Luhmann’s automatisches Subjekt

Kritische Theorie tut immer gut daran, sich mit der Art und Weise auseinanderzusetzen, in der bürgerliche Wissenschaften sich die Welt zu erklären zu versuchen. Was in den akademisch orientierten Sparten kritischer Theoriebildung Usus ist, kommt auch in den außerakademisch organisierten Theoriezirkeln immer mal wieder vor. Und so ergeben sich, je nach Einschätzung gesellschaftlicher Realität und eigener Positionierung innerhalb des theoretischen Feldes, ganz sonderbar unterschiedliche Kritiken, die schlussendlich dann doch wieder zusammenpassen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel, das alleine deshalb gewählt wird, weil es mir gerade über den Weg gelaufen ist. Eine sehr beliebte Theorie der Mainstream-Soziologie ist die von Niklas Luhmann ausgearbeitete Systemtheorie. Und so hat dann Robert Kurz, als er Mitte der 90er Jahre gerade auf dem Weg war, das Subjekt auszulöschen, sich auch mit eben dieser Theorie auseinandergesetzt. Kurz kritisiert in seinem Aufsatz „Subjektlose Herrschaft“ den Hang der politischen Linken, Gesellschaft stets als etwas analysieren zu wollen, in dem Subjekte bewußt handeln. Demgegenüber hält Kurz fest, das die Gesellschaft sich als „automatisches Subjekt“ (Marx) mittels des Kapitals selbstbewegt und hat durchaus nicht nur Kritik für Luhmann übrig:

„Tatsächlich läßt sich der tiefe Wahrheitsgehalt der Begriffe von »Systemen«, »Strukturen« und »Prozessen« ohne Subjekt angesichts der beobachtbaren Empirie spätmoderner oder »postmoderner« bürgerlicher Verhältnisse kaum noch bestreiten. Strukturalismus und Systemtheorie sagen nur, was wirklich der Fall ist, d.h. was real erscheint.“

Im Kapitalismus, so die Quintessenz Kurzens, liegt es im Grunde schon nahe, Gesellschaft als systemtheoretisch zu beschreiben. Ein Gedanke, den auch Georg Lukacs bereits geäußert hatte:

„Es entstehen ‘isolierte’ Tatsachen, isolierte Tatsachenkomplexe, eigengesetzliche Teilgebiete (Ökonomie, Recht usw.), die schon in ihren unmittelbaren Erscheinungsformen für eine solche wissenschaftliche Erforschung weitgehends vorgearbeitet scheinen. So daß es als besonders ‘wissenschaftlich’ gelten muß, diese – den Tatsachen selbst innewohnende – Tendenz zu Ende zu denken und zur Wissenschaft zu erheben. Während die Dialektik, die allen diesen isolierten und isolierenden Tatsachen und Teilsystemen gegenüber die konkrete Einheit des Ganzen betont, die diesen Scheint als einen – allerdings von dem Kapitalismus notwendig produzierten – Schein enthüllt, als bloße Konstruktion wirkt.“

Ganz anders sieht das allerdings Alex Demirovic, der der Wertkritik und der neuen Marxrezeption seit den 80ern noch nie etwas abgewinnen konnte. Er zitiert zunächst aus Luhmanns „Beobachtungen der Moderne“ dessen späte Marx-Rezeption:

„Die Wirtschaftsordnung des Kapitalismus folgt nach Marx nicht der Natur wirtschaftlichen Handelns mit eingebautem Trend zur individuellen und kollektiven Rationalität. Sie ist vielmehr eine soziale Konstruktion.“

Dies, so Luhmann, müsse von Marx übernommen werden. Kurz würde hier wohl einwenden, das Marx lediglich vom selbstbezüglichen Charakter der Wertverwertung innerhalb des Kapitalismus auf die übrige Welt und Weltgeschichte kurzschließe. Bei Demirovic geht es jedoch anders weiter:

