Zur Peer-Ökonomie

Ich lese gerade Christian Siefkes „Beitragen statt Tauschen“, das in diesem Jahr in deutscher Übersetzung, im letzten Jahr als englisches Original erschienen ist. Während es im Kapitalismus wahlweise um Tauschen (Markt) oder Planen (Planwirtschaft, interne Firmenhierarchien) ginge, so Siefskes, sei der Ansatz für die freie Gesellschaft das Beitragen. Menschen stehen als „peers‘“, also gleichrangig und auf einer Ebene nebeneinander. Das klingt erstmal ganz spannend für die Debatte um „Emanzipatorische Transformationsprojekte“ (wie ich mehr und mehr geneigt bin, die ehem. Keimform-Debatte zu nennen.) Der Text erfolgt in Form einer Art Lese-Tagebuchs. Ich habe also nicht den ganzen Text zunächst gelesen, bevor ich wissenswertes dazu zu Papier gebracht habe, sondern vielmehr beim Lesen meine Gedanken notiert. Das ist nicht sonderlich wissenschaftlich, aber so kann ich zumindest verhindern, das mir kluge Gedanken entgehen – ohne das ich dafür ein Exzerpt schreiben müsste.

Vorbemerkungen

Ein Wort noch vorweg: Ich finde es sehr gut, das Christian dies Buch geschrieben hat. Nicht, weil ich von den Inhalten überzeugt wäre, sondern weil ich die Debatte darum sehr wichtig finde. Alleine die Tatsache, das er sich des Themas angenommenhat, zeichnet ihn bereits aus. Da ändert auch alle harsche Kritik nichts dran, die hier gleich formuliert wird. Dasselbe gilt auch für die anderen MacherInnen des Keimform-Blogs, allen voran Stefan, der zwischendurch auch mal böse Unterstellungen gesetzt kriegt. Auch hier gilt: Kritik ist ein Geschenk, niemals persönlich gemeint und kann im Zweifel auch dazu dienen, mir noch mal klarzumachen, an welcher Stelle ich einfach nicht richtig gelesen oder um die Ecke gedacht habe.

Und allgemein vielleicht: Das Buch schafft es, von einigen wenigen der Software-Bewegung entnommenen Vokabeln fast vollständig, ohne Fachvokabular auszukommen. Daher ist es leicht und flüssig zu lesen – ein nicht zu unterschätzender Vorteil, der für viele andere linke Machwerke leider nicht gilt.

Grundlagen der Peer-Produktion

Das Handeln in Peer-Projekten funktioniert laut Siefkes auf der Basis freier Kooperation. Niemand ist gezwungen, eine bestimmte Leistung über vollbringen oder überhaupt eine zu vollbringen. Zwar kann es Strukturen geben (Maintainer, Admins etc.), diese übten aber keine Herrschaftsfunktion aus. Niemand muss mitmachen und es ist durchaus ein akzeptables Handlunsmodell, sich einfach von den anderen zu trennen.

Darüber hinaus werde der Status, der in Plan- und marktwirtschaftlichen Modellen für die Beurteilung von Personen ausschlaggebend sei, in der Peer-Production durch Reputation ersetzt. Bewertet würde nicht länger soziale Herkunft, Alter oder Geschlecht, sondern die Beiträge, die der Mensch zum Projekt beigesteuert hat.

Die Peer-Produkion setzt also auf Leistung statt auf überkommene Herrschaftsverhältnisse. Das erinnert mich spontan an eine Formulierung von Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“, als sie zwar nicht über die Peer-Produktion, dafür aber über ihre Mutter, die Bourgeoisie schrieben:

„Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse“1

Die vielgepriesene Reputationführt zu dem, was Pierre Bourdieu als „Soziales Kapital“ bezeichnet hat. Soziales Kapital bezieht sich auf die Netzwerke zwischen Menschen und könnte umschrieben werden als die Summe meiner Beziehungen. Kenne ich viele Leute, am Besten in hohen Machtpositionen (Vitamin B), dann habe ich hohes soziales Kapital. Kenne ich wenig Leute, dann ist es eben andersrum.

Der einzige Unterschied zum hiesigen Situation soll nun sein, das nur ein einziges Kriterium dazu beiträgt, soziales Kapital zu erwirtschaften, nämlich die Reputation. Bei Siefkes klingt das so:


“ Dabei verändert sich die Reputation häufig rascher als der soziale Status; sie leidet schnell, wenn Leute anfangen, sich daneben zu benehmen oder problematische Beiträge statt hilfreichen
zu liefern“

Während also im traditionellen (kapitalistisch-patriarchalen) Konzept über Männerbanden sichergestellt wird, das Menschen nicht nur in hohe Positionen kommen, die sozial ohnehin schon dazugehören, soll diese Strategie nun durch eine abgelöst werden, die sich ausschließlich über die soziale Leistung der einzelnen herstellt. In einer Anmerkung zu einer Zusammenfassung des Buches durch Stefan Meretz bei Opentheory formulierte ich das Problem mal (polemisch) wie folgt:

„Es geht also darum, dass eine Reihe mit hohem kulturellem Kapital ausgestatteter Person (zumeist weiß, westlich, männlich) das mit der Leistungsgesellschaft mal so richtig umsetzen wollen. Alles ständische soll verdampfen (Marx im Kommunistischen Manifest über die Herrschaft der Bourgeoisie), wichtig soll nur noch sein, was der oder die Einzelne leistet. Sagen die, die sich in dem entsprechenden Gebiet als leistungsfähig imaginieren. Und weil sie die entsprechenden Arbeitsnormen bereits verinnerlicht haben, können sie sich dann weiterhin einbilden, das hätte mit Zwang nichts zu tun. Das ein System, in dem über Leistung („Beiträge, die ein Mensch leistet“) Reputation hergestellt wird, tatsächlich genau über diesen Mechanismus ein Zwangsprinzip enthält, fällt unter den Tisch.“

