Archiv für September 2008

Kluge Wörter (1)

Ein kluges Wort, und schon bist du Kommunist. Da tut der Linkspartei-Fraktionssprecher im hessischen Landtag einmal das wozu er gewählt wurde – nämlich die Wahrheit sagen – und schon wird ihm das als unglaublich menschenverachtend ausgelegt.

Was er getan hat? Er hat darauf hingewiesen, das PolitikerInnen, die Soldaten um die halbe Welt schicken, nur damit die auch mal einen richtigen tollen Krieg aus der Nähe sehen können, wohl schießwütig sein müssen. Und das sich diese Leute deshalb an den Taten dieser Soldaten mitschuldig machen. Wären letztere Mörder, könnten erstere als glatt als Schreibtischtäter durchgehen. Im Originalton klingt das dann so: [hr-3]

Unschön ist allerdings – auch das kann in dem Link nachgehört werden – das der Genosse umgehend alles zurückgenommen hat. Weichei!

Michael Hardt in der taz

In der taz gab es unlängst ein Interview mit Michael Hardt. Nun schimpfe ich gerne auf beide, auf die taz und auf Michael Hardt, und es ist sicherlich einigermaßen opportunistisch, in Zeiten marodierender Finanzmärkte plötzlich die Kritik wiederzuentdecken. Und es ist sicherlich nicht sonderlich förderlich, was Hardt zu den Finanzmärkten und ihren Problemen als solchen zu sagen hat. Aber trotz allem fand ich doch, das es einige Passagen in dem Interview gab, in denen ich ihm zustimmen musste. (mehr…)

What’s Next – Ölbubble?

Als ich mit 18 nach seriösen Anlagemöglichkeiten bei der städtischen Sparkasse nachfragte, wurden mir Immobilienfonds empfolen. Die wären sicher, Häuser stürtzen schließlich nicht ein wie Aktienkurse, wurde mir damals gesagt. Nun wissen wir mittlerweile, das so einfach die Sache nicht ist. Nachdem aber der Immobilienbubble eingebrochen ist und die Wirtschafts- und Finanzsphäre noch immer von den Folgeschäden in helle Aufregung versetzt ist, wird es Zeit, sich mal Gedanken über die Zukunft zu machen.

Wirtschaftspolitische EntscheidungsträgerInnen hoffen auf die heilende Wirkung seichter Regulierungsmaßnahmen. Die sollen dann dazu führen, das die Gelder wahlweise in seriöse Anlagen oder am besten gleich in die arbeitsplätzeschaffende Realökonomie umgelenkt werden. Unglücklicherweise sieht es in letzterer Sphäre eher mau aus. Die meisten Bereiche arbeiten mit Überkapazitäten und bauen gerade die Lagerbestände aus. Das wird nicht ewig so weitergehen, also braucht es wohl oder Übel neue, lukrative Bereiche zum spekulieren.

Aktuelle Entwicklungen deuten darauf hin, dass sich Rohstoffe, insbesondere das Öl, gerade als heiße Kandidatinnen anbiedern. (mehr…)

Der Deutsche Konservatismus entdeckt Marx

Beim durchblättern des Sonderteils der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zur Finanzkrise stieß ich auf einen Artikel mit dem schönen Namen „Marx hat Recht“, verfasst von Rainer Hank. Da wundert sich unsereins, das der deutsche Konservative vielleicht doch mal zur Vernunft gekommen sein könnten. Was uns dann präsentiert wird, ist allerdings weniger Marx als eher eine der unkreativen Pappfiguren, die gerne an seiner statt aufgebaut werden:

„Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte seiner Krisen. Da hat Karl Marx vollkommen recht. Er hat nur die falschen Schlüsse aus dieser Einsicht gezogen: Denn die Krisenanfälligkeit der Märkte ist kein Systemfehler, sondern ein Kern des Systems.“

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Alles im grünen Bereich

In den USA geht’s grade ziemlich ab. Eine Bank nach der anderen sagt der wirtschaftlichen Gesundung adieu und gibt bekannt, kurz vor dem Konkurs zu stehen. Dabei handelt es sich allerdings nicht gerade um die Leichtgewichte der Branche (wie bei bisherigen Krisen), sondern um tatsächlich Großbanken und -versicherer. Etwa mit AIG die vor kurzem noch größte Versicherung der USA oder mit Lehman eine der götßen Banken. (mehr…)

VW für alle!