„Doch wieder hat er (Luhmann, EoB) sachlich nicht recht, es gelingt ihm nicht, die Intentionen von Marx angemessen zu reformulieren. Vielmehr reagiert Luhmann faktisch auf eine Lage des Theoriemarkts in den siebziger Jahren, in denen eine neu entstandene Marxphilologie versprach, durch die durch die hermeneutische Übung einer Rekonstruktion des wirklichen Sinns der Marx’schen Texte zur Wirklichkeit zu gelangen. Es wurde angenommen, die kapitalistische Ökonomie könne als Automatismus des sich verwertenden Werts begriffen werden und habe sich vollständig von den Menschen und ihren Tätigkeiten abgelöst und zum System verselbständigt. Luhmanns Systemtheorie kann aus dieser Sicht vielleicht als eine zwar affirmative, aber durchaus auch angemessene Beschreibung des Zustands absoluter Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse betrachtet werden.“ Alex Demirovic: Komplexität und Emanzipation. In: Ders. (Hrsg.): Komplexität und Emanzipation. Kritische Gesellschaftstheorie und die Herausforderung der Systemtheorie Niklas Luhmanns

Die Formulierung liest sich fast, als hätte Demirovic Kurz gelesen, ist es doch genau das, was Kurz im obigen Zitat zumindest andeutet. Die Frage ist nun aber, wie sich Marx und die neue Marx-Rezeption (zu der ich neben Backhaus, Reichelt, Heinrich und Elbe eben auch Kurz, Trenkle und Postone zählen würde) tatsächlich zu diesem Punkt verhalten. Meiner Einschätzung nach dürfte das ungefähr so aussehen:

Menschen handeln, und zwar im Kapitalismus auf eine ganz besondere Art und Weise. Sie produzieren und tauschen nämlich Waren. Dadurch, die Warenproduktion und -tausch gesellschaftlich hegemonial werden (sprich: Menschen kaum oder gar nicht überleben können, ohne sich an diesen Strukturen zu beteiligen), entstehen durch das Handeln der Menschen Strukturen, die sich den Menschen gegenüber verselbständigen. Schließlich sind haben die Menschen es nicht mehr mit „unmittelbar gesellschaftliche(n) Verhältnisse(n) der Personen in ihren Arbeiten selbst“ zu tun, „sondern vielmehr (mit) sachliche(n) Verhältnisse(n) der Personen und gesellschaftliche(n) Verhältnisse(n) der Sachen.“ (MEW 23, 87). Der gesellschaftliche Prozess „verwandelt sich so in ein automatisches Subjekt.“ (MEW 23, 169)

Selbstverständlich ist es immer noch das Handeln der Menschen, das diesen Prozess verursacht (darin liegt der Fehler Luhmann’s). Und ebenso selbstverständlich könnten diese Menschen durch eine Veränderung ihres Handelns auch eine Gesellschaftlichkeit begründen, in denen die Verhältnisse sich nicht mehr ihnen gegenüber verselbständigen. Das nicht denken zu können, ist eine weitere Schwachstelle in der systemtheoretischen Konzeption.

Das darf aber nun nicht dazu veranlassen, dem fehlenden kritischen Impuls in der Darstellung von Luhmann dadurch zu begegnen, das die Sozialtechnokratie alleine dem Theoretiker zugeschoben wird – und nicht auch den Verhältnissen, die ihm eine solche Interpretation nahelegen. Das zumindes scheint mir plausibler als die Annahme, Luhmann habe zu viel Backhaus und Reichelt gelesen und deshalb sein ökonomisches System als selbstbezüglich konzipiert…


11 Antworten auf “Luhmann’s automatisches Subjekt”


  1. 1 name is shame 02. Mai 2008 um 18:38 Uhr

    Systeme werden „gefahren“ (im wörtlichen Sinn z.B. das am meisten genutzte, das Automobil). Das kommt bei Luhmann nicht vor. An der Stelle steht bei ihm das alberne Konstrukt „Autopoiesis“, soviel ich weiß.

  2. 2 scheckkartenpunk 03. Mai 2008 um 10:58 Uhr

    luhmann weigerte sich auch auf nachfrage hin neben der exakten beobachtung und beschreibung irgendwelche aussagen zu treffen, was und in welche richtung etwas zu verändern wäre, um irgendeinen wunschzustand zu erreichen. nur weil er keine aussage dazu getroffen hat bedeutet das nicht, daß systeme in seinem sinne nicht veränderbar wären. luhmanns systeme reagieren auf die umwelt, verändern sich in sich selbst in reaktion auf die umwelt, sonst wären sie bei zu stark veränderter welt nicht überlebensfähig (also ist auch die abschaffung von systemen möglich). damit ist es auch nicht unmöglich, daß handeln von menschen systeme verändert und dann liegt der fehler nicht bei luhmann sondern beim rezipienten, der das nicht versteht. nur weil er sich weigerte messianische auswege zu behaupten bedeutet das nicht, daß er sie in seiner theorie verunmöglicht hätte.

    zu „fahrende“ systeme implizieren einen fahrer, welcher die fäden in der hand hielte und systeme mit masterplan „fahren“ würde. die große weltverschwörung. da erscheint autopoiesis aus gutem grund weniger albern.