Im jetzigen Status der Lektüre möchte ich diese Einschätzung zunächst beibehalten – vielleicht überzeugt mich ja das, was noch kommt. Nicht überzeugt hat mich jedenfalls das, was Stefan auf diesen Einwand einzuwenden hatte:

Das Konzept redet eben nicht wie so viele Verbalradikale davon, dass sich jeder Zwang nach Überwindung des Kapitalismus schon in Luft auflösen werde, sondern es stellt sich der Herausforderung, unter Nicht-Überflussbedingungen mit dem gesellschaftlichen Zwang gesellschaftlich in einer Weise umzugehen, dass daraus nur minimaler individueller Zwang entsteht: Niemand kann dich zwingen, eine bestimmte Tätigkeit zu tun, sondern du entscheidest selbst, was du tust. Aber dass du etwas tun musst, dieser Zwang besteht (durchschnittlich), das ist die Kopplung von Beitrag und Entnahme.

Das es auch nach dem Kapitalismus noch Notwendigkeiten geben wird, will ich dabei gar nicht bestreiten. Nur das diese über den Mechanismus der „Kopplung von Beitrag und Entnahme“ gelöst werden muss, sehe ich so nicht als Naturnotwendigkeit. Kollektiv mag das stimmen: das was eine (Welt-)Community verzehrt, muss sie auch herstellen. Anders geht’s nicht. Und ich gebe ihm auch Recht in seiner Kritik an bestimmten Vorstellungen, die einfach nur von Luxus schwafeln, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wo die Dinge denn nun herkommen sollen.

Das von Stefan vorgeschlagene Prinzip („Niemand kann dich zwingen, eine bestimmte Tätigkeit zu tun, sondern du entscheidest selbst, was du tust“) ist alledings die einfache Freiheit, wie wir sie bereits aus dem Kapitalismus kennen. Da bin ich zwar gezwungen, meine Arbeitskraft als Ware auf dem Markt feilzubieten, aber niemand kann mich zwingen, eine bestimmte Arbeit zu tun. Nur das ich Arbeiten muss, ist eben gesetzt. Außer in Ausnahmesituationen, etwa ALG II, Bafög oder Rente. Stefan dazu:

„Auch hierfür gibt es jedoch Ausnahmen, nämlich dann, wenn du deine Peer-Community davon überzeugen kannst, dass du keine Beiträge lieferst. Es ist nicht hilfreich, hier das Bild der „Arbeit“ im Kopf zu haben. Ein Beitrag ist was anderes, nämlich das, was andere für Nützlich halten (und nicht, was Geld bringt wie jetzt). So kann es auch nützlich für andere sein, den Genuss zu verfeinern, die Kultur im weitesten Sinne zu entwickeln etc. Aber das wäre dann — obwohl vielleicht sonst nur Entnahme — bereits ein Beitrag. Was ein Beitrag sein kann, entscheiden alleine die beteiligten Menschen.“

Die Ausnahme ist eben die, die wir schon im Kapitalismus kennen: wenn ich gute Gründe kenne, keine Beiträge zu liefern (= nicht zu arbeiten), dann kann ich eine Sonderregelung durchsetzen, die mir das Privileg sichert, auch so mehr schlecht als recht mitgeschleift zu werden. Der einzige Unterschied von diesem Modell zu dem der Wertvergesellschaftung ist der, das hier der Wert nicht aufgrund abstrakter Verausgabung von Arbeit zustande kommt, sondern aufgrund kollektiver Nutzenschätzungen. „Was andere für nützlich halten“ soll als Beitrag gelten. Das gilt so erstmal auch für die Ware, da die ohne Gebrauchswert auch keinen Tauschwert realisieren kann. Nur dass das „Gleiche“, was hinter den Dingen steht, nicht mehr die abstrakte Arbeit, sondern eine Art abstrakter Gebrauchswert, eine Nützlichkeit als solche, befreit von jeder konkreten Sinnlichkeit, sein soll. Klingt mir nach einer der berühmten contradictio in adjecto’s von ollem Marx.

Dem grunsätzlichen Problem, wie die abstrakte Notwendigkeit des Kollektivs, Dinge an den Start zu kriegen, ohne individuellen Zwang zum abstrakten Tätigsein organisiert werden kann, wird sich hier m.E. nicht gestellt. Individuum und Gesellschaft sind nicht versöhnt, sondern stehen sich nach wie vor spinnefeind gegenüber.

Peer-Produktion bei materiellen Gütern

Aber fahren wir fort im Original. Siefkes macht sich nun auf, diese aus der Freien Software übenommenen Prinzipien auf die Produktion von materiellen Gütern anzuwenden. Dafür unterscheidet er zunächst zwischen ProduzentInnen und KonstumentInnen und stellt fest, das die bislang vorhandenen Varianten der Peer-Produktion vorallem an den ProduzentInnen orientiert seien. Hier sei es aber notwendig, die Verbindung zur anderen Seite der Medaille, den NutzerInnen, schlagen zu können. Darüber hinaus gilt es ein Problem zu knacken, das bei virtuellen Gütern wie Informationen schlicht nicht auftaucht: die Zuteilung der (vermeindlich knappen) Güter muss gewährleistet sein.

