Max Webers ’soziologische Abstraktion‘

Meinhard Creydt analysiert in einem schon etwas älteren, aber wie ich finde durchaus lesenswerten Text, die Regeln (nicht nur) der soziologischen Methode. Es gäbe Tricks, mit denen die Soziologie systematisch Erkenntnis verunmögliche. Der erste sei die formale Abstraktion:

Mit ihr wird ein Gegenstand Thema nicht nach den spezifischen Gründen, Zwecken und Eigendynamiken, die ihm eigen sind, sondern auf einen Aspekt oder ein Prädikat hin, den er auch hat.

Derartiges finden wir in der soziologischen Literatur zu Hauf. Etwa bei Max Weber, wenn der im 2. Kapitel seines Grundlagenwerkes „Wirtschaft und Gesellschaft“ die allgemeinen Begrifflichkeiten des Wirtschaftens darbieten will, wie sie über alle Epochen hinweg gültig sind und quasi fernab jeglicher Theoretisierung gültig sind:

Nachstehend soll keinerlei »Wirtschaftstheorie« getrieben, sondern es sollen lediglich einige weiterhin oft gebrauchte Begriffe definiert und gewisse allereinfachste soziologische Beziehungen innerhalb der Wirtschaft festgestellt werden.

- und dann, wie selbstverständlich anführt, das diese Begriffe natürlich auch dazu taugen müssen, den Kapitalismus zu beschreiben:

Die Definition des »Wirtschaftens« muß ferner so gestaltet werden, daß sie die moderne Erwerbswirtschaft mit umfaßt

Weber beschreibt also den Kapitalismus in Kategorien, die gerade nicht für den Kapitalismus spezifisch ist, sondern in solchen Kategorien, die er mit allen historisch vorangegangen Arten des „Wirtschaftens“ teilt. Das davon keine sonderlich tiefschürfenden Ergebnisse erhofft werden können, scheint mir auf der Hand zu liegen.

Gleichzeitig verlängert Weber aber auch das Spezifische des Kapitalismus in die Vergangenheit. Alleine schon der Begriff des Wirtschaftens als vom restlichen Leben getrennter Sphäre, die entsprechend gesondert behandelt gehört (im 1. Kapitel ging es ihm um „soziologische Grundbegriffe“, im 2. Kapitel erfahren die „soziologischen Grundbegriffe des Wirtschaftens“ eine getrennte Behandlung), ist hierfür ein Beispiel. Ob von Wirtschaft in diesem Sinne in vorkapitalistischen Gesellschaften überhaupt gesprochen werden kann, wäre ersteinmal historisch zu überprüfen. Stattdessen wird das Problem durch Gleichsetzung im abstrakten Begriff negiert. Die Besonderheit, das Nicht-Identische, verschwindet. Und alle gesellschaften können Weber so erscheinen, als seien sie schon immer kapitalistisch gewesen, die aktuelle Ausformung sei lediglich der „moderne Kapitalismus.


14 Antworten auf “Max Webers ’soziologische Abstraktion‘”


  1. 1 lysis 30. April 2008 um 0:39 Uhr

    Die „Regeln der soziologischen Methode“ stammen von Durkheim, dem Antipoden von Weber. Aber davon mal abgesehen scheint es mir vollkommen abwegig, Weber eine begriffliche Ontologisierung bürgerlichen Wirtschaftens zu unterschieben, da die Fahndung nach den historischen Ursachen und Folgen des Kapitalismus geradezu im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stand.

