Have no fear of atomic Energy


„Have no fear for atomic energy,
cause none of them can stop the time.“

sang Bob Marley schon 1979 im „Redemption Song“ – und kommt damit jetzt wieder in die Charts. Im Zuge steigender Preise für Energie und Rohstoffe wird auch die Atomenergie wieder Trendy. Atomenergie sei nun mal eine fortschrittliche Technologie, die vergleichsweise billig zu produzieren sei. Das meinen clevere AtomfreundInnen an den teureren Preise für Alternative Energie ablesen zu können. Das der Preis für Atomstrom aber ein politischer ist, in den so einiges nicht eingepreist wurde, hat nun Jochen Stay in der Jungle World (mal wieder) klargestellt:


„Insbesondere das schmutzige Ende der Atomwirt­schaft fällt kaum denen zur Last, die jetzt daran verdienen. Der Bau von Forschungsreaktoren wur­de in der Bundesrepublik bisher mit 20 Milliarden Euro subventioniert. In gescheiterte Atomprojekte wie Wackersdorf, Kalkar und Mülheim-Kärlich flossen neun Milliarden Euro öffentliche Mittel. Die Sanierung der Uranabbaugebiete in Thüringen und Sachsen hat nach der Wiedervereinigung 6,6 Milliarden Euro Steuergelder verschlungen. Der 1990 begonnene »Rückbau« einer kleinen Pilotanlage zur Wiederaufarbeitung von Atommüll in Karlsruhe dauert voraussichtlich noch bis 2019 und kostet drei Milliarden Euro, wo­von staatlicherseits 2,5 Milliarden übernommen werden. Der Abriss der DDR-Atomkraftwerke in Greifswald kostet den Staat 3,7 Milliarden Euro. Dem Finanzminister sind bisher durch die steuerfreien Gewinne der Atomwirtschaft 23 Milliarden Euro entgangen, weil die Konzerne diese Summe als Rückstellungen für die »Entsorgung« deklariert, aber nicht wirklich zurückgelegt, sondern damit Firmenkäufe im In- und Ausland finanziert haben.

Betrieb und Stilllegung des einsturzgefährdeten »Endlagers« für schwachaktiven Müll in Mors­leben (Sachsen-Anhalt) haben die Bundesrepublik bisher 1,2 Milliarden Euro gekostet. Die Auf­wen­dungen für die Polizeieinsätze bei Anti-Atom-Demonstrationen und zur Durchsetzung der Castor-Transporte liegen insgesamt bei etwa drei Milliarden Euro. Der Betrieb des absaufenden »Probe-Endlagers« Asse beläuft sich derzeit zwar auf vergleichsweise geringe 100 Millionen Euro jährlich. Müssen die 126 000 Fässer mit schwach- und mittelradioaktivem Atommüll allerdings wieder herausgeholt werden, bevor die strahlende Suppe im Grundwasser ankommt, dann werden auch hier noch etliche Milliarden fällig.

Das Bundeswirtschaftsministerium rechnet bei einem Super-Gau in einem deutschen Reaktor mit einem volkswirtschaftlichen Gesamtschaden von 5 000 Milliarden Euro. Versichert sind die Atomkraftwerke nur bis zu 2,5 Milliarden Euro, al­so gerade mal 0,5 Promille der möglichen Schadenssumme. Den Rest des Risikos trägt der Staat. Keine Versicherung der Welt ist bereit, diesen Schaden abzudecken. Und würde sich eine finden, wäre sie so teuer, dass Atomstrom unverkäuflich wäre. Bleibt noch zu erwähnen, dass hierzulande auf die Brennstoffe Öl, Gas und Kohle Steuern erhoben werden, der Kernbrennstoff Uran dagegen steuerbefreit ist.“

Das alles ist nicht neu. Hätte die rot-grüne Bundesregierung seinerzeit aus der Atomenergie aussteigen wollen, hätte eine realistische Bepreisung der Atomenergie vermutlich vollständig ausgereicht: realistische Versicherungssummen, Einstellung der Subventionen, Beteiligung an den Kosten der Entsorgung und -zack- lohnt sich die Scheiße nicht mehr. Risikobeladen ist es ja ohnehin, aber für sowas hat sich bürgerliche Ideologie ja noch nie interessiert…

Überhaupt scheint die Debatte um Atmoenergie viel mit Ideologie zu tun zu haben. Bei vielen macht sich der Eindruck breit, Atomenergieproduktion bestehe aus großen Häusen (sog. „Atomkraftwerke“), in denen Kleinstelemente („Atome“) gespalten werden – was wie durch ein wunder Energie freisetzt und selber fast gar keine Energie benötigt. Dabei wird nicht nur übersehen, das auch das zu spaltene Uran erstmal beschafft werden will – und dass das nicht einfacher wird, wie wir im Wissenschaftsmagazin Scinexx nachlesen können:

Selbst wenn wir kalkulieren, dass die Preise für Uran enorm steigen und damit die Ausbeutung bislang unwirtschaftlicher Minen interessant wird, sind die Uranlager in spätestens 70 Jahren erschöpft“, erklärt Werner Zittel, Energieexperte bei der Ludwig Bölkow Systemtechnik GmbH in Ottobrunn. ( … ) „“Alle Vorschläge, die Atomenergie auszubauen, vernachlässigen die Tatsache, dass die Rohstoffbasis für diese Technologie erheblich schrumpft und keinen weiteren Ausbau mehr zulässt.“ ( … ) Die Forscher der Energy Watch Group haben errechnet, dass selbst bei hohen Uranpreisen der Höhepunkt der Uranförderung etwa 2035 erreicht sein wird und maximal bis dahin der Brennstoffbedarf der Atomkraftwerke abgedeckt werden könnte