  3. 3 Juli 03. Mai 2008 um 12:26 Uhr

    Das Systeme und Subsysteme sich verändern können ist ja das eine. Aber ob sie in ihrer Konstitution durch das Handeln von Menschen geschaffen werden, oder durch systemisch-funktionale Eigenheiten, ist das andere. Um letzteres ging es mir hier. Und da scheint Luhmann tatsächlich eher die zweitere Position zu vertreten.

  4. 4 scheckkartenpunk 03. Mai 2008 um 13:05 Uhr

    nun der mensch ist bei luhmann nunmal kein system, sondern bestandteil verschiedener systeme. der mensch kommt in luhmanns theorie so nicht vor das ist richtig, aber das bedeutet doch nicht, dass menschen deshalb keine handlungsoptionen haben, schließlich sind sie immer umwelt von systemen und beeinflussen diese, bzw. bei stark veränderter umwelt könnte es sein, dass das system sich nicht mehr aufrechterhalten kann. damit ist doch die handlungsoption formuliert.

  5. 5 revolution 06. Mai 2008 um 10:57 Uhr

    interessant, dass du grade so nen artikel schreibst, diese verknüpfung von ‚automatischem subjekt‘ und luhmanns systemtheorie ist mir auch schon öfter so durch den kopf gegangen.

    zum thema menschliches handeln: also soweit ich das verstehe, gibt es bei luhmann kein handeln mehr. es ist zwar ne kontingenz in der anschlussfähigkeit gegeben, aber grundsätzlich schließt kommunikation nur an kommunikation an. bewußtes zielgerichtetes handeln existiert in diesem sinne nicht mehr (?) und die umwelt kann ja auch nicht gezielt beeinflusst werden, weil die reaktion der umwelt (was ja im normalfall ein anderes subsystem ist) überhaupt nicht verstanden werden kann, weil jedes subsystem seine eigenen codes und kommunikativen logiken entwickelt und deswegen nicht an die kommunikation anderer systeme anschließen kann… in dieser perspektive lässt sich auch gar keine totalität mehr denken, außer als integration in globale kommunikation, wobei kein meta-code existiert, der dann wieder die subsysteme steuern könnte. also von daher würde ich juli zustimmen, die konstitution der systeme sind eigenleistungen der systeme und nicht auf menschliches handeln zurückzuführen, diese presche müsste erst in das theoriegebäude geschlagen werden.

  6. 6 Benni 06. Mai 2008 um 14:56 Uhr

    Interessant wäre vielleicht auch eine Auseinandersetzung mit neueren soziologischen Theorien, ich denke vor allem an die Actor-Network-Theory (ANT), die man vielleicht als Verheiratung von Postmoderne und Systemtheorie interpretieren könnte (zumindestens sagen dass die Herausgeber eines Sammelbandes). Ich persönlich konnte nicht allzuviel damit anfangen, aber ich hab eh ein grundsätzliches Problem mit Soziologie (frag mich nicht welches, das weiss ich selbst nicht so genau).

  7. 7 name is... 07. Mai 2008 um 5:35 Uhr

    @ scheckkartenpunk: Sehr gut beobachtet! Gesellschaft hat/ist doch kein System! Luhmann hatte vielleicht eins für seinen Zettelkasten: hier Recht, da Ökonomie etc. … Die ganzen Verwaltungen haben auch jede Menge Zettelkästen. Daher wahrscheinlich auch die Beliebtheit der Systemtheorie, gerade in Deutschland.