    Ich finde es jetzt nicht so wahnsinnig problematisch zu behaupten, dass jede Gesellschaft wirtschaftet. Dass dieses Wirtschaften allein deshalb schon als von allen anderen Lebensvollzügen getrennt gedacht worden wäre, ist wirklich eine hanebüchene Unterstellung angesichts der Tatsache, dass Weber den „Wirtschaftsethiken der Weltreligionen“ Hunderte von Seiten gewidmet hat. Um die zu vergleichen, braucht es allerdings einen von diesen Ethiken unabhängigen Begriff des Wirtschaftens, den Max Weber als braver Jurist gleich zu Anfang definiert. Und wozu das Ganze? Weil Weber beweisen will, dass der Kapitalismus nicht, wie der antisemitische Soziologe Werner Sombart damals behauptete, aus dem Geist des Judentums, sondern aus dem des Protestantismus entstanden war — als Verselbständigung der innerweltlichen Askese, die das kalvinistische Bürgertum sich als ursprünglich religiös motivierte Methodik der Lebensführung auferlegte.

    Man mag diese These kritisieren, aber eins ist sie sicher nicht: ahistorisch! So kann man die neoklassische VWL kritisieren, aber nicht die „Historische Nationalökonomie“ von Max Weber, die sich doch gerade als einen Gegenentwurf dazu präsentierte.

    Übrigens ist die platte Kontrastierung von Marx und Weber allein deshalb fragwürdig, weil sich in den 1920er Jahren so etwas wie ein Webermarxismus etablierte, den, meist ohne es zu wissen, alle teilen, die sich auf die Rationalitätskritik der Frankfurter Schule beziehen.

    Foucault schrieb einmal, es gäbe in Deutschland zwei Weber-Schulen: die Freiburger und die Frankfurter. Ich denke, er hatte recht.

  2. 2 Juli 30. April 2008 um 15:38 Uhr

    Die “Regeln der soziologischen Methode” stammen von Durkheim, dem Antipoden von Weber.

    Das stimmt. Genaugenommen heißt der Text von Creydt auch „Regeln (nicht nur) der soziologischen Methode“. In dem Kontext fast schon wieder lustig….

    Aber davon mal abgesehen scheint es mir vollkommen abwegig, Weber eine begriffliche Ontologisierung bürgerlichen Wirtschaftens zu unterschieben, da die Fahndung nach den historischen Ursachen und Folgen des Kapitalismus geradezu im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stand.

    Weber eine begriffliche Ontologisierung bürgerlichen Wirtschaftens zu unterschieben, da die Fahndung nach den historischen Ursachen und Folgen des Kapitalismus geradezu im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit stand.

    Wie sich die begrifflichen Definitionen von Weber dann mit seinen zeitgenössischen Untersuchungen vertragen, vermag ich nicht zu sagen. Seinen Begriffsdefinitionen würde ich aber genau das unterstellen wollen: das sie die Besonderheiten etwa des Kapitalismus zugunsten allgemeiner Begriffe in den Hintergrund rücken. Das zeigt sich ja etwa auch an Begriffen wie dem des (sozialen) Handelns, mit dem das Verhalten auf dem Markt, das Verhalten von Leibeigenem und Feudalherrn oder die menschlichen Begegnungen in einer freien Kooperation in einem Begriff als Ausgangspunkt seiner Überlegungen zusammenfallen.

    … braucht es allerdings einen von diesen Ethiken unabhängigen Begriff des Wirtschaftens, den Max Weber als braver Jurist gleich zu Anfang definiert.

    Die Frage, die sich hier stellt, ist doch aber: gibt es in anderen (nichtkapitalistischen) Gesellschaften tatsächlich eine solche Sphäre – oder wird aus den Besonderheiten des Kapitalismus eine allgemeine Theorie entworfen, die dann auf andere Gesellschaften projeziert wird? Eine Art soziologischer Eurozentrismus, sozusagen.

    So kann man die neoklassische VWL kritisieren, aber nicht die “Historische Nationalökonomie” von Max Weber, die sich doch gerade als einen Gegenentwurf dazu präsentierte.