Und so beginnen dann seit 2 Jahren auch die Preise für Uran zu steigen:


„Seit dem Jahr 2000, als der Preis für Uranoxid U3O8 zwischen sieben und acht Dollar lag, hat er sich fast verzwanzigfacht. Allein seit Januar zogen die Notierungen von 75 auf über 135 Dollar. ( … ) Die Lücke zwischen Minenproduktion und Bedarf wird noch länger anhalten und ist ein Grund für den Preisanstieg. ( … ) Der Preisanstieg, der sich Mitte 2006 beschleunigt hatte, war laut Analysten zunächst von Sorgen über das Urandefizit geprägt. Die Produktionsprognosen, die zu Jahresbeginn 2006 bei 51 000 Tonnen Uranoxid standen, mussten mehrfach nach unten korrigiert werden. Am Ende waren es nur 46 500 Tonnen. Grund waren laut Ux Consulting „beträchtliche Produktionsdefizite“ in mehreren Minen. ( … ) Mit dem Preisanstieg wurde Uran zudem für Investment- und Hedge-Fonds interessant. Auf einem ohnehin angespannten Markt seien die Preise so noch höher getrieben worden, meint Ux Consulting.“
(Sonnenseite.com)

Freuen wir uns also auf den kommenden Uran-Bubble. Vor diesem Hintergrund über eine Verlängerung von Laufzeiten zu verhandeln oder von günstiger Energie via Atomic Energy zu träumen, erscheint dann doch eher verfehlt, so irgendwie.

(PS: Mit halbwegs gekittetem Layout macht das bloggen gleich wieder Spaß. Thanx @Rakete)


7 Antworten auf “Have no fear of atomic Energy”


  1. 1 classless 15. Juli 2008 um 16:55 Uhr

    Wie ist das eigentlich in den USA mit den Kernkraft-Subventionen? Lebt die Industrie dort in ähnlichem Ausmaß von staatlicher Förderung?

  2. 2 Benni 15. Juli 2008 um 19:55 Uhr

    @classless: Nicht, dass ich wirklich eine Ahnung hätte, aber ich tippe in dem Fall mal auf den Verteidigungshaushalt, mindestens was Forschung und Beschaffung spaltbaren Materials anging.

  3. 3 classless 15. Juli 2008 um 21:05 Uhr

    Klingt plausibel. Wie ist das denn mit Monty Burns dargestellt?

  4. 4 Juli 16. Juli 2008 um 0:10 Uhr

    Gute Frage, wie das in den USA ist. McCain hat ja wohl vor kurzem erst angekündigt, neue Atomanlagen durchaus zu begrüßen. Im Web gibt es vage Hinweise darauf, das Atomanlagen in den USA seit Jahren nicht mehr gebaut würden, weil eben zu wenig Subventionen für den Bau flössen. Interessant erscheint mir jedenfalls die Strategie der Republikaner, via Atomenergie die Abhängigkeit vom Öl(und damit von den ölfördernden Staaten) mindern zu wollen. Klingt nach einer Strategie für die Bahamas….

    Ansonten, damit es nicht heißt, ich würde einseitig zitieren, habe ich unter der Überschrift „Der Mythos vom Uran, das bald ausgeht“ bei der Welt die folgende These zum Uran gefunden:

    „Der Einsatz von Wiederaufarbeitungsanlagen und der Brütertechnologie kann die Reichweite der bekannten Vorkommen um das 30- bis 60-Fache verlängern. Uran bliebe auch bei einem deutlichen Preisanstieg immer noch wirtschaftlich, da der Rohstoff nur fünf bis zehn Prozent des Strompreises ausmacht. Ein weiterer Vorteil gegenüber Öl ist, dass Uran zu einem Großteil aus politisch stabilen Ländern kommt, zum Beispiel aus Kanada und Australien.“

  5. 5 Entdinglichung 16. Juli 2008 um 13:11 Uhr

    Bahamas? … „Most electricity is produced at thermal plants owned by the Bahamas Electricity Corp. Production totaled 1,340 million kWh in 1998; installed capacity in 2001 was 401,000 kW. Fossil fuel accounts for all power production. Electricity consumption in 2000 was 1.4 billion kWh. In 1991, a 28,000 kW upgrade was initiated at the Clifton Power Plant on the west end of New Providence Island. New gas turbines were added to the Blue Hill Power Station, and were becoming operational in late 2002 and early 2003.“ … ;-)

  6. 6 Jörg Djuren 23. Juli 2008 um 12:59 Uhr

    Hallo,

    die aktuellen Diskussionen in Europa sind zum Teil denke ich auch vor dem Hintergrund von Planungen für eine europäische Atomstreitmacht zu sehen, zur Geschichte von Atomenergie und Atombombentechnologie findet Ihr hier einen Artikel (hervorgegangen aus einem Vortrag für die Graswurzelrevolution in Hannover) – http://3tes-jahrtausend.org/anarchie_hannover/proliferation_atomenergie_iaeo.html

  7. 7 Jochim Schiller 29. Juli 2008 um 15:11 Uhr

    Was Jochen Stay hier schreibt, ist einfach nur Käse:

    „weil die Konzerne diese Summe als Rückstellungen … deklariert, aber nicht wirklich zurückgelegt, sondern damit Firmenkäufe … finanziert haben.“

    Klein-Jochen denkt offenbar, Rückstellungen müsse ein Unternehmer in Form von Bargeld unter der Matratze verstecken. Woher hat die Bank eigentlich das Geld, das sie Klein-Jochen leiht, wenn er seinen Dispo überzieht? Na, aus dem Tresor, ist doch klar!

    Mit Energiepolitik hat das natürlich nichts zu tun. Es ist „Kaptitalismuskritik“, und zwar auf Schülerzeitungs-Niveau.

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