Siefkes stellt nun zwei Optionen vor, wie diese Probleme gelöst werden können: Variante A wäre der Markt, Variante B die Zusammenarbeit: „man kooperiert mit anderen, um so gemeinsam zu produzieren, was man haben möchte, und teilt die Ergebnisse der Kooperation
auf eine Weise auf, die alle zufrieden stellt.
“ (Seite 21)

Das erste Problem, das nun auf dem Weg dahin organisiert werden muss, ist das Finden von Menschen, die potentiell mit einem kooperieren können. Hier schlägt Siefkes ganz pragmatisch Interessen und räumliche Nähe als Orientierungspunkte vor. Als zweites stellt er die Frage, wie jenseits überkommener Herrschaftsformen die konkrete Arbeitsteilung organisiert werden kann. Bislang funktioniert dies über das Prinzip der Freiwilligkeit: wer eine Aufgabe wichtig findet, der oder die übernimmt diese Aufgabe. Das klingt erstmal gut, ist aber auch auf dieser Ebene bereits mit Problemen verbunden. Denn auch der freie Entschluss, einer Tätigkeit nachzugehen, ist niemals in dem Sinne „frei“, das nicht die gesellschaftlich erzeugte Subjektposition des betreffenden Individuums einen wesentlichen Anlass für die Entscheidung spielt. Und dann haben wir es wieder mit dem ganzen Repertoire gesellschaftlicher Herrschaft zu tun: Frauen etwa fühlen sich oftmals in sozialen Bezügen für bestimmte Aufgaben zuständig, die für das funktionieren des Ganzen unabdingbar sind, für die sich aber von den Männern niemannd zu interessieren scheint. Das sie die Aufgaben übernehmen, ist formal freiwillig, aber dennoch nicht frei von gesellschaftlicher Herrschaft.

Für die materielle Produktion stellt sich nun aber das zusätzliche Problem, das die Güter nicht für alle gleichermaßen zugänglich sind (wie bei Informationen). „Ein Peer-Projekt, das Autos herstellen will (nicht nur das Design, sondern die Fahrzeuge selbst), wird kaum in der Lage sein, jedem und jeder, die darum bittet, ein Auto auszuhändigen, ohne im Gegenzug einen Beitrag zu dem Projekt zu erwarten.“ (Seite 23)

Von der Problemformulierung wird hier umstandslos auf die Lösung geschlossen, die im Kapitalismus zunächst einmal naheliegt: Nur wer arbeitet soll auch essen. Dabei wird gleichsam ein Drohszenario aufgebaut, das ebenfalls aus der kapitalistischen Propaganda bekannt vorkommen dürfte: es wird so getan, als würde potentiell für alle ein Auto produziert werden müssen – sollten die Leute nur nachfragen. Andere Lösungen werden aufgrund dieser umfassenden Problemdefinition gar nicht erst erörtert. Das ist schade, wird so doch nur schlechtes altes Reproduziert.

Dabei wird die Gegenseitigkeit im konkreten Fall als Voraussetzung für die Problemlösung eingesetzt – was dann das Ergebnis prägt:

„Auch wenn die Projektmitglieder gewillt wären, ihre Produkte zu verschenken, würden ihnen früher oder später die benötigten Ressourcen ausgehen. Auf Dauer wird es nicht gehen, sofern die Auto-Interessenten nicht selbst gewisse Beiträge leisten.“ (Seite 24)

Dabei wäre es doch auch möglich, das die „benötigten Ressourcen“ von ganz anderen Menschen bereitgestellt würden. Denn sonst ergäbe sich ja ein Problem, das dem von Siefkes formulierten sehr nahe kommt: das nämlich dann nur diejenigen Autos bekommen würden, die ihrerseits wahlweise mitschrauben können oder aber Rohstoffe zum Autobau zur Verfügung stellen können. Sicherlich wären hier Gebrauchs-Schöpfungsketten denkbar, indem etwa dritte sich gegenseitig so lange Dinge zur Verfügung stellen, bis alle wieder „bei null“ sind, also gegenseitig etwas zum globalen Gebrauchsgegenstände-Produkt beigetragen haben. Das wäre jedoch augenscheinlich ziemlich kompliziert und würde zur Vereinfachung der vielen (letztlich eben doch: Tausch-) Akte nach einem Medium der gesellschafltichen Vermittlung verlangen. Und das wäre eben das Geld, das abzuschaffen doch mal das Ziel der ganzen Veranstaltung war.

Formal bleibt der Autor in diesen Fragen ambivalent. Es bliebe dem Zusammenschluss selbst überlassen, ob er Beiträge einfordere oder auf reine Freiwilligkeit setze. Die Problemkonstruktion legt jedoch nahe, was er für realistischer hällt – und nicht zuletzt umgeht er durch die Dichotomisierung der Lösung eine tiefergehende Auseinandersetzung mit dem Problem.

Was nun soll also das Maß sein, mit dem die Beiträge vergleichbar gemacht werden können? Siefkes schlägt hier zur ersten Näherung vor:


„Ein Projekt, das Beiträge erfordert, könnte von allen Beteiligten verlangen, eine bestimmten Anzahl von Stunden pro Monat (z.B.) beizutragen, wobei die Beteiligten sich selbst aussuchen,
welche der offenen Aufgaben sie übernehmen. Diese Möglichkeit, Arbeitsstunden direkt und ohne Berücksichtigung der übernommenen Aufgabe als Beiträge einzubringen, ist zwar simpel, löst aber nicht das oben diskutierte Problem: Auch wenn verschiedene Menschen ganz unterschiedliche Vorlieben haben können, was sie gerne und was sie weniger gerne tun, gibt es doch Dinge, die (fast) niemand gerne tut – etwa weil sie lästig, schmutzig, gefährlich oder einfach nur langweilig sind.“
(Seite 24f)

Grundlage für die Vergleichbarkeit sollen hier also die geleisteten Stunden sein. Das klingt ein wenig nach Proudhons „Stundenzettelbank“, bei der sich letztlich um nichts anderes handelt als Geld, auch wenn es nicht so genannt wird. Im Unterschied zum Geld ist die Stundenzettelbank aber nicht in der Lage, die unterschiedliche Beliebtheit von Arbeiten zu messen, “ etwa weil sie lästig, schmutzig, gefährlich oder einfach nur langweilig sind“. Darum schlägt Siefkes eine Variation vor: die Arbeitszeiten sollen nicht als solche gemessen werden, sondern zunächst einer Gewichtung unterzogen werden: unbeliebte Arbeiten gelten als potenzierte beliebte Arbeiten. Das erinnert ein wenig an die Lösung des Problems von qualifizierter und einfacher Arbeit im Kapitalismus: folgen wir Marx, so gilt hier qualifizierte Arbeit als ein vielfaches einfacher Arbeit.