    „Können“ kann „man“ ja viel… Und tatsächlich würde ich glauben, das Weber methodisch letztlich gar nicht sooooo furchtbar weit von der Neoklassik bzw. der Rational Choice Theorie weg ist, wie viele WeberianerInnen das gerne hätten. Auch wenn du recht hast, das sie sich sicherlich nicht als identisch behandelt werden sollten. (Aber das war ja auch keine umfassende Kritik, eher ein Gedankenblitz)

    Aber magst du mal was zu Freiburger und zur Frankfurter Weber-Schule sagen? Ich dachte die sitzen alle in Heidelberg ,-)

  3. 3 lysis 30. April 2008 um 22:00 Uhr

    Naja, ich zitiere einfach mal die Stelle bei Foucault:

    Ich habe auch deshalb einige biographische Anhaltspunkte erwähnt, um Ihnen etwas zu zeigen, das eine genauere Untersuchung verdienen würde (für jene, die sich für das zeitgenössische Deutschland interessieren). Es handelt sich um die eigenartige Nachbarschaft bzw. den Parallelismus zwischen der Freiburger Schule oder den Ordoliberalen und ihren Nachbarn von der Frankfurter Schule. Ein Parallelismus der Daten und auch des Schicksals, da zumindest ein Teil der Freiburger Schule, wie die Frankfurter Schule, verstreut und gezwungen war, ins Exil zu gehen. Die politische Erfahrung und der Ausgangspunkt waren von derselben Art, da, glaube ich, die einen wie die anderen, die Freiburger wie die Frankfurter Schule, im großen ganzen von einer, wie ich sagen würde, politisch-universitären Problematik ausgegangen waren, die in Deutschland seit Beginn des 20. Jahrhunderts vorherrschte und die man gewissermaßen den Weberismus nennen könnte. Nun, ich meine Max Weber, der den Ausgangspunkt für die einen wie die anderen darstellt und von dem man sagen könnte, wenn man seine Position drastisch schematisiert, daß er zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Deutschland, grob gesprochen, als derjenige fungiert, der das Problem von Marx verschoben hat. Wenn Marx versucht hat, das zu bestimmen und zu analysieren, was man mit einem Wort die widersprüchliche Logik des Kapitals nennen könnte, ist Max Webers Problem, das er zugleich in die deutsche soziologische, ökonomische und politische Reflexion eingeführt hat, nicht sosehr das Problem einer widersprüchlichen Logik des Kapitals als vielmehr das Problem der irrationalen Rationalität der kapitalistischen Gesellschaft. Dieser Übergang vom Kapital zum Kapitalismus, von der Logik des Widerspruchs zur Teilhabe am Rationalen und am Irrationalen kennzeichnet, glaube ich, nochmals auf sehr schematische Weise Max Webers Problem. Grob läßt sich sagen, daß sowohl die Frankfurter als auch die Freiburger Schule, sowohl Horkheimer als auch Eucken dieses Problem einfach in zwei verschiedenen Richtungen wiederaufgenommen haben. Denn, grob und auch hier wieder sehr schematisch gesprochen, bestand das Problem der Frankfurter Schule darin, die neue gesellschaftliche Rationalität zu bestimmen, die auf eine solche Weise gestaltet werden könnte, daß die wirtschaftliche Irrationalität aufgehoben wäre. Dagegen werden Leute wie Eucken, Röpke usw. das Problem der Entzifferung dieser irrationalen Rationalität des Kapitalismus, das auch das Problem der Freiburger Schule war, auf eine andere Weise lösen. Sie wollten nicht die Form der gesellschaftlichen Rationalität wiederfinden, erfinden oder definieren, sondern die ökonomische Rationalität definieren oder neu definieren oder wiederfinden, die es gestattet, die gesellschaftliche Irrationalität des Kapitalismus aufzuheben. Es gab also, wenn Sie so wollen, zwei entgegengesetzte Wege, um dasselbe Problem zu lösen. Gleichgültig, ob Rationalität oder Irrationalität des Kapitalismus, das Ergebnis war jedenfalls folgendes: Die einen wie die anderen sind, wenn Sie so wollen, nach ihrem Exil in den Jahren 1945, 1947 nach Deutschland zurückgekehrt — nun, ich spreche natürlich nicht von denjenigen, die gewzungen waren, ins Exil zu gehen —, und die Geschichte ergab, daß die letzten Schüler der Frankfurter Schule 1968 mit der Polizei einer Regierung zusammenstießen, die von der Freiburger Schule inspiriert war: Sie haben sich auf beiden Seiten der Barrikaden verteilt, denn das war schließlich das doppelte, zugleich parallele, überkreuzte und antagonistische Schicksal des Weberismus in Deutschland.