Eine sehr spannende Frage hat die gemeinsame Mobilisierungszeitung zum Antira- und Klimacamp in Hamburg aufgegriffen. Ob nämlich die Forderung „Luxus für alle“ mit der Notwendigkeit von Klimawandel in Einklang zu bringen ist. Die Frage ließe sich erweitern: ob „Luxus für alle“ als individualistische Forderung überhaupt machbar ist, wo doch der Menschheit so langsam die fossilen Ressourcen ausgehen….

Das Problem auf den Punkt gebracht hat die Diskutantin mit dem schönen Namen Riva:


„Riva: Gleiche Rechte für alle! Das heißt auch, dass der chinesischen Wanderarbeiterin zugestanden werden muss, den auf chinesischen Werkbänken produzierten VW-Golf zu fahren!“

Das chinesische Arbeiterinnen auf dortigen Werkbändigen VW-Golfs produzieren, die sie sich nicht leisten können (eine schöne Metapher auf das Ende des Fordismus übrigens, denn der bestand ja gerade darin, das sich mehr und mehr die ArbeiterInnen auch leisten konnten, was sie da produziert haben), liegt wohl an dem internationalen Kostengefälle, dem Weltmarkt und ähnlich unangenehmen Dingen. Die in dem Satz versteckte moralische Empörung („Wenn sie das schon produzieren, müssen sie es auch fahren können“) können wir also für die Frage nach postkapitalistischer Organisierung mal kurz vergessen. Es bliebe aber die Frage, ob alle nun einen VW-Golf kriegen sollen bzw. überhaupt können.

Riva: Mit Verzicht-Rhetorik a lá „wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“ lässt sich doch kein Hund hinterm offen vorlocken – das ist nur neoliberales Gewäsch und dient nur dazu, bestehende Ungleichheiten zu verlängern.“

Die Vorstellung, den Umgang des Menschen mit der Natur im politischen Alltag zu reflektieren und zu thematisieren birgt also ein strategisches Problem: es ist schlichtweg unangenehm. „Luxus für alle“ klingt halt schöner. Sicherlich ist es richtig, das Verzichtsethik dazu dient, das die breite Masse sich einzuschränken hat, damit die kapitalistische Verbrennungsmaschinerie weiterlaufen kann. Weshalb es sicherlich auch wenig sinnvoll ist, schon im hier und jetzt von den Menschen zu verlangen, auf die Möglichkeiten von Genuß zu verzichten.

Nur darf ein postkapitalistischer Begriff von Genuß eben nicht auf abstrakte, jeder Sinnlichkeit entschwebte Begriffe wie Konsum oder Luxus abheben, Sondern sollte vielmehr erkennen, das Quantität nicht notwendiger weise in Qualität umschlägt. Das immer höher und immer weiter und immer mehr, das dieser Vorstellung von Leben zugrunde liegt, ist letztlich ebenfalls an kapitalistischen Leistungsnotwendigkeiten gebildet. Und das tut ja nun mal gar nich not….

Computer im De-Growth-Modus?

Den Kapitalismus zu überwinden wäre mal eine feine Sache. In den letzten Jahren wurde sich mehr und mehr darauf geeinigt, das es wohl Sinn machen würde, diese Überwindung auf dem neuesten Stand der Technik durchzuziehen – um nicht hinter das bisherige Niveau von Lebensstandart zurückzufallen. Neuester Stand von Technik wären etwa Computer, die mittlerweile schon bei jedem und jeder in den je eigenen vier Wänden rumstehen.

Nun haben aber Andreas Exner, Christian Lauk und Konstantin Kulterer festgestellt, dass die Menschheit zu viele Ressourcen verbraucht. Mit Wachstum muss Schluss sein, finden sie. Überhaupt müssen die Menschen dann vernünftig regeln, wie sie auf Naturressourcen zugreifen.

Auf einer anderen Baustelle emanzipatorischer Transformation wird über die Bedeutung freier Software als Keimform einer neuen, post-kapitalistischen Vergesellschaftung nachgedacht, die Bedeutung von Computern für die Überwindung des Kapitalismus wird hier überhaupt als sehr hoch eingeschätzt. Auch eine spannende Sache und ebenfalls ein Gedanke, den ich durchaus nachvollziehbar finde. Nun gibt es da aber unglücklicherweise diesen Zusammenhang, den eins nur allzugerne verdrängt:


Jede einzelne Internet-Suchanfrage über Google erzeuge Energiekosten, mit denen eine 11-Watt-Energie-Sparlampe eine Stunde lang brennen könnte.
(Spiegel Online)

Irgendwie hatte ich in Erinnerung, in der SZ mal gelesen zu haben, es wäre ein Tag. Aber der Grundgedanke bleibt: wie verträgt sich das eine Ziel mit dem anderen? oder stimmt es gar, was Spiegel-Online nahelegt:


Andererseits spare die digitale Kommunikation natürlich auch CO2 ein, da sie viele Autofahrten zur Informationsbeschaffung überflüssig mache.

