost (2004): Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire. Münster
Boltanski, Luc/Chiapello, Eve (2003): Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz
Gorz, Andre (2000): Arbeit zwischen Misere und Utopie. Frankfurt am Main
Hardt, Michael (2004): Affektive Arbeit. In: Atzert, Thomas/Müller, Jost: Immaterielle Arbeit und imperiale Souveränität. Analysen und Diskussionen zu Empire. Münster
Illouz, Eva (2007): Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt am Main
Marazzi, Christian (1998): Der Stammplatz der Socken: die linguistische Wende in der Ökonomie und ihre Auswirkungen in der Politik. Zürich 1998
Postone, Moishe (2003): Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Arbeit. Zur Neuinterpretation der kritischen Theorie von Marx. Freiburg
Ribolits, Erich (2007): Die sanfte Art, Menschen zum funktionieren zu bringen. In: Streifzüge 41/2007. Wien
Samol, Peter (2007): Arbeit ohne Wert. Über das Scheitern der ‚Dienstleistungsgesellschaft‘ und wie es mit der Unterscheidung von produktiver und unproduktiver Arbeit zusammenhängt. In: Krisis 31. Münster
Scholz, Roswitha (1992): Der Wert ist der Mann. Thesen zu Wertvergesellschaftung und Geschlechterverhältnis. In: Krisis 12. Münster
Scholz, Roswitha (1999a): Wert und Geschlechterverhältnis. In: Streifzüge 2/1999. Wien.
http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=schwerpunkte&index=3&posnr=32&backtext1=text1.php
Scholz, Roswitha (1999b): Die Müßiggängerinnen schiebt beiseite! Zum Verhältnis von Geschlecht und Arbeit im Feminismus
Trumann, Andrea (2002): Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus. Stuttgart
Virno, Paolo (2005): Grammatik der Multitude. Wien
Weber, Max (1964): Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Berlin/Köln

  1. Vgl. hierzu die Auseinandersetzung mit dem idealistischen Gehalt dieser Überlegungen in Kapitel 6. Zur Auseinandersetzung um die Begriffe von produktiver und unproduktiver Arbeit vgl. Samol 2007 [zurück]
  2. Auch wenn dieser Bereich keineswegs blind der „Abspaltung“ zugeschlagen werden kann, so sollte doch die Parallelität der Anforderungen zur Kenntnis genommen werden. [zurück]
  3. Die folgenden Ausführungen stellen beileibe keine umfassende wertkritische Aufarbeitung ihrer Überlegungen dar. Diese steht nach wie vor an und verspricht m.E. wesentliche Impulse für die Debatte. [zurück]
  4. So der Untertitel seines Werkes „Der Stammplatz der Socken“ [zurück]
  5. Die Betonung der Wichtigkeit der Rationalisierung innerhalb von Modernisierungsprozessen verweist auf die möglicherweise erkenntnisträchtige Neulektüre von Marx Webers „Wirtschaft und Gesellschaft“, in dem – wenn auch soziologistisch verkürzt – Modernisierung als Prozess von Rationalisierung und Entzauberung geschildert wird. [zurück]
  6. vgl. zu solchen Reflexionen beispielhaft: MEW 42, 166ff; Postone 2003, 252ff; Adorno 2003, 115f) [zurück]
  7. Auch für André Gorz gilt: eine umfangreiche und ausführliche Auseinandersetzung mit seinem Werk und dessen Bedetung für werkritische Theoriebildung steht nach wie vor aus und kann hier nicht geleistet werden. [zurück]
  8. Warum wir diese These nicht ernstnehmen sollten, wird Teil einer Abhandlung sein, die ich in ferner Zukunft in einer mir nahestenden Theoriezeitschrift veröffentlichen werde. [zurück]

1 Antwort auf “Emotion Affekt Abspaltung”


  1. 1 Benni 26. April 2008 um 15:47 Uhr

    Inspirierender Artikel. Zwei Punkte:

    1. Das Werbung per se nicht wertproduktiv ist, halte ich für falsch. Siehe die Diskussion mit Stefan hier: http://www.keimform.de/2008/04/11/reden-ueber-wert-und-preis/

    2. Den Punkt mit der mikroelektronischen Revolution kann ich gut gebrauchen. Hab sowas ähnliches nur nicht so ausformuliert hier drinnen: http://www.opentheory.org/infokapitalismus/text.phtml?action=hideall (Absatz 16)

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