    Michel Foucault, „Vorlesung vom 7. Februar 1979″, in: Ders., Die Geburt der Biopolitik : Geschichte der Gouvernementalität II (Ffm. : Suhrkamp, 2004), 153 f.

  4. 4 lysis 30. April 2008 um 22:53 Uhr

    Mal ’ne These von mir: Was bei Weber „Wirtschaften“ heißt, ist bei Marx der gesellschaftliche Stoffwechsel mit der Natur. Und die Organisation dieses Stoffwechsels ist nun mal eine Aufgabe, der sich jede Gesellschaft stellen muss.

    À propos „Gesellschaft“: ist das nicht auch schon ein ahistorischer Begriff? Vor der bürgerlichen Gesellschaft gab es ihn jedenfalls nicht in dieser Bedeutung, sondern nur in Gestalt der „Gesellschaft“, die zwei Freunde einander leisten. Das Abstraktum, das sich daraus entwickelte, zeugt schon von einer spezifischen Qualität sozialer Beziehungen, die durch und durch bürgerlich.

    Es ist also kaum zu vermeiden, das wir bestimmte Begriffe, die im Kontext bürgerlicher Diskurse entstanden sind, anthropologisch reifizieren und dadurch andere „Gesellschaften“ einem analytischen Raster unterwerfen, das nicht das ihre, sondern das unsere ist. Wer das vermeiden wollte, müsste sich in eine Position begeben, die erkenntnistheoretisch unmöglich ist: nämlich in die des „neutralen Beobachters“, der selbst außerhalb von Ort und Zeit steht.

    Es ist doch schlauer, das zu reflektieren, als so zu tun, als könnte man andere Gesellschaften allein in ihren eigenen Begriffen beschreiben.

  5. 5 Juli 01. Mai 2008 um 10:54 Uhr

    Was bei Weber “Wirtschaften” heißt, ist bei Marx der gesellschaftliche Stoffwechsel mit der Natur. Und die Organisation dieses Stoffwechsels ist nun mal eine Aufgabe, der sich jede Gesellschaft stellen muss.

    Da wäre ich mir nicht sicher, denn Weber verweist in Kapitel 2 §1 Nr. 5 ausdrücklich auf einen Unterschied zwischen „Wirtschaften“ und „Technik“, wobei ihm Technik ihm als Machbarkeit der Naturauseinandersetzung gilt und Wirtschaft sich am Knappheitskriterium orientiert, und damit das in der modernen Ökonomie wesentliche Motiv einführt.

    Bei Aristoteles gibt es die Unterscheidung von Ökonomik und Chrematistik. Ökonomik war die auf das Erstellen von Gebrauchswerten für einen vorgegebenen Kreis von Menschen und Bedürfnissen. Chrematistik war die auf Handel und Erweiterung ausgerichtete Tätigkeit. (vgl: http://www.trend.infopartisan.net/trd0605/t170605.html)

    Aristoteles wäre es merkwürdig vorgekommen, von unendlichen Bedürfnissen zu sprechen, da diese erst durch die Chrematistik geschaffen würden. Die Orientierung an einer immerwährenden Knappheit scheint mir also ein recht modernes Phänomen zu sein. Und damit der Kern dessen, was heute Ökonomie heißt und scheinbar im Laufe der Geschichte einen Bedeutungswandel erfahren hat.