Da nun aber die Beliebtheit von Tätigkeiten von Person zu Person wechselt, braucht es ein anonymisierendes Verfahren, um hier Vergleichbarkeit zu schaffen:


„Für diesen Zweck kann das Projekt ein Aufgabenversteigerungssystem einrichten. Dieses Sys-
tem listet alle zu erledigenden Aufgaben auf und ermöglicht es allen Projektmitgliedern, sich die Aufgaben, die ihnen am besten gefallen, auszusuchen. Gibt es nicht genügend Freiwillige für eine Aufgabe, wird das Gewicht dieser Aufgabe erhöht. Umgekehrt wird das Gewicht von Aufgaben, für sie sich mehr Freiwillige als nötig interessieren, reduziert – man muss also mehr Zeit für das Projekt aufbringen, wenn man sie übernehmen will (sofern man sich nicht entscheidet, doch lieber etwas anderes zu machen, was weniger Zeit kostet). Nach jeder solchen Anpassung der Gewichte haben die Projektmitglieder die Möglichkeit, sich umzuentscheiden. Dieser Vorgang
wird fortgesetzt, bis alle Aufgaben aufgeteilt wurden – bis die Gewichte unpopulärer Aufgaben so stark gestiegen sind, dass sie dennoch genügend Freiwillige anziehen, und die Gewichte
beliebter Aufgaben so stark gefallen sind, dass sich die überzähligen Freiwilligen auf weniger zeitaufwendige Aktivitäten umorientiert haben.“
(Seite 29)

Zunächst müsste also erfasst werden, was wer haben will. Danach erzählen alle, was sie tun wollen. Und dann wird mittels mathematischer Verfahren geklärt, wer tatsächlich was tut. Die individuellen Nutzenpräferenzen der Menschen legen ihnen dann Nahe, früher oder später Umzuschalten und dann vielleicht doch etwas zu tun, was ihnen im Grunde gar nicht so sehr behagt.

Was hier geschildert wird, ist nichts weiter als das altbekannte Prinzip von Angebot und Nachfrage, die sich auf dem Markt gegenüberstehen. Witzig ist, das die Dinge, die heutzutage wenig anerkannt sind, nach diesem Modell tatsächlich angesehener wären und besser vergütet würden. Darüber hinaus taugt es aber keineswegs als alternative zum Herrschenden, da es wohl eher eine verzerrte Kopie des herrschenden Irrsinns darstellt. Als proudhonsche Stundenzettelbank mit einem Computer als walrasianischen Auktionator (der immerhin bewußt ausführt, was der Markt unbewußt verbricht) soll so versucht werden, die „hinter dem Rücken“ der Menschen vor sich gehende Vergesellschaft transparent vor ihnen auszubreiten.

Nicht mehr unsichtbar soll die Hand des Marktes sein, sondern für alle nachvollziehbar. Dank High-Tech gibt es jetzt Planwirtschaft auch ohne Staat. Was hier präsentiert wird, ist eine technische Lösung für ein soziales Problem. Nach wie vor soll nicht bewußte Vergesellschaftung, als Absprache über Bedürfnisse und Kapazitäten, sondern ein anonymisiertes Verfahren, das die einzelnen als Monaden auf sich zurückwirft, für die Vergesellschaftung zuständig sein. Insofern ist es m.E. eine Fehlenschätzung des Autoren, wenn er hofft, dass eines Tages „die Peer-Produktion die marktbasierte Produktion vollständig verdrängt hat“. Auch die Peer-Produktion, zumindest so wie im Buch geschildert, beruht weiterhin auf marktwirtschaftlichen Prinzipien.

Daran ändert auch nichts, das ausdrücklich die Möglichkeit eingeräumt wird, Projekte könnten „bei manchen Aufgaben könnten sie auch einfach beschließen, auf diese Aufgabe zu verzichten.“ (Seite 31) Hier wird die Absprache nachträglich, sozusagen als Notlösung für nicht-produzierbares eingeführt. Das ist besser als nichts, bleibt dem Problem und seiner Lösung aber stets äußerlich und macht deshalb kaum einen Unterschied um’s Ganze.

Auf ein traditionelles Problem, das von der Arbeitskritik zurecht aufgeworfen wurde, geht der Autor dabei m.E. gar nicht erst ein: die Frage nämlich wer festlegt, welche Tätigkeit eigentlich als Arbeit zählt. Ist es schon Arbeit, wenn ich beim Fernsehen kucken aufstehe und die Chips aus dem Schrank hole? Was ist mit Essen kochen? Was ist, wenn ich als Entertainerin nach dem Fernsehen die Leute mit guten Witzen unterhalte? Was ist, wenn ich als Sportlerin beispielsweise professionell Volleyball spiele und viele Menschen sich das gerne ankucken? Mit welcher Begründung soll das eine Arbeit sein, das andere aber vielleicht nicht? Ist nun alles Arbeit – oder gar nichts?