Sind also Computer vielleicht sogar eher ein Mittel zur Einsparung von Energie – und gar nicht die bösen Umweltschweine? Wie verhalten sich also – auch über dies Beispiel hinaus – die berechtigte Forderung nach freier Kommunikation für Alle und die ebenso berechtigte Befürchtung, dass das mit den Ressourcen alles so nicht hinhauen könnte, zueinander? (mehr…)

Unbewegliche Männer

Zur Kritik des Zirkulationsmarxismus durch Hanloser und Reitter

„Kenn‘ se den schon? Treffen sich zwei Zirkulationsmarxisten…“ – Wie, sie wissen nicht, was ein Zirkulationsmarxist ist? Dann sollten sie mal Gerhard Hanloser oder Karl Reitter fragen. Die erklären das nämlich in ihrem neuen Buch „Der bewegte Marx. Eine einführende Kritik des Zirkulationsmarxismus“. Bei Zirkulationsmarxismus, so lernen wir, handelt es sich nicht um eine spezifische Interpretation von Marx, sondern um eine Lesestrategie. Diese Lesestrategie tritt dann zumeist unter dem Label Wertkritik in die politische Debatte ein und zeichnet sich vor allem dadurch aus, „irgendwo nach dem Fetischkapitel“ (5) die Lektüre des Kapital unvermittelt abzubrechen und beschäftigt sich mithin lediglich mit dem Austausch von Äquivalenten innerhalb der einfachen Zirkulation. Darum eben Zirkulationsmarxismus: weil sich diese WertkritikerInnen nicht für die Produktion interessieren, wo es eben auch mal schmutzig dahergeht.

Hanloser und Reitter bauen sich schon auf den ersten Seiten ihres Machwerks einen Pappkameraden zusammen, nur um dann später bei dem Unterfangen zu scheitern, diesen fachgerecht zu zerlegen. Von den Unterstellungen, die sie der Wertkritik entgegenzubringen haben, stimmt so ziemlich gar nichts. Dabei verhällt es sich genaugenommen doch andersherum: gerade die Vorstellung, es müsse nur der Lohn den ArbeiterInnen zugänglich gemacht werden, ohne das es darüber hinausgehende Änderungen an Art und Zweck der Produktion gäbe, ist eine zirkulationstheoretische. Abstrakte Arbeit ist eben nicht eine reine Kategorie der Zirkulation, sondern auch eine der Produktion. Das nur gearbeitet wird, um zu arbeiten, prägt auch die Tätigkeit als solche. (mehr…)

Am Kapitalismus scheitern

Es ist selten, das die größte Stärke eines Buches sich als seine größte Schwäche erweisen könnte: mit „Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern“ haben Andreas Exner, Christian Lauk und Konstantin Kulterer vom Social Innovation Network eine überzeugende Intervention die Debatte um Ökologie, Ökonomie und die Zukunft der Zivilisation vorgelegt. (Eine Kurzform der Thesen gab es vor kurzem in einem lesenswerten Aufsatz in der Analyse und Kritik.) Überzeugend ist das Buch vor allem, weil es mit einer Vielzahl von Fakten aufwartet, zur Intervention taugt es, weil, obwohl dem Geist der Kritischen Theorie zuzurechnen, es vollständig ohne Begrifflichkeiten aus minoritären linken Diskursen auskommt.

Zunächst zeigen die Autoren überzeugend auf, das die Ressourcen der Erde endlich sind, das da am Ende des Tunnels leider kein Licht, sondern ganz viel Dunkelheit wartet. Das der Kapitalismus aber auf diese Ressourcen angewiesen ist, und das dank seines Wachstumszwangs auch bleiben wird, ist der nächste Schritt in der Argumentation. Auch die Bedeutung von Wachstum für Konsum und Finanzblasenökonomie, für Arbeitsdruck und die Anpassung der Menschheit an die Bedürfnisse der Ökonomie wird umfassend abgehandelt, gefolgt von gleich zwei Kapiteln zur unabdingbaren Frage nach solchen Büchern: dass das zwar alles schön und gut sein mag, es doch nun aber mal geklärt werden müsse, was danach komme. Von den Erfahrungen nach dem Crash in Argentinien streifen die Autoren zielsicher über Linux hin zu unterschiedlichen Befreiungserfahrungen in der Postmoderne.