    Entsprechend kommentiert das dann auch Marx im Kapital (Fußnote 6):

    Daher ist auch der Reichtum, wie ihn die Chrematistik anstrebt, unbegrenzt. Wie nämlich jede Kunst, der ihr Ziel nicht als Mittel, sondern als letzter Endzweck gilt, unbegrenzt in ihrem Streben ist, denn sie sucht sich ihm stets mehr zu nähern, während die Künste, die nur Mittel zu Zwecke verfolgen, nicht unbegrenzt sind, da der Zweck selbst ihnen die Grenze setzt, so gibt es auch für diese Chrematistik keine Schranke ihres Ziels, sondern ihr Ziel ist absolute Bereicherung.

    Gerade weil es hier ein ziellose Betätitigung das Ziel ist (Geld um des Geldes willen, Profit um des Profites willen), müssen sich auch die Bedürfnisse als Knapp darstellen. Wären sie das nicht, machte der ganze Scheiß keinen Sinn…

  6. 6 bigmouth 01. Mai 2008 um 12:29 Uhr

    als knapp oder als unendlich?

  7. 7 Juli 02. Mai 2008 um 14:52 Uhr

    Ups. Die Bedürfnisse werden dann unendlich, genau. Und dadurch die Güter knapp.

    Isses jetze richtig rum? *g*

  8. 8 A.H. 02. Mai 2008 um 15:16 Uhr

    Ich denke, den bürgerlichen Begriff der „Knappheit“ kann man am besten auf begrifflicher Ebene, also indem man einen objektiven Begriff von Knappheit heranzieht, üben. Ich habe dies in einer Kritik an einem liberalen Kapitalismusfreund denke ich ganz gut hingekriegt. Ein Zitat daraus (die plakative Behauptung, auf die sich diese Passage bezieht, war die Aussage des Liberalen „Alles ist knapp“):
    „Eine schöne Metaphysik. Aber was ist der Maßstab von objektiver Knappheit? Der kann nur sein, dass es nach einem bestimmten Bedürfnis nicht genügend Befriedigungsmöglichkeiten gibt. Dann ist diese Aussage jedoch falsch. Luft, Nahrung und Wasser sind z.B. objektiv betrachtet nicht knapp.“
    Der Link zum Artikel:
    http://antifahorgau.blogsport.de/2008/04/16/kapitalismusapologie-auf-intellektuell/#more-59

    Zur Weber-Diskussion:

    Also ich kenne mich mit Weber mal garnicht aus, bis auf einige Brocken, die ich halt da und dort so aufgeschnappt habe. Aber gerade die Tatsache, dass der Begriff „Entzauberung“ von ihm stammt, zeigt ja schon den großen Einfluss, den er auf die Frankfurter Schule gehabt haben muss (die verwenden den Begriff ja auch ständig).

    Zu dem von lysis zitierten Foucault-Text eine Bemerkung:
    Wenn ich Focault richtig verstehe, meint er mit „logischen Widersprüchen“ wohl z.B. die paradoxe Existenz der Geldware, als Tier an sich, dass den einzelnen, konkreten Tieren gegenübersteht. Oder halt die Widersprüche, die sich aus der Fetisch-Kritik ergeben.

    Zugleich würde ich aber schon behaupten, dass gerade in der Fetisch-Kritik Marx ja der bürgerlichen Gesellschaft auch gerade vorhält, dass sie „irrational rational“ ist. Da würde ich den Hauptunterschied zwischen Marx und der kritischen Theorie garnicht festmachen, sondern der ist mE eher darin zu suchen, dass die Frankfurter nicht mehr nach Gründen für die Instabilität des Kapitalismus (wie Marx*), sondern primär nach Gründen für die Stabilität des Kapitalismus suchten. Und damit verbunden natürlich zugleich der endgültige Abschied von Marx Optimismus, was das Eintreffen einer Revolution betrifft sowie ein Wechsel in der Geschichtsphilosophie.
    Aber man kann gleichzeitig nicht so tun, als wäre dies ein willkürlicher Wechsel aus der Luft heraus (wie es mir bei Foucault ein bisschen vorkommt), sondern dem lag ja ganz konkret die Erfahrung des doppelten Versagens (nicht nur) der deutschen Arbeiterklasse im 1. Weltkrieg und im NS, des Umschlags der russischen Revolution in eine Parteidíktatur sowie des hohen Integrationspotentials des modernen, demokratischen Kapitalismus im Westen zu Grunde.