  8. 8 name... 08. Mai 2008 um 18:26 Uhr

    Noch eine Bemerkung zu der Diskussion um die Gesellschaft als „automatisches Subjekt“. Es findet sich dazu auch eine Einschränkung bei Marx, denn er schrieb (in der Schrift zu Hegels Rechtsphilosophie, glaube ich; ich zitiere sinngemäß aus dem Gedächtnis), die Gesellschaft mache überall den Staat, nicht aber in Deutschland. Anscheinend ist Gesellschaft eben doch nicht „automatisch“ das Subjekt.

  9. 9 Juli 08. Mai 2008 um 19:57 Uhr

    Zum automatischen Subjekt:

    Das Theorem vom automatischen Subjekt hat Marx im Rahmen seiner ökonomiekritischen Studien entwickelt. Die Schriften zur Hegelschen Rechtsphilosophie waren da bereits einige Zeit davor. Also würde ich selbst wenn – ich betone ausdrücklich: wenn – genau das damit gemeint war, nicht unbedingt auf spätere Werke zurückschließen wollen. Menschen lernen schließlich dazu…

    Zur Gesellschaft bei Luhmann:

    Scheckkartenpunk schrieb ja zur Frage, ob und inwieweit der Mensch bei Luhmann auftaucht. Bei „name is“ ging es dann aber um die Frage, ob die Gesellschaft bei Luhmann ein System ist. Nun beschränken sich meine Luhmann-Kenntnis auf sehr wenige Texte, aber zumindest in den mir bekannten Sekundärtexten (Reese-Schäfer und Schuldt) wird deutlich darauf hingewiesen, das Luhmann selbstverständlich ein Weltsystem kenne.

  10. 10 tom 08. Juli 2008 um 0:42 Uhr

    … In »Liebe als Passion« beschreibt Luhman Menschen als „psychische Systeme“ und wendet unvermindert seine Theorie darauf an.

  11. 11 Günter Lauterbach 24. September 2008 um 0:45 Uhr

    Anbei ist das automatische Subjekt die sinnlich gegenständliche Weltproduktionsmaschine des Kapitals oder die aufgehäufte Arbeit im System, in welcher wortwörtlich die Menschen, heuer global, agieren und agieren müssen um das Ding am Laufen zu halten, weil es die Voraussetzung für ihr Leben geworden ist.

    Da der einzelne Mensch beschränkt ist, wirkt das Produkt der Geschichte als gewordenes System in welchem sich der vereinzelte Einzelne hilflos bewegen muß, da er diese Megamaschine bisher noch nicht in ihrer Totalität wahrnehmen konnte. Macht man sich aber dies bewusst, so hat man eine Ahnung davon, warum die Tote Arbeit die Lebendige Arbeit beherrschen muß und warum die Arbeit die Menschen beherrscht und nicht die Menschen den Stoffwechsel mit der Natur gesellschaftlich beherrschen können. Hier beantwortet sich die Frage: Warum der Mensch in die Asozialität des Privatverhältnisses gedrängt sieht, dies durch seine eigene geschichtliche Tat bei der Errichtung dieses Monsters. Die Metaepoche der Klassengeselligkeiten sind Stufen zu dem heute Erkennbaren. Das Automatische Subjekt ist also der Mensch in seiner sachlichen Voraussetzung der Weltproduktionsmaschine in welcher er nur noch eine monadische Rolle spielen kann und die gesellschaftliche Verbundenheit sich über die abstrakte Arbeit, welche sich aus der realen Arbeit, hinter seinem Rücken entfalten muß, gesellschaftlich wahrnehmen kann.Er ist Täter und Opfer zugleich ohne das es einen Täter geben würde der je ein Opfer sein kann.

    Die Verrücktheit erlangt ihren Höhepunkt wenn die Produktion wirklich ohne Zutun der Menschen existent sein wird. Dies in den Bedingungen der Biologisierung der Produktionsmittel gegeben. Dann Enthalten die Produkte genau so viel Wert wie eine Sonnenbad oder die Annehmlichkeiten der Schwerkraft, welche beide ohne menschliche Vermittlung zu Genuss gebracht werden können, keinen. Damit ist die Vergesellschaftung der Natur als menschliche Natur geworden und kann durch den Menschen in vielfältigster Weise genossen werden. Die Bedingung des Diktats der toten Arbeit über die lebende Arbeit ist als Zwangsprinzip aufgehoben und damit die nur „zweckmäßige“ Tätigkeit in einer fremden Bestimmung in sich zurückgenommen und geschichtlich überwunden.

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