Im Anschluss werden verschiedene Möglichkeiten diskutiert, gemäß denen die Produkte bzw. ihre Baupläne und die zu ihrer Produktion notwendigen Informationen weitergegeben werden können. Verschiedene Szenarien werden obligatorisch nebeneinandergestellt. Stutzig machte mich dann aber der Hinweis, das auch Copyleft in der Peer-Ökonomie eine Rolle spielen würde, da nur so die weitere Verfügbarkeit von Informationen gesichert werden könnte. Er wirft nämlich die Frage nach der Instanz auf, die diese Sicherheit herstellen soll, die also das Recht absichert. Mir dünkt, da ist gleich nach dem Markt auch der Staat zur Hintertür wieder reinspatziert.

Distribution „freier“ Güter

Im Anschluss diskutiert er die Möglichkeiten, innerhalb eines Zusammenschlusses die produzierten Güter zu verteilen. Die erste Möglichkeit bildet die Flatrate, erleutert am Beispiel der Spaghetti-Kooperative: es wird gemeinsam Spaghetti gekocht und alle helfen irgendwie mit. Anschließend kriegen alle Spaghetti, bis sie satt sind. Das zweite Modelle ist die „flache Allokation“, erläutert am Beispiel der altbekannten Auto-Kooperative. Hier orientiert sich die Entnahme an der Arbeitsleistung. „Wer zwei Autos will, muss folglich doppelt so viel beitragen,
und so weiter. “ (Seite 36) Warum nun die Unterschiede? Weil die Beteiligten unzufrieden werden könnten, wenn ein Mensch sich einfach ganz viele Autos nimmt, andere aber nur eins kriegen.

Da schimmert die kapitalistische Konkurrenz-Subjektivität durch. Denn warum sollte sich jemensch zwei Autos in die Garage stellen? Gerade wo doch Wertschätzung in der Peer-Ökonomie nicht mehr via Status-Symbolen, sondern über andere Wege hergestellt wird? Es gibt schlichtweg keinen Grund dafür. Da die kapitalistisch geprägte Subjektform aber zur Voraussetzung für die Problembeschreibung gemacht wird, fällt auch die Lösung entsprechend aus: wer viel leistet, darf auch viel konsumieren.

Die dritte Variante ist die „maßgeschneiderte Produktion mit Abrechnung nach
Produktionsaufwand“
, was schon mal rein ästhetisch gar nicht geht. Das Beispiel hierfür ist der Wohnraum. Die einen wohnen lieber luxoriös und sind bereit, „dafür auch mehr Arbeit aufzubringen, während andere mit kleineren oder einfacher ausgestatteten Wohnungen zufrieden sind und ihr Zeit lieber anderweitig nutzen.“ (Seite 36)

Es tut mir leid und ich möchte auch niemanden persönlich zu Nahe treten, aber das erinnert mich doch fatal an die ökonomischen Modelle in den Einführungsvorlesungen zur Mikroökonomie. Je nach persönlicher Präferenzordnung bevorzugen die Wirtschaftssubjekte eben lieber die eine oder die andere Variante. Eine Marktordnung soll hier installiert werden, um dem realsozialistischen Plan mit Einheitslösungen für Häuser auszuweichen.

Um das aber zu gewährleisten wird es notwendig, das die Projekte „relativen Produktionsaufwand für die Herstellung diverser Güter messen“ (Seite 37). Wie aber soll das gehen? Vom bürokratischen Aufwand mal abgesehen scheitert das Unterfangen doch spätestens am Problem der Kuppelprodukte: wenn in einem Arbeitsschritt zwei Dinge produziert werden ist kaum zu entscheiden, wieviel der Arbeitszeit auf welches der Produkte verausgabt wurde.

Die Lösung ist allerdings noch nicht ausreichend, um das Problem umfassend zu lösen. Neben dem größeren Arbeitsaufwand für größere Häuser muss auch noch der potentielle Meerblick, also die gute Lage des Etablissements, mit berücksichtigt werden. Wir ahnen bereits, welcher Vorschlag jetzt kommen muss: „Eine Möglichkeit, dies fair und ohne Willkür zu tun, besteht darin, die Präferenzen auf ähnliche Weise zu gewichten, wie im Falle gewichteter Arbeit die Aufgaben gewichtet werden. Statt Aufgaben wer den jetzt also Produkte versteigert.“ (Seite 38)

Eine Versteigerung als klassisches Modell der Warenzirkulation nun aber als Alternative zum Markt auszugeben, ist vielleicht schelmisch, aber nicht gerade zielführend. Mensch fragt sich, wo die Alternative liegen soll und stößt auf diesen Satz: „Ein solcher Produktversteigerungsechanismus lässt sich gut als softwarebasiertes System
implementieren, genau wie der oben diskutierte Aufgabenversteigerung-Mechanismus.“ (Seite 38). Es bleibt also alles beim alten. Die technologische Innovation führt in die freie Gesellschaft. Technische Lösung statt soziale sind die Losung der Stunde.

Gesellschaft: Zusammenwirkungen der Peer-Zusammenschlüsse

Gesamtgesellschaftlich funktioniert die Arbeitsteilung zwischen unterschiedlichen Kooperativen dann nach dem selben Prinzip, wie sie auch innerhalb der Kooperativen funktioniert. Die Probleme, die für individuelle Güterdistribution innerhalb der Projekte bereits angesprochenwurden, wiederholen sich hier auf aggregierter Ebene. Wenn es dann um gemeinsame Güter geht, also etwa Straßen oder Kindergärten, kommen ganz neue Probleme hinzu. Aber das lese ich mir jetzt nicht mehr durch, dafür ist der Kopfschmerz dann doch zu pochend…

  1. Karl Marx/Friedrich Engels: Das kommunistische Manifest. http://www.mlwerke.de/me/me04/me04_459.htm#Kap_I [zurück] Und frag mich mal keiner, warum ich hier plötzlich die Fußnoten ausgrabe….