    * Sogar das ist natürlich vereinfacht, da der ganze Fetisch ja ein ziemlich bedeutsamer Stabilitätsfaktor ist.

  9. 9 lysis 03. Mai 2008 um 4:18 Uhr

    A.H.: Ja, aber die Gründe für die Instabilität des Kapitalismus liegen, jedenfalls für Marx, in der Logik des Kapitals. Wenn man diese Fragestellung verschiebt und stattdessen nach den Gründen für die Stabilität des Kapitalismus sucht, hat man plötzlich einen ganz anderen Gegenstand vor sich. Man untersucht dann nicht mehr das Kapital, sondern die historischen-gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, in denen es funktioniert, wie z.B. die Familie oder die okzidentale Vernunft. Dem entspricht in der Kritischen Theorie der Griff zur Psychoanalyse (in den „Studien zum Autoritären Charakter“) und zu Max Webers Rationalisierungskritik (in der „Dialektik der Aufklärung“). Das ist eine gänzlich andere Fragestellung als die von Marx, und die Kritische Theorie ist deshalb nur noch peripher als marxistisch zu bezeichnen.

    Wenn man sich dagegen ein bisschen mit Weber auskennt, merkt man schnell, dass die meisten Thesen der Kritischen Theorie im Grunde von ihm stammen, obwohl ihre Vertreter nicht die Höflichkeit besitzen, ihn auch nur ein einziges Mal zu zitieren. Ob wir den Begriff der instrumentellen Vernunft (Weber: „Zweckrationalität“), den Begriff der subjektiven Vernunft (Weber: „formale Vernunft“) oder den der Verwalteten Welt (Weber: „stahlhartes Gehäuse der Hörigkeit“) nehmen: es ist hier wie dort derselbe historische Pessismus, dieselbe Art von quietistischer Sozialkritik, welche jeden tatsächlichen Ausbruchsversuch zugunsten einer messianischen Ethik des „Aushaltens“ denunziert.

    Das hat mit NS und 1. Weltkrieg überhaupt nichts zu tun. Weber hat diese Ethik völlig unabhängig von und lange vor diesen schrecklichen Ereignissen vertreten. Sie ist theorieimmanent begründet, auch wenn sie sich bei der Kritischen Theorie perfiderweise mit der Shoah legitimiert (Adorno, im ungefähren Wortlaut, an Marcuse: „Wir haben ja schließlich auch Auschwitz ausgehalten. Warum sollten wir jetzt nicht Vietnam ertragen können?“)

  10. 10 A.H. 05. Mai 2008 um 20:09 Uhr

    Also ich denke, dass man, wenn man sich den Kapitalismus anschaut, notwendig feststellt, dass es sich bei ihm um ein relativ stabiles System handelt – historisch hat er ja auch schon einiges ausgehalten. Es geht ja darum, festzustellen, wie er ist.

    Okay, hier könnte man natürlich einhaken, dass diese Art der Fragestellung grundsätzlich falsch sei – dann wäre aber auch die Frage von Marx nach der Instabilität falsch. Das wäre halt so in etwa die GSP-Herangehensweise.