Sicher, die Anschlussfähigkeit hat einen Preis. So schaffen es die Autoren nicht, mögliche Zusamenhänge von Ressourcen- und Finanzkrise systematisch darzustellen. Sie versuchen es erst gar nicht. Dafür wäre dann wohl doch ein Mehr an theoretischem Handwerkszeug notwendig gewesen. Dasselbe gilt auch für die Begründung des kapitalistischen Wachstumsszwanges bzw. der Notwendigkeit wachsenden Ressourcenverbrauchs durch eben diesen Wachstumszwang. Die Erklärungen muten hier bisweilen etwas phänomenologisch an. Etwas mehr Theorie hätte an solchen Stellen gutgetan.

Das wird dann wohl auch das sein, was diesem Buch in näherer oder fernerer Zukunft vorgeworfen werden wird. Das dürfte die Sache allerdings wert sein, haben uns die Autoren doch ein angenehm lesbares Machwerk zur Einführung in die empirisch gesättigte Gesellschaftskritik geliefert, das sich ganz hervorragend dazu eignet, es an Weihnachten und Geburtstagen an unzählige Familienmitglieder zu verschenken…

Andreas Exner, Christian Lauk, Konstantin Kulterer
Die Grenzen des Kapitalismus. Wie wir am Wachstum scheitern
Ueberreuther Verlag, Wien 2008
14,3 × 21,5 cm, 220 Seiten, EUR: 19,95

Zur Peer-Ökonomie

Ich lese gerade Christian Siefkes „Beitragen statt Tauschen“, das in diesem Jahr in deutscher Übersetzung, im letzten Jahr als englisches Original erschienen ist. Während es im Kapitalismus wahlweise um Tauschen (Markt) oder Planen (Planwirtschaft, interne Firmenhierarchien) ginge, so Siefskes, sei der Ansatz für die freie Gesellschaft das Beitragen. Menschen stehen als „peers‘“, also gleichrangig und auf einer Ebene nebeneinander. Das klingt erstmal ganz spannend für die Debatte um „Emanzipatorische Transformationsprojekte“ (wie ich mehr und mehr geneigt bin, die ehem. Keimform-Debatte zu nennen.) Der Text erfolgt in Form einer Art Lese-Tagebuchs. Ich habe also nicht den ganzen Text zunächst gelesen, bevor ich wissenswertes dazu zu Papier gebracht habe, sondern vielmehr beim Lesen meine Gedanken notiert. Das ist nicht sonderlich wissenschaftlich, aber so kann ich zumindest verhindern, das mir kluge Gedanken entgehen – ohne das ich dafür ein Exzerpt schreiben müsste. (mehr…)

ALG II zu Hoch

Chemnitz tut was gegen Arbeitslosigkeit. Zumindest die wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der dortigen TU. Von dort aus haben nämlich 2 Ökonomen festgestellt, was das „eigentliche“ Problem ist, an dem Deutschland krankt:


„Zwei Chemnitzer Wirtschaftswissenschaftler halten einen Hartz-IV-Regelsatz von 132 Euro für ausreichend – nur rund ein Drittel der bisherigen Höhe. Das geht aus einer Studie hervor, die am Mittwoch auf der Internetseite der Technischen Universität Chemnitz veröffentlicht wurde.

Für alle Bereiche des Lebens, ob Ernährung, Kommunikation oder Kultur, sehen die Wissenschaftler erhebliches Kürzungspotenzial des derzeitigen Regelsatzes von rund 350 Euro. „Die sozialen Geldleistungen sind an der Obergrenze angekommen“, sagte der Leiter der Studie, Friedrich Thießen, der taz.“ (taz)

Nun wundern sich alle, wann in den letzten Jahren die Sozialausgaben erhöht worden sind. Aber wir wollen ja nicht kleinlich sein. Schauen wir uns lieber an, was die Kollegen da veranstaltet haben. Wer das ebenfalls nachvollziehen möchte, dem sei diese Kurzfassung und diese Langfassung der Studie empfohlen. (mehr…)