10 Antworten auf “Zur Peer-Ökonomie”


  1. 1 Benni Bärmann 07. September 2008 um 0:15 Uhr

    Beim ersten Lesen hatte ich ähnliche Kopfschmerzen wie Du, aber ich denke Du machst es Dir ein bisschen zu einfach. PE ist nicht der Kommunismus, da gebe ich Dir völlig recht. Aber es könnte vielleicht ein Schritt in die Richtung sein und zwar weil:

    - Es eine direkte Verbindung zwischen Bedürfnissen und Beiträgen gibt. Man kann Beiträge nicht horten und auch keinen Beitrag-Mehrwert oder etwas ähnliches generieren. Sobald alle Bedürfnisse erfüllt sind, braucht niemand mehr etwas beitragen. Aufwand ist nicht wirklich Geld auch wenn es einige seiner Eigenschaften hat (aber eben nicht alle).

    - Das Privateigentum abgeschafft ist. Es gibt nur noch Besitz von Gemeingütern. Man kann nichts verkaufen im herkömlichen Sinn.

    - aus diesen Beiden Punkten folgt: Es wird nicht getauscht.

    Schade dass Du nicht am Wochenende da warst.

  2. 2 Thomas Kalka 07. September 2008 um 7:36 Uhr

    Diese (wie auch Stefan Mertens) Kritik scheint meiner Ansicht nach zu übersehen, dass die Basis kapitalistischer Strukturen, nämlich die Selbstverständlichkeit von Privateigentum, in Christians Modell nicht existiert.

    Menschen, die sich bewusst auf „Spielregeln“ für die Koordination ihrer Arbeitsteilung und den Umgang mit gemeinschaftlich Hergestelltem entscheiden, sind gerade dadurch gesellschaftlich produzierend.

    Wie oben richtig bemerkt, kann Grundlage solcher Vereinbarungen nur der ConSense sein, dass in der Summe das zu Tuende mit dem Getaenen übereinstimmen muss.

    Die Qualität und Sympathie aller weiteren Vereinbarungen sind abhängig von der kollektiven Weisheit der Gemeinschaft.

    Christian interessiert sich in seinem utopischen Modell meiner Einschätzung nach kaum für das dann Wesentliche, nämlich die informellen Prozesse kollektiver Weisheitsfindung.

    Statt dessen konzentriert Christian sich auf die Frage, wie eine abstrakte Vermittlung von zu Tuendem und Getaenem auch unter den gesetzten Bedingungen gesellschaftlichen Eigentums möglich sind und entwirft dazu mathematische Verfahren.

    Dies verleitet dann zu der Annahme, Peer Economy sei rein abstrakt vermittelt was zu oben beschriebenen Kopf- und Bauchschmerzen führt.

  3. 3 Juli 07. September 2008 um 17:32 Uhr

    Hm, Thomas, Du schreibst, das Privateigentum sei die Basis des Kapitalismus. Das halte ich für eine verkehrte Vorstellung, die dann tatsächlich Überlegungen wie die von Christian (oder auch die von Christoph Spehr, wie er sie in der Debatte im Freitag (da gab’s mal zu Utopien eine vor einiger Zeit) formuliert hat), nahelegen. Tatsächlich scheint mir der Hund auf einer wesentlich allgemeineren Ebene begraben zu liegen.

    Die Vergesellschaftung über Arbeit und Geld selber ist bereits problematisch, da sie von vornherein eine ungesellschaftliche Gesellschaftlichkeit konstituiert. Statt direkter Kommunikation gibt es unpersönliche, dem Wollen der AkteurInnen entzogene allgemeine Prinzipien, nach denen der Laden organisiert wird. Im wesentlichen die geldvermittelte Koordination von Arbeitsleistungen, angeregt vor allem (da kommt die Klassenfrage rein) durch den fehlenden Zugriff der Massen auf Produktionsmittel.

    Daran jedoch ändert sich bei Christian nicht viel. Er präsentiert mathematische Verfahren, kann aber nichts dazu sagen, wie denn die Menschen sich tatsächlich als freie und gleiche organisieren sollen. Das Verfahren hat nur m.E. zur Folge, das die Ungesellschaftlichkeit nicht wirklich verschwindet, sondern lediglich die Form der Koordination von Arbeitsleistung statt auf Geld nun eben auf Formeln beruht. Das Ganze steht den Einzelnen noch immer nicht als etwas von ihnen geschaffenes gegenüber. Das wäre zumindest meine Einschätzung.

  4. 4 versuchselberzudenken 07. September 2008 um 23:02 Uhr

    Privateigentum ist also abgeschafft, aber jede(r) entscheidet, wie viele Autos sie/er haben will? Klingt nicht ganz einleuchtend.

    Und dann soll seine/ihre „Peer-community“ noch „irgendwie“ überzeugen, wer keinen Beitrag leisten kann oder will? Überzeugen muss ich doch heute auch schon jemanden, wenn ich HarzIV etc. haben will, – und wer sagt mir, dass meine „Peers“ zwangsläufig bessere Menschen sein müssen, als der Typ vom Arbeitsamt? Das hört sich irgendwie nach einem Modell an, bei dem erst einmal der „neue Mensch“ geschaffen werden muss, bevor es funktionieren kann. Nach Emanzipation klingt das jedenfalls nicht.

    Wenn man schon nicht gleich den Kommunismus fordern will, dann scheint mir ein (hohes!) Grundeinkommen und eine Änderung der Besitzverhältinisse beim Produktionskapital immer noch fortschrittlicher, als meine „Peers“ von irgendwas zu überzeugen.