    Wenn man nun erkannt hat – oder glaubt, erkannt zu haben – dass der Kapitalismus ein relativ stabiles, schlechtes System ist, dann stellt man sich natürlich die Frage, wie man sich dazu verhält. Aber diese Frage ist mE von der ersten erstmal unabhängig. Adorno & Co. haben in ihren Schriften schließlich auch nie zu irgendeinem Verhalten aufgerufen, sondern sogar die Leute kritisiert, die soetwas tuen (im Anhang der DdA gibt es dazu zwei lesenswerte Aphorismen – „Propaganda“ und das Gespräch zwischen zwei jungen Leuten).
    An den unterschiedlichen Verhaltensweisen von Adorno/Horkheimer auf der einen und Marcuse auf der anderen Seite kann man ja schon absehen, dass es nicht die Zwangsläufigkeit kritische Theorie=Ethik des Aushaltens gibt. Der Witz ist ja, dass Marcuse im großen und ganzen ganz ähnliche Dinge wie die beiden anderen gelehrt hat – und trotzdem die Studenten unterstützte.

    Aber das ist wirklich eine verdammt schwierige Frage.

  11. 11 lysis 07. Mai 2008 um 0:26 Uhr

    Für Marcuses rebellische Haltung ist sicher nicht sein Webermarxismus verantwortlich. Alle diese Denker unterlagen ja auch noch anderen, sehr unterschiedlichen Einflüssen. Allein, wenn man Horkheimers letzte Interviews über die „Verwaltete Welt“ liest, fühlt man sich ganz in das Gedankengebäude eines orthodoxen Weberianers (und eben nicht Marxisten!) versetzt. Um das einmal zu veranschaulichen, zitiere ich aus Webers Werk:

    Eine leblose Maschine ist geronnener Geist. Nur daß sie dies ist, gibt ihr die Macht, die Menschen in ihren Dienst zu zwingen und den Alltag ihres Arbeitslebens so beherrschend zu bestimmen, wie es tatsächlich in der Fabrik der Fall ist. Geronnener Geist ist auch jene lebende Maschine, welche die bürokratische Organisation mit ihrer Spezialisierung der geschulten Facharbeit, ihrer Abgrenzung der Kompetenzen, ihren Reglements und hierarchisch abgestuften Gehorsamsverhältnissen darstellt. Im Verein mit der toten Maschine ist sie an der Arbeit, das Gehäuse jener Hörigkeit der Zukunft herzustellen, in welche vielleicht dereinst die Menschen sich, wie die Fellachen im altägyptischen Staat, ohnmächtig zu fügen gezwungen sein werden, wenn ihnen eine rein technisch gute und das heißt: eine rationale Beamtenverwaltung und -versorgung der letzte und einzige Wert ist, der über die Art der Leitung ihrer Angelegenheiten entscheiden soll. Denn das leistet die Bürokratie ganz unvergleichlich viel besser als jegliche andere Struktur der Herrschaft. Und dieses Gehäuse, welches unsere ahnungslosen Literaten preisen, ergänzt durch die Fesselung jedes einzelnen an den Betrieb (Anfänge dazu: in den sogenannten »Wohlfahrtseinrichtungen«), an die Klasse (durch zunehmende Festigkeit der Besitzgliederung) und vielleicht einmal künftig an den Beruf (durch »leiturgische« staatliche Bedarfsdeckung, das heißt: Belastung berufsgegliederter Verbände mit Staatsaufgaben), würde nur um so unzerbrechlicher, wenn dann auf sozialem Gebiet, wie in den Fronstaaten der Vergangenheit, eine »ständische« Organisation der Beherrschten der Bürokratie angegliedert (und das heißt in Wahrheit: ihr untergeordnet) würde. Eine »organische«, d.h. eine orientalisch-ägyptische Gesellschaftsgliederung, aber im Gegensatz zu dieser: so streng rational wie eine Maschine es ist, würde dann heraufdämmern. Wer wollte leugnen, daß derartiges als eine Möglichkeit im Schoße der Zukunft liegt? Es ist das schon oft gesagt worden, und die verworrene Vorstellung dieser Möglichkeiten zieht ihre Schatten in die Produktionen unserer Literaten. Nehmen wir nun einmal an: gerade diese Möglichkeit wäre ein unentrinnbares Schicksal, – wer möchte dann nicht lächeln über die Angst unserer Literaten davor, daß die politische und soziale Entwicklung uns künftig zuviel »Individualismus« oder »Demokratie« oder dergleichen bescheren könnte und daß die »wahre Freiheit« erst aufleuchten werde, wenn die jetzige »Anarchie« unserer wirtschaftlichen Produktion und das »Parteigetriebe« unserer Parlamente beseitigt sein werden zugunsten »sozialer Ordnung« und »organischer Gliederung« – das heißt: des Pazifismus der sozialen Ohnmacht unter den Fittichen der einzigen ganz sicher unentfliehbaren Macht: der Bürokratie in Staat und Wirtschaft!

    Angesichts der Grundtatsache des unaufhaltsamen Vormarsches der Bürokratisierung kann die Frage nach den künftigen politischen Organisationsformen überhaupt nur so gestellt werden:

    1. Wie ist es angesichts dieser Übermacht der Tendenz zur Bürokratisierung überhaupt noch möglich, irgendwelche Reste einer in irgendeinem Sinn »individualistischen« Bewegungsfreiheit zu retten? Denn schließlich ist es eine gröbliche Selbsttäuschung, zu glauben, ohne diese Errungenschaften aus der Zeit der »Menschenrechte« vermöchten wir heute (auch der konservativste unter uns) überhaupt zu leben.

    Gerade Horkheimer, mehr als jeder andere in der Frankfurter Schule, hat diesem Gedankengang von den 40er Jahren bis zu seinem Tod absolute Treue bewahrt, und er ist darüber auch zum Antikommunisten geworden.

  12. 12 A.H. 07. Mai 2008 um 17:43 Uhr

    Okay, die Parallele zu vielen KT-Äußerungen ist überdeutlich. Aber wie genau sieht jetzt deine Kritik an den darin vertretenen Thesen aus?

  13. 13 Juli 08. Mai 2008 um 20:00 Uhr

    Also von Marcuse gibt es ja auch eine Auseinandersetzung mit Weber. „Der Kapitalismus im Werk von Max Weber“ oder so ähnlich heißt die. Und sie liest sich nicht gerade so, als wäre Marcuse Weberianer…

    Zudem wäre ja noch die Frage zu klären, ob etwa Adorno und der junge Horkheimer (beim alten wäre ich da ohnehin vorsichtig, der hatte mit Kritischer Theorie m.E. nicht mehr viel am Hut…) nicht vielleicht ihre eigene Theoreme in Worte kleiden, die nach Weber klingen – schlicht und ergreifend, um so ein besseres Standing in der Soziologen-Gemeinde zu kriegen.

  14. 14 A.H. 05. Juli 2008 um 14:36 Uhr

    Jo, ich hab jetzt den betreffenden Text von Marcuse mal durchgelesen. Er sagt halt, dass Weber viele richtige Sachen gesagt hat, die sich gerade wegen ihrer strikten abstrakten Neutralität sehr gut kritisch gegen den Kapitalismus wenden lassen, hat aber an Weber ansonsten auch einiges zu kritisieren.

    Also Marcuse findet gerade die Abstraktheit Webers Werk, die im Eingangsbeitrag kritisiert wurde, das gute an Weber, da sie ihn davor schützt, in „Pseudokonkretheit“ und damit eine fetischisierte Wiedergabe der Fakten zu verfallen. Die Kritik an Weber setzt eher daran an, dass Weber die spezifische Rationalität der kapitalistischen Verhältnisse – die er durchaus richtig charaktierisiert – als technische Rationalität an sich erklärt und diese so trotz aller implizierten Kritik rechtfertigt.

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