  5. 5 Thomas Kalka 08. September 2008 um 8:05 Uhr

    Meiner Ansicht nach findet sich die Selbstverständlichkeit von Eigentumszuspruch historisch eher als die im Kapitalismus sich immer weiter entwickelnde abstrakte Vermittlung, aber ich bin da kein Experte. Beides wird sich historisch zusammen entwickelt haben.

    Meiner Ansicht nach wird jede entwickelte Form von Sklavenhaltung dem Kapitalismus zumindest ähneln oder äquivalent sein, wenn sich der individueller Herrschaftsanspruch entpersönlicht als allgemeines Prinzip durchsetzt.

    Es scheint mir aber noch ein weiteres Tieferliegendes dieser (und ähnlicher Debatten) zugrunde zu liegen, nämlich das Empfinden, wozu Theorie taugt und das diesem geschuldete Verlangen, sie abzuwenden. Theorie der Herrschenden (Kathedrale) ist Verpflichtung für alle, somit bedrohend, denn die Praxis findet verordnet statt.
    Theorie im Rhizom (Bazar) ist Baumodul für den nächsten Iterationsschritt reflektierter Praxis, der sich nur lokal per Versuch und Irrtum als tauglich erweisen kann.

    Demzufolge gehe ich (und eventuell andere Keimform-Denkende) davon aus, dass neue „gesunde“ Strukturen sich als Transformation der jetzigen ergeben — nicht durch Verordnung von zuvor als von „Experten“ als beste Lösung beschlossenem und auch nicht durch beschlossene Forderung der „Basis“ an die Herrschenden, sondern als Iteration von kreativer Verwandlung jetziger Praxis.

  6. 6 Benni Bärmann 08. September 2008 um 9:15 Uhr

    @versuch: PE ist genau der Versuch ohne einen neuen Menschen einen Schritt weiterzukommen, deswegen ja auch weiterhin die Kopplung von Geben und Nehmen. Lies Dir vielleicht mal die Einführungen bei uns im Blog durch, wenn Dir das Buch zu dick ist.

    @Juli: Privateigentum ist zwar nicht die Vorraussetzung für den Kapitalismus aber doch zumindestens eine wichtige.

    Christian präsentiert im übrigen nur am Rande (im Anhang) mathematische Verfahren sondern viel mehr soziale Vereinbarungen, die aus einer existierenden Praxis abgeleitet sind. Rieche ich da das typische Mathe-Ressentiment der meisten Geisteswissenschaftler? Ich verstehe ja, dass Christians ingenieursmässige Herangehensweise für Geisteswissenschaftler befremdlich sein muß, aber das ist eigentlich nur eine Stilfrage und keine inhaltliche.

  7. 7 Juli 08. September 2008 um 18:32 Uhr

    Selber-denken hat m.E. ein wesentliches Argument eingeführt:

    „Wenn man schon nicht gleich den Kommunismus fordern will, dann scheint mir ein (hohes!) Grundeinkommen und eine Änderung der Besitzverhältinisse beim Produktionskapital immer noch fortschrittlicher, als meine “Peers” von irgendwas zu überzeugen.“

    Mal abgesehen davon, was „Kommunismus einführen“ dann eigentlich heißt – das ich als Individuum in der Peer-Gesellschaft direkt von der (letztlich auch:) Willkür meiner KollegInnen abhängig bin, scheint mir schon ein Problem, mit dem das Konzept nicht angemessen umgeht. Es ist eben anstregend, die eigenen Interessen und Bedürfnisse erst einem Rudel potentiell Uneinsichtiger nahebringen zu müssen – die dann darüber entscheiden können, ob das legitim ist.

  8. 8 Christian Siefkes 10. September 2008 um 11:50 Uhr

    Tatsächlich ist es mir wichtig, klarzumachen, welche völlig andere Dynamik sich ergibt, wenn die Produktion nicht mehr für einen Markt (wo sich unabhängige Produzent/innen gegenüberstehen, die unabhängig von den anderen entscheiden, was sie produzieren und i.A. erst hinterher wissen, ob für ihr Produkt ein gesellschaftlicher zahlungskräftiger Bedarf bestand und sie sich gegenüber der Konkurrenz durchsetzen könnten), sondern für einen Pool erfolgt (wo die gesamtgesellschaftliche Produktion im Grunde in Form einer riesigen To-Do-Liste organisiert wird, der jede/r Wünsche hinzufügen kann und wo sich dann alle bei der Erfüllung dieser Wünsche gegenseitig unterstützen). Und das unabhängig davon, ob die gesamtgesellschaftliche Vermittlung über den Pool spontan erfolgt (jede/r gibt und nimmt nach Belieben, was natürlich der wünschenswerteste Zustand ist, sofern es funktioniert) oder ob es noch einer Kopplung zwischen Geben und Nehmen als explizitem Regelungsmechanismus bedarf. Da würde ich mir schon wünschen, dass man dieses von mir beschriebene Szenario und die sich daraus ergebene Dynamik erstmal unvoreingenommen prüft, statt gleich mit einem reflexartigen „Igitt, da wird ja noch gerechnet“ oder „Igitt, da gibt es ja noch eine Kopplung zwischen Geben und Nehmen“ zu reagieren.

    Auf Marx kannst du dich dabei jedenfalls nicht berufen, der skizziert im Kapital nämlich mit seinen berühmten „Verein freier Menschen“ ein durchaus ähnliches Szenario:

    Stellen wir uns endlich, zur Abwechslung, einen Verein freier Menschen vor, die mit gemeinschaftlichen Produktionsmitteln arbeiten und ihre Arbeitskraft verausgaben. Alle Bestimmungen von Robinsons Arbeit wiederholen sich hier, nur gesellschaftlich statt individuell. Alle Produkte Robinsons waren sein ausschließlich persönliches Produkt und daher unmittelbar Gebrauchsgegenstände für ihn. Das Gesamtprodukt des Vereins ist ein gesellschaftliches Produkt. Ein Teil dieses Produkts dient wieder als Produktionsmittel. Er bleibt gesellschaftlich. Aber ein anderer Teil wird als Lebensmittel von den Vereinsgliedern verzehrt. Er muß daher unter sie verteilt werden. Die Art dieser Verteilung wird wechseln mit der besondren Art des gesellschaftlichen Produktionsorganismus selbst und der entsprechenden geschichtlichen Entwicklungshöhe der Produzenten. Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzten wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit. Die Arbeitszeit würde also eine doppelte Rolle spielen. Ihre gesellschaftlich planmäßige Verteilung regelt die richtige Proportion der verschiednen Arbeitsfunktionen zu den verschiednen Bedürfnissen. Andrerseits dient die Arbeitszeit zugleich als Maß des individuellen Anteils des Produzenten an der Gemeinarbeit und daher auch an dem individuell verzehrbaren Teil des Gemeinprodukts. Die gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen zu ihren Arbeiten und ihren Arbeitsprodukten bleiben hier durchsichtig einfach in der Produktion sowohl als in der Distribution. (MEW 23, S. 92f)

    Marx sieht hier also eine „Parallele mit der Warenproduktion“, aber eben keine Warenproduktion. Abgesehen davon, dass er nichts dazu sagt, ob die Arbeitszeitmessung „flach“ sein muss oder auch „gewichtet“ werden darf (aber ich glaube nicht, dass er mit letzterem ein Problem gehabt hätte) und dass in meinem Modell keine gesamtgesellschaftliche Zentralplanung benötigt wird (weil ich darauf vertraue, dass sich die nötige Koordination aus den Interessen der Projekte heraus von selbst ergibt, Stichwort Prosumenten-Assoziation) ist das ziemlich genau das Modell, das ich beschreibe.

    Und Marx macht auch klar, dass man nicht von „Geld“ reden kann, wenn die Produktion statt durch unabhängige Privatproduzent/innen in gesamtgesellschaftlicher Kooperation (gesamtgesellschaftliche To-Do-Liste) organisiert wird:

    Hier sei noch bemerkt, daß z.B. das Owensche „Arbeitsgeld“ ebensowenig „Geld“ ist wie etwa eine Theatermarke. Owen setzt unmittelbar vergesellschaftete Arbeit voraus, eine der Warenproduktion diametral entgegengesetzte Produktionsform. Das Arbeitszertifikat konstatiert nur den individuellen Anteil des Produzenten an der Gemeinarbeit und seinen individuellen Anspruch auf den zur Konsumtion bestimmten Teil des Gemeinprodukts. Aber es fällt Owen nicht ein, die Warenproduktion vorauszusetzen und dennoch ihre notwendigen Bedingungen durch Geldpfuschereien umgehn zu wollen. (MEW 23, S. 109, Fußnote 50)

  9. 9 Juli 10. September 2008 um 12:20 Uhr

    @ Christian

    Na, mit den Thesen kannst Du Dich aber nicht auf Marx berufen ,-)

    Der entscheidende Teil des Zitates scheint mir dieser:

    „Nur zur Parallele mit der Warenproduktion setzten wir voraus, der Anteil jedes Produzenten an den Lebensmitteln sei bestimmt durch seine Arbeitszeit.“

    „Nur zur Parallele“ heißt hier: ich will einen Grundgedanken deutlich machen und setze deshalb den Verein freier Menschen mit der Warenproduktion parallel. Obwohl der das eigentlich nicht ist. Sich dann aber darauf zu berufen, Marx hätte hier die beiden doch parallel gesetzt und diese Variante damit geadelt, überzeugt mich nicht wirklich.

    Für den Fall unmittelbar vergesellschafteter Arbeit stellte sich ja die Frage, warum die Arbeitszeit noch als Maß dienen sollte. Schließt doch die unmittelbare Vergesellschaftung bereits ein, das es andere Wege gibt, Zugriff und Produktion zu regeln. In „Beitragen statt Tauschen“ scheint es mir aber so zu sein, das sich gerade im Prozess des stetigen Abgleichens von Bedarf mit Tätigkeiten der Vergesellschaftungsprozess gerade erst einstellt – und mithin weiterhin ein ungesellschaftlicher ist.

    Davon ab finde ich es schade, das ihr auf die anderen Punkte gar nicht eingegangen seit. Etwa das die Prinzipien, die hier vorgeschlagen werden, unbewußt auf eine spezifische Subjektform Bezug nehmen, die viel mit leistungswilligen jungen Männern zu tun hat. Das scheint mir ebenfalls ein nicht unwichtiger Aspekt zu sein, der mir noch einige Bauchschmerzen bereitet. ,-)

  10. 10 Benni Bärmann 10. September 2008 um 14:14 Uhr

    @Juli: Das Zitat hat tatsächlich diese Doppeldeutigkeit. Aber es ist eine Doppeldeutigkeit und eben nicht eindeutig in dem Sinne zu interpretieren, dass nicht-mehr-Warenproduktion auf keinen Fall mehr mit Stundenabrechnen zu tun haben dürfte. Interessant ist vielleicht auch der Ort an dem dieses Zitat steht. Nämlich nicht irgendwo im Kapital sondern im berühmten Fetischkapitel. Worum es Marx hier geht ist also zu zeigen, dass der Fetisch nicht schon durch Arbeitszeitrechnen entsteht sondern erst durch die Warenproduktion.

    Zu den „anderen Punkten“: Ich denke tatsächlich dass PE da einen blinden Fleck hat, den selben wie die existierende Peer-Produktion (FOSS et al). Das ist aber der selbe Fleck den es auch schon bei Marx gibt, nämlich den Produktivismus und der kommt natürlich vom Aufklärungssubjekt